Welt ohne Werbung

 in FEATURED, Roland Rottenfußer, Wirtschaft

In der modernen Medienwelt ist die Werbeunterbrechung höchster Daseinszweck dessen, was unterbrochen wird. Stellen Sie sich vor, jede Art von Werbung wäre verboten – Anzeigen, Kino- und TV-Spots, Spam-Mails und PR-Anrufe. Ummöglich? Vielleicht. Wachstums- und Arbeitsplatzfeindlich? Selbstverständlich, und das ist auch gut so. Meint jedenfalls Friedbert Wolkig von der PWW (Partei für eine werbefreie Welt). Die Gruppierung hält Werbung nicht nur für zeitraubend und nervtötend, sondern auch für politisch gefährlich. Ein fiktives, satirisches Interview mit ernstem Hintergrund. Roland Rottenfußer

Herr Wolkig, Glauben Sie im Ernst, dass ein Werbeverbot durchsetzbar wäre?

Werbung geschieht öffentlich. Sie ist nicht gerade ein gut gehütetes Geheimnis, deshalb hätte eine AdCrime-Spezialeinheit, die sich um Verstösse gegen das Werbeverbot kümmert, leichtes Spiel – jedenfalls im Inland. Und was die Durchsetzbarkeit angeht: Es ist bis heute trotz harter Strafen nicht gelungen, Eigentumsdelikte wie Raub oder Diebstahl völlig zum Verschwinden zu bringen. Würden Sie deshalb auf das Verbot von Diebstahl verzichten?

Eben dieser Vergleich ist für die werbende Branche eigentlich beleidigend. Werbung hat niemanden beraubt und bestohlen.

Sind Sie sicher? Werbung stiehlt Menschen ihre Zeit. Ohne Werbung wären Spielfilme im Privatfernsehen um ein Drittel kürzer. Der moderne Konsument braucht Zeit, um Spam-Mails zu löschen oder Werbeeinblendungen zu überspringen, um Vertreter an der Tür und am Telefon abzuwimmeln. Zeitschriften wären ohne Werbung schmäler, würden weniger Transportkosten verschlingen und Stauraum benötigen usw.

Ja, aber Werbetreibende sind deshalb noch keine Räuber

Nicht im wörtlichen Sinn. Allerdings betrachten sie die Menschen, die sie ansprechen wollen, überwiegend als Beute. In früheren Zeiten war Werbung etwas, was man mehr oder weniger bewusst konsumierte, indem man z.B. kurz vor den Nachrichten den Fernseher anstellte. Man liebte sie nicht, aber man hatte die Wahl. Heute kommt die Werbung ungebeten zu dir. Sie springt dich an, sie entert dein Wohnzimmer, deinen Computer, deine Privatsphäre und deine Gedanken. Werbung in ihrer Vollendung ist das Pop-up – etwas, was sich dir aufdrängt, plötzlich und unangekündigt, ohne dass du dich wehren kannst. Du musst nicht mehr aktiv werden, um Werbung zu konsumieren, du musst aktiv werden, um Werbung abzuwehren. Das kostet Kraft, die dir für die wirklich wichtigen Dinge im Leben fehlt. Schauen Sie, Aufmerksamkeit ist ein kostbares Gut in einer Zeit, in der eine unübersehbare Menge von Informationen zu uns drängt. Es fällt schon schwer, all die Dinge im Kopf zu ordnen, mit denen wir uns freiwillig beschäftigen. Werbung ist die Vergewaltigung von Aufmerksamkeit.

Gehen Sie da nicht zu weit?

Ich provoziere, um auf eine grundlegende Wahrheit hinzuweisen. Die Grundhaltung hinter einem Pop-up ist: «Es ist egal, ob du mich willst, ich komme trotzdem zu dir, weil ich es so will.» Das erinnert an die Einstellung eines Vergewaltigers. Dahinter steht der grundlegende Mangel an Respekt gegenüber der Selbstbestimmung des Menschen, gegenüber seinem Recht über die eigenen Gedankeninhalte zu verfügen.

Der Staubsaugervertreter, der an Ihrer Tür klingelt, ist vielleicht im Einzelfall mal lästig, aber er ist kein Unmensch.

Er ist kein Unmensch, aber erträglich ist er nur deshalb, weil sich nicht jeder Werbetreibende so verhält. Würde jeder, der etwas verkaufen will, an unserer Tür klingeln, dann könnten wir unser Leben überhaupt nicht mehr leben. Wir kämen nicht mehr dazu, zu tun, was wir selbst wollen, weil wir zu beschäftigt damit wären, was die Werbenden wollen.

Aber ist es nicht fast unmöglich, nicht zu werben? Wenn ich zum Beispiel an meine Tür ein Schild mache: «Redaktionsbüro Rottenfußer» …, käme dann nach der Machtergreifung Ihrer Partei die Polizei, um mich zu verhaften.

Nein. Genau genommen wendet sich unsere Kampagne ja auch gegen illegitime Werbung. Das heisst der Bäckermeister Huber könnte sein Schild über dem Schaufenster behalten, auf dem «Bäckerei Huber» steht. Auch Homepages wären weiter erlaubt, und sogar Broschüren, in denen die Produkte eines Unternehmers beschrieben werden. Verboten wäre nur, diese unaufgefordert zuzuschicken.

Wie wollen Sie «illegitim» definieren?

Ganz einfach: Wenn Sie künftig mit einer Werbebotschaft konfrontiert werden, überlegen Sie, ob Sie diese Botschaft gerade jetzt, gerade hier, gerade so wirklich hören wollten. Ist dies nicht der Fall, so ist die Werbung eine Belästigung, also illegitim.

Aber ist diese Haltung nicht auf andere Weise auch wieder egoistisch? Werbende Firmen und ihre Mitarbeiter müssen schliesslich auch leben. Sehr viele Menschen sind ja beides in einem: Sie sind Konsumenten und «Werbeopfer», sie sind aber auch Teil eines Unternehmens, das sich auf dem Markt behaupten muss.

Ein guter Einwand. Genau genommen hätten Kunden dann also die moralische Pflicht zu einer Art Selbstopfer. Sie kaufen, was sie eigentlich gar nicht brauchen, um einer bestimmten Firma einen Gefallen zu tun. Der an Lungenkrebs erkrankte Raucher wäre somit der ideale Konsument, denn er hat begriffen, dass sich auch der Zigarettenhersteller «leben muss».

So meine ich es natürlich nicht.

Natürlich nicht, aber darauf liefe es doch hinaus! Wir müssen eine Art des Wirtschaftens entwickeln, in der keiner zum Opfer, zur Beute des anderen wird. Im jetzigen System gibt es sogar zwei Personengruppen, die von den Profiteuren benutzt werden: Erstens die Kunden als Konsumvieh. Zweitens die Arbeitnehmer, die täglich ihre Zeit und Energie zum Opfer bringen für Produkte, die andere eigentlich gar nicht haben wollen, die ihnen vielmehr erst aufgeschwatzt werden müssen.

Aber sie haben Ihr Auskommen durch diese Arbeit.

Ihr Auskommen ja, aber keine wirkliche Erfüllung. Wenn Sie der liebe Gott am Ende Ihres Lebens fragt: «Was haben Sie aus ihrem Leben gemacht?», möchten Sie ihm dann antworten müssen: «Ich habe Klingeltöne zum Downloaden programmiert»? Und ich füge noch ein Argument hinzu: Arbeitnehmer könnten mehr verdienen, wenn es keine Werbung gäbe. Schliesslich kann jeder Euro nur einmal ausgeben werden. Was eine Firma für Marketing und Imagepflege ausgibt, fehlt in dem Topf, aus dem die Löhne der Arbeitenden ausbezahlt werden. In der Welt der Markenfirmen überwuchert der Prozess des Vermarktens zunehmend das, was vermarktet werden soll.

Sie gehen davon aus, dass das Werbebudget in die Taschen der Arbeitnehmer fliessen würde. Ich bezweifle das aber, schon weil ohne Werbung die Umsätze einbrechen würden. Wie sollen Unternehmen auf diese Weise überhaupt etwas verkaufen? Sie dürfen ja nicht mal auf die Existenz ihrer Erzeugnisse aufmerksam machen.

Ein guter Einwand. Nach welchen Kriterien sollten Verbraucher ihre Produkte künftig auswählen? Die Antwort ist: In einer Welt ohne Werbung wäre Qualität das einzige verbleibenden Verkaufsargument. Hersteller könnten ihre Energie in die Qualität der Produkte stecken, statt in Verkaufstechniken. Früher hat ein Handwerker in seiner Werkstatt still vor sich hin gearbeitet – im Vertrauen, dass seine Arbeit für sich sprechen und Kunden anziehen wird. Im heutigen Wirtschaftsleben kommen auf einen, der ein Produkt herstellt, drei andere, die die Umstehenden anbrüllen, um ihnen mitzuteilen, wie toll das Produkt ist.

Klappern gehört zum Handwerk, heisst es. Werbung kann auch auf tatsächlich vorhandene Qualität aufmerksam machen.

Im günstigsten Fall ja. Viel häufiger wird aber die angebliche Exzellenz von Produkten herbei gelogen. Überspitzt gesagt: Wer wirbt, hat es nötig. Er möchte einen Mangel kompensieren, weil ihm klar ist, dass sein Produkt nicht die notwendige Substanz hat, um für sich selbst zu sprechen. Schauen Sie sich mal eine Serie von Werbespots im Fernsehen an. Bei welchem dieser Produkte wäre Ihnen im Traum eingefallen, dass Sie es brauchen könnten? Schauen Sie dagegen die appetitlichen, reifen Erdbeeren an, die im Juni in der Auslage Ihres Obstgeschäftes liegen. Sie werben eigentlich für sich selbst und werden gekauft, weil sie Genuss versprechen. Es ist absolut überflüssig, dass auf jeder Beere ein Etikett mit einem Markennamen klebt. Ebenso ist es entbehrlich, dass Ihnen alle paar Minuten im Radio eine aufdringliche Sprecherstimme einhämmert: «Super-Berrys – was anderes kommt nicht in meinen Quark!»

Und wenn ein Produkt nicht so offensichtlich attraktiv ist und auch nicht regional verfügbar?

Mundpropaganda, Verlinkung ihrer Homepage mit anderen Seiten (wohlgemerkt: auf freiwilliger Basis), Artikel in der Fachpresse … Es gibt viele seriöse Möglichkeit, bekannt zu werden. Letztlich geht es wie bei Ebay-Verkäufern darum, einen guten Ruf zu erwerben. Die zufriedene «Gemeinde» der bisherigen Kunden ist Ihr wichtigstes Kapital. Andererseits hat in einer Welt ohne Werbung niemand mehr die Macht, einen Frosch zum Prinzen umzuschminken. Wer es nicht schafft, den Geschmack seiner Kunden zu treffen, geht unter. Es besteht also grössere Chancengleichheit.

Ich verstehe trotzdem nicht, warum Sie wegen des bisschen Ärgers über Werbeunterbrechungen im Fernsehen gleich eine derartig wirtschaftsfeindliche Einstellung entwickelt haben?

Sie verharmlosen den Sachverhalt. In der modernen Medienwelt ist die Werbeunterbrechung höchster Daseinszweck dessen, was unterbrochen wird. Programme werden so konzipiert, dass sie ein passendes Werbeumfeld kreieren. Das ist in letzter Konsequenz sogar ein politisches Problem.

Warum das?

Die Werbeindustrie versucht jeden Sachverhalt so zu verkürzen, dass ein Produkt oder eine Dienstleistung daraus wird. Überwachungskameras z.B. lassen sich verkaufen, weil dahinter ein konkretes Produkt steht. Die Kritik am Überwachungsstaat lässt sich dagegen nicht verkaufen. Dies könnte die redaktionelle Linie einer Zeitschrift beeinflussen, weil diese ihren besten Werbekunden SupervisionTec vielleicht nicht verärgern möchte. Die veröffentlichte Meinung wird so zunehmend identisch mit der Meinung derer, die über ein Werbebudget verfügen. Geld und Macht führen zu gekaufter Öffentlichkeit, diese wiederum führt zu besseren Verkaufszahlen, also zu noch mehr Geld und Macht. Nur ein Werbeverbot könnte den Teufelskreis unterbrechen.

Aber ist eine Welt ohne Werbung nicht wachstumsfeindlich?

Ja, Gott sei Dank. Schauen Sie sich den Zustand unserer Umwelt an, dann brauchen Sie gar kein anderes Argument mehr, um zum überzeugten Anhänger der PWW zu werden. Werbung sorgt dafür, dass massenweise unnötige Produkte verkauft werden – mit hohem Energieaufwand, also auf Kosten unserer Umwelt.

Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit könnte dieses Argument zynisch wirken. Die Herstellung dieser, wie Sie sagen, «unnötigen» Produkte, schafft immerhin Arbeitsplätze, Einkommen für viele Familien!

Unsere Partei hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir für mehr Arbeitslosigkeit sind.

Wie bitte?

Arbeit ist nicht grundsätzlich eine gute Sache. Selbst die Hersteller von Landminen, von denen Kinder verstümmelt werden, entziehen sich heute jeder Kritik an ihrem Beruf mit dem Hinweis auf die dadurch geschaffenen Arbeitsplätze. Es ist doch so: Bei steigender Produktivität können die wirklich sinnvollen und nützlichen Arbeiten in immer weniger Arbeitsstunden ausgeführt werden. Wenn wir dennoch am Dogma der Vollbeschäftigung festhalten, bedeutet das, dass wir zunehmend schädliche und unnütze Arbeiten kreieren müssen, damit alle (egal was) arbeiten können. Genau so sieht unsere Welt heute aus. Daher lautet einer unserer Wahlsprüche: «Weniger Arbeit wagen!»

Mit solchen Sprüchen haben Sie aber die sozialen Probleme der Arbeitslosen nicht gelöst.

Ziel einer neuen Ordnung wäre nicht mehr Vollbeschäftigung, sondern die Vollversorgung aller Bürger mit allen wirklich wichtigen Gütern und Dienstleistungen. Die Arbeit wird weniger werden, schon indem wir aus dem unerträglich aufgeblähten Marketing- und Selbstdarstellungsapparat der Firmen die Lust rausnehmen. Aber auch indem Produkte, deren Popularität einzig auf einer gnadenlosen, jahrelangen Werbekampagne beruht, allmählich «aussterben». Weniger Arbeit muss aber nicht notwendig mehr Arbeitslose bedeuten. Die restliche Arbeit muss nur gleichmässiger verteilt werden. Das Recht auf Leben jedenfalls darf nicht von der Teilhabe an einem Erwerbsarbeitsmarkt abhängen, den gerade unsere Partei ja gesund schrumpfen will. Aber das ist eigentlich ein neues Kapitel …

Comments
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    N. Flox
    Antworten
    Super!! danke schön!!

    Ich bin dabei!

     

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