Schuld als Zuwiderhandlung

 in FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik, Roland Rottenfußer, Spiritualität

Gemälde: Peter Wenzel

„Gott freute sich über unseren Ungehorsam wie eine gute Mutter, die gerade in den ersten Regungen des Widerstands gegen ihre Anweisungen die Vorboten eines nötigen Reifungsprozesses begrüßt. Wir müssen uns diese Mutter (oder diesen Gott) mit einem wissenden Lächeln vorstellen, nicht mit streng zusammengezogenen Augenbrauen.“ Schuld wird in den meisten Fällen nicht durch einen tatsächlichen Schaden definiert, den ein anderer Mensch durch uns erlitten hat, sondern als Zuwiderhandlung gegen das Verbot eines Mächtigen. In vielen Fällen hat der Schuldvorwurf somit keine Substanz; er wird perspektivisch aus der Sicht dessen erhoben, der nicht will, dass Menschen für sich eine andere Entscheidung als die von ihm erwartete treffen. In einigen Deutungen der Geschichte von der „Vertreibung aus dem Paradies“ wird Ungehorsam jedoch auch positiv bewertet: als notwendige Reifungsschritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Roland Rottenfußer

Den Begriff „Schuld“ zu verwenden, setzt voraus, dass man Ursache und Wirkung erfassen kann und über Kriterien verfügt, eine Tat zu bewerten. Diese Kriterien variieren natürlich sehr stark, je nachdem, in welcher Kultur jemand lebt. So macht man sich in streng islamischen Ländern schuldig, wenn man den Propheten beleidigt oder nur kritisiert. In anderen Staaten sind Majestätsbeleidigung und die Schändung einer Fahne Handlungen, die schwer bestraft werden. In der traditionell jüdischen Kultur ist der Verzehr eines Cordon Bleus schuldhaft (weil Fleisch und Käse nicht gleichzeitig gegessen werden dürfen). Unter Christen ist das Cordon Bleu nur schlimm, wenn es an einem Freitag gegessen wird, während Fisch erlaubt ist. In einer vegetarischen Subkultur wären sowohl Fisch als auch das Kalbschnitzel und der Schweinespeck im Cordon Bleu verpönt, der geschmolzene Käse darauf jedoch nicht. Schließlich würde ein Veganer auch den Käse nur mit schlechtem Gewissen verzehren,  während er vielleicht nichts dabei findet, im islamischen Fastenmonat Ramadan mittags Pommes Frites zu essen.

Wer das Thema Schuld untersuchen will, fängt am besten buchstäblich bei Adam und Eva an.  Diese biblische Legende hat viel geistige Verwirrung angerichtet, weil sie Schuld bzw. Sünde auf einen Akt des Ungehorsams zurückführt. Nicht, wie es dem natürlichen Empfinden der meisten Menschen entspricht, auf einen Schaden, der einem Lebewesen zugefügt wurde. Der Verzehr des Paradiesapfels durch Adam und Eva schadete nicht dem Baum, und wie könnte einem allmächtigen Gott Schaden zugefügt werden? Entscheidend war: Es wurde ein Verbot übertreten, das von einem kosmischen „Machthaber“ ausgesprochen worden war. So haben Menschen Gott über Jahrhunderte gesehen. Sie projizierten das Verhalten strenger Väter und Könige quasi in den Himmel.

Keimzelle aller Schuld ist demnach eine „Zuwiderhandlung“. Untergeordnete Individuen schulden einem Höherrangigen Gehorsam. Sie verletzen diese Pflicht, indem sie seinem Gebot oder Verbot zuwider handeln. Dies zieht Strafe nach sich: die Vertreibung aus dem Paradies. So wurde die Bibel in der Religionsgeschichte meist sehr autoritär interpretiert: Einen Apfel zu essen, kam einer kosmischen Katastrophe gleich, wenn es im Widerspruch zu einem Befehl stand; andererseits war es o.k., einen Menschen zu töten, wenn dies in Übereinstimmung mit dem Befehl Gottes geschah. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte von der Opferung Isaaks.

Freilich existiert schon lange, so bei dem Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm, eine ganz andere Deutung der Geschichte vom Sündenfall. Dieser wird von Fromm als notwendiger Schritt der Emanzipation des Menschen angesehen und leitet einen wichtigen Abschnitt in der Evolution des Bewusstseins ein. „Wie wir sahen handelt es sich dabei nicht um den ‚Sündenfall‘ des Menschen, sondern um sein Erwachen und so um den Anfang seines Aufstiegs“, schreibt Fromm „Mit der Vertreibung aus dem Paradies wurde die ursprüngliche Einheit zerstört. Der Mensch wurde sich seiner selbst und seines Mitmenschen als Fremden bewusst.“

Natürlich ist die Geschichte von Adam, Eva und der Schlange nicht buchstäblich so passiert. Sie steht symbolisch für ein viel größeres, kollektives Geschehen. Der Mensch fällt durch den Sündenfall aus der Einheit mit allem (also auch mit Gott) heraus. Dies ist für ihn mit einer „Vertreibung“, mit Schmerz und einem Gefühl von Isolation verbunden. Adam und Eva fingen an, sich zu „schämen“, ein Gefühl, das im Paradies gänzlich unbekannt gewesen war. Sich-Schämen – das bedeutet, dass sich der Mensch gleichsam in zwei Teile spaltet. Der eine Teil ist wie er ist; er nimmt Nahrung zu sich und scheidet sie wieder aus, er ist nackt und hat sexuelle Bedürfnisse, er ist freundlich oder streitet auch mal. Der zweite Teil beurteilt nun diesen ersten und verbindet mit seinem Verhalten negative Gefühle: „Ich schäme mich meiner selbst“. Mit dieser neu erlernten „Fähigkeit“, der Scham, ist der Mensch nicht nur aus der Einheit mit der Natur heraus gefallen, er ist gleichsam in einen Zwist mit sich selbst geraten.

Eine positive Deutung der biblischen Geschichte vom Sündenfall besagt nun, dass dieser Prozess der Selbstentzweiung, so schmerzhaft er auch sein mag, gut und notwendig gewesen ist. Der „Sündenfall“ hat die Menschheit aus dem Stadium der kollektiven Kindheit hinausgehoben. Jetzt, auf einer höheren Reifestufe sind wir in der Lage, uns selbst zu betrachten und zu bewerten. Wir fühlen uns dadurch oft einsam, unvollständig, nicht eingebunden. Aber genau dies macht auch das Leben eines Menschen an der Schwelle zum Erwachsenen aus, der aus der Geborgenheit seines ursprünglichen Familienverbands heraus gefallen ist und nun auf eigenen Füßen steht – taumelnd, manchmal strauchelnd und voller Sehnsucht danach, neue Bindungen einzugehen. Manche Religionen behaupten, die Menschheitsgeschichte würde – als dritter Schritt – in eine Rückkehr ins Paradies münden, in eine Wiedervereinigung mit Gott und allem Leben. Ein schöner Gedanke.

An dieser Stelle ist es uns aber zunächst wichtig festzustellen: Scham und Schuldgefühle haben, so schmerzhaft sie sind, auch ihr Gutes.  Die Selbst-Entzweiung des Menschen ist nicht immer angenehm, aber sie war so „vorgesehen“. Die geistige Kraft, die unsere Evolution vorantreibt, hat den „Sündenfall“, so scheint es, gewollt. Überspitzt gesagt: Gott freute sich über unseren Ungehorsam wie eine gute Mutter, die gerade in den ersten Regungen des Widerstands gegen ihre Anweisungen die Vorboten eines nötigen Reifungsprozesses begrüßt. Wir müssen uns diese Mutter (oder diesen Gott) mit einem wissenden Lächeln vorstellen, nicht mit streng zusammengezogenen Augenbrauen.

Es ist ganz wichtig, diese Zusammenhänge mit dem Verstand, aber auch mit dem Herzen zu begreifen. Es macht keinen Sinn, wenn sich Leserinnen und Leser nun wegen ihrer Schuldgefühle schuldig fühlen. Es spricht sehr für einen Menschen, ein empfindliches Gewissen zu haben und seine eigenen Handlungen kritisch zu betrachten. Unsere Welt krankt weitaus weniger an schamhaften als an unverschämten Menschen. Nachdem wir aber Schuldgefühle in ihren Ursachen verstanden und in ihren positiven Seiten gewürdigt haben, können wir einen zweiten Schritt tun und sie in Freundschaft loslassen.  Einige Fälle, in denen wir anderen Menschen wirklich wider besseres Wissen wehgetan haben, müssen wir noch tiefer gehend bearbeiten. Die allermeisten Schuldvorwürfe gegen uns können wir aber als ungerechtfertigt zurückweisen. Es bleibt uns dann nur noch die befreiende Erkenntnis, die in einem Pop-Song der Gruppe Rosenstolz sehr schön formuliert ist: „Ich bin ich – das allein ist meine Schuld“. Oder, anders formuliert: Ich kann mich zwar irren, aber ich selbst bin kein Irrtum.

Wenn wir so wollen, markiert diese Erkenntnis die Rückkehr ins verlorene Paradies. Wir können uns das Paradies ja nur sehr schwer vorstellen, malen es uns allenfalls in sehr kitschigen Farben und Details:  blumenübersäte Wiesen im Sonnenschein oder Wölfe, die friedlich bei Schafen liegen. Wenn wir uns das Paradies aber einmal nicht als einen Ort, sondern als einen Geisteszustand vorstellen, dann wird klar:  es muss ein Zustand ganz ohne Schuldgefühl und Scham sein – völlig frei, leicht und ohne Angst vor Bestrafung. Vielleicht ist dies der dritte Schritt der Bewusstseinsevolution: „Und sie schämten sich nicht mehr“ – jedenfalls nicht mehr unnötigerweise. Dieser paradiesische Seelenzustand ist grundsätzlich für uns erreichbar. Im Umfeld einer  ausgeprägten Schuldkultur und inmitten von Menschen, die auf Schuld und Strafe fixiert sind, ist es jedoch schwierig, vollständig dort anzukommen. Es geschieht immer gegen äußere und innere Widerstände und es ist mir Arbeit verbunden.

 

Buchtipp: Monika Herz, Roland Rottenfußer: Schuldentrümpelung. Wie wir uns von einer erdrückenden Last befreien. Goldmann Verlag, 256 Seiten, 9,99 €

Showing 2 comments
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    marie
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    „paradies als geisteszustand“

     

    einfach sehr schön

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    Volker
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    Unter Christen ist das Cordon Bleu nur schlimm, wenn es an einem Freitag gegessen wird, während Fisch erlaubt ist.

    Welch ein Humbug, aber gottseiundank können viele Christen sich keine Fische mehr leisten, weil zu teuer (der letzte Hering wird ein Vermögen kosten), selbst für Gläubige des Kapitalismus. Vier Tage Schnitzel, billig, am fünften Tag Fisch, teuer, samstags gibt’s gesammelte Reste, und sonntags sättigt geistliche Speisung, im Tausch gegen Kirchensteuer.Gottes sieben-Tage-Woche wäre perfekt, gäbe es keine Armutsfallen für Kirchenmäuse, weil Gottes Vertretern auf Erden Schafe weglaufen und nix mehr abdrücken vom Hungerlohn, wissentlich, dass Gebete nicht sättigen.

    Lieber Gott, schütze mich vor allen Teufeln und Hartz 4.
    Hilft nix. Im himmlichen Paradies, vor langer Zeit, fand ein Regime Change statt, das weiß nur keiner. Ja, der alte Mann wurde von Handlangern neuer Weltordnung abserviert, und da er unsterblich ist, in Ur-Guantanamo unter Verschluss gehalten. Was mit all den armen Seelen passierte, Wistleblower, die im Laufe der Menschheitsgeschichte Erlösung fanden, darüber lässt sich nur verschwörungstheoretisch spekulieren. Möglicherweise wurden sie vertickert, was den Reichtum der Konzerne Kirchen schon erklären würde.

    Klar, ist kein Thema für Den Haag, mangels Zeitzeugen. Adam und Eva sind verschwunden, und in Schlangengruben wühlt man nicht. ++glucks++

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