Uwe muss zum lieben Doktor

 In Kurzgeschichte/Satire, Roland Rottenfußer
Gemälde: Goya

Gemälde: Goya

Unterversichert zu sein, gehört neben Erdbeben und Terrorismus zu den größten Gefahren unserer Epoche. Ohnehin begeben sich immer mehr unverantwortliche Individuen ohne ausreichenden Versicherungsschutz in Behandlung und wundern sich, wenn sie die aus eigener Tasche bezahlen müssen. Hätten sie halt genügend private Zusatzversicherungen abgeschlossen! Wer das versäumt, braucht sich hinterher nicht über sein vermeidbares Frühableben beschweren. Denn das Gesundheitswesen ist schließlich nicht die Caritas für Verantwortungsscheue mit Umsonst-Mentalität, sondern ein Wirtschaftszweig. Wie aber geht besagtes „Wesen“ wohl mit einem alten Bekannten um: dem behinderten, mittellosen Uwe, der seit der Schließung seines Heims bei einem Freund (dem Erzähler) wohnt? Darf so jemand überhaupt krank werden? Und wenn doch, wer übernimmt die Kosten? „Manchmal“, hatte schon Gerhard Polt in einem Behindertensketch erkannt, „is‘ besser, s’is glei aus“. (Roland Rottenfußer)

Ich werde nie den Tag vergessen, als ich nach Hause kam und schon auf dem Hausflur Uwes Schmerzensschreie hörte. Als ich aufsperrte, sah ich Uwe in der gekrümmten Stellung eines Embryos auf dem Boden liegen. „Bauch-Weh!“, stöhnte er. Ich bog die Glieder seines Körpers mühsam und vorsichtig auseinander, zog Pullover und Unterhemd hoch, untersuchte seine Haut, drehte ihn auf den Bauch und untersuchte seinen Rücken. Keine äußeren Verletzungen oder sichtbaren Schmerz verursachenden Faktoren waren zu erkennen. „Bauch-Weh!“ wimmerte der große Kerl, und seine Augen waren schon rot von seinen Tränen. Wie lange mochte er da so in Schmerzen gelegen sein? Wenn ich ihn an bestimmten Stellen am Bauch berührte und drückte, löste dies weder eine Verschlimmerung seiner Schmerzen noch eine Linderung aus. „Uwe, ist der Schmerz auf der Haut, oder ist er eher tief drin?“, fragte ich. „Tief drin!“ antwortete Uwe. Immerhin ein Hinweis.

Ich tippte gleich auf Nierenstein, weil ich die Krankheit schon einmal selbst gehabt hatte. Damals allerdings wurden die Behandlungskosten für solche Leistungen weitgehend von der Kasse getragen. Welches Krankenhaus aber würde Uwe aufnehmen? Welcher Arzt würde ihn auch nur untersuchen? Ich nehme an, im Heim war Uwe versichert gewesen. Er hatte Anspruch auf die hauseigene medizinische Betreuung gehabt. Ich weiß nicht, ob sie ihm nach der Schließung des Heims eine Versichertenkarte in die Hosentasche gesteckt hatten, jedenfalls hatte ich eine solche nicht bei ihm gefunden, als ich ihn mit in meine Wohnung nahm. Uwe hatte also keinerlei Anspruch auf Versicherungsleistungen. Kleinere Nierensteine wurden bei leichter Vollnarkose durch Harnröhre und Penis nach vorne herausgezogen. Bei größeren Steinen konnte es sogar passieren, dass der Chirurg den Bauch aufschneiden musste. Und das war nur die Behandlung bei Nierenstein, die ich zufällig kannte. Handelte es sich um eine andere Krankheit, war ich völlig ratlos. Selbst wenn Uwe versichert gewesen wäre, wer hätte das Geld für die astronomischen Zuzahlungen aufbringen können? Ich schämte mich ein bisschen, dass ich für einige Momente mehr mit solchen Gedanken beschäftigt war als mit Uwes mörderischen Schmerzen.

So war ich fast erleichtert, dass es an meiner Haustür klingelte. Meine Vermieterin hatte wohl die Schmerzensschreie gehört. Nett von ihr, dass sie vorbei kam, vielleicht wusste sie einen Rat. Aber schon an Frau Hingerls verbissenem Gesichtsausdruck sah ich, dass sie nicht gekommen war, um zu helfen. „Sie, der Herr schreit jetzt schon zwoa Stund’. I sog’s eana ehrlich. Lang mach i des nimmer mit. I woaß ned, was Sie mit dem Herrn zu tun hab’n, aber Sie wissen ja, Gäste dürfen hier nur bis zu drei Monaten am Stück übernachten.“

„Schon, Frau Hingerl“, versuchte ich sie zu beruhigen, „aber sie sehen doch, dass mein Freund schwer krank ist. Er braucht Hilfe. Über Formalitäten könnten wir doch vielleicht später sprechen …“

„Des is doch ned meine Verantwortung, dass der Herr krank is. Was mi interessiert is: I habe eana die Wohnung für eine Person vermietet, und Sie leben schon seit mindestens 10 Wochen zu zwoat da drin. I woaß ned, was Sie miteinander da drin machen, und s’is mir auch egal, aber spätestens am kommenden Montag is der Herr draußen, sonst hol i die Polizei, verstengans’s mi.“

Mit einem Krachen fiel die Tür ins Schloss. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich mit Uwe gehen sollte, wenn meine Vermieterin nicht mehr länger mitspielte. Zunächst hatte ich mich um seine akuten Schmerzen zu kümmern. Während Frau Hingerl sprach, hatte ich aus dem Augenwinkel beobachtet, wie Uwe sich vom Boden aufraffte und auf die Toilette wankte. Nun hörte ich ein Geräusch, das unmissverständlich darauf hindeutete, dass er sich erbrach. Zum Glück hatte er die Kloschüssel getroffen und hielt seinen Mund hernach selbst unter den Wasserhahn. Ich brachte ihm einen Pfirsichsaft mit Mineralwasser, damit er den schlechten Geschmack aus seinem Mund spülen konnte, doch er lehnte ihn mit einer wegwischenden Geste ab und krümmte sich wieder auf dem Boden. Ich gab ihm – mit dem Versprechen, dass das helfen würde – eine Schmerztablette mit breitem Wirkungsspektrum, die er mit einem Glas Wasser hinunterspülte. Hoffentlich wirkte hier wenigstens eine Art Placeboeffekt! Dann sagte ich ruhig zu ihm, dass ich ihn jetzt zu einem lieben Doktor schaffen müsse, der ihm helfen würde, dass er aber den Weg zum Krankenhaus mit meiner Hilfe selbst zurücklegen müsse. Ob er sich das zutraue. Uwe nickte und schwankte, tapfer auf meine Schulter gestützt, zur Tür.

Unterwegs zur Notaufnahme, war ich unaufhörlich damit beschäftigt, mir selbst Mut zuzusprechen. Uwe, so schien es, hatte die Aussicht auf einen unmittelbar bevorstehenden Arztbesuch genügend Durchhaltevermögen verliehen, um trotz seiner Schmerzen voranzuschreiten. Mich aber ängstigte die Frage, ob es ohne gültige Krankenkarte überhaupt möglich sein würde, mit Uwe zu einem Arzt vorgelassen zu werden. Das medizinische System war auf Profit ausgerichtet, da machte ich mir keine Illusionen. Ärzte, Schwestern und Pfleger hatten sich durch ihre Arbeitsroutine unter den verschärften Bedingungen schwindender finanzieller Spielräume eine gewisse sachliche Härte angewöhnt, die auf sensible Menschen schroff wirken konnte. Auch konnte man Verständnis dafür haben, dass sich medizinisches Personal nicht darum riss, umsonst zu arbeiten. Dennoch – und dieser Gedanke beruhigte mich dann – waren es doch Menschen, denen ich dort auf der Ambulanz begegnen würde. Und Menschen sollten in der Lage sein, zu sehen, zu verstehen, mitzufühlen …

Ich würde der Dame am Empfang einfach erklären, wie es zu Uwes misslicher Lage gekommen war, und sie würde verstehen. War es etwa Uwes Schuld, dass er mit einer seltenen Chromosomenaberration geboren war, die seiner Intelligenz enge Grenzen setzte? War es seine Schuld, dass er berufsunfähig war und wohl sein Leben lang auf Hilfe angewiesen? Konnte man ihm vorwerfen, dass er nicht selbst imstande war, eine Krankenkarte zu beantragen – ein Mensch, der kaum fähig war, seine Beschwerden in zusammenhängendem Deutsch zu schildern? Konnte man ihm schließlich einen Vorwurf daraus machen, dass das Heim, in dem er fast sein ganzes Leben lang Bett, Brot und medizinische Betreuung gehabt hatte, von heute auf morgen wegen Geldmangels geschlossen wurde? Dass er sich quasi über Nacht auf der Straße wieder fand – hilflos und ohne zu wissen, wie ihm geschieht? Nein, aus all dem konnte man in einer lückenlosen Beweiskette ableiten, dass Uwe an seiner Situation unschuldig war und somit Mitgefühl verdiente. Man würde, nein man musste ihm kostenlose medizinische Betreuung angedeihen lassen.

Als wir uns der Notaufnahme näherten, erkannte ich den Eingang zunächst nicht wieder. Sie war durch einen Vorbau erweitert worden, ein kompaktes Rechteck mit kleinen Fenstern, die etwas über Augenhöhe in den Beton eingelassen waren. Die Tür war aus trübem Glas, durch das man nicht nach innen sehen konnte und – anders als bei meinen früheren Besuchen in der Klinik – geschlossen. Mit Befremden stellte ich fest, dass sich die Tür nicht öffnen ließ. So sehr ich auch daran rüttelte und zog, sie blieb unbewegt. Ein Blick auf meine Armbanduhr machte klar, dass ich mich im Rahmen der normalen Öffnungszeiten bewegte. Ganz abgesehen davon, dass eine Ambulanz natürlich ihrem Wesen nach Tag und Nacht geöffnet sein musste, denn Schmerzen und Unfälle nahmen ja keine Rücksicht auf Tagespläne. Eine Kamera, über der Tür angebracht, folgte surrend jeder unserer Bewegungen. Dann erklang eine Stimme, keine sterile Roboterstimme, sondern eine sanfte, übermäßig korrekt artikulierende Frauenstimme, wie jene, die in der U-Bahn die Namen der Stationen durchsagte: „Bitte Ihre Krankenkarte in den Scanner-Schlitz einführen, ihre Ident-Nummer eingeben und mit ‚Enter’ bestätigen!“

Ich sah den Display und die Tastatur rechts des Türgriffs und drückte hektisch einige Tastenkombinationen. „Kein Einlass mit diesem Zugangscode. Bitte führen Sie zunächst ihre Krankenkarte in den Scanner-Schlitz ein“.

„Weh!“, stöhnte Uwe inzwischen und hielt seinen Bauch. „Lieber Doktor sehen!“

„Moment Uwe“, wir können sicher gleich rein. Ich versuchte eine Art Klingel oder einen Notknopf zu finden, mit dem man durch eine Sprechanlage kommunizieren konnte. Würde ich auch nur einen einzigen Menschen zu Gesicht oder ans Mikrofon bekommen, könnte ich ihm mein Anliegen schildern, und er würde verstehen, dass jemand ohne Krankenkarte dennoch hilfsbedürftig sein konnte. Schließlich konnte es nicht Zweck dieser Türsperre sein, Kranke davon abzuhalten, ihre Notsituation zu schildern. Ich bat Uwe, ein bisschen zu warten, lief auf dem Rasen an der Fensterfront des großen Gebäudes entlang, ab und zu an eines der Fenster klopfend, die so hoch waren, dass man nirgendwo ins Innere sehen konnte. „Hallo“, rief ich, „ist das jemand?“ Nichts.

„Bitte Ihre Krankenkarte in den Scanner-Schlitz einführen und mit ‚Enter“ bestätigen!“, wiederholte die Stimme alle paar Sekunden. Wütend schlug ich mit beiden Fäusten gegen die Glastür, worauf ein aufdringlicher Signalton erklang. Ich bekam plötzlich Angst, dass wir wegen Randalierens von Sicherheitskräften abgeführt werden könnten und sagte zu Uwe: „Vielleicht kommen wir beim großen Eingang rein. Komm mit Uwe, wir gehen noch ein Stück um die Ecke!“

„Bauch-Weh!“, stöhnt er.

„Ja, Uwe, ich weiß, aber wir müssen noch dieses Stück zu Fuß gehen, dann darfst du zum lieben Doktor.“

Als wir um die Ecke des Krankenhausgebäudes gebogen waren, hörten wir schon von weitem das Geschrei eines Patienten, der sich auf dem Rasen vor Schmerzen wand. Als wir uns näherten, sahen wir, dass sein Gesicht von einer Verbrennung entsetzlich entstellt war. Wie hätte ich ihm helfen können? Ich war froh, wenn ich das mit Uwe über die Bühne bekam. Ich lotste ihn geschickt in weitem Bogen an dem Liegenden vorbei, um ihm den Anblick zu ersparen. Auf der Treppe zum Haupteingang und auf der Wiese davor lagerten an die 50 weitere Wartende. Einige husteten oder lagen leise röchelnd auf Decken im Gras, andere stützten sich auf Krücken oder klammerten sich mühsam am Geländer fest.

Bei einem der Männer, der sich auf die niedrige Mauer vor dem Haupteingang gesetzt hatte, signalisierte nur der apathische Blick über blauschwarzen Augenrändern, dass er nicht gesund war. „Vergessen Sie’s“, sagte der Mann, als ich versuchte, die Tür zu öffnen. „Das haben wir alle schon versucht. Oder glauben Sie, wir hängen hier so zum Spaß so rum?“

„Aber worauf warten Sie?“, fragte ich verzweifelt. „Sie müssen doch offenbar die Hoffnung haben, dass ihnen aufgemacht wird!?“

„Hoffnung nicht“, sagte der Patient mit müder Stimme. „Aber wenn es schon aussichtslos ist, kann ich ebenso gut hier warten wie zuhause.“

Ich sah, wie sich die Tür für einen kurzen Moment öffnete. Eine Krankenschwester kam heraus. Die Hände der Wartenden streckten sich ihr bittend entgegen. Die Schwester blickt jedoch starr geradeaus, um uns nicht sehen zu müssen. Als jemand sie ansprach, reagiert sie nicht, schüttelte einige Hände ab, die an ihrem Kittel zerrten und beschleunigt ihre Schritte, bis sie außer Sichtweite war.

„Es sind diese Momente, die uns aufrecht halten“, sagte der Mann mit den blauen Augenringen. Wenn Sie so wollen, sind es Momente der Hoffnung, wenn auch einer völlig irrsinnigen, vernunftswidrigen Hoffnung. Es wäre immerhin nicht völlig ausgeschlossen, dass eine Schwester in einem außergewöhnlichen Moment mentaler Schwäche, zermürbt durch ihren täglichen Gang durch unser Krankenspalier, stehen bliebe und sich nach uns umschaute oder uns sogar fragte, wie es uns geht. Es käme, wenn überhaupt, nur einmal in vielen Jahren vor. Und selbst, wenn es vorkäme, wäre es der Schwester vom Krankenhausreglement verboten, sich um uns zu kümmern, aber immerhin …“

Ich antwortete dem Mann nicht mehr, weil ich glaubte, eine der wartenden Patientinnen erkannt zu haben. Sie saß zusammengesunken auf ihrem Rollstuhl, den Kopf seitlich auf ihre Schulter gesunken. Speichel lief an ihrem Mundwinkel über ihr Kinn herab. „Sabine!“, rief Uwe, der sie einen Moment früher entdeckt hatte als ich, und kuschelte vertraulich seinen Kopf in ihren Schoß. Sabine war aus demselben Heim, in dem auch Uwe früher gewohnt hatte. Das blinde, sprachgestörte Mädchen saß nicht wegen einer Querschnittslähmung im Rollstuhl, sondern eher, weil seine Pfleger es bequemer gefunden hatten, sie dort den ganzen Tag sitzen zu lassen. Ihre Muskulatur war so mit den Jahren verkümmert. Ich wusste, dass Uwe und Sabine einander sehr gern gehabt hatten.

„Lass sie, ich glaube, sie schläft“, flüsterte ich Uwe zu. An der Kälte ihrer Hand und am Fehlen jeder Atembewegung ihrer Brust hatte ich längst erkannt, dass Sabine tot war. Sie roch schlecht, aber es konnte auch an Monaten der Vernachlässigung liegen, am Leben in den Kellern verlassener und verwahrloster Gebäude, die für viele Ex-Insassen geschlossener Heil- und Pflegeanstalten die einzige Überlebenschance darstellten. Ich glaubte nicht, dass Sabine schon lange tot war. „Rufen Sie bitte die Menschenkörperverwertungsstelle“ an, flüsterte ich einer Kranken zu, in deren Hand ich ein Handy sah. Die tippte eher unwillig und mit lethargischem Blick etwas in ihre Tastatur. Uwe hatte nichts bemerkt, und ich war bemüht, ihn schnell vom Ort des Geschehens wegzuführen. „Komm, Uwe, wir können Sabine ein anderes Mal besuchen. Sie ist müde“.

„Aber … der liebe Doktor? Bauchweh!“

„Der Doktor hat frei, Uwe. Wir müssen nach Hause gehen und morgen wieder kommen. Ich gebe dir über Nacht eine Schmerztablette, dann hältst du durch.“

Dass Uwe dennoch gesund wurde, konnte nur auf einen spontanen Abgang seines Nierensteins zurückzuführen gewesen sein. Manchmal geschah so etwas, auch wenn jemand schon im Krankenhaus lag. Es war allerdings ein riskantes Spiel, sich darauf zu verlassen – ohne Röntgenaufnahme, ja ohne die geringste seriöse Diagnose. Was wenn Uwe etwas gefährlicheres gehabt hätte – einen Tumor etwa, Darmkrebs …!? Ich beschloss, alles auf die Karte meiner ersten laienhaften Diagnose zu setzen: Nierenstein. Ich gab Uwe die stärksten Schmerztabletten, die in der Apotheke ohne Rezept zu haben waren. Er stöhnte noch oft und fragte nach dem „lieben Doktor“, aber er schrie, als ich die optimale Medikation gefunden hatte, nicht mehr die Nächte durch. Vielleicht lag es daran, dass Uwe sehr leise war und gleichzeitig nie das Haus verließ, dass Frau Hingerl ihre Ankündigung, die Polizei zu rufen, vorerst nicht wahr machte.

Ich probierte einige der Hausmittel aus, die in den Internetforen von medizinischen Laien empfohlen wurden. Zum Beispiel forderte ich Uwe auf, Weißbier trinken und von einem Stuhl springen, um den Stein zu lösen und ihn dazu zu bewegen nach unten „durchzurutschen“. Wenn Uwe in einer schmerzfreien Phase war und wenn er etwas Mut hatte, machte er ein Spiel daraus und sprang mehrfach mit einem Ruck vom Stuhl, selbst wenn es ihm jedes Mal wehtat. Das Weißbier musste natürlich in Uwes Fall alkoholfrei sein und schmeckte ihm nicht, aber ich konnte ihm mit viel Geduld davon überzeugen, dass man manchmal eine bittere Medizin brauche, um gesund zu werden.

Nach einiger Zeit ging ich sogar dazu über, mit einem fiktiven „lieben Doktor“ zu telefonieren und von diesem ebenso fiktive Anweisungen entgegenzunehmen. „Wir sind in guten Händen, Uwe. Der liebe Doktor hat nur im Moment so viel zu tun, dass er dich nicht besuchen kommen kann. Aber er ist ein so guter Doktor, dass er weiß, was du gegen dein Bauchweh brauchst, ohne dass er dich sehen muss“. Vor allem gab ich ihm viel zu trinken, um den Stein „herauszuspülen“. Nach einigen Tagen erbrach Uwe nicht mehr in die Toilette. Seine Augenringe wurden heller, woraus ich schloss, dass er geschlafen hatte, und er konnte wieder klarer aus seinen Augen sehen.

Wir sahen uns in dieser Zeit, wenn ich auch tagsüber Zeit hatte, zwei oder drei Märchenfilme am Stück an. Uwe weinte oft, und ich wusste nicht genau, ob es wegen der Schmerzen war, oder weil die hübschen und lieben Prinzessinnen am Ende immer ihren Königssohn bekamen. Manchmal streichelte er mit seinen dicken Fingern zärtlich das Bild einer Prinzessin auf dem Bildschirm, der bei der Berührung ein leises Knacksen von sich gab. „Du biss meine liebe Braut“, stieß er hervor, den Märchentext zitierend. Es war ja klar, dass der noch ziemlich junge Mann eine Sehnsucht in sich spüren musste, deren Wesen er nicht annähernd begriff, geschweige denn dass er sein Verlangen hätte stillen konnte. Einmal stieß er hervor: „Sabine – meine liebe Braut“. Ja, da hätte sie wohl wie Schneewittchen aus dem Sarg auferstehen müssen.

„Sabine geht es bestimmt gut, Uwe“, versuchte ich ihn zu trösten. „Der liebe Doktor wird sie geheilt haben und sie wohnt wieder zuhause bei ihrer Familie. Ich weiß bloß nicht, wo, also können wir sie nicht besuchen. Sicher sehen wir sie mal wieder auf der Straße. Aber erst mal muss du selber wieder gesund werden.“

Uwe schien über diese Auskunft halbwegs beruhigt zu sein. Zusammen mit den Schmerzmitteln lenkten ihn die Märchenfilme wenigstens ab und machten sein Leben erträglich. Nach einer Woche behauptete Uwe, es tue ihm nichts mehr weh.

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