Was wir gelernt haben – könnten

 in FEATURED, Kultur, Philosophie, Politik

Gemälde: Tizian, der Raub Europas

Europa ist obsolet geworden. Der Werteverfall auf dem Mutterkontinent der „freien Welt“ wurde zuletzt durch die Flüchtlingskrise offenkundig. Von „Westlessness“ oder „Hass auf den Westen“ (Jean Ziegler) ist die Rede.  Gleichzeitig zeigen sich Symptome innerer Spaltung in einen rechtsautoritär regierten und einen noch leidlich liberalen Teil. Die Trennung vollzieht sich auch innerhalb der einzelnen Nationalgebilde. Stets wird von Politik und Medien auch die Angst geschürt, von nichteuropäischen globalen „Wettbewerbern“ überholt und aus dem Zentrum heraus an den Rand gedrängt zu werden. Wie könnte Europas ursprüngliche Vision bewahren – und worin läge eine solche überhaupt? Wie kann Selbstaufgabe verhindert werden, ohne dass sich Europa zugleich in anachronistischer Kolonialherren-Überheblichkeit noch immer als Lehrmeister aufspielt, an dessen Wesen die Welt genesen soll? „Europa ist keine Leitkultur mehr, die andere belehren will, sondern eine Anleitung zum Selbstdenken“, schreibt der Germanistik-Professor Jürgen Wertheimer. Sein gewichtiges Buch „Europa – die Geschichte seiner Kulturen“ argumentiert vor allem entlang der reichen Kulturgeschichte. Für ihn ist Europa kein Hort in Stein gemeißelter „Werte“, sondern ein offener Debattenraum, in dem Denkformen und und Lebensentwürfe immer neu unter den Beteiligten verhandelt werden können. Jürgen Wertheimer

Man hätte dieses Buch auch »Kontinent der Widersprüche«, »Kontinent der Kontraste«, »Kontinent der Paradoxien« nennen und von Beginn an darauf hinweisen können, dass Europa immer dann in Schwierigkeiten geriet, wenn es Eindeutigkeit, Einseitigkeit, Eindimensionalität und Alternativlosigkeit demonstrieren wollte. Ein »Hier stehe ich und kann nicht anders« war mit der europäischen Realität höchst selten vereinbar. Es gibt immer eine zweite, dritte Lösung, über die man nachdenken muss, die man ausdifferenzieren kann. Den Vorwurf, wir seien zu kompliziert, zu skrupulös, sollten wir ertragen, ihn vielleicht sogar als Kompliment begreifen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich ein sehr spezielles Muster ausdifferenzierter Wahrnehmung herausgebildet, eine subtile Verweigerungshaltung und die Fähigkeit, niederfallenden Grenzbalken reaktionsschnell auszuweichen, um den eigenen Kopf zu retten. Wir haben ein sehr spezielles Persönlichkeitsprofil herausmodelliert, dessen Erbe wir nicht zugunsten einer Massen- und Konsumkultur verraten dürfen, sondern das wir stattdessen widerständig stärken sollten. Der sanfte, unspürbare Übergang von einer kritischen in eine geleitete Demokratie, in der die Individualität und Kreativität Zug um Zug aufgelöst werden, wäre sonst kaum mehr aufzuhalten. Es ist an der Zeit, das mentale Autoimmunsystems Europas auf Kosten der globalen Gleitfähigkeit mit allen Mitteln zu stützen. Und immer weiter zu fragen, nachzuhaken, wie Heinrich Heine in seinem Gedicht »Zum Lazarus«, ohne sich mit tönenden, tönernen Floskeln abspeisen zu lassen: »Also fragen wir beständig,/ bis man uns mit einer Handvoll/Erde endlich stopft die Mäuler –/Aber ist das eine Antwort?«1

Europa ist keine Leitkultur mehr, die andere belehren will, sondern eine Anleitung zum Selbstdenken. In diesem Sinne ist es mit Europa ähnlich bestellt wie mit seinem großen Mythos, der Aufklärung: Beides muss sich erst noch verwirklichen. Was nur durch Menschen geschehen kann, die den Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und sich mit der eigenen Wahrnehmungsmechanik auseinanderzusetzen.
Derzeit gibt es Tendenzen, Eindeutigkeit zu demonstrieren, das Prinzip der Gleich-Gültigkeit unterschiedlicher Wertsysteme für beendet zu erklären. Angesichts der allenthalben wahrgenommenen Bedrohungen macht sich das Gefühl breit, man müsse Gleiches mit Gleichem vergelten. Man operiert mit der wahnwitzigen Vorstellung, Europa aggressiv in Stellung zu bringen. Dies wäre das Ende, nicht der Triumph der europäischen Aufklärung. Wir würden mental hinter Lessing 1773 zurückfallen, der seinen Saladin im Nathan von einer Zukunft ohne Vormünder, Väter, Führer träumen ließ:
[…] Was brauchst du denn
Der Väter überhaupt? […]
Bey Zeiten sich nach einem umgesehen,
Der mit uns um die Wette leben will.2»
Mit andern um die Wette leben/lesen«. Das könnte eine europäische Losung sein – die Idee eines großen, vibrierenden, förmlich schwingenden Kulturraums der Vielstimmigkeit mit klaren Konturen und Positionen und doch ohne dogmatische Starre. Ein Stück erzählerischer Befreiungstheologie als Befreiung von dogmatischer Theologie wäre die effizienteste Befriedungsmaßnahme, die man sich nur denken kann. Phantasievolle Radikalität im Kampf gegen alles Radikale.
Literatur ist kein kultureller Desserthappen, sondern ein elementares Lebensmittel. Menschen, die viele Bücher und Geschichten gelesen haben, haben viele Vorstellungen im Kopf, auch die Möglichkeit, dass Vertrauen missbraucht und enttäuscht werden kann. Darum sind sie nicht so leicht zu schockieren, zu überrumpeln oder aus der Bahn zu werfen. Sie machen sich weniger Illusionen.
Durch die Literatur ist man »behütet im Unglück«, wie Herta Müller sagt. Durch Lektüre weiß man, wie das Leben sein kann beziehungsweise wie es wirklich ist, auch und gerade dann, wenn im »normalen« Leben Worte und Dinge ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Literatur kann ein Gefühlssystem in den Lesenden verankern, das sich unabhängig vom äußeren System weiterentwickelt, eigene Werte entwickelt. Denn der Raum der literarischen Phantasien ist grenzenlos. Auch Diktaturen können nicht einfach auf ihn zugreifen – Literatur kann die Lesenden immunisieren, imprägnieren, selbst gegen den Zugriff totalitärer Systeme. Indem sie ästhetisch, nicht moralisch (Schiller) erzieht, verändert sie Wahrnehmungsmuster, Beziehungen, Einstellungen, Haltungen – sie sensibilisiert die Lesenden, nicht nur in Bezug auf sich selbst, sondern auch auf ihr Umfeld. Ängste, Ambivalenzen, Konflikte können im Simulationsraum der Literatur hautnah und gefühlsecht – und gefahrlos durchlebt werden und uns so widerstandsfähiger machen.
In dem Maße, wie Europa seine Geschichte als Geschichten seiner Kulturen begreift, wird es einen entscheidenden Schritt aus der Krise tun.
Falls wir überhaupt etwas gelernt haben, wären einige Konsequenzen zu ziehen.
1. Europa zerbricht immer dann, wenn man es in ein Paket zusammenschnüren möchte. Die schlimmstmögliche Variante: der »Traum« von »Vereinigten Staaten von Europa«. Was für die USA eine zukunftshaltige, plausible Denkmöglichkeit war – und selbst dann erst nach langen, blutigen, internen Kämpfen realisierbar war –, kommt für Europa nicht infrage. Jede einzelne Nation, jeder Staat, jede Region hat eine zu lange und zu spezielle Geschichte hinter sich, als dass man auf sie ein und dieselben Gesetze anwenden könnte, was der natürliche Sinn einer Union ist.
2. Europa muss lernen, seinen überaus elaborierten Code ernst zu nehmen und unterschiedliche Wertesysteme auf Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Inkompatibilitäten hin zu befragen. Wir lavieren ständig zwischen dem Eigenartigen, dem mit »uns« Unvereinbaren und dem unvermutet Ähnlichen – sind Experten des Grenzgangs und überschreiten dabei ständig auch rote Linien.
3. Europa muss sein schmerzhaft erlerntes, profundes Wissen um die Gleichwertigkeit aller möglichen Lebensformen aktivieren und in Politik umsetzen. Man kann es »Inklusion« nennen oder auch »Relativismus« – wichtig ist es, diese Fähigkeit als Qualität, nicht als Defizit verstehen zu lernen.
4. Europa sollte seine Skepsis gegenüber vereinnahmenden Mythen und Zugehörigkeitszuschreibungen jedweder Couleur bewahren. Diese Skepsis ist weiß Gott teuer und schmerzhaft erkauft und in jedem Moment gefährdet – dennoch, als Grundgefühl ist sie vorhanden und möglicherweise kultivierbar. Es wäre gut beraten, die Suche nach einer »großen Narration« einzustellen und zu akzeptieren, dass es aus einem Knäuel »kleiner«, ineinander verwobener Geschichten zusammengesetzt, zusammengestückelt ist.
5. Europa sollte sein hoch entwickeltes Dialogmodell nutzen, innerhalb dessen Vielstimmigkeit, Widerspruch und Widersprüchlichkeit systematisch praktiziert und eingeübt werden. Einen Dialog wie den von Denis Diderot, in dem ein Aufklärer seinen Antipoden in Szene setzt und den Mut hat, vor so viel vulgärem Materialismus für einen Moment zu kapitulieren, wird man anderswo vergeblich suchen, und es ist kein Zufall, dass Goethe und Hegel ihn liebten. Wir müs-sen wieder lernen, mit solch komplizierten, nicht notwendigerweise an ein glattes didaktisches Ende führenden Dialogformen umzugehen, sie anzuwenden, sie aktiv zu verteidigen.
In seinen besten Zeiten war Europa ein offener Verhandlungsraum, eine argumentative Freihandelszone, in dem alles kontrovers verhandelt wurde, verhandelt und kritisiert werden musste. Es gilt, diese gut 2000-jährige Schulung in der Kunst kritischen Denkens, dieses europäische Grundgefühl, diese kommunikativen Techniken zu stärken, zu ermutigen, zu vermitteln. Erst nach diesem umfassenden Selbstreflexionsprozess sollten wir darüber entscheiden, ob es uns zusteht, global zu intervenieren. Das Bild Europas, wie es sich in der Wahrnehmung und Erfahrung von Außenstehenden darstellt, ist derzeit nur bedingt geeignet, um damit in die Offensive zu gehen.
Europa als Kontinent ohne feste Grenzen, als fluides Ganzes, als Gebilde, dessen Stärke im Verzicht auf eine »Leitkultur« besteht, könnte ein wichtiges Ziel sein. Ein im Kern säkularer Raum, der alles Religiöse als private Möglichkeit duldet und schützt. Ein Territorium der (trügerischen) Ähnlichkeiten wie der (scheinbaren) Differenzen. Ein Raum der permanenten Aus- und Verhandlung auch und gerade zwischen Parallelgesellschaften. Ein Territorium der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Eine flexible Pufferzone zwischen den großen Systemen und dabei ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, um mit dem Massenphänomen der nicht-eindeutigen Zugehörigkeit umzugehen zu lernen.
Europa als Bremsklotz und Hemmschuh? Sicher nicht. Das Bild, das sich in mir im Verlauf der Arbeit an diesem Buch hergestellt und zunehmend verfestigt hat, ist ein anderes. Ich sehe ein Europa, das sich selber kennt und zu sich steht. Zu seinen Grenzen. Zu seinen Möglichkeiten. Zu seiner Verantwortung. Es kann sicher nicht die Welt retten, aber zumindest sein Territorium und seine ehemaligen und derzeitigen Einflussfelder human gestalten. Konkret heißt dies zum Beispiel, die eigene Geschwindigkeit zu halten und nicht beim Versuch, die Geschwindigkeit anderer Systeme zu imitieren, ins Straucheln zu geraten. Die Geschwindigkeit, die unterschiedlichen Geschwindigkeiten seiner unterschiedlichen Bewohner zu respektieren.
Nirgendwo materialisiert sich das Klischee von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen markanter als in Europa. Mitteleuropa mag ein und dieselbe Zeitzone haben – doch ticken die Uhren zwischen Neapel und Oslo, Kiew und Berlin weiß Gott verschieden. Die Gestalter eines zukünftigen Europa täten gut daran, den Faktor der Diversität wirklich ernst zu nehmen und nicht davon auszugehen, ihn durch Normen und Vereinheitlichungen allmählich aus der Welt schaffen zu können. Dies gilt selbst für sensible Bereiche wie den der Rechtsstaatlichkeit und des Monetären. So ist bemerkenswert, dass einige Länder sich außerhalb des Euro bewegen, ohne dass daran Anstoß genommen würde. Anderen wird die Zwangsmitgliedschaft zu ihrem Nachteil massiv nahegelegt. Ähnliches gilt für den Bereich der Mitgliedschaft. Obwohl Albanien und Nordmazedonien intensiv am Vorhaben europäischer Zugehörigkeit arbeiten, wurde ihnen 2019 von der EU die Türe vor der Nase zugeschlagen. Durch solche Maßnahmen werden Ressentiments geschürt und Asymmetrien geschaffen.
Lange Jahre und Jahrzehnte war man im Vielvölkerraum des Balkan in einer Endlosschleife von wechselseitigen Schuldzuweisungen und Verdächtigungen gefangen: Jeder Kompromissvorschlag wurde zum Zeichen des Verrats, Vermittlung suspekt. Und just in dem Moment, in dem sich die Tür zu einem europäisch grundierten Dialog einen Spalt breit zu öffnen schien, schloss man sie durch die Verweigerung der Aufnahme wieder zu. Dabei wäre dies der Moment gewesen, um zu zeigen, dass Europa die Kraft hat, Verhärtungen zu lösen, Alternativen anzubieten, den Balkan ein kleines Stück weit zu befrieden. Wenn man jedoch fortfährt, diesen hochsensiblen Raum durch eine Art kulturelles Ranking zu segmentieren, wird man ihn verlieren.
Europa sucht angeblich nach seiner »Narration« – und fällt sich immer wieder selbst in den Rücken! Ein entscheidender Schritt dazu wäre es, ohne groß von Werten zu reden, Ungleichbehandlung zu vermeiden. Die zum Klischee gewordene Figur des aus Brüssel entsandten Kontrolleurs, der über ein süd- oder südosteuropäisches Land kommt, um ihm Zensuren zu erteilen, ist Ausdruck dieses in die Irre führenden Systems der Bevormundung.
Ein weiterer Bereich für die Etablierung einer neuen politischen Kultur böte sich im Umgang mit dem Phänomen der Migration. Ein Europa, das fünf Jahre nach Ausbruch der »Krise« noch immer nicht imstande ist, den Mittelmeerraum als Teil auch des europäischen Verantwortungsbereichs zu sehen, hat jede Glaubwürdigkeit verloren. Enklaven wie Ceuta, Lager wie auf Lesbos – um nur zwei von Dutzenden von Beispielen zu nennen – sind nicht mit dem Bild, das Europa von sich hat, zu vereinbaren. Und man möchte wohl kaum die Möglichkeit ernsthaft in Erwägung ziehen, Europa sendete dieses fragwürdige Zerrbild von sich nur aus Gründen der Abschreckung. Mit geeignetem Einsatz begrenzter und durchaus überschaubarer Mittel wäre hier Abhilfe zu schaffen und die Idee »Europa« glaubwürdiger als bisher nach innen wie auch nach außen zu vermitteln. Hierzu bedarf es keiner großdimensionierten »Narrative«. Wohl aber überzeugender, konkreter Maßnahmen. Wenn man wirklich das Bedürfnis haben sollte, eine Vision Europas zu entwickeln, könnte man daran denken, die Idee der Rettungsinsel ernst zu nehmen und sie kreativ auszubauen. Das Bild des schiffbrüchigen, kenternden »Floßes der Medusa« bedarf dringend einer Korrektur.
Ein starker Kontinent wie Europa hat ein gewaltiges Potenzial, wenn es darum geht, bedrohte Ordnungen neu zu stabilisieren, kreative Ideen zu entwickeln, Synergien zu erzeugen, Ängste zu nehmen und radikale Positionen zu entschärfen. Statt in die Defensive zu gehen und Zäune zu bauen, sollten wir alles daran setzen, aktiv in das Geschehen um uns her wie innerhalb des Kontinents selbst einzugreifen und gestaltend mitzuwirken. Wir sollten zu einer Freihandelszone kontroversen Denkens werden.
Es ist an der Zeit, Europa von der schweren Bürde seiner tausendfach missbrauchten und verratenen Werte zu lösen und es gedanklich, ästhetisch, künstlerisch, jedenfalls sehr viel erfindungsreicher als bislang zu definieren. Damit zu experimentieren und es neu zu denken und emotional zu erfahren. Europa: ein einziger Grenzgang. Europäer als trainierte Grenzgänger. Eine eruptive Befriedungszone, ständig um Ausgleich bemüht, leidenschaftlich unparteiisch. Sicherlich ein anstrengendes Vorhaben. Aber schließlich wollen wir nicht dazu kommen, den Begriff »europäische Werte« irgendwann einmal zum Unwort des Jahres deklarieren zu müssen – nach dem Motto »Es war einmal ein Europa«. Denn die Uhren stehen auf fünf vor zwölf und der Point of no return ist sehr nah – durchaus nicht nur, was den biologischen, sondern auch was den politischen Klimawandel betrifft. Aldous Huxley, H. G. Wells und George Orwell haben bereits vor hundert Jahren die Gefahr einer allmählichen Somatisierung und Einschläferung der menschlichen Resistenz aus dem Geist systematischer Verbürokratisierung und technologischer Überwältigung beschworen. Sie haben minutiös beschrieben, was aus dem Geist einer freien, demokratisch organisierten Gesellschaft werden könnte: eine Ansammlung willenloser Lemuren. Europa täte gut daran, den parasakral vermarkteten Versuchungen der Künstlichen Intelligenz wie auch der biogenetischen Perfektionierung zurückhaltend und kritisch zu begegnen und seine eigene, mittlere Geschwindigkeit in der Aneignung dieser Visionen festzulegen. Nein, es geht nicht um rückwärtsgewandte Verweigerung und Abschottung: Es geht vielmehr darum, das Herzstück der europäischen Identität, das in Jahrhunderten heraus modellierte Profil des Individuums und seiner Rechte offensiv gegen die Gefahr einer vereinnahmenden, irreversiblen Auslöschung aktiv zu verteidigen.

Jürgen Wertheimer:
„Europa – eine Geschichte seiner Kulturen“
Penguin Verlag 2020
624 Seiten, € 26,00.
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    Frytom
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    Keine Zustimmung. Für mich ist die Überwindung des Kapitalismus unabdingbar mit der Abschaffung der Nationen gekoppelt. Die Uhr steht längst 5 nach zwölf.

    Universalismus auf Grundlage von Wissen heißt die moderne Lösung.

    Die Nation ist der Antagonismus der Menschheit, der sie separiert und unter kapitalistischer Konkurrenzherrschaft gefangen hält.

    Eine postkapitalistische Welt ist an eine postnationale Welt gekoppelt. Wissen wirkt universalistisch. Das Märchen der Unvereinbarkeit der Nationen ist Bestandsteil einer prokapitalistischen, anti-evolutionären Narrativs.

    Kultur ist nicht unauflöslich  an eine bestimmte Nation gebunden. Kultur geht auch ohne Nation.

    Je weniger Nationen es gibt, desto leichter wird der Kapitalismus überwunden werden können. Denn die Nationen sind die Garanten des Kapitalismus!

    Konkurrenz führt zu Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung oder Krieg. Nur eine rein kooperative Menschheit wird mit den Ressourcen so verantwortungsvoll umgehen können, sodass langfristige Speziessicherheit möglich wird.

    Wer wirklich eine postkapitalistische Wirtschaftsordnung haben will, wird sich von nationalem Inseldenken und Inselhandeln verabschieden müssen.

    Die Probleme der Menschheit sind heute längst für jede Nation viel zu groß geworden.

    Alle Wälder sind Kernelemente des klimatogenen Betriebssystems des Planeten. Alle großen planetaren Kreisläufe kennen keine Nationen. Das ist die Lehre der Ökologie: Wir haben es mit einem weltweiten Systemverbund zu tun. Nationen stehen allen entscheidenden Lösungen als anachronistische Antagonisten im Wege.

    Wir brauchen keine „klugen“ Anführer mehr, die ihre Nationen unter kapitalistischer Zwangsherrschaft als gewaltigem Evolutionsantagonisten gefangen halten. Wir brauchen die vereinte Schwarmintelligenz einer geeinten Menschheit, die evolutionär als globale Verantwortungswissengesellschaft zusammenfinden wird.

    Weder Inter/Nationalismus oder Nationalismus können die großen Probleme lösen, sondern nur noch Postnationalismus, der aus transnationaler, progressiver Politik der Vorbereitung entstehen kann.

    Das ist das wahre linke Projekt der Zukunft: Transnationale Politik mit dem Ziel Nationen abzuschaffen und möglichst große Räume der Gleichheit (Schaffung hoher sozialer und ökologische Standards) & der Kooperation entstehen zu lassen.

    Ein ökologisches Grundeinkommen für jeden Erdenbürger.

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    Frytom
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    Die Jahrtausende alte Ökoblindheit kulminiert in diesen Tagen im jungen 21. Jahrhundert und lässt dieses Jahrhundert bereits zum Schicksalsjahrhundert der Menschheit werden.

    Warum hat es nie eine Evolution des Nationalstaatensystems gegeben?

    Weil die Nationalstaaten die Schutzgaranten des Kapitalismus sind. Der Kapitalismus selbst ist zum zentralen Evolutionsantagonisten des Homo sapiens geworden. Im Kapitalismus gibt es schlicht keinen Grund, das Nationalstaatensystem weiter zu entwickeln! Kapitalismus ist heute nur noch ein Atavismus.

    Wenn die Pflanzen – besonders die Bäume – eine zentrale planetare Rolle – im Klimasystem (Co2-Speicher, Wolkenbildner, Biodiversitätszentren, O2-Produzenten usw.) der Erde spielen, warum gibt es für sie noch keinen planetaren Schutzschild in Form einer planetaren Rechtsschutzebene?

    Warum werden Wälder planetarweit nicht gleich gut geschützt? Das führt uns zur Betrachtungsweise, dass die nationalstaatliche Rechtsebene zum Schutz dieser biologischen Akteure im elementaren, geobiologischen Akteursnetzwerk völlig insuffizient ist, weil sie bis heute – gegen alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse – allein von nationalstaatlicher Willkür abhängig sind.

    Ein Bolsonaro darf die Kettensäge knattern lassen, wie es ihm beliebt. Und das meine Herren und Damen stellt einen naturwissenschaftlichen Irrsinn, aber reguläres Nationalrecht dar!

    Wo ist die planetare Administration samt ihrer Rechtsebene, die so einen Irrsinn  im 21. Jarhundert zu verhindern vermag?

    Die Ökologie und ihre planetarer Aufbau als weltumspannendes Akteursnetzwerk ist der Grund, warum eine Evolution des Nationalstaatensystems doch sehr ratsam wäre.

    Davon würden ALLE profitieren. Menschen wie Nichtmenschen, die alle Teil eines gemeinsamen geobiologischen Netzwerkes sind.

    Letztlich ist Nation nichts weiter als Ideologie. Ideologie ist nicht notwendig. Sondern überflüssig.

    Beseitigen wir den großen Fortschrittshemmer, den der Kapitalismus heute bedeutet. Die Völker waren in der Frühzeit der Menschheit nützlich. Es ist die Zeit der Kinder gewesen. Heute sind wir Erwachsene geworden. Das Wissen hat uns groß gemacht. Zeit für eine vereinte Menschheit, rein kooperativ und friedfertig. Das ist möglich und machbar. Lasst die gewaltgenerierende Konkurrenz wie die Nationen hinter uns.

    Lassen wir die Ökoblindheit hinter uns. Soziales und ökologische Elend können überwunden werden – mit einer geeinten Menschheit hoher Schwarmintelligenz.

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    Ulrike Spurgat
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    Einordnen lässt sich nicht wer denn mit Europa gemeint ist. Die EU ist nicht Europa.

    Rußland das flächengrößte Land der Erde ist Teil Europas; ob es einem gefällt oder auch nicht.

    Die EU hat sich eine eine Verfassung gegeben die in Stein gemeißelt ist. Man kann sie nicht abwählen. Was das mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker zu tun haben soll erschließt sich mir nicht. Die Gesellschaften in der EU entwickeln sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Jürgen Wertheimer ist an der Stelle zuzustimmen da er die kulturellen Verschiedenheiten die in den  Ländern gewachsen sind wahr nimmt, anerkennt und akzeptiert.

    Die Nationen existieren nun einmal ganz egal wieviel negatives mit dem Begriff auch von Heimat von einigen verbunden wird. Es ist schwer vorstellbar eigene Wünsche und Gedanken den Völkern in den Gesellschaften in der EU vor schreiben zu wollen was gut für sie sein soll. Zumal die Nation ein kulturelles Erbe hinterlassen wird dessen beste Elemente für die soziale Entwicklung der Völker genutzt werden können. Wir fangen doch nicht bei Null an und erfinden das Rad mal wieder neu. Es tut ja nicht Not denen auf den Leim zu gehen die einem verkitschtes Heimatgefühl in nationaler Horizont Verklärung nach eifern.  Karl Marx schreibt folgendes zur Nation: „Die Nation ist eine Struktur und Entwicklungsform der Gesellschaft die gesetzmäßig mit der Herausbildung des Kapitalismus entstand. Sie schließt Menschen gleicher Sprachen zu großen und beständigen Gemeinsamkeiten auf einem Territorium ein. (Auf Antagonismus, Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse werde ich nicht eingehen). Gehe ich davon aus dass der Mensch als soziales Wesen sich in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen entwickelt ist die Zugehörigkeit die von den Verhältnissen bestimmt wird in denen ich lebe von Bedeutung. Beispielsweise spielte in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts die Losung von den „Arbeitern ohne Vaterland“ eine ganz wesentliche Rolle. Johann Jacobi 1870 als Stimmführer der internationalen Demokraten gegen den Krieg verhaftet bindet den Begriff Vaterland kritisch an die Aneignung von Heimat zurück: „die Welt: wo es uns wohl geht das heißt wo wir Menschen sein können ist unser Vaterland. Euer Vaterland ist für uns nur eine Stätte des Elends.“ (Bausinger 1986, Seite 98).

    Die Anti Kriegsstimmung gegen die Opferung fürs Vaterland in der Arbeiterbewegung wurde von den Herrschenden in das Schimpfwort „vaterlandslose Gesellen“ ( Kaiser Wilhelm) verfälscht. Tucholsky bringt Heimat (1929) sowohl gegen Staat, der sich fortscheren solle, „wenn man seine Heimat lieben (GW 7,312) als auch gegen vaterländische und nationalistische Vereinnahmungen in Stellung: “ Es ist unser Land. Wir haben das Recht Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitsliebende aller Grade.“ (S.314) Heimat bietet sich als Inbegriff nach einem besseren Leben an, aber auch als stützende und fesselnde Vergangenheit an, ein Grund auf dem man geht, wie auch ein Ort von dem man vertrieben werden kann. Das Motiv eines sehnsüchtig besetzten Ortes um des es sich zu kämpfen lohnt, klingt in den Liedern der internationalen Brigaden im Spanien Krieg, ebenso bei den Katalanen in der Poesie der zärtlichen Sprache , des Ausdrucks der Hingabe ans Volk von Pablo Neruda, der die Sprache der Menschen, des Volkes, der Liebe zur Heimat so ohne falsches Pathos einen tief bis ins innerste berührt und Verstehen lässt was Heimat im Leben der Menschen bedeuten kann. Im Lied der „Moorsoldaten“ aus dem Konzentrationslager in Esterwegen hört man ähnliches: „…..ewig kanns nicht Winter sein: Einmal werden froh wir sagen: Heimat du bist wieder mein.“

    Der Begriff Nation und der Begriff Heimat ist so widersprüchlich wie die Verhältnisse selbst. Im Althochdeutschen bedeutet „heimöti“ oder „heimödeli“ soviel wie Armut und Kleinod. (Grimm 10, 864)

    Eine feste Definition ist dabei nicht zielführend.

    So verschieden kann der Blick auf die Welt, auf die EU und auf die Perspektive für die EU oder aber wie ich beim lesen erkennen kann auf die Menschheit sein.

     

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