Tödliche Bewerbung

 In FEATURED, Kurzgeschichte/Satire, Roland Rottenfußer

Die Todesstrafe gibt es derzeit nicht. Trotzdem erfordert das Supergrundrecht Sicherheit in Zeiten wachsender Bedrohung natürlich kreative Lösungen und eine tabulose Diskussion. Wie sollen Terrorprävention und Aufstandsbekämpfung organisiert werden, solange die Strafjustiz zahnlos bleibt und den Tätern außer Softie-Knästen mit Vollpension nichts entgegenzusetzen hat? Wie könnte professionelles Töten in einem Land verankert werden, das damit keine Erfahrung (mehr) hat? Und vor allem: Wer soll die Drecksarbeit machen? Ein vielleicht gar nicht so fernes Zukunftsszenario.  Roland Rottenfußer

Szene: In einem großzügig ausgestatteten Chef-Büro. Durchs Fenster kann man gegenüber ein Gefängnisgebäude erkennen. Personen: Giovanni Göbel, Personalmanager der Gefängnisverwaltung. Hajo Horckheimer, ein Bewerber.

Göbel: Danke, dass Sie zu unserem Gespräch gekommen sind. Ich habe Ihre Bewerbung zum Execution Manager mit großem Interesse gelesen.

Horckheimer: Ich habe zu danken. Es ist für mich eine außerordentliche berufliche Chance.

Göbel: Sie wissen worum es geht!? Ich möchte von Anfang an Missverständnisse vermeiden. Aufgrund des Referendums wurde unser bewährtes Kreisgefängnis mit Mitteln des Staates um einen Todestrakt erweitert: ein Zellenblock, zusätzliche Sicherheitssysteme, eine Green Mile und als Herzstück der Exekutionsraum. Sie wären bei der Bewachung und Verpflegung der Gefangenen eingesetzt, vor allem aber bräuchten wir jemanden, der bei Exekutionen das Doing übernimmt.

Horckheimer: Das ist mir klar.

Göbel: Wir sind derzeit noch uneins über die effizienteste Hinrichtungsart. Einige meiner Kollegen bevorzugen den guten alten elektrischen Stuhl. In diesem Fall würden zu Ihrem Aufgabenfeld gehören: Festschnallen der Gurte, Anbringung der Elektroden, dann den Hebel drücken, wenn das O.K. von der Zentrale kommt. Anschließend die Leiche entsorgen … könnten Sie sich vorstellen, dass das ein interessantes Betätigungsfeld für Sie wäre?

Horckheimer: Absolut, deshalb bin ich hier.

Göbel: Fein. Es wird derzeit auch über die Letale Injektion nachgedacht. Ich möchte in Ihrem Interesse hoffen, dass man der Spritze den Vorzug gibt. Das geht nicht unbedingt schneller. Minuten langes Würgen und Röcheln kann trotzdem vorkommen, aber es riecht hinterher nicht so stark nach verbranntem Fleisch. Auch defäktieren die Gefangenen bei der Letalen Injektion seltener.

Horckheimer: Ich bin da nicht so empfindlich.

Göbel: Normalerweise frage ich Bewerber an dieser Stelle nach ihrer Branchenerfahrung. Aber in diesem Fall … Sie sind ein Landsmann. Woher sollen Sie die Erfahrung denn nehmen?

Horckheimer: Wie Sie wissen, war ich 8 Jahre lang Wärter in einem Hochsicherheitsgefängnis. Man bekommt Routine darin, den Willen von Menschen zu brechen. Was ich darüber hinaus an Qualifikationen brauche, kann ich mir aneignen. Ich bin lernfähig.

Göbel: Schön, aber warum meinen Sie, dass speziell Sie für diesen Beruf geeignet sind, Herr Horckheimer?

Horckheimer: Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Irgendwann hat uns mein Vater beigebracht, wie man einem Kaninchen mit einem Messer die Kehle durchschneidet. Meine beiden älteren Brüder haben sich furchtbar geziert: Das arme Tier! Das süße Tier! Ich kann das nicht! Ich habe ohne ein Wort das Messer genommen und habe es dem Kaninchen in den Hals gerammt.

Göbel: Was haben Sie dabei empfunden?

Horckheimer: Nichts.

Göbel: Warum nicht, mochten Sie das Kaninchen nicht?

Horckheimer: Doch, aber ich kann unpassende Gefühle abstellen, wenn nötig. Ich neige allgemein nicht so zur Sentimentalität. Im Gegensatz zu meinen Brüdern habe ich die Fähigkeit, die größeren Zusammenhänge zu sehen. Meine Brüder sahen nur dieses zuckende, warme Ding, das um sein Leben kämpfte. Ich dachte an den schmackhaften Braten auf unserem Teller. Ich sah, dass es getan werden musste. Einer muss es tun.

Göbel: Ist das auch Ihre Einstellung zu der Stelle, um die Sie sich bewerben – „Einer muss es tun“?

Horckheimer: Absolut. Ich las in einer liberalen Zeitung: „Die meisten, die beim Referendum mit ‚Ja’ gestimmt haben, wären nicht einmal in der Lage, einen Fisch zu erschlagen, geschweige denn einen Menschen.“ Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich wollte nicht einer dieser Feiglinge sein. Wenn ein Mann von etwas überzeugt ist, dann muss er auch die Kraft haben, es selbst zu tun.

Göbel: Schön gesagt, Herr Horckheimer. Aber es ist ein Unterschied, ob Sie ein Kaninchen abstechen oder ob Sie einen Menschen vor sich haben. Es gibt wenig Erfahrung damit in unserem Land. Über drei Generationen wurden Menschen nur von Verbrechern getötet – oder von Mutter Natur. Dass ein Mensch rechtmäßig, unter kontrollierten Bedingungen getötet wird, das ist eine neue Erfahrung. Wie wollen Sie damit umgehen?

Horckheimer: Es sind keine Menschen, die ich töten werde.

Göbel: Keine Menschen? Sie werden aber verdammt danach aussehen. Sie werden eine Nase haben wie Sie, zwei Arme und zwei Beine wie Sie, Sie werden schwitzen wie Sie, und in ihren Augen wird ein Ausdruck unfassbarer Angst liegen. Manche werden schreien, manche werden winseln und um Gnade flehen …

Horckheimer: Irrelevant. Sie haben dasselbe ihren Opfern angetan. Vielleicht haben die auch um Gnade gefleht. Jetzt tue ich es ihnen an.

Göbel: Aber Ihre Kritiker werden einwenden. Wenn Sie dasselbe tun wie diese Mörder, was gibt ihnen das Recht, sich über sie erhaben zu fühlen?

Horckheimer: Was ich fühle, tut nichts zur Sache. Wenn sie nicht den Tod verdient hätten, hätte sie der Bundesrichter nicht zum Tod verurteilt. Ich bin nur ausführendes Organ. Ich bin überzeugt, dass man die Menschenwürde nicht ausgerechnet denen zugestehen sollten, die sie mit Füßen treten. Die Autorität des Staates beruht auf der Kraft, zu unterscheiden – zwischen Individuen, denen er Menschenrechte zuspricht und solchen, denen er sie verweigert. Die amerikanische Nation ist gut gefahren mit diesem Prinzip. Menschenwürde nach dem Gießkannenprinzip überall hin zu verstreuen, ist nicht effizient. Dies würden antisoziale Kräfte nur als Freibrief sehen, weiter die Regeln zu verletzen.

Göbel: Ausgezeichnet, Herr Horckheimer. Aber werden Sie diese Linie auch konsequent durchhalten, wenn Sie einem Todeskandidaten gegenüberstehen. Sie müssen dem vielleicht täglich das Essen bringen. Der erzählt Ihnen dann eine rührselige Geschichte von seiner schweren Jugend. Er ist vielleicht als Kinder selbst geschlagen und missbraucht worden …

Horckheimer: Irrelevant.

Göbel: Inwiefern?

Horckheimer: Wenn ein Todeskandidat nach Entschuldigungen für seine Taten sucht, zeigt er, dass er nicht bereit ist, Verantwortung für seine Tat zu übernehmen. Das höchste Maß an Eigenverantwortung besteht darin, seinem eigenen Tod zuzustimmen, als Sühne dafür, dass man die Gesetze der Gemeinschaft gebrochen hat. Die wenigsten sind hart genug dafür. Wir müssen stellvertretend für sie Härte zeigen, stellvertretend für eine verweichlichte Gesellschaft.

Göbel: Wo möchten Sie beruflich in 20 Jahren stehen, Herr Horckheimer?

Horckheimer:  In 10 Jahren … Ich möchte auf ein erfülltes Lebenswerk als Execution Manager zurückblicken und sagen können: Durch meine Arbeit ist unser Land ein Stück sicherer geworden. Vielleicht möchte ich Ausbilder sein und junge Menschen auf den Weg des effizienten Tötens führen.

Göbel: Das ist lobenswert. Aber ich muss Sie noch etwas Persönliches fragen:

Horckheimer: Bitte sehr.

Göbel: Sie haben keine Familie, wie ich sehe. Beabsichtigen Sie, demnächst eine zu gründen?

Horckheimer: Wenn es meine Arbeit nicht beeinträchtigt …

Göbel: Ich frage das aus einem ganz bestimmten Grund. Die Todesstrafe ist noch eine junge Errungenschaft und in der Bevölkerung nicht ausreichend verankert. Es ist in anderen Ländern schon vorgekommen, dass Execution Manager gekündigt haben, weil ihre Frauen Liberale waren oder weil ihre Kinder in der Schule gehänselt wurde: „Sein Vater ist ein Killer!“

Horckheimer: Zu kündigen käme für mich nicht in Frage: Eine Frau, die mich will, muss mich nehmen wie ich bin, mit all meinen Stärken und Schwächen. Manche Männer schnarchen nachts, andere trinken, ich töte.

Göbel: Ich will Ihnen keine Angst machen, Herr Horckheimer. Frauen sind fasziniert von Macht, und welche Macht könnte größer sein als die über Leben und Tod? Man findet in der Geschichte eher einen großen Künstler ohne Frau als einen Massenmörder, der solo geblieben wäre. Aber unterschätzen Sie nicht den gesellschaftlichen Druck seitens der Befürworter der Kuscheljustiz. Sie werden der erste sein, ein Pionier. Sie werden Standfestigkeit benötigen.

Horckheimer: Über die verfüge ich, verlassen Sie sich darauf. Ich bin stolz derjenige zu sein, der, eine Bresche schlägt. In ein paar Jahren wird das, was heute wie eine Monstrosität wirkt, eine pure Selbstverständlichkeit geworden sein.

Göbel: Überschätzen Sie die Lernbereitschaft des Volkes nicht. Die Menschen wollen Fleisch, aber sie lieben die Metzger nicht. Sie wollen von Ungeziefer befreit werden, aber wenn sie einen Kammerjäger treffen, rümpfen sie die Nase.

Horckheimer: Ich verstehe, was Sie meinen, aber das schreckt mich nicht. Die Mehrheit hat entschieden, und wer sind wir, uns ihrem Willen entgegen zu stellen? Stellen Sie sich nur einmal vor, niemand würde sich auf diese Stelle bewerben! Wo kämen wir denn da hin?

Göbel? Ja, wo kämen wir da hin? … Ich muss Ihnen sagen, Herr Horckheimer, ich bin von Ihrer Arbeitseinstellung sehr angetan. Was mich betrifft, müssten wir keine weiteren Bewerber einladen, Sie hätten den Job.

Horckheimer: Vielen Dank, Herr Göbel.

Göbel: Natürlich muss ich das erst im Personalrat absegnen lassen.

Horckheimer: Natürlich

Göbel: Haben Sie Ihrerseits noch Fragen, Herr Horckheimer?

Horckheimer: Hat der Beruf Zukunft, ich meine: ist er sicher?

Göbel: Herr Horckheimer, der Bund hätte nicht Millionen in den Todestrakt investiert, wenn er nicht beabsichtigen würde, ihn zu nutzen. Die Erfahrung zeigt: In Ländern, die die Todesstrafe eingeführt haben, wird sie auch exekutiert. Ab einer gewissen Größenordnung greift bei einem Projekt auch das Arbeitsplatzargument.

Horckheimer: Das beruhigt mich. Es schien mir nur, die Beschränkung auf Sexualstraftaten mit Todesfolge …

Göbel: Diese Beschränkung wird nicht lange Bestand haben. Maßgebliche Kreise bereiten schon jetzt eine Kampagne zur Erweiterung des Tatbestands-Portfolios vor. Das Referendum hat eine Tür aufgestoßen; das heißt nicht, dass wir vorhaben, auf der Schwelle stehen zu bleiben.

Horckheimer: Natürlich nicht. Darf ich fragen, in welche Richtung diese Erweiterung …?

Göbel: Terrorismus, Mitgliedschaft in terroristischen Vereinigungen, Aktivitäten, die zur Vorbereitung terroristischer Aktivitäten dienen könnten, Niederschlagung von Aufständen … Wir dürfen ruhig ein bisschen träumen, Herr Göbel, auch wenn es eine Zeit dauern wird, den Anfangswiderstand der Kuschelpädagogen zu überwinden. Die Zeit arbeitet für uns, ebenso wie die innere Logik der politischen Entwicklung.

Horckheimer: Wie meinen Sie das?

Göbel: Wir werden unseren Landsleuten in näherer Zukunft einiges zumuten müssen: weitere Finanzkrisen, Sparpakete, Gehaltskürzungen um bis zu 50 Prozent, Lebensmittel- und Wasserknappheit … Der Staat darf sich der zu erwartenden Insubordination nicht schutzlos ausliefern. Er muss sein Waffenarsenal erweitern. Die Folterwerkzeuge zu zeigen, ist oft der beste Weg, um ihre Anwendung zu vermeiden. Der Staat eliminiert mit der Einführung der Todesstrafe nicht nur einzelne Straftäter. Er zeigt auch, dass er stark genug ist, seine Gegner notfalls mit allen Mitteln zu bekämpfen. Allein das wird auf den Rest der Gesellschaft eine disziplinierende Wirkung ausüben.

Horckheimer: Ich stimme Ihnen voll zu, Herr Göbel. Aber glauben Sie wirklich, dass unser Land reif ist für eine umfassendere Lösung?

Göbel: Was nicht reif ist, wird reif gemacht. Sehen Sie, Jahrzehnte lang wurde der Fortschritt allein daran gemessen, dass der Staat immer weicher, immer nachsichtiger wurde, bis er schließlich zu einem lauwarmen Brei aus Mitgefühl zerschmolz. Es ist ein gutes Zeichen, dass unser Volk endlich die Kraft gefunden hat, diese Entscheidung zu treffen. Jahrzehnte ohne Todesstrafe, Jahrhunderte ohne Krieg – das wirkt schwächend auf die Seele eines Volkes. Es glaubt allmählich, das Leben sei ein Nachmittagsausflug und Liebeskummer das härteste, was einen Menschen treffen kann: Ein behütetes Leben ohne Schicksal, ohne Blut, ohne Schuld, ohne Opfer … Ein solches Volk endet in netter Beliebigkeit – oder in grüblerischer Selbstzerfleischung.

 Horckheimer: Wie recht Sie haben, Herr Göbel!

Göbel: Die Geschichte verläuft nicht für alle Ewigkeit linear in eine bestimmte Richtung, Herr Horckheimer. Sie verläuft in Wellenbewegungen. Wird eine bestimmte Tendenz, z.B. Humanität, überdehnt, schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus. Unser Referendum markiert exakt diesen Umschlagpunkt. Mit Ihrer und meiner Hilfe wird sich das Pendel noch ein ganzes Stück weiterbewegen. Die Propaganda der Liberalen hat uns oft als „Ewig Gestrige“ bezeichnet. Das Gegenteil ist richtig: Wir sind Morgige, die Vorboten des Neuen.

 

Kommentare
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    Volker
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    Die Todesstrafe gibt es derzeit nicht.

    Na ja, ich weiß nicht… zumindest könnte man Hartz IV dahingehend aus einem anderen Winkel betrachten. Gefoltert wird jedenfalls schon, was ja nicht anderes bedeutet, als die offen-staatliche Forderung: Bendet euer armseeliges Dasein in Eigeninitiative, bevor wir es tun.
    Bleibt noch die Kostenfrage, ein leidiges Thema falsch verstandener Sozialpolitik. Wer bezahlt den Strick; Henker oder Kanditat, der schon halbtote Steuerzahler unter zweitausend netto, auf der Flucht aus der Mitte, oder gar all die mühsam angesparten Rücklagen aus dem Sozialfond europäischer Kriegskasse?

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