Wenn «Rationalität» tötet

 In FEATURED, Ludwig Schumann, Politik, Umwelt/Natur

Vandana Shiva, Kämpferin für Biodiversität

Sie haben es sicher schon bemerkt: der neue Deckname für rechte Unmenschlichkeit lautet „Vernunft“. Wenn man Hunderte im Mittelmeer ersaufen lässt, ist das vernünftig. Denn das könnten anderen Afrikanern das Leben retten, die sich in der Folge gar nicht erst aufs Mittelmeer wagen, sondern statt dessen – wie es sich gehört – in ihren heimatlichen Folter- und Kriegsstaaten ausharren. Vernünftig ist ferner eine industrielle Landwirtschaft, die Menschen nachhaltig ernährt, indem sie nach und nach die bestäubenden Insekten tötet. Einzig emotional labile Gutmenschen stehen dem Endsieg dieser Art der Vernunft im Weg. Da besinnen wir uns gern auf ein Zitat von Wecker: „Lass uns schrecklich unvernünftig sein!“(Ludwig Schumann)

Nachdem sich die Medien, hin und wieder auch die Politik, intellektuell über Jahre am so genannten „Gutmenschen“ abgearbeitet haben, diese unselige Verkörperung des verhassten Achtundsechzigers, stört nunmehr, sozusagen als anonymer Streueffekt der Asche aus der Urne des „Gutmenschen“, die vorgebliche Moralisierung der Gesellschaft, die notwendige verstandeskonforme Entschlüsse verhindert, mithin ein Feind jeglicher Rationalität sei. Sie verschwurbele für das gesellschaftliche Gedeihen dringend notwendige Einsichten, beispielsweise, dass Monsanto der Heilsbringer schlechthin für die Ernährung des Menschen sei, Nestlé ein Segen für den Nahrungsmittel kaufenden Menschen, auch in Staaten, wo sich der Konzern die Wasserrechte gesichert hat. Und natürlich auch da, wo man, so leid es einem tun muss, zu unser aller Wohl eben nur genug Leute im Mittelmeer ersaufen muss, damit wir endlich Ruhe haben. Wir können nicht alle aufnehmen.

Haben Sie sich diese Begründung mal auf der Zunge zergehen lassen? Als ob alle kommen würden. Fahren oder fliegen Sie mal nach Afrika. Wenn alle kämen, müssten Sie dort menschenleere Länder vorfinden. Ja. Dieser Satz wird beim Austausch rationaler Argumente gern nachgeschoben und erleuchtet auf einen Schlag, wie „rational“ die Argumente „der Rationalen“ sind.

Glyphosat, so lautete die atemberaubend rationale Meldung von Gutachten, die teils von Monsanto mitbezahlt wurden, ist nicht krebserregend. Ich betrachte dieses ganze Gerangel um die Krebsgefahr von Glyphosat als das, was es eigentlich ist: ein Ablenkungsmanöver. Da wird darauf verwiesen, dass es nicht nur nicht krebserregend ist, sondern auch den Insekten nichts anhaben kann. Ist das ein rationales Argument? Ja, wenn ich davon ausgehe, dass es nicht in direkter Linie Insekten vergiftet. Was richtet es denn dann an? Das wird leider in der Argumentation verschwiegen: Es beraubt sie ihrer Nahrungsquelle, des so genannten Unkrauts, also des Wildkrauts, von dem sie leben. Sind sie nun selbst schuld, dass sie verhungern? Oder schaut da eine absichtliche Blauäugigkeit in der Argumentation durch? Richtig. Glyphosat gehört nicht auf unsere Felder, wenn wir nicht irreparablen Schaden anrichten wollen. Das ist ein rationales Argument eines Moralisten.

Ich bin auch ein erklärter Feind der industriellen Landwirtschaft. Sie tötet. Ich lebe seit meinem 25. Lebensjahr auf dem Land. Seit zwölf Jahren jetzt in Zeppernick. Als wir hier anlandeten, gab es in der unmittelbaren Umgebung noch bunte Wiesen mit einem reichen Besatz an allerhand Insekten, die auffälligsten waren natürlich die Wolken an Schmetterlingen diverser Arten, also mindestens Tagpfauenauge, Admiral, manchmal sogar Schwalbenschwanz.

Irgendwann wurden die Wiesen umgepflügt und Gras darauf ausgesät. Einfach Gras. Da blüht nichts mehr. Da lockt nichts mehr Insekten an. Das Gras wird gedüngt, wächst gleichmäßig, gibt eine gute Heuernte. Ob sie auch gesund ist, ist zweitrangig. So lange leben die Tiere nicht mehr, dass ein Schaden sichtbar werden könnte. Nicht einmal Grillen hört man hier. Wir gehen an Feldern vorbei, auf denen seit zwölf Jahren nichts anderes als Mais wächst. Entsprechend viel Gülle wird aus Niedersachsen angefahren. Die Wasserwerke bereiten uns ja bereits darauf vor, dass das Grundwasser aufgrund des Gülleeintrags in Zukunft stärker gereinigt werden müsse. Die Kosten seien auf die Verbraucher umzulegen.

Als das Argument kam, dass doch eigentlich der Verursacher zur Kasse gebeten werden müsse, rüstete die Politik im Gefolge der Lobbyisten die Argumentationskette auf: Es seien ja nicht nur die Nitratwerte ein Problem, sondern über die Ausscheidungen der Menschen u.a. auch Antibiotika und anderes. Wenn Aktivisten, wie unlängst, als ein Ergebnis der Großviehhaltung, das massenhafte Töten von Ferkeln durch den Wurf auf Beton filmen, haben sich die Filmer unredlich verhalten – sagen inzwischen nicht nur die Bauernverbände, sondern auch die Agrarministerin. Das ist rationale Politik, rationale Argumentation. Die Filmer sind emotionalisierte Moralisten, also etwas doppelt Bedrohliches für die Gesellschaft. Deshalb muss es künftig auch ein Gesetz geben, dass diese heimlichen, moralisch motivierten Filmereien als einen Straftatbestand justiziabel macht.

Aber da fällt zum Schluss immer das zwingend rationale Argument, dass die industrielle Landwirtschaft unter Federführung der Heilsbringer von Monsanto die Weltbevölkerung als einzige vor dem Hungertod bewahren können. Wie ist das wissenschaftlich, also rational, durch Zahlen gestützt?

Die indische Wissenschaftlerin Vandana Shiva (66), Studium an der Panjab University, in Guelph und Western Ontario, ausgezeichnet mit dem Right Livelihood Award, dem Sydney-Friedenspreis und dem Fukuoka-Prize, ist für ihre Arbeiten in den Bereichen Umweltschutz, biologische Vielfalt und Nachhaltigkeit bekannt. Sie behauptet, nicht als einzige Wissenschaftlerin wohlgemerkt, dass die Kleinbauern weltweit der Schlüssel zur Ernährung der Welt sind. In einem Interview vom 28.10.2014 spricht sie darüber, warum es in Europa kleine Bauern so schwer haben, wirtschaftlich zu überleben.

Das, so meint sie, liegt nicht an der Wirtschaftlichkeit der Kleinbauern, sondern an den verzerrten Wirtschaftsbedingungen, „die kleine Betriebe bestraft und industrielle Landwirtschaft belohnt. Eine Belohnung sind die weltweit 400 Milliarden Dollar Subventionen für landwirtschaftliche Großbetriebe. Eine andere Belohnung ist, dass jeder Schritt der Gesetzgebung wie Regulierungen zur Standardisierung von Nahrungsmitteln über Detailhandelsketten oder Gesetze zum geistigen Eigentum eine enorme Belastung für Kleinbauern sind.“

Und weiter weist sie darauf hin: „10000 Jahre lang haben Kleinbauern die Arbeit erledigt. Wieso wurden kleine Bauernbetriebe erst in diesem Jahrhundert unrentabel? Weil das von Handel und Großkonzernen angetriebene wirtschaftliche Modell für die Landwirtschaft für Großkonzerne ausgelegt ist. Es wurde so konzipiert, dass kleine Bauernhöfe vernichtet werden. Etwa 70 %  der Nahrung, die heute weltweit konsumiert wird, wird von kleinen Betrieben produziert. Kleine Betriebe produzieren mehr, und doch gibt es diesen Mythos, dass Landwirtschafts-Großbetriebe die Antwort auf den Hunger sind.“ Sie verweist auf Staaten wie Norwegen und die Schweiz, die ihre Kleinbauern durch Zahlungen für Leistungen wie Pflege der Wasserwege, Wasserscheiden, der Böden, der Biodiversität unterstützen. „Ein guter Bauer, der seinen Betrieb ökologisch und biologisch führt, ist wie ein Arzt, der sich um die Gesundheit der Leute kümmert, was die nationalen Gesundheitskosten senkt.“

In ihrem Bericht „Heath per acre“ (Gesundheit per Morgen) berechneten sie und ihre Mitherausgeber die biologische Produktivität kleiner Bauernbetriebe und rechneten diese Angaben in Ernährung pro Morgen um. Im Ergebnis kamen sie zu dem Schluss, dass die indischen kleinbäuerlichen Betriebe derzeit in der Lage sind, das 1,2 Milliarden-Volk zweimal zu ernähren. Sie setzt gegen Indien die landwirtschaftliche Erfahrung Brasiliens, das seine Landwirtschaft den Großkonzernen geöffnet hat mit dem Ergebnis von Monokulturen zur Brennstoffgewinnung und Viehfuttergewinnung, das den Hunger auf der Welt verschärft und nicht mindert.

Ein rationales Argument, das in der Politik immer mehr Zustimmung erfährt, ist, dass es letztlich die Rettungsschiffe im Mittelmeer, nun nicht mehr nur die der NGOs, auch die der EU-Operation „Sophia“ und die der Frontex, nach Bundeskanzler Sebastian Kurz dazu führen, dass noch mehr Menschen ertrinken, weil sie denken, dass sie gerettet werden. Derzeit ist das Mittelmeer frei von Rettungsschiffen. Die Politiker sind im Urlaub und warten offensichtlich auf die gute Nachricht, dass die Zahl der im rettungsfreien Mittelmeer Ertrunkenen in Juli und August groß genug ist, um andere von der Fahrt über das Meer abzuhalten. Das nenne ich Zynismus. In der Politik gilt das als wertfreier rationaler Gedankenansatz. Moralisch, und damit gedanklich unsauber, sind demnach die Retter. Stimmt, insofern haben wir nach Jahren wieder eine Wertegemeinschaft, in der endlich nach den Jahren der Bedrückung durch die „Gutmenschen“ die Rationalität der Aufklärung wieder hochgehalten wird.

Aber zu welchen Ergebnissen kommt man, wenn man Immanuel Kant und seinem Hinweis „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstanden zu bedienen“ und der Erkenntnis Albert Schweitzers folgt: „Das Ethische ist das konstituierende Element der Kultur“? Auf solche wagemutigen und in ihrer Rationalität nicht zu widersprechenden Sätze berufen sich die Moralisten, die neuerdings von der Wertegemeinschaft vor Gericht gestellt werden. In Malta beispielsweise.

Um so dringender ist der Schlusssatz des Langsamen Lesers: Und im übrigen sage ich, der Umstand, dass eine Partei demokratisch gewählt wurde, lässt nicht auf eine demokratische Programmatik dieser Partei schließen!

 

Kommentare
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    Volker
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    Zur Landwirtschaft und Insektensterben
    Ich lebe in einer hessischen Kleinstadt, ländliche Umgebung mit viel Landwirtschaft einiger Hochleistungs-Landwirte, die mittlerweile mit Hochleistungstechnik ausgerüstet sind, um schnellstmögliche Ergebnisse/Erträge zu erzielen.

    Aus eigener Wahrnehmung vermute ich schon lange (habe einen Landwirtschaftsbetrieb direkt vor der Haustür), dass der ganzjährige Stress ohne nennenswerte Erholungszeiten nur mit Aufputschmittel zu bewältigen ist – rücksichtsloses und aggressives Fahrverhalten mit Monster-Traktoren sind hier alltägliche Normalität. Das ist hinzunehmen, ebenso die sichtbaren Folgen industriell-betriebener Landwirtschaft.
    Vor fünfzehn Jahren konnte ich aus dem Fenster zu sehen, um die Vielfalt der Schmetterlinge zu bewundern, beobachtete Bienen und Hummeln, sah mir Raupen an.

    Vor fünf Jahren noch stand ich an einem blühenden Rapsfeld, lauschte dem Gesang unzähliger Insekten auf Nahrungssuche, dem Brummen des Feldes. Und heute? Stille. Bei der letzten Rapsblüte mußte ich schon sehr genau hinsehen, um hier und da eine Biene wahrzunehmen, sah mich suchend um und erschrak.
    Was soll’s. Das erste Retortenbaby wissenschaftlicher Göttlichkeit wurde gerade vierzig Jahre alt, ein Wunder, ein Erfolg, um Menschen- und Pflanzenzüchtung voranzutreiben.

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