Warum wir uns den Schuld-Schuh anziehen

 in FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik, Roland Rottenfußer

„Macht macht Schuld, weil sie die Regeln festlegt, nach denen diese bemessen wird. Und Schuldgefühle sind oft der Versuch, den inneren Moralkompass wieder auf die Macht auszurichten.“ Zu einer Schuldkultur gehören immer zwei Seiten: Die Neigung von Einzelpersonen und Institutionen, Schuldvorwürfe zu erheben, ist die eine Seite; die offenbar grenzenlose Bereitschaft vieler Menschen, Schuldvorwürfe auch anzunehmen, ist die andere. In diesem leicht bearbeiteten Auszug aus seinem Buch „Schuldentrümpelung“ (mit Monika Herz) geht Roland  Rottenfußer vor allem der Frage nach, warum wir oft so leicht bereit sind, uns Schuldgefühle „in die Schuhe schieben“ zu lassen.

Ein Grund dafür könnte in dem Wunsch bestehen, sich mächtig zu fühlen. Der König in Antoine de Saint-Exupérys Buch „Der kleine Prinz“ befiehlt allmorgendlich der Sonne, aufzugehen. Abends befiehlt er ihr dann wieder unterzugehen. Und siehe da: Sie gehorcht. Was für eine Machtfülle! Natürlich hätte sich die Sonne auch ohne den Befehl des Königs so verhalten. Das Beispiel karikiert aber äußerst gekonnt die Manie vieler Zeitgenossen, ihren Zuständigkeitsbereich auf möglichst viele Bereiche zu erstrecken. Mag Eigenverantwortung auch teilweise unbeliebt sein; eng mit ihr verbunden ist Macht – die Macht über das eigene Schicksal und darüber hinaus über das Weltgeschehen. Und Macht gibt uns das beruhigende Gefühl von Kontrolle.

Vielleicht wird sich manche Leserin, mancher Leser nach der Lektüre dieses Artikels staunend fragt: „Wie konnte ich das so lange mit mir machen lassen? Hier richten wir den Blick nicht mehr auf Polizei, Justiz, Kirche, die Eltern oder den Chef – also auf Personen, die uns, die uns häufig Schuldgefühle einzureden versuchen –, sondern auf uns selbst, um zu zeigen, wie es geschehen konnte, dass wir uns ohne Seile fesseln ließen. Viele von uns sind Opfer, aber wir sind deshalb nicht automatisch bessere Menschen. Teilweise sind es Schwächen, die uns dazu verleiten, Schuldvorwürfe nur allzu bereitwillig anzunehmen, jedoch sind es nur allzu verständliche Schwächen.

Schuld-Solidarität

Im Folgenden werden wir einen weithin unbekannten Schuldtyp ins Auge fassen: die angemaßte Schuld. Der Begriff wird im Familienstellen nach Bert Hellinger angewandt und wirkt zunächst einmal befremdlich. Angemaßte Schuld ist freiwillig übernommene Schuld, die dem Betreffenden von Rechts wegen gar nicht zukommt, die er aber dennoch für sich in Anspruch nimmt. Menschen maßen sich normalerweise nur schmeichelhafte Dinge an: z.B. Kompetenz, Unfehlbarkeit oder das Recht, über andere zu urteilen. Durch Anmaßung wertet man sich selbst ungebührlich auf. Wie kann man sich aber etwas Unangenehmes wie Schuld anmaßen – und warum sollte man das überhaupt tun?

Meine Erfahrung aus persönlichen Gesprächen mit Menschen, die sich unnötig viel Schuld aufgeladen haben, ist diese: Überwiegend geschieht es aus Liebe. Es sind Menschen mit einem besonders empfindsamen Gewissen und viel Verantwortungsgefühl, die dazu neigen. Gerade die von Bert Hellinger genauer untersuchten Fälle, in denen Kinder die Schuld ihrer Eltern und Großeltern zu tragen helfen, deuten darauf hin. Oft sind es zutiefst berührende Geschichten über große Liebe und Anhänglichkeit nach dem Motto: „Ich helfe dir, es zu tragen.“ Die Betroffenen verdienen daher zunächst einmal ein Lob. Aus diesen Überlegungen heraus spreche ich eigentlich nicht gern von „Schuldanmaßung“. Hier von Anmaßung zu sprechen, wäre in gewisser Weise anmaßend. Lieber verwende ich eine andere Formulierung, etwa „freiwillige Übernahme von Schuld aus Motiven der Liebe und Solidarität“. Oder einfacher: „Schuld-Solidarität“.

Ein typisches Beispiel hierfür sind Schuldgefühle wegen der Verbrechen unserer Vorfahren während des Dritten Reiches.  Es ist gewiss richtig, sich über die Schrecknisse der Hitler-Diktatur zu informieren, sich die Schicksale der Opfer zu Herzen zu nehmen und daran mitzuarbeiten, dass dergleichen nie wieder geschehen kann. Anlass zur Nachdenklichkeit gibt es gewiss, gerade angesichts des momentanen Rechtsrucks in Deutschland. Manche Menschen, die in der Nachkriegszeit aufgewachsen sind, scheinen die damaligen Verbrechen jedoch ganz besonders als etwas „Eigenes“ zu empfinden. Sie betonen wieder und wieder die Kollektivschuld, indem sie z.B. verallgemeinernd die  Formulierung „wir Deutsche“ verwenden.

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich teilweise, wenn es um gegenwärtige politische Themen geht. So herrscht vielfach ein großes Bedürfnis, sich „fremd zu schämen“. Wenn z.B. Rechtsradikale eine Flüchtlingsunterkunft anzünden, findet sich in einer Zeitung sicher ein Kommentar mit dem Inhalt: „Es ist beschämend, dass dergleichen in unserem Land geschieht.“ Der Zuhörer bekommt so, mag er auch persönlich vollkommen unschuldig und Nazi-Gegner sein, unterschwellig vermittelt: „Ein bisschen bist du auch schuld. Wir alle sollten uns schämen.“ Es ist das gleiche „Wir“, das auch Papst gewesen ist oder Fußball-Weltmeister – nur hier ins Negative gewendet. Dieses meist ehrlich gemeinte Verantwortungsgefühl hat den Nachteil, dass es die Seele dessen, der Schuld-Solidarität übt, unnötig eindunkelt. Und zwar ohne dass den wirklich Schuldigen damit geholfen wäre – speziell, wenn es sich um verstorbene Täter handelt. Wir nehmen eine Last auf uns, ohne dass andere Personen um eben diese Last erleichtert werden.

Bei noch lebenden Tätern hat Schuld-Solidarität noch einen weiteren, erheblichen Nachteil: Nehmen wir einmal einen alltäglichen, weniger drastischen Fall. Ein älterer Bruder übernimmt die Schuld für einen jüngeren, der beim Nachbarn eine Fensterscheibe eingeschossen hat. Vielleicht tut er es aus wirklicher Liebe und Fürsorge, weil er meint, die Bestrafung durch seinen Vater besser wegstecken zu können als der „Kleine“. Vielleicht will er dem anderen aber auch eine Dankesschuld aufdrängen und erwartet eine Gegenleistung: etwa, dass der Jüngere ihm sein neues Smartphone leiht oder ihm künftig mehr gehorcht. Klar ist in jedem Fall: Wer sich Schuld anmaßt, raubt dem wirklich Schuldigen die Möglichkeit, seine Taten und deren Folgen angemessen zu bearbeiten. Die echte Schuld des Jüngeren gegenüber dem Besitzer des beschädigten Fensters bleibt unbearbeitet. Stattdessen wird eine falsche Schuld kreiert: gegenüber dem Bruder, der die Schuld stellvertretend trägt.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob Schuld-Solidarität nicht auch in manch anderen Fällen nach einer Belohnung „schielt“. Sei es, dass sich der „Nehmer“ bei einer Schuldübertragung die Liebe des „Gebers“ erkaufen will; sei es, dass es ihm einfach gut tut, sich als guter Mensch zu fühlen. Und es mag Grenzfälle geben, in denen Schuld-Solidarität einem Bedürfnis entspringt, sich wichtig zu fühlen. Jeder möchte eine Spur im Leben anderer Menschen hinterlassen, ähnlich einem Fußabdruck im Schnee. Dies kann durch positive wie durch negative Taten geschehen. Wer eine Schuld auf sich geladen hat, dessen Existenz hat wenigstens einen Unterschied gemacht – und sei es auch wegen einer Schuld, die gar nicht wirklich zu dem betreffenden Menschen gehört. Ein weiterer Grund für Schuld-Solidarität kann der Wunsch sein, sich als ein besonders eifriger Büßer darzustellen und auf diese Weise in der Gemeinschaft Anerkennung zu finden. Wir werden auf diesen Aspekt im nächsten Kapitel noch eingehen.

Wichtig ist uns aber festzustellen: Wer sich schuldsolidarisch verhält, verdient in der Regel Respekt. Er sollte dann dazu ermutigt werden, sich selbst nicht unnötig zu belasten.

Die Macht des Bindungsgewissens

Nun ist es an der Zeit, uns einem für unser Thema sehr wichtigem Begriff zuzuwenden: dem Gewissen. Das Gewissen kann mitunter eine sehr strenge Instanz sein, die auch dort noch munter Schuld verteilt, wo Justiz und Religion kein Problem sehen. Ein historisches Beispiel für einen solchen „Gewissenshelden“ ist Martin Luther. Er weigerte sich vor Gericht, seine Angriffe gegen den Papst zu widerrufen, „weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.“ Wurde das Gewissen bei Luther noch sehr stark mit der Stimme Gottes identifiziert, so empfanden es Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl und ihre Freunde eher als eine autonome Instanz im Inneren des Menschen.

Noch älter als diese beiden Varianten ist aber wahrscheinlich das Bindungsgewissen. Bert Hellinger versteht darunter eine mahnende Stimme, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe sicherstellt. „Überall, wo es Bindungen gibt, gibt es automatisch eine spontane Wahrnehmung: ‚Was gilt hier, damit ich dazugehören darf, und was muss ich tun und lassen, damit ich meine Zugehörigkeit nicht verliere?’ Das Wahrnehmungsorgan für diese Art der Wahrnehmung ist das Gewissen. Daher hat einer, der mehreren Gruppen angehört, auch verschiedene Gewissen.“

Den Wahrheitsgehalt von Hellingers Aussage kann man leicht nachprüfen. Jemand ist beruflich engagiert und Familienvater. Vernachlässigt er den Betrieb, hat er ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Chef; arbeitet er dagegen bis spät in die Nacht, hat er ein schlechtes Gewissen gegenüber seinen Kindern. Auch der Verrat an der „Volksgemeinschaft“ konnte etwa im Dritten Reich zu einer Quelle von Gewissensbissen werden. Paradoxerweise konnte es jemanden damals in Gewissensnot bringen, einen Feind nicht zu töten, einen versteckten Juden nicht zu verraten usw. Das Bindungsgewissen erwies sich oft als stärker als unklare Vorstellungen von Humanität.

Die Bindungen, die uns an die Wertvorstellungen unserer Eltern ketten, sind wohl die stärksten, die es gibt. Was wir als Kinder gehört haben, prägt sich so tief ein, dass wir selbst das Ergebnis plumper Manipulation später als unser „Ureigenes“ empfinden. Sigmund Freud machte das Gewissen am  so genannten Überich fest. Was wir an Normen und Regeln von unseren Eltern mitbekommen haben, verinnerlichen wir. Das im Unbewussten gespeicherte Abbild des mahnenden Vaters wirkt dann selbst in Abwesenheit des realen Vaters als strenger Zuchtmeister.

Wer im katholischen Raum vergisst, sich beim Betreten einer Kirche mit Weihwasser zu bekreuzigen, wird vielleicht ein leises Erschrecken fühlen und denken: „Das tut man nicht.“ Das schlechte Gewissen ist hier das Ergebnis von Hunderten kleiner Manipulationen durch Eltern, Nachbarn und Priester, die sich im Kopf festgesetzt haben. Wendet sich ein so konditionierter Mensch dann als Erwachsener von der Kirche ab, kann das Bekreuzigen dennoch als Zwangshandlung weiterleben.

Omar Khadr, der aus einer Familie von Al-Kaida-Kämpfern stammte, trieb sein Bindungsgewissen dazu, schon mit 15 Jahren in Afghanistan gegen die Amerikaner zu kämpfen. Seine Bewacher in Guantanamo Bay folterten ihn dann ebenso „gewissenhaft“. Vielleicht entsprach ein solches Verhalten den Vorstellungen ihrer Eltern von einem „guten Amerikaner“.

Wie es scheint, ist das Gewissen ein nebulöses, beliebig formbares Ding, das wir zu Unrecht mit Standfestigkeit identifizieren. Sollten wir das Gewissen nicht ganz aus dem Fundus unserer positiven Werte streichen? Positiv ist es sicher zu werten, wenn damit unser innerster, ureigener ethischer Impuls gemeint ist. Das Gewissen als Wahrnehmungsorgan für Verletzungen des Rechts auf Würde, der Heiligkeit und Einheit allen Lebens. Wenn wir selbst dagegen verstoßen, indem wir anderen Leid zufügen, kann sich ein „gesundes“ Gewissen in Form von bohrendem Unbehagen melden.

Unser Thema ist aber, warum wir dazu neigen, uns den Schuh von Schuldvorwürfen, die von anderen Menschen kommen, nur allzu gern anzuziehen. Hier spielt sicher das anerzogene Bindungsgewissen eine Rolle. Es repräsentiert nicht unser Innerstes, sondern ist der Abdruck äußerer Erziehungsmaßnahmen in unserer Seele. Diese Art von Gewissen sichert unsere Zugehörigkeit zur Gruppe und dient als Alarmsystem, wenn wir riskieren, aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden.  Die Angst, verstoßen zu werden, reicht sehr tief in archaische Schichten unseres Bewusstseins hinein. Bei manchen Tierarten sichert allein die Herde das Überleben in der Wildnis; ausgestoßen zu werden, kommt einem Todesurteil gleich.

Auch bei uns Menschen lebt es sich nicht leicht außerhalb der wichtigen sozialen Zugehörigkeitssysteme, ob es dabei nun um Familienverbände geht, um Firmengemeinschaften oder um die Gesellschaft der gesetzestreuen Bürger als Ganzes. Als letzte Chance, in der Gemeinschaft zu verbleiben, dienen oft Rituale der Schuldannahme. Wer eine Regel verletzt hat, kann sich ihr nachträglich und symbolisch unterwerfen, indem er Schuld eingesteht und so die Berechtigung des Verbots oder der Vorschrift bestätigt. Auf diese Weise fühlen sich die anderen Mitglieder der Gemeinschaft sicher vor weiteren Angriffen auf ihre Ordnung und können den Regelverletzer weiter in ihren Reihen dulden.

Dabei ist das Bekennen von Schuld, wie wir in einem späteren Kapitel noch sehen werden, ein wichtiger Schritt zur Verarbeitung negativer Taten. Vorausgesetzt, dass eine wirkliche Schuld vorliegt. Im Moment geht es jedoch um Schuldzuweisung, die keine wirkliche Grundlage hat. Wer in so einem Fall vorschnell „bekennt“, um wieder in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, läuft Gefahr, sich selbst und sein ureigenes Gerechtigkeitsgefühl zu verraten.

Identifikation mit der Macht

Im privaten Bereich besiegeln wir einen solchen Akt der Unterwerfung z.B. durch eine Entschuldigung. Bei Gesetzesverstößen kann dies durch ein Schuldeingeständnis vor Gericht, verbunden mit der Zahlung einer Geldstrafe, erfolgen. Diese Unterwerfungsgesten sind für uns aber mit einem unangenehmen Gefühl der Demütigung verbunden. Manchmal fühlen wir uns dabei machtlos und feige, weil wir unserem ursprünglichen Impuls aufzubegehren aus Angst nicht gefolgt sind. Jeder kann dies nachvollziehen, der schon einmal eine Geldstrafe wegen Verstoßes gegen eine Vorschrift bezahlen musste, deren Sinn er nicht eingesehen hat. Der aufkeimende Zorn über diese Erniedrigung kann abgemildert werden, wenn wir uns sagen: „Vielleicht haben die ja doch recht, vielleicht habe ich wirklich etwas Schlimmes getan. Die Aggressivität, die wir zunächst gegenüber den Autoritäten empfunden haben, richten wir dann gegen uns selbst. „Ich bin schuld“ ist ein Satz, der unseren Umgang mit Autoritäten erheblich leichter macht. Anders verhält es sich, wenn wir sagen: „Du bist schuld.“ Dieser Satz ist höchst gefährlich und beängstigend, denn seine Konsequenz wäre, dass wir aufbegehren müssten. Die Weigerung, Schuld einzugestehen und symbolische Unterwerfungsgesten zu vollziehen, brächte uns in einen Konflikt mit der Macht, in dem wir vermutlich unterliegen würden.

Schon ein Kind lernt dieses Verhalten, wenn die übermächtigen Eltern ihm einreden, es sei „böse“. Ein Kind ist existenziell von Mutter und Vater abhängig und besitzt nicht die rhetorische Fähigkeit, zu sagen: „Nicht ich bin falsch – euer Normensystem ist es.“ Erst recht nicht hat es die Macht, diese eher gefühlte als bewusst durchdachte Erkenntnis gegenüber den Eltern durchzusetzen. Also bleibt ihm nur, seine vermeintliche Schuld einzugestehen und sich „lieb Kind“ zu machen. Der Kuhhandel lautet: „Ich gebe meine eigene Auffassung von Gerechtigkeit auf und bekomme dafür die Vergebung der Mächtigen.“ In extremen Fällen kann das als Selbstverrat erlebt werden und das Selbstvertrauen des Betroffenen schwer schädigen.

Ein Schuldeingeständnis kann also eine Unterwerfungsgeste sein, die den Makel der Feigheit zu vermeiden sucht. Ein Schuldeingeständnis erlaubt uns, wieder in Harmonie mit einer Macht zu gelangen, der wir uns hoffnungslos unterlegen fühlen. Solche seelischen Vorgänge machen sich die meisten nicht bewusst. „Wenn ich sage ‚ich bin unschuldig‘, muss ich kämpfen; wenn ich sage ‚ich bin schuld‘, habe ich Ruhe.“ Damit erklärt sich zum großen Teil der Erfolg des Modells „Schuld“ als ein prägender Aspekt unserer Kultur. Viele empfinden jedoch Unbehagen dabei, eine Schuld einzugestehen, an die sie selbst nicht glauben. Deshalb gehen sie auch den zweiten Schritt und beginnen, die Schuld ganz in ihr Innerstes hineinzunehmen: „Wenn ich nicht nur so tue, als wäre ich schuldig, sondern dies wirklich zutiefst glaube, verachte ich mich nicht mehr für meinen Selbstverrat.“ Dies erklärt teilweise das traurige Phänomen einer von Schuld niedergedrückten Menschheit.

Bei vielen Menschen scheint auch eine Grundbereitschaft vorhanden zu sein, aus einer Lebensangst heraus bei Mächtigen „unterzukriechen“. Dies fängt am Arbeitsplatz an. Auch dort gilt: „Wes Brot ich ess‘, des Regeln ich befolg‘“. Dazu gehört auch das moralische Koordinatensystem des Chefs, dem ein Angestellter sich anpassen muss, dessen Vorstellung von korrektem Verhalten und von Schuld. Für manche Vorgesetzte ist schon eine Verspätung von wenigen Minuten ein der Sühne bedürftiges Verbrechen; andere stört das Zuspätkommen überhaupt nicht. In bestimmten Betrieben macht sich auch eine ungesunde Vermischung von Freizeit und Arbeitszeit breit oder eine Art „Zwang zur Ungezwungenheit“ im persönlichen Umgang. Die Regeln können wechseln, der Anpassungsdruck bleibt gleich.

Woher also kommt die Bereitschaft vieler Menschen, Schuldvorwürfe anzunehmen? In vielen Fällen ist es schlicht Angst: die Angst vor dem Verlust von Arbeit und Status oder von besonders wertvollen Beziehungen; die Angst um die materielle Existenz oder das seelische Gleichgewicht. Macht macht Schuld, weil sie die Regeln festlegt, nach denen diese bemessen wird. Und Schuldgefühle sind oft der Versuch, den inneren Moralkompass wieder auf die Macht auszurichten.  Diese Erkenntnis ist nicht sehr angenehm, aber „wahre Worte sind nicht schön“ (Lao Tse).

Jedoch nicht  weitere Selbstvorwürfe sind die richtige Schlussfolgerung daraus, dass wir uns manchmal bei nur allzu bereitwilliger Kooperation mit Schuldschöpfern ertappt haben. Vielmehr sollten wir jetzt sanft mit uns umgehen wie mit jemandem, der allmählich von einer Krankheit genest oder aus einem schweren Alptraum erwacht ist. Wir sollten uns vornehmen, die gewachsene Einsicht in die Zusammenhänge zu nutzen, um es in Zukunft besser zu machen.

 

Buchtipp:

Monika Herz, Roland Rottenfußer

Schuld-Entümpelung. Wie wir uns von einer erdrückenden Last befreien

Goldmann Verlag

256 Seiten, € 9,99

 

 

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