Poesie zur Zeit

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Peter Fahr

„Dichten ist kein Beruf, sondern eine Existenz“, sagt der Poet und Schriftsteller Peter Fahr. Lyrik heute sei notwendig, ihre Lektüre heilsam. Obwohl sie Empfindungen, Dinge und Zustände benenne, bleibe sie letztlich unergründlich und rätselhaft. „In die Sonne zu blicken, die uns Licht und Wärme schenkt, ist unmöglich. So wahrt auch die Poesie ihr Geheimnis.“ Peter Fahr

Verbannt in die unerbittliche Kälte ihres Daseins, haben die Menschen sich eine Mulde gegraben. So sind sie dem Wind nicht mehr ausgesetzt. Sie kauern sich aneinander. Einsam bleiben sie weiterhin, doch sie sind nicht allein. Der Dichter verlässt ihre Gemeinschaft und erklimmt die aufgeworfenen Wälle, hoffend, einen Blick auf die dahinter liegende Landschaft zu werfen. Hindernisse erschweren den Aufstieg. So erfährt er sich selbst mit all seinen Schwächen, Begrenztheiten und Ängsten. Wird er den höchsten Grat je erreichen? Wird er sehen, was vor ihm niemand sah? Die Einsamkeit ist grenzenlos. Trotzdem hat der Dichter kein Recht, sich zu beklagen, denn er ist freiwillig aufgebrochen. Die zurückbleibenden Muldenmenschen sind unschuldig an seinem Schicksal. Zu erwarten, sie müssten ihm für seine Poesie dankbar sein, wäre töricht. Der Aufstieg währt lebenslänglich und führt zur Selbsterkenntnis.

Unbedingte Voraussetzung für Selbsterkenntnis ist eine genaue Beobachtungsgabe, die in den seltensten Fällen bei sich selbst anhebt, da aber enden muss. Vollenden kann nur die Tat und wirken kann nur das Werk.

Die Bestimmung zum Dichter erfüllt sich im Ringen um das Werk.

Der Dichter sollte beides aufbringen: Geduld für das Werk und Ungeduld gegen die Welt.

Die Welt existiert nur in Bezug auf das Ich, das in ihr lebt. Die Welthaltigkeit der eigenen Existenz offenbart sich im Engagement. Das engagierte Ich ist die Welt.

Ohne den Mut des Draufgängers und dessen Bereitschaft zu scheitern, wird nichts Neues geschaffen.

Wer das Neue nicht wagt, bestätigt das Alte.

Neue Kunst wird immer kühn sein – kühne Kunst wird immer neu sein.

Vorgabe

In der materiellen Welt ist Materie Macht. Ein Körper nimmt Raum ein, besitzt Gravitation und ist daher mächtig. Der immaterielle Geist ist in dieser Welt ohnmächtig. Die Mehrheit der Menschen strebt nach materiellen Gütern, das heißt nach Macht. Jene Menschen, denen eine Existenz im Geistigen bestimmt ist, bilden die ohnmächtige Minderheit. Zu ihnen gehört der Dichter.

Gesellschaftliche Eliten erklären den Dichter zum Tagträumer, Hochstapler, Störenfried und Außenseiter, um die Wirkung seiner Poesie zu schmälern. Doch Berufung ist nicht Anmaßung, Kühnheit nicht Übermut, Avantgarde nicht Provokation, Erneuerung nicht Zerstörung und Genie nicht Wahnsinn.

Der Dichter ist Bürger und Bohemien zugleich. Der Bürger widmet sich der Inszenierung seines Lebens. Das Meiste von dem, was er privat und beruflich verwirklicht, ist inszeniertes Glück. Der Bürger macht sich und der Welt etwas vor. Bewusst? Wohl kaum, dennoch inszeniert er sein Leben. Dem Bohemien missfällt das. Anregend findet er Inszenierungen nur in Theater, Oper, Ballett und Film. Inszeniertes Leben langweilt ihn. Der Dichter hat ein Problem: Sein schöpferisches Unbehagen erschüttert unentwegt das fragile Glück.

Poesie ist zugleich Schrei des Opfers und Faust des Täters – alles, was uns bis ins Innerste berührt, bewegt und bedroht, was uns schwer verwundet. Poesie ist Schmerz, durch Schönheit gemildert.

Der Schmerz bewegt die Seele, die Sehnsucht erschafft die Kunst, das Werk bezwingt den Tod.

Nur wer sich quält, liefert Qualität.

Spricht man bei Dichtern von Kraft, meint man im Grunde ihre Leidensbereitschaft. Dichter verfügen über keine größere Kraft als andere Menschen. Sie werden stärker verwundet, deshalb setzen sie sich heftiger zur Wehr.

Die Gnade der Kunst ist der Fluch des Künstlers.

Hingabe

Wer nicht bereit ist, existenzielle Risiken einzugehen, sollte nicht Dichter werden.

Dichten ist kein Beruf, sondern eine Existenz: Sie beginnt beim Aufwachen und endet beim Einschlafen – und ganz gewiss gehört ihr auch der Traum.

Dichten ist ein Anschreiben gegen das unendliche Schweigen der Gottheit, die wir insgeheim anrufen, gegen die kosmische Stille, in der sich unsere Stimme verliert. Dichten ist ein Aufschreiben vergangener, ein Mitschreiben gegenwärtiger und ein Fortschreiben künftiger gesellschaftlicher Zustände.

Überdauern wird nur eine Poesie ohne stilistische Schnörkel und überleben wird nur eine Gesellschaft, die sich auf ethische Werte wie Bescheidenheit besinnt. Verzicht im Poetischen wie im Gesellschaftlichen ist angesagt, Verzicht auf sprachlichen Firlefanz und materiellen Überfluss.

Ich halte mich an die Forderung Schopenhauers, ungewöhnliche Dinge in gewöhnlichen Worten zu sagen.

Als Dichter trotze ich der Zeit mein Werk ab, als Liebender ahne ich die tröstliche Dimension der Vergänglichkeit. In der Poesie sehe ich eine Aufgabe, die Liebe erfüllt sich in der Hingabe. Kunst ist Schöpfung, Liebe eine Gnade. Ich glaube, dass der Dichter nur als ein Liebender bleibende Werke schafft. Dieser Dichter ist nicht Schöpfer, sondern Medium. Er ist das Werkzeug geistiger Kräfte, die durch seine Hingabe Form gewinnen. Er wird sich niemals überschätzen, denn er hat sich überwunden.

Der Übergang zwischen dem Aufgehobensein in der Gesellschaft und der poetischen Distanznahme ist fließend. Darum – und weil sich die Pole von Konformismus und Individualismus ergänzen – lebe ich in einem Zustand der Ausgewogenheit. Ich sage Ausgewogenheit und meine das seelische Gleichgewicht in einem kreativen Spannungsfeld.

Der Dichter ist ein ganzheitlicher Mensch: Sein Kopf ist in den Wolken, die Beine stehen auf der Erde, die Hände gestalten das Werk. Selbstverständlich geht das nicht ohne Krisen. Kunst ist der Entwurf einer Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst. Sie ist Therapie und als solche heilend. Manchmal vermag sie sogar jene zu heilen, auf die sie einwirkt.

Kunst ist niemals heilig, aber immer heilsam.

Aufgabe

Elias Canetti stellt drei Forderungen an den Dichter. Er müsse „originell“ sein, „oder er ist gar keiner“. Er müsse „universell“ sein. Und er müsse „gegen seine Zeit“ stehen, gegen seine „ganze Zeit, nicht bloß gegen Dies oder Jenes“.

Der passende Ort für einen Dichter ist der verlorene Posten.

Die seismografische Anfälligkeit des Dichters befähigt ihn, auch die unscheinbarsten Erschütterungen der Freiheit wahrzunehmen und der wachsenden Programmierung und Roboterisierung des Menschen poetisch entgegenzuwirken.

Ein gutes Gedicht ist wie eine Rasierklinge – kurz, zweischneidig, scharf.

Dichter, die nicht bekämpft werden, sind auf der falschen Fährte.

Zweifelhaft sei dein Ruf, dein Werk über jeden Zweifel erhaben!

Die wesentlichste Aufgabe des Dichters heute ist die Bewahrung des Lebendigen in sich selbst – in einer Welt, die von „abgestorbenen“ Menschen und toten Maschinen beherrscht wird. In einer Welt, die den „Verwandlungen des Menschen“ (Canetti) eine furchtbare Eintönigkeit der Lebensweise vorschreibt, die buchstäblich tödlich wirkt. In einer Welt, die alle möglichen Arten der Selbstzerstörung fördert und den Suizid zum Goldenen Kalb verklärt. Der Dichter bewahrt das Leben vor der Hinterhältigkeit des Todes in all seinen Formen. Er sabotiert die Suizidgesellschaft, indem er Poesie erschafft. Die Hoffnung, die von der Poesie ausstrahlt, ist das lebendige und lebensspendende Geschenk des heutigen Dichters an seine Zeit.

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    Die A N N A loge
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    Der Herbst

    Die Blätter fallen                            sie fallen wie von weit,

    besiegeln Leben und Vergänglichkeit

    voll Wehmut dringt der Blätterregen an mein Ohr,

    heut’klingt er anders als im Jahr zuvor.

     

    Das Jahr hat meine Spur begleitet

    und manchem Fall den Weg bereitet.

    Wenn nur die Hoffnung nimmer schwiege,

    auf SEINE Hand und SEINE Liebe.

    (BB/10-2020)

    Rainer Maria Rilke / Herbst

    https://youtu.be/YjfMhiDxhCk

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    Die A N N A loge
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    Erst wenn wir den Herbst in all seinen Phasen durchdringen, erfahren wir, was Leben bedeutet.

    https://youtu.be/bhtg6up9Ukg

     

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    Die A N N A loge
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    Im Sturm der Gezeiten

     

    Liebe, Schatten und Gesicht,

    im Sturm der Zeit verwebt,

    doch trüg ich meine Liebe nicht,

    dann hätt‘ ich nicht gelebt.

    (BB/10-2020)

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    Die A N N A loge
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    Lieber Herr Fahr,

    ich danke Ihnen für Ihren wundervollen Beitrag, inmitten dieser aufgewühlten, unruhigen Zeit. Er ist, wie Balsam für meine Seele.

    Wenn Sie mich fragen würden, welche Art der Poesie am tiefsten zu mir vordringen, dann würde ich Ihnen antworten:  es ist die Poesie, die die Sprache der Dankbarkeit, der Güte und der Liebe zum Ausdruck bringt. Mir scheint, als ob die großen Meister ihre vollendedsten Gedichte mit Blick auf ihr endlich sein und auf die Erkenntnis, dass auch sie irgendwann Abschied nehmen müssen, geschrieben hätten:

    „Jeder Augenblick ist ewig“  von Konstantin Wecker

    „Stufen“ von Hermann Hesse

    „Bevor ich sterbe“ von Erich Fried.

    https://youtu.be/181Fnt6e0qA

    Herzliche Grüße,

    BB

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      Peter Fahr
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      Liebe BB

      Die Gedichte, die Sie nennen, sind wunderbar. Ein ganz beeindruckendes, tröstendes und ermutigendes Gedicht ist „Der Schauende“ von R.M. Rilke. Es begleitet mich durchs Leben und gibt mir Kraft.

       

      Herzlich

      Peter Fahr

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