Ursache der Armut ist der Reichtum (und umgekehrt)

 In Roland Rottenfußer, Wirtschaft
Illustration zu Mark Twains "Prinz und Bettelknabe", 1881

Illustration zu Mark Twains „Prinz und Bettelknabe“, 1881

Menschen hungern – und Geldgurus fordern bessere Autosuggestionstechniken. Sind Armut und Reichtum wirklich nur eine Frage des Bewusstseins, oder liegt der Fehler im System? Noch immer trifft Bertolt Brechts Satz mit Sicherheit zu: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an, und der Arme sagte bleich: ‘Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.’“ (Roland Rottenfußer)

Wie entsteht Reichtum? Wie entsteht Armut? In José Saramagos Roman „Die Stadt der Blinden“ wird exemplarisch der Sündenfall geschildert, der zu einer ungleichen Verteilung der Güter führt. In einer ehemaligen Irrenanstalt ist eine Gruppe von Blinden unter Quarantäne eingeschlossen. Wer das Gelände verlässt, wird von den Wachen erschossen. Ansteckungsgefahr. Die Blinden müssen sich komplett selbst verwalten, nur das Essen wird täglich dreimal von „außen“ geliefert – für jeden ein Essenspaket, genau abgezählt. Das funktioniert eine Weile, bis es einem der Blinden gelingt, einen Revolver in die Unterkunft zu schmuggeln. Von jetzt an gibt es das Essen nicht mehr umsonst, sagt er. Von jetzt an verteilen wir das Essen, und jeder muss dafür bezahlen, wenn er nicht verhungern will. Zur Bekräftigung seines Machtanspruchs schießt er in die Luft.
Die eingeschüchterten Blinden liefern ihm ihren Schmuck, ihren spärlichen Besitz, sogar ihre Eheringe aus. Dann kommt der zweite Schock: Die neue „Führungselite“ teilt jedem seine Ration zu: nur noch die Hälfte dessen, was jeder zum Überleben braucht. Vorerst sind die Opfer gegenüber der „Mafia“ machtlos. Während sie mit Hunger und Wut im Bauch ausharren, stapeln sich die Essenspakete im Zimmer der neuen Herren. Es ist viel mehr als diese überhaupt selbst vertilgen können. Das Essen verfault und stinkt zum Himmel – so wie die Ungerechtigkeit dieser Situation …
Wie wird man Grundbesitzer?
Es ist unschwer zu erraten, dass Saramago hier ein Gleichnis für die Situation auf unserem Planeten schaffen wollte. Die einen haben im Überfluss, die anderen zu wenig. Die Geschichte zeigt, dass in einer Welt begrenzter Mittel die Armut des einen den Reichtum des anderen bedingt – und umgekehrt. Haben diese Beobachtungen etwas mit unserer wirklichen Welt zu tun? Wie entsteht in der Realität Reichtum, zum Beispiel der Reichtum an Grundbesitz?
Ein konkretes Beispiel: In Brasilien besitzen 2 Prozent aller Grundbesitzer 43 Prozent allen fruchtbaren Bodens. Hier die Geschichte dazu: „Brasilien wurde Anfang des 16 Jahrhunderts von portugiesischen Invasoren ‚entdeckt’, soll heißen: unterworfen, besetzt und ausgeplündert. Die den indigenen Bevölkerungen gestohlenen Ländereien vergab der König von Portugal nach einer simplen Methode: Er teilte die brasilianische Atlantikküste in Parzellen auf. Alle seine Generäle, Admiräle, Bischöfe und Kurtisanen erhielten ein Stück Küste. Der neue Grundeigentümer suchte nun seinen Besitz gegen das Landesinnere hin zu vergrößern. Aller Boden, den er beim geradlinigen Vordringen ins Herz des unbekannten Kontinents betrat, gehörte ihm.“ (Quelle: Jean Ziegler: „Die neuen Herrscher der Welt“).
Eine skurril wirkende Geschichte aus grauer, barbarischer Vorzeit, möchte man meinen. Das Problem ist nun, dass diese ursprünglichen Riesengrundbesitze, capitanias genannt, zum großen Teil bis heute in den Händen der Nachkommen besagter Kapitäne und Kurtisanen sind. Heutige Großgrundbesitzer sind noch immer berechtigt, über Riesenlandstriche zu verfügen, die sie und ihre Familien nicht annähernd privat nutzen, geschweige denn zum allgemeinen Wohl mit Nutzpflanzen bebauen können. Daher knöpfen sie den armen Bauern, die aus „ihrem“ Land tatsächlich etwas machen, hohe Pachtgebühren ab oder lassen das Land gleich ungenutzt brach liegen.
Verdienter Wohlstand?
Es stellt sich nun natürlich die Frage, ob Reichtum wirklich immer so zustande gekommen ist wie in dem fiktiven Beispiel aus „Die Stadt der Blinden“ oder dem realen Fall aus Brasilien. Gibt es keine reichen Menschen, die ihr Vermögen wirklich verdienen? Jeder von uns kennt Menschen, die es durch harte Arbeit, durch Qualifikation und kontinuierliche Qualität zu Wohlstand gebracht haben: Ein Arzt, der als Chirurg Leben rettet. Eine Pianistin, die für die Beherrschung ihres Instruments jahrzehntelang unermüdlich geübt hat und Tausenden von Zuhörern damit Freude macht. Ein Unternehmer, der mit hohem Risiko und 60-Stunden-Woche eine florierende Firma aufgebaut und dutzende von Arbeitsplätzen geschaffen hat. Dürfen diese Menschen nicht mehr verdienen als ein „Faulpelz“, der seine Jugend vertrödelt hat, während unsere Pianistin schon als Teenager täglich fünf Stunden Klavier übte? Dieses Bild vom redlich verdienten Reichtum („Jeder ist seines Glückes Schmied“) ist nicht grundlegend falsch. Es wird allerdings in unserer Gesellschaft zu einseitig betont, wobei die unbequeme andere Seite Wahrheit gern unterschlagen wird.
In einer Liste des Magazins „Stern“ werden 100 verschiedene Berufe hinsichtlich ihres Durchschnittsverdienstes miteinander verglichen. An der Spitze stehen Piloten mit durchschnittlich 6927 Euro pro Monat (Jahresgehalt ohne Weihnachts- und Urlaubsgeld: 83.124 Euro). Das erscheint gerecht, schließlich handelt es sich um einen verantwortungsvollen, hoch qualifizierten Beruf. Betrachten wir zum Vergleich den Spitzenverdienst eines deutschen Topmanagers. Wenn Deutsch-Bank-Chef Josef Ackermann auf einer Gehaltstabelle mit jährlich 7.100.000 Euro dotiert wird, so bedeutet dies: Der Manager „verdient“ fast das Hundertfache des Piloten. Eine Stunde im Leben des Josef Ackermann ist also mit hundertmal mehr Sinn, Bedeutung und gesellschaftlichem Nutzen angefüllt wie eine Stunde im Leben unseres Piloten, in dessen Hände täglich Menschenleben gegeben sind.
Nimmt man statt des Piloten einen Altenpfleger als Maßstab, so kommen wir schon auf ein Verhältnis von rund 1:500. Herr Ackermann muss also eine sagenhafte Leistung vollbracht haben, denn Altenpflege ist, wie man weiß, eine aufreibende, harte und auch qualifizierte Arbeit. Wie aber, frage ich, kommt jemand dazu, sage und schreibe 47.000.000.000 Euro (47 Milliarden) zu „verdienen“ – das geschätzte Vermögen von Warren Buffet? Da muss eine Arbeitsstunde noch um einiges mehr „wert“ gewesen sein als bei unserem ohnehin schon an der Grenze zum Übermenschentum agierenden Herrn Ackermann. Wenn Buffet 47 Jahre berufstätig gewesen wäre, hätte er z.B. durchschnittlich eine Milliarde jährlich verdient, über den Daumen gepeilt also das 12.000-fache unseres Piloten.
Geld bedeutet Macht
Angesichts solcher Dimensionen versteht man, dass der Liedermacher Konstantin Wecker im Interview rundweg erklärte: „Man kann nicht Milliardär werden, ohne irgendwo gezockt, beschissen oder ausgebeutet zu haben. Ich habe ein Problem mit Milliardären, weil aus dem Geld folgt, dass sie zu viel Macht haben. 500 Leute auf der Welt haben mehr Geld als die Hälfte der Menschheit. Das ist nicht demokratisch.“ Hier spricht Wecker einen wesentlichen Punkt an. Oft wird ja die „naive“ Frage gestellt: „Was soll dieser Mann denn mit dem vielen Geld anfangen? Etwas 100 Schnitzel am Tag essen? Oder 100 Rolls Royce besitzen? Oder gar 100 Yachten?“ Eine mögliche Antwort auf diese Frage lautet: Vielleicht will ein Milliardär ja gar keine Schnitzel kaufen, sondern Menschen – z.B. Medienschaffende oder Politiker. Müsste man also Reichtum nicht schon allein wegen dessen unkontrolliertem Machtpotenzial begrenzen?
Eine zweite Antwort auf die Frage „Was fangen die mit ihrem Geld an?“, wäre ganz simpel: „Sie legen es an.“ Anlegen bedeutet im Klartext: Andere Menschen müssen dafür arbeiten. Es ist kein Zufall, dass das Wachstum der Schulden (private und öffentliche Haushalte) und das Wachstum der Vermögen einander spiegelbildlich entsprechen. In einem System begrenzter Ressourcen entspricht der Gewinn des einen dem Verlust des anderen. „Wirtschaftswachstum“ kann diesen Effekt nur abmildern, nicht verhindern. Die Wachstumsideologie, die unsere Umwelt schädigt, ist der verzweifelte Versuch, unbegrenztes Vermögenswachstum zu ermöglichen, ohne dass deshalb die Löhne schrumpfen müssen. Ein Wettlauf, der längst verloren ist. Denn Zinsen führen durch Verdopplung auf Dauer zu einem exponentiellen Wachstum. Produktivität und menschliche Leistungsfähigkeit können da nur zunehmend hinterher hinken.
Die 358 reichsten Familien der Welt besitzen die Hälfte des Weltvermögens (Quelle: Norbert Blüm, ehemaliger deutscher Arbeitsminister). Intuitiv löst eine solche Zahl bei jedem Unbehagen aus, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Kaum einer zieht aber die Schlussfolgerungen: Nehmen wir an, man könnte diese Menschen dazu zu bewegen, ihr Geld bis auf ein komfortables Existenzminimum freiwillig abzugeben. Bedeutet dies nicht, dass jeder von uns genau das Doppelte seines heutigen Einkommens beanspruchen könnte (oder dass er bei gleichem Einkommen nur die Hälfte arbeiten müsste)? Das Doppelte – das könnte für Menschen, die vom Hungertod bedroht sind, das Überleben bedeuten. Es bedeutete für heutige „Prekäre“ in Deutschland oder Österreich den Zugang zu mehr finanzieller Freiheit, zu Würde und bescheidenem Luxus.
Ist Reichtumskritik „Neid“?
Von einer „Neiddebatte“ ist von Befürwortern des Sozialabbaus und des freien Marktes gern die Rede. Ist an diesem Vorwurf was dran? Zunächst ist eine Gegenfrage zu stellen: Wünschen sich tatsächlich alle Kritiker des herrschenden Wirtschaftssystem, mit einem Milliardär oder erfolgreichen Börsenspekulanten zu tauschen? Viel wahrscheinlicher ist, dass sie an Gerechtigkeit interessiert sind, an einem angemessenen Lohn für ihre Arbeit – ohne dass große Teile des erwirtschafteten Reichtums an „Absahner“ abfließen. Die meisten Menschen haben wohl den Wunsch, von Existenznot befreit zu sein, von entwürdigen Einschränkungen ihrer Wahl- und Bewegungsfreiheit. Aber Neid?
Neid im moralisch fragwürdigen Sinn würde bedeuten, dass einen das Unglück der Reichen mehr begeistern würde als das eigene Glück. Es würde bedeuten, dass es einem nicht auf Gerechtigkeit und den maßvollen Wohlstand aller, sondern allein auf den eigenen Besitz (auf Kosten anderer) ankommt. Neid ist der Wunsch, mit einem anderen, den man in einer glücklichen Lage wähnt, Platz zu tauschen. Man strebt damit nicht die Abschaffung des Unrechts an, sondern dessen Aufrechterhaltung – nur mit umgekehrter Rollenverteilung. Statt auf der Opferseite zu bleiben möchte man nun auf die Täterseite überwechseln. Eine solche negative Form von Neid kann Kritikern des Reichtums und des herrschenden Wirtschaftssystems nicht pauschal unterstellt werden. Es handelt sich bei der Kritik an „Neiddebatten“ also eher um einen rhetorischen Trick, ein Scheinargument, mit dem privilegierte Kreise ihre Pfründe verteidigen.
Im Übrigen ist „Neid“ von den sieben katholischen Todsünden nicht diejenige, über die wir uns bezüglich der aktuellen Politik am meisten Sorgen machen müssen. Auch „Geiz“ gilt als Sünde, und ebenso „Völlerei“. Der Geiz verweigert sich dem freien Fließen der Energien, wozu Geben und Nehmen gleichermaßen gehören. Sein körperliches Pendant ist die Verstopfung, weshalb Sigmund Freud auch von einer „anal-hortenden“ Charakterstruktur spricht. Der Geizige lässt, was eigentlich fließen sollte, zu festen Gegenständen erstarren und bewacht diese wie ein Drache seinen Nibelungenschatz. „Völlerei“ dagegen bedeutet: nie genug kriegen können – eine orale Störung, um im Freudschen Jargon zu bleiben. In buddhistischer Terminologie nennt man die Unmäßigen auch „hungrige Geister“. Sie füllen mit dem „In-sich-Hineinstopfen“ von materiellen Gütern eine spirituelle Leere aus, weil sie von ihrer Quelle abgeschnitten sind. Beide Störungen sind in Europa leider nicht nur skurrile Randerscheinungen, sondern Teil der materialistisch-neoliberalen Leitkultur.
Trendthema „Höchstlöhne“
Im Zusammenhang mit Managergehältern ist in letzter Zeit sogar seitens der etablierten Politik von „Höchstlöhnen“ die Rede. Das geht schon in die richtige Richtung. Auffällig ist aber, dass man dabei nur den Splitter im Auge bestimmter Manager sieht, während der Balken im Auge der Großvermögensbesitzer völlig unbeachtet bleibt. Das leistungslose Einkommen von „Anlegern“ wird nach wie vor nicht in Frage gestellt. Wie wäre es (wenn man schon nicht das ganze System in Frage stellen will) mit einer Höchstrendite? Oder – dabei wäre noch mehr zu holen – mit einem Höchstvermögen? Alles, was über ein Vermögen von über 1 Million hinausgeht, könnte wieder an die Gemeinschaft zurückfließen, weil es ja irgendwie ursprünglich von der Gemeinschaft genommen wurde. (Die Zahl ist natürlich nur als willkürliches Beispiel gewählt.)
„Enteignung“, „Kommunismus“, würden nun viele rufen. In diesem Zusammenhang stelle ich ein merkwürdiges Phänomen fest: Man wirft der menschlichen Spezies ja immer Egoismus vor. Ich stelle dagegen eine weit verbreitete, erstaunliche Selbstlosigkeit fest. Viele Normalverdiener plagt ein schlechtes Gewissen, wenn von einer möglichen Enteignung der Superreichen die Rede ist; dagegen nehmen sie ihre eigene, tatsächliche Enteignung über Zinsen, Gebühren, überhöhte Preise, vorenthaltenen Lohn usw. tagtäglich ohne Murren hin. Man muss als Fazit sagen: Enteignung ist in unserer Gesellschaft keineswegs ein Tabu, solange sie nur die „kleinen Leute“ betrifft.
Schreckgespenst „Enteignung“
Warum also diese Angst, die großen Vermögen anzutasten? Ich kann besonders empfindsame und selbstlose Zeitgenosse beruhigen: Der Verlust würde nach psychologischen Untersuchungen nicht einmal die Laune der Übervermögensbesitzer trüben. Die Glücksforschung hat nämlich herausgefunden, dass ab einem bestimmten Niveau, bei dem die gröbste Armut überwunden ist, das Glücksniveau nicht mehr parallel zur Höhe des Gehalts anwächst. „Es besteht zwar ein riesengroßer Unterschied zwischen dem, ob man ‚überhaupt kein’ oder ‚genug’ Geld hat, aber praktisch kein Unterschied mehr zwischen dem, ob man ‚genug’ oder ‚sehr viel’ Geld hat.“ (Quelle: www.gluecksforschung.de/einkommen.htm)
Auch wenn man Untersuchungen über das Glücksniveau von Lottogewinnern liest, tun sich Abgründe auf: Viele von ihnen hatten die „Passvorlage“ des Schicksals schlecht genutzt, waren nach einigen Jahren verarmt oder unglücklich. Einer der ersten deutschen Lottogewinner (1956) soll in einem Obdachlosenasyl gestorben sein. „Große Gewinne“, analysierte Gerhard Meyer, Psychologe und Glückspielforscher an der Universität Bremen, „überfordern viele Menschen.“ Das Glücksgefühl, das sich bei Bekanntwerden eines Lottogewinns einstelle, verflüchtige sich bereits nach wenigen Wochen wieder. Wer nicht klug wirtschaftet und versteht, dass auch produktive Arbeit glücklich macht, verspielt alles wieder in kurzer Zeit. Ein Lottogewinner aus Bayern wurde gar zum Bankräuber, weil er sich an einen gewissen Luxus gewöhnt hatte und Nachschub brauchte. Diesen Nachschub verschaffen sich Börsianer, Anleger und Spekulanten lieber auf ganz legalem Weg – ohne deshalb unbedingt zufriedener zu werden.
Wir stehen nun also vor einem unfassbaren globalen Wahnsinn. Millionen von Menschen opfern (meist gezwungenermaßen, oft aber auch passiv zustimmend) das, was sie dringend zum Leben bräuchten, um es einer Minderheit von Reichen zuzuschanzen, die dieses Opfer nicht einmal glücklicher macht. Die Schlussfolgerung aus der Lottogewinnerstatistik ist eben nicht: „Lasst den Reichen ihren Reichtum und bleibt bescheiden!“, sondern eher: Befreit die Reichen von ihrer Sucht und die Armen von ihrem Mangel! Schon um des durchschnittlichen Glücksniveaus auf der Erde willen müsste jeder denkende Mensch eine Umverteilung von dort, wo sehr viel Geld vorhanden ist, hin zu den Bedürftigen befürworten. In der Unabhängigkeitserklärung der USA ist vom „Pursuit of Happiness“ die Rede, dem Recht, nach dem Glück zu streben. Müsste das Glück der Bürger nicht oberste Richtlinie der Politik sein?
Was also derzeit dem Glück der vielen im Weg steht, ist nicht einmal das Glück der wenigen, sondern deren starker Wille, sich auf illegitime Weise Vorteile zu verschaffen. Wenn man Führungskräfte nicht 500mal so hoch bezahlt wie ihre Angestellten, dann gehen sie beleidigt ins Ausland. Und wenn man keine maßlos hohen Renditen ausschüttet, dann wandert das Kapital, dieses „scheue Reh“, ab. Solche Befürchtungen sind in vielen Fällen sicher berechtigt. Ich meine aber: Menschen, denen ein Jahresgehalt von 100.000 Euro nicht genügt, gehören überhaupt nicht auf Führungspositionen, sondern eher in Behandlung. Solche Personen versuchen mit ihren übermäßigen Gehältern ja offenbar eine innere Leere auszufüllen, die ohne diesen Job gar nicht entstanden wäre. Man sollte sie davon erlösen und ihnen die Gelegenheit geben, bei bescheidenem Lebensstandard immaterielle Werte schätzen zu lernen.
Was bedeutet „Armutsbewusstsein“?
„Armutsbewusstsein“ bzw. „Reichtumsbewusstsein“ sind gängige Begriffe geworden, die vor allem Esoterikern und den Konsumenten populärer Lebensratgeber vertraut sind. Wie so oft, steckt dahinter eine Teilwahrheit. Wir alle kennen das Phänomen: Wer glaubt, dass er es nicht wert ist, über genug Geld zu verfügen (oder überzeugt ist, dass er es sowieso nie schaffen wird), der stellt die Weichen unbewusst in Richtung finanzielle Knappheit. Er wird Gelegenheiten, Geld zu verdienen, nicht erkennen oder nicht nutzen. Vielleicht wird er lange in einem eigentlich unzumutbaren Jobs ausharren, weil er glaubt, dass ihm ein schöneres Leben nicht zusteht. Es gibt also ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein, das sich (in einer gerechten Gesellschaft) auch in materiellem Wohlstand ausdrücken kann. Maß darf aber nicht mit Übermaß verwechselt werden. Das Selbst-Bewusstsein (eigentlich: Ich-Bewusstsein) muss zum Wir-Bewusstsein erweitert. Wenn es um „meinen“ Erfolg geht, muss dabei gleichzeitig die Gesundheit des gesamten Systems im Auge behalten werden.
Ich bin mir nicht sicher, ob es „Armuts-„ und „Reichtumsbewusstsein“ wirklich gibt. Was ich weiß, ist, dass es tödliche Armut und extremen Reichtum gibt. Wie lange noch?

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