Was über Günter Grass gesagt werden muss

 in Kultur, Roland Rottenfußer

BlechtrommelAus Anlass des Tode von Günter Grass wiederholen wir hier einen Artikel, der vor ca. 2 1/2 Jahren geschrieben wurde. Die Emotionen kochten damals wegen des Israel-Gedichts des Literatur-Nobelpreisträgers sehr hoch. Der Artikel beleuchtet aber auch einige andere Stationen im Leben und Schaffen von Grass, seine Bemühungen um Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit, seinen ungnädigen Umgang mit der deutschen Wiedervereinigung und den nicht immer trittsicheren Umgang mit dem Neoliberalismus der letzten Jahrzehnte. (Roland Rottenfußer)

Das Israel-Gedicht des Literatur-Nobelpreisträgers stieß – freundlich ausgedrückt – auf ein gemischtes Echo. Viele wollen wegen einiger zweifelhafter Formulierungen nun gleich die Literaturgeschichte umschreiben und meinen, der Schöpfer von „Blechtrommel“ und „Butt“ sei schon immer ein schlechter Autor gewesen. Ist er nicht. Grass Bücher packen wichtige Themen wie Krieg, Umweltzerstörung und Feminismus in eine plastische, eigenwillige Sprache. Auffällig ist aber eine lebenslange Fixierung auf das Dritte Reich, die biografisch begründet ist. Grass Doppelfunktion als Chefankläger und ertappter Sünder hat die Glaubwürdigkeit des Meisters erschüttert. Sie macht ihn aber zu einem spannenden Fallbeispiel für deutsche Vergangenheitsbewältigung.

Sigismund Markus ist ein Spielzeughändler, ein bescheidener, freundlicher, etwas melancholischer Mann. Er ist heimlich und hoffnungslos verliebt in Agnes, eine seiner Kundinnen. Agnes, die mit ihrem kleinen Sohn in den Laden kommt, um immer wieder das gleiche Produkt zu kaufen: eine Blechtrommel. Die alten Instrumente werden von Oskar, so heißt der Bub, regelmäßig durch Abnutzung unbrauchbar gemacht. Eines Tages findet Oskar den Spielzeughändler in seinem Laden tot vor. Es ist der 10. November 1938, der Tag nach der Reichskristallnacht. Und Sigismund Markus ist Jude. Für Oskar ist der Verlust des Trommel-Nachschubs eine Katastrophe. Sein Vater, der Kolonialwarenhändler und SA-Mann Alfred Matzerath, sieht das nicht so eng. Er freut sich, als heilige Schriften der Juden dem Feuer preisgegeben werden: „Der Berg wurde in Brand gesteckt, und der Kolonialwarenhändler benutzte die Gelegenheit und wärmte seine Finger und seine Gefühle über dem öffentlichen Feuer.“

Günter Grass Roman „Die Blechtrommel“ erschien 1959. Damals waren Bücher, Fernsehdokumentationen und Hollywoodfilme über die Verbrechen der Nazis an den Juden noch dünn gesät. Deutschland duckte sich weg in die Verdrängung und Verleugnung. Ein kühner, in mehrfacher Hinsicht fast monströser Wurf war diese „Blechtrommel“. In einer prallen, unerhörten Sprache wurde die jüngste Vergangenheit ans Licht gezerrt, wurde dem Kleinbürgertum seine Verstrickung in das Grauen der Hitler-Diktatur vorgehalten. „Ein ganzes leichtgläubiges Volk glaubte an den Weihnachtsmann. Aber der Weihnachtsmann war in Wirklichkeit der Gasmann. Ich glaube, dass es nach Nüssen riecht und nach Mandeln. Aber es roch nach Gas.“

„Antisemit“ mit „Wortdünnschiss“

Mehr als 50 Jahre später sah sich derselbe Günter Grass unter einer Lawine von Beschimpfungen begraben. „Der Antisemitismus will raus“, titelte Zeit online. Auf welt.de erklärte Henryk M. Broder: „Grass hatte schon immer Probleme mit Juden, aber so deutlich wie in diesem ‚Gedicht’ hat er es noch nie artikuliert.“ Von einer „logorroeischen Explosion“ war die Rede – Wortdünnschiss. Rolf Hochhuth schrieb im „Münchner Merkur“ an Grass Adresse: „Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat.“ Einmal Nazi, immer Nazi, bedeutete dieser Vorwurf. Grass hatte in seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ 2006 erstmals öffentlich zugegeben, dass er im letzten Kriegsjahr Angehöriger der Waffen-SS gewesen war. Der vorletzte Großskandal des Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträger.

Sein letzter stellt alles in den Schatten, was der streitbare Dichter in einem halben Jahrhundert an Staub aufgewirbelt hatte. Ein kurzes Gedicht war es nur, Prosasätze in Versform, kaum als Lyrik zu erkennen. „Was gesagt werden muss“ war es betitelt. Und von Beginn an wurde darin der spätere, reale Skandal selbst zum Thema. Er habe zu lange geschwiegen, so der Dichter, auch aus Furcht vor dem Vorwurf „Antisemitismus“. Nun aber müsse die Wahrheit ans Licht. Das von Israel „behauptete Recht auf den Erstschlag“ könne das „iranische Volk auslöschen“. Deutschland, „das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird“, liefere nun ein weiteres U-Boot an Israel. Dieses habe die Fähigkeit, Sprengköpfe in den Iran zu lenken, „wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist.“ Gleichzeitig nennt Grass Israel ein Land, „dem ich verbunden bin und bleiben will.“ Indirekt sagt der Nobelpreisträger, Deutsche sollten Israel nicht trotz, sondern wegen der Nazivergangenheit kritisieren: „auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.“

„Fall Grass“: Brennpunkt der Nachkriegspsyche

Auch faire Rezensenten des Gedichts waren sich weitgehend einig, dass Grass zu weit ging, wenn er die „Auslöschung“ des iranischen Volkes an die Wand malte. Der Autor habe die aggressive Vernichtungsrhetorik eines Ahmadinedschad verleugnet, gegen die sich Israel schützen müsse. Grass, so mehrere Kommentatoren, verwechsle Ursache und Wirkung, potenzielle Opfer und Täter. Marcel Reich-Ranicki fasste zusammen: „Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil.“ Ich kann in diesem Rahmen nicht ausführlich auf den Israel-Palästinenser-Konflikt eingehen, stimme aber den gemäßigten Grass-Kritikern in der Tendenz zu. Manche Äußerungen zum Thema sind jedoch ihrerseits unfaire Übertreibungen. So Broders viel zitierte Behauptung: „Grass ist der Prototyp des gebildeten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint. Von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und zugleich von dem Wunsch getrieben, Geschichte zu verrechnen, tritt er nun an, den ‚Verursacher der erkennbaren Gefahr’ zu entwaffnen.“

Mehr als ein moralisches Urteil interessiert es mich, herauszufinden, was Günter Grass antreibt. Wie passen seine Israel-Kritik, seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS und die einfühlsame Beschreibung der Pogrome an den Juden, etwa in der „Blechtrommel“, zusammen? Bei näherer Betrachtung ergibt sich ein „Symptomkomplex“, der im Zusammenhang durchaus Sinn macht. Eine lebenslange Fixierung auf die Themen Schuld, Scham und Verdrängung, auf das Dritte Reich und das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden prägt das Werk des „Großschriftstellers“. In diesem Ringen lösen sich Beklemmung und Verklemmtheit, Angemessenheit und Übertreibung, Zerknirschung, Selbstvorwurf und entlastender Gegenvorwurf in einer Weise ab, die unausgegoren wirkt. Trotzdem oder gerade deshalb illustriert der „Fall Grass“ die deutsche Nachkriegspsyche auf das Trefflichste.

SS-Mann und „Gewissen der Nation“

Beginnen wir mit der Vergangenheit in der Waffen-SS: Günter Grass wurde im November 1944 im Alter von 17 Jahren zur 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“ der Waffen-SS einberufen. Nach eigenen Angaben war er nicht an Kriegsverbrechen beteiligt und gab keinen Schuss ab. Grass erklärt im „Häuten der Zwiebel“: „Die Wahrheit ist, dass ich eingezogen wurde, wie Tausende von Jugendlichen in meinem Alter“. Unbehagen über die plötzliche Enthüllung im Jahr 2006 äußerte u.a. der Hitler-Biograf Joachim Fest. Er fragte, „wie sich jemand 60 Jahre lang ständig zum schlechten Gewissen der Nation erheben kann, gerade in Nazi-Fragen – und dann erst bekennt, dass er selbst tief verstrickt war.“ Man kann Grass milder beurteilen und fragen, wer von uns im Alter von 17 das Zeug zum Widerstandskämpfer gegen ein übermächtiges Gewaltregime gehabt hätte. Trotzdem stimmt die Beobachtung: Auf der einen Seite ist da „der penetrante moralische Rigorismus“ (Max A. Höfer) des intellektuellen Mahners. Auf der anderen Seite „verschwiegene Scham und Schuld“.

Falsch ist die Annahme, Günter Grass hätte für sich selbst jemals moralische Unfehlbarkeit in Anspruch genommen. In einem seiner Gespräche aus der „Blechtrommel“-Zeit sagte der Autor: „Ich könnte für mich nicht garantieren, so wie ich bis 1945 aufgewachsen bin – drei Jahre früher geboren, vier Jahre früher geboren, hätte ich unter Umständen in verbrecherische Vorgänge tätig hineinverwickelt sein können. Ich kann nicht dafür garantieren, ob ich da Abwehrkräfte genug gehabt hätte. Ich glaube nicht, ich war dafür nicht ausgebildet, nicht ausgerüstet.“ Hier räumt Grass eine fiktive Schuldanfälligkeit ein, ohne sein reales Schuldgefühl zu benennen. Seine Sühneleistung war von Anfang an das literarische Schreiben. „Ich gehe davon aus, dass ein Schriftsteller von Buch zu Buch die Summe seiner Figuren ist, inklusive die SS-Männer, die darin vorkommen; und er muss diese Figuren, ob er will oder nicht, auf literarische, kühle, distanzierte Art lieben können, er muss in sie hinein können; er kann sich nicht von ihnen distanzieren und sie einfach angewidert ‚die anderen’ nennen.“

Das Verlorene schreibend wiederherstellen

Hier äußert sich der Dichter ehrlicher als es die meisten gewagt hätten. Trotzdem ist seine Domäne schon seit den 50ern die schonungslose Analyse, der anklagende Fingerzeig auf die Schuld der anderen. „Hitler als Dämon und das deutsche Volk verführt – diese These ist falsch, abgrundtief verlogen und falsch, und wirkt doch bis heute nach in Formulierungen wie, es seien im Namen der Deutschen Verbrechen begangen worden. Mir kam es darauf an zu zeigen, dass alles am helllichten Tag geschehen ist.“ Zugleich klingt in der „Danziger Trilogie“ (bestehend aus „Die Blechtrommel“, „Katz und Maus“ und „Hundejahre“) auch der Verlust der Heimat an. Grass Frühwerk ist ein Abgesang auf Danzig, das „auf begründete Art und Weise verloren ist durch deutsche Schuld.“ Schreiben wird so zum „Antrieb, mir zumindest literarisch, mir schreibend das wiederherzustellen, was verloren war.“

Als Kriegsteilnehmer wie als Heimatvertriebener könnte sich bei Grass also das Gefühl eingestellt haben, Opfer zu sein. Dies wurde aber verdrängt und überlagert durch ein stärkeres Empfinden: kollektiv zur Täternation zu gehören. Im Israel-Gedicht von 2012 scheint die Kränkung eines Büßers durch, dessen Sühne- und Aufarbeitungsleistung nicht gewürdigt wurde, der „Mal um Mal“ von der Vergangenheit eingeholt wurde. War Grass nicht der gewichtigste literarische Zeuge des Dritten Reiches gewesen? Hat er nicht entscheidend dazu beigetragen, dass „Nazi-Stoffe“ für Nachkriegsgenerationen geradezu zum Inbegriff von Niveau geworden sind? Hat er nicht von den deutschen Verdrängungskünstlern dafür Prügel einstecken müssen, dass er deren kleinbürgerliche Schuldverstrickung erbarmungslos ans Licht zerrte?

Mit der SPD im Schneckentempo

Kein wichtiger Charakterzug des Günter Grass kann unabhängig von seiner Fixierung auf die Nazi-Vergangenheit betrachtet werden. Schon gar nicht seine Nähe zur SPD, sein betont anti-extremistischer Reformismus. Bei einer Rede im Jahr 1969 betonte er: „Ich bin ein Gegner der Revolution. Ich scheue Opfer, die jeweils in ihrem Namen gebracht werden müssen. Ich scheue ihre übermenschlichen Zielsetzungen, ihre absoluten Ansprüche, ihre inhumane Intoleranz. (…) Revolutionen ersetzten Abhängigkeit durch Abhängigkeit, lösten den Zwang durch den Zwang ab.“ Sein praktische Konsequenz: Massive Wahlkampfhilfe für die SPD, vor allem in der Ära Brandt: Der Schriftsteller begab sich herab in die Niederungen der Tagespolitik, rief dazu auf, das „kleinere Übel, die gute alte Tante“ zu wählen – „mein schlechtes Gewissen, mein Ärgernis, meine schwach begründete Hoffnung SPD.“ Wenn so Liebeserklärungen aussehen, möchte man nicht von Günter Grass gehasst werden. Seine Wahlkampf-Erfahrungen verarbeitete der Dichter-Politiker 1972 in seinem „Tagebuch einer Schnecke“: Der Dichter, dessen Markenzeichen Ekelgetier auf dem Buchtitel sind, wählte die Schnecke nicht ohne Grund als Symbol. Besser langsam voranschreiten auf dem Weg zu einer menschlichen, sozialen Demokratie als große Sprünge machen und auf die Nase fallen!

Der Grasssche Reformismus der Langsamkeit speist sich aus dem anti-ideologischen Affekt des Nachkriegsmenschen. Zwei Diktaturen der unduldsam Rechtgläubigen auf deutschem Boden waren bzw. sind genug. Helmut Schmidt sagte im selben Geist: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. Konsequenterweise unterschätzte Grass die 68er-Studentenbewegung und kanzelte die revoltierenden Buben mit altväterlichen Belehrungen ab: „Auch die betrübliche Feststellung, dass die überlieferte, vormals rechtsgerichtete deutsche Studentenlust, ein paar flotte Jahre lang den Spießer ärgern zu wollen, nun in linke Kostüme geschlüpft ist, ist nur ein Symptom mehr für den pseudo-revolutionären Charakter einer modischen Bewegung, die am Ende nur eins offenbar gemacht hat: wie zerstritten die radikale Linke insgesamt ist und wie blind sie sich der Alternative stellt: dem mühsam langfristigem Versuch, die Republik endlich beginnen zu lassen.“

Keine Wiedervereinigung wegen Auschwitz?

20 Jahre später endete die so bußfertige wie behagliche Bonner Republik mit einem Paukenschlag. Grass erste Reaktion auf die Aufbruchsstimmung der Wiedervereinigung war der „lästige“ Hinweis auf die Vergangenheit: das Dritte Reich. Nach Auschwitz habe das deutsche Volk die Wiedervereinigung nicht verdient. „Uns sollte bewusst sein“, sagte er im Februar 1990, „wie viel Leid dieser Einheitsstaat verursacht, welch Ausmaß Unglück er anderen und uns gebracht hat. Das unter dem Begriff Auschwitz summierte und durch nichts zu relativierende Verbrechen Völkermord lastet auf diesem Einheitsstaat.“ Es war ungnädig und wenig vorausschauend, künftigen Generationen bis Ultimo die Zweistaatlichkeit als Bußübung aufzuerlegen. Trotzdem: Im entscheidenden historischen Moment wurde der störrische Schnauzbartträger seiner Rolle als kritischer Intellektueller gerecht. Grass brachte das Humtata der Wende-Euphorie durch störende Trommelschläge aus dem Takt. Inmitten ergriffener „Helmut“-Rufe legte er den Finger in die Wunde und zeigte, wie die DDR zur Beute des Kapitalismus wurde.

Glänzend seine Analyse im 1991 erschienen Essay-Band „Gegen die verstreichende Zeit“: „Unterm Strich gerechnet, bleibt immerhin positiv zu bilanzieren, dass es den westdeutsche Handelsketten gelungen ist, ihren Markt zu erweitern, die Gunst der Stunde flächendeckend zu nutzen, das ‚drüben’ einheimische, ohnehin minderwertige und schlecht verpackte Produkt zu verdrängen und – ohne investieren zu müssen – ein Schnäppchen zu machen, ein Schnäppchen namens DDR.“ Auch der Roman „Ein weites Feld“ (1995), wie man ihn literarisch auch einschätzen mag, war als früher Versuch, eine angemessene Antwort auf die Verwerfungen des DDR-Anschlusses zu geben, respektabel. Noch 1997 zeigte sich Grass auf der Höhe seiner Zeit, als er anlässlich einer Preisverleihung an Yasar Kemal sagte: „Ich schäme mich meines zum bloßen Wirtschaftsstandort verkommenen Lands, dessen Regierung todbringenden Handel zulässt und zudem den verfolgten Kurden das Recht auf Asyl verweigert.“

Mit Westernhagen auf Schröder-Linie

Der 1999 zum Nobelpreisträger erhobene Großschriftsteller registrierte jedoch nicht mit genügender Schärfe, dass in der Schmidt- und der Kohl-Ära aus dem Schneckentempo des Reformismus ein Rückwärtsgang geworden war. Dieser Teilblindheit entspringt seine peinlichste öffentliche Äußerung. In der Anzeigenkampagne „Auch wir sind das Volk“ protestierte Grass gegen die Proteste gegen Hartz IV – zusammen mit Roland Berger, Dieter Hundt und Marius Müller-Westernhagen. Die Schröder-Reformen seien „überlebensnotwendig für den Standort Deutschland“. Der Kanzler habe getan, was getan werden müsse. „Wir hoffen, dass er den Parolen der Populisten von links und rechts, die gnadenlos die Sorgen der Betroffenen für ihre Zwecke ausbeuten, Stand hält“. Und als Resümee: „Wir haben das Jammern über Deutschland satt“. Im Nachhinein erscheint die Anzeige als in der Übertreibung fast skurriles Zeitdokument aus der Blütezeit des Neoliberalismus. Traurig ist, dass Günter Grass nicht nur auf Benutzung seines kritischen Verstandes, sondern – durch Nachbeten neoliberaler Worthülsen – auch auf eine eigenständige Sprache verzichtet hat

Auch diesen Ausrutscher mag man als versuchten Kompromiss mit der Realität verstehen – vor dem Hintergrund ebenso hoch fliegender wie entsetzlich gescheiterter Utopien. Lebenslang hatte der Schriftsteller seine vornehmste Aufgabe darin gesehen, die ihn umgebende Realität nach Nazihaftem abzusuchen, um das Gefundene wortgewaltig anzuprangern. Daran gemessen erscheint der Hass, der Grass jetzt wegen seines Israel-Gedichts entgegenschlägt, besonders tragisch. Selbst seine Israelkritik kommt nicht aus schlichtem Mitgefühl mit den Palästinensern. Sie ist Pflichtübung mit Blick auf die deutsche Kollektivschuld, die es verbietet, bei einem möglichen neuen Menschheitsverbrechen zu assistieren. Gerade als der Dichter die Lehren aus der Vergangenheit am mustergültigsten zu ziehen versuchte, holte ihn der Nazi-Schatten ein. Der eifrigste Antifaschist stand als Antisemit am Pranger. Das scheint ungerecht, liegt aber in der Logik des Schattens, der sich immer dort am schwärzesten zeigt, wo verzweifelt das Licht gesucht wird.

Selbstentlastung und Schuldkomplex

Es trifft wahrscheinlich zu, was von Grass-Gegnern über dessen Psychodynamik gesagt wurde: Die Schuld anderswo zu suchen – speziell bei denen, die bisher immer Opfer waren, den Juden – dient der seelischen Entlastung von einem unerträglichen Gefühl der Scham. Berüchtigt ist ein Interview des Schriftstellers mit dem israelischen Journalisten Tom Segev, in dem er sagte: „Der Wahnsinn und die Verbrechen äußerten sich nicht nur im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt. Der Rest wurde liquidiert.“ Die Zahl ist stark übertrieben. Eine gute Million dürfte umgekommen sein. Schlimm genug, aber warum erfindet Grass fünf Millionen Tote dazu? Vielleicht weil die Bilanz auf die Zahl sechs Millionen hinausläuft. So viele Juden wurden von den Nazis ermordet.

Mit solchen Fehlleistungen gibt Grass seinen Gegnern willkommene Passvorlagen. Dabei haben sich letztere aber nicht mit Ruhm bekleckert. Sie gefallen sich öffentlichkeitswirksam in kaltem Scharfsinn ohne jegliches Einfühlungsvermögen. Grass Straucheln hat mit der Frustration eines besessenen Büßers zu tun, dessen Bußbemühungen nicht anerkannt wurden und die gefühlte Befleckung nie ganz auslöschen konnten. Sein Werk, speziell das Israel Gedicht, erscheint zerrissen, weil darin „korrekte“ Äußerungen mit solchen abwechseln, in denen Überdruss an dem hartnäckig gegen Deutschland vorgebrachten Schuldvorwurf durchblitzt. Wir Spätgeborenen, mit „helleren“ Gemütern begabt, sollten nicht zu streng darüber urteilen. Wer die deutschen „Kollektivschuld“ nie wirklich auf seine Seele genommen hat, kann zu Themen wie Deutsche Einheit, Israel oder Antisemitismus leicht unbefangen reden. Grass konnte es nie. Er versuchte sich zu entlasten, nachdem er auf seiner Belastung und der Deutschlands über Jahrzehnte selbstquälerisch herumgeritten war.

Deutschland – der gekränkte Büßer

Es wurde im Zusammenhang mit dem Israel-Gedicht auch das böse Wort vom „Ende des kritischen Intellektuellen“ laut. Da zeigt sich die eigentliche Stoßrichtung des Grass-Bashings, das der Dichter durch Ungeschicklichkeit zwar mit verursacht hat, das aber in seinem Ausmaß ungerecht ist. Gibt es bald keinen Dichter-Intellektueller mehr, der es wagt anzuecken, der Unkenrufen gegen das allgemeine Schweigen setzt, der lieber einen Fettnäpfchentritt riskiert als konsensfähig zu erstarren? Das würde manchen Kritikern so passen. Grass repräsentiert wie kaum ein anderer den traumatisierten, den verschämten, den zornigen, den zerrissenen, den um Vergebung ringenden Nachkriegsdeutschen. Deutschland als der gekränkte Büßer, und Grass als sein Vorzeigesünder und Chefankläger in einem – das ist der Kern des Problems. In diesem Sinn hat sein Werk mit all seinen Brüchen Größe

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