Wunder mit Verfallsdatum

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Michael Unterguggenberger (Karl Markovics) mit Gutscheinen in einer Filmszene. Bildquelle: epo-Film

Der TV-Film „Das Wunder von Wörgl“ erzählt anrührend über ein historisches Geldexperiment – und darüber, wie es von der Macht der Banken unterdrückt wurde. Eigentlich war es still geworden um „Geldreform“, „Freigeld“, Regionalwährungen und verwandte Themen, die vor 10 Jahren zumindest unter Eingeweihten Blütenträume von einer echten Systemalternative sprießen ließen. Die Unbeweglichkeit des (kapitalistischen) Status Quo und die Macht seiner Unterstützer hatten dafür gesorgt, dass die Idee selbst als Utopie an Kraft verloren hatte. Überraschend kam jetzt ein Film über die Gründungslegende dieser Denkrichtung ins Fernsehen. Wenn man die Ideen Silvio Gesells zu „Schwundgeld“ und „Umlaufsicherung“ umsetzt, so scheint die in Grundzügen wahre Geschichte zu suggerieren, dann funktionieren sie und verwandeln eine marode, verschuldete Kleinstadt in blühende Landschaften. Interessanterweise interpretiert Regisseur Urs Eggers die radikale Geldreform auch als wirksames Gegenmittel gegen Rechtstendenzen – 1932, als das „Wunder“ stattfand, wie auch heute. Roland Rottenfußer

„Das Wunder von Wörgl“, das der Schweizer Regisseur Urs Egger 2018 umsetzte, ist eine historische Episode, die sich in Tirol (Österreich) im Jahr 1932 tatsächlich zugetragen hat. Wörgl – wie die ganze Region – wurde damals von tiefer Not und Arbeitslosigkeit gebeutelt. Eine Fabrik war geschlossen worden, der Film zeigt eindrucksvoll aufgerissene Straßen, verwahrloste Läden und Winkel der Kleinstadt. Der Lokführer und Gemeinderat Michael Unterguggenberger (Karl Markovics) wird beinahe gegen seinen Willen von der Gemeindeversammlung zum Bürgermeister bestimmt und soll es richten. Seine Frau Rosa (Verena Altenberger) ist zunächst skeptisch, unterstützt den Gatten jedoch dann nach Kräften, während der Bub aus erster Ehe, Michi, gegen seinen Vater aufbegehrt, indem er sich mit den im Ort schon aktiven Nazis verbrüdert.

Unterguggenberger ist zunächst völlig ratlos, wie er die soziale Misere im Ort in den Griff bekommen soll. Bis er sich an ein Buch erinnert, das er vor Jahren gelesen hatte: Silvio Gesells „Natürliche Wirtschaftsordnung“. Die grundlegende Idee: Geld ist nichts Mysteriöses und auch nichts, das aus sich selbst heraus von Wert wäre; es ist ein Tauschmittel und eine Vereinbarung. Warum also fehlt es an allen Ecken und Enden? Warum tyrannisiert Geld gleichsam die Menschen, die es zu ihrem eigenen Nutzen erschaffen haben, durch sein aufdringliches Nichtvorhandensein? Es gibt Arbeitskraft im Ort, Menschen guten Willens – und es gibt menschliche Bedürfnisse, Konsumwünsche, also einen „Markt“ für Waren und Dienstleistungen. Warum also muss Not im Ort herrschen?

In Anlehnung an Silvio Gesell, den Geldtheoretiker und kurzfristigen Finanzminister der Münchner Räterepublik, vermutet Unterguggenberger: es liegt an einem Konstruktionsfehler im Geldsystem. In einer eindrucksvollen, schnell geschnittenen Szenenfolge zeigt der Film, wie ein Hundert-Schilling-Schein durch viele Hände wandert, bis er nach unzähligen Kaufvorgängen wieder zu seinem ursprünglichen Besitzer zurückkehrt. Das Fazit: Geld muss ausgegeben werden – je öfter desto besser. Mit relativ wenig Geld kann man viele glücklich machen: den Bäcker, weil der sein Brot bezahlt bekommt, den Schneider, weil der Bäcker bei ihm eine Näharbeit in Auftrag gibt, die Prostituierte, weil der Näher ihre Dienste in Anspruch nimmt usw. Nur wenn der Geldfluss ins Stocken gerät, ist Gefahr im Verzug, schwächelt die Wirtschaft. Besonders gefährlich: das Horten und Zurückhalten von Geld mit der Absicht, Zinsgewinne dafür einzustreichen.

Unterguggenberger stellt sich nun auf den Standpunkt, ein Gemeinwesen dürfe sich Geld, das nicht vorhanden ist, kurzerhand selbst erschaffen. Mit Rücksicht auf die Gesetzeslage, speziell das Geldmonopol der Zentralbank, dürfe man es nur nicht Geld nennen. Er erfindet also die „Arbeitsbestätigungs-Scheine“ (A.B.-Scheine), die er für notwendige Renovierungsarbeiten innerhalb der Gemeinde vergibt. Die praktische Lösung, die Unterguggenberger findet, um das Geld im Fluss zu halten, besteht darin, dass es sich um so genanntes Schwundgeld handelte. Es verlor in gewissen Abständen an Wert – symbolisiert durch eine zahlungspflichtig auszuklebende Marke –, so dass die Menschen motiviert waren, es möglichst schnell wieder auszugeben. Gesell sprach auch von einer „Umlaufsicherung“. Es wurde sichergestellt, dass das Geld zügig umlief, anstatt – wie ein Drachenschatz in einer Höhle – unfruchtbar vor sich hin zu gammeln.

Dieser Aspekt der Geschichte ist besonders interessant, weil selbst in relativ kritischen wirtschaftstheoretischen Artikeln (wie etwa hier: https://www.heise.de/tp/features/Die-Umverteilung-von-Arm-nach-Reich-durch-Zinsen-4399964.html) gern behauptet wird, mäßige Zinsen müssten sein, weil ja sonst niemand mehr Geld verleihe. Die Idee ist: Wer nicht für‘s Geldverleihen durch noch mehr Geld belohnt wird, wird es lieber für sich behalten. Es gibt aber noch einen zweiten Weg: Geldbesitzer für das Behalten ihrer Reichtümer zu „bestrafen“ – nicht weil man ihnen etwas Böses will, sondern um des höher zu bewertenden gemeinsamen Wohls, der florierenden Wirtschaft willen. In Wörgl wurde dieser Weg konsequent gegangen.

Als „Natürliche Wirtschaftsordnung“ bezeichnet man – wie Karl Markovics als Unterguggenberger im Film erklärt – die Tatsache, dass Geld einen Wertverlust erfahren sollte wie alles in der Natur. Metall rostet, Gemüse fault – nur der Wert von Geld wird in „normalen“ Systemen künstlich gesteigert, durch Zins, Spekulation und andere Mechanismen. Das Zurückhalten von Geld – eigentlich also gemeinschaftsschädigendes Verhalten – wird belohnt.

Das Erstaunliche am Experiment von Wörgl ist nun, dass es historisch nachweislich funktioniert hat. Zu überwinden waren Anfangsschwierigkeiten, der jeder kennt, der einmal versucht hat, Anfang der 2000er-Jahre eine Regionalwährung zu etablieren. Menschen betrachten das umlaufgesicherte Geld als „Spielgeld“, es kommen Zweifel an seiner Legalität auf, Zweifel vor allem, ob man es – einmal für gute Ware eingesammelt – je wieder loswird. Was ist, wenn ich auf meinem Geld hocken bleibe und die Wirtin es mir nicht abnimmt? Jeder misstraut dem anderen. Wenn jeder dem jeweils anderen unterstellt, er werde den Geldkreislauf unterbrechen, blockieren sich die Zweifelnden gegenseitig, das Experiment scheitert.

Im Wörgl-Film ist es nun das Votum des Pfarrers, das in der Gemeinde den Durchbruch bringt. Dieser appelliert von der Kanzel, an das Gute in allen Menschen zu glauben. Sicher ist dieses Detail – wie manche andere im Film – in der Historie nicht verbürgt. Aber der große Bogen stimmt: die Gemeinde blühte auf, marode Anlagen erstrahlten in neuem Glanz, Arbeitslosigkeit und Armut gab es fast nicht mehr.

Wie wir ebenso aus der Geschichte wissen, ging das Experiment nicht gut aus. Es scheiterte jedoch nicht daran, dass es schlecht durchdacht gewesen wäre, sondern an brutaler Repression seitens der Staatsorgane, ausgelöst durch die Zentralbank, die um ihr „Privileg“ fürchtete. Die Hüter eines falschen Geldsystems, die den Karren in den Dreck gefahren hatten, hinderten kreative und überaus erfolgreiche Neuerer mit Gewalt daran, ihn wieder herauszuziehen. Eine Versammlung der Geldreformer, die den „Wörgl-Virus“ auch in vielen anderen Gemeinden verbreiten sollte, wurde von der Polizei aufgelöst. Unterguggenberger wurde vor Gericht gestellt, u.a. wegen In-Umlauf-Bringens von Falschgeld. Welches Geld war bzw. ist da eigentlich das falsche, muss man fragen. Die Benutzung der A.B.-Scheine in Wörgl wurde unter Strafe gestellt, alle Scheine eingezogen, Unterguggenberger seines Amtes enthoben. Mit Rücksicht auf seine schwere Lungenkrankheit, die ihn nur ein Jahr später das Leben kosten sollte, wurde seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt.

Sein Verbrechen? Er hatte seine Gemeinde vor Not und Elend gerettet und ein Beispiel gegeben, das bis in unsere Zeit hineinleuchtet. Die Arroganz der Macht zeigt sich nirgendwo deutlicher als hier und ebenso die Funktion des Geldes als Machtinstrument. Wer das Geld kontrolliert, kontrolliert die Schicksale von Millionen. Und die Kontrolleure gehen mitunter über Leichen. Mit dem Schwundgeld verschwand nämlich bald auch die erstaunliche Glückssträhne der Wörgler, die Not kehrte zurück. Und die Nazis standen vor der Tür.

Die Art wie Regisseur Egger und sein Drehbuchautor Thomas Reider die Nazis in seinen Film einbezieht, gehört zu den bemerkenswertesten Kunstgriffen. Ganz offensichtlich zielen beide damit auf die rechtspopulistisch unterwanderte Gegenwart (nicht nur) Österreichs ab. Als die Nazis im Ort einmal eine Veranstaltung organisieren wollen, kommt fast keiner. Der Grund: den Wörglern geht es in Folge von Unterguggenbergers Geldexperiment „zu gut“. Die letzte Szene zeigt die Einkaufsstraße Wörgls mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. Eine unmissverständliche Warnung. Hätte das „Dritte Reich“ vermieden werden können, wenn das Wunder von Wörgl sich in allen österreichischen und deutschen Städten ausgebreitet hätte? Das bleibt Spekulation. Wir wissen, dass Hitlers Aufstieg nicht „monokausal“ erklärt werden kann. Wir wissen aber auch, dass soziale Not ein, wenn nicht der wichtigste Nährboden für rechtsradikales Denken ist. Wenn nicht durch „Schwundgeld“, dann müsste durch andere radikale Sozialreformen das Schlimmste verhindert werden.

So wie es bis jetzt läuft, stellt sich die Staatsmacht auf den Standpunkt: „Wir deckeln alle kreativen Ideen für Sozialreformen, und wenn sich dann Rechtsradikale auf unseren Straßen zeigen, deckeln wir die eben auch – mit Gewalt. “ Unangetastet bleiben in jedem Fall das System der Geldkontrolle durch eine Zentralbank und der Massenausplünderung mittels Zins und Zinseszins. Insofern ist „Das Wunder von Wörgl“ durchaus der richtige Film zur richtigen Zeit. Wie Gregor Schnitzlers Film „Die Wolke“ (2006) über einen Atomunfall in einem Kraftwerk, scheint der Wörgl-Film zwar dem aktuellen Aufmerksamkeitsfokus hinterher zu hinken, er kommt aber dennoch zur rechten Zeit (genauer: zur Rechtsruck-Zeit).

Ein starkes Gegengewicht schafft der Film somit auch gegen Versuche, die ganze Geldreformerszene in die „rechte Ecke“ zu stellen – mit dem perfiden Argument, die Nazis hätten sich die „Brechung der Zinsknechtschaft“ mit antisemitischer Stoßrichtung auf die Fahnen geschrieben. Somit sei jegliche Zinskritik suspekt. So als sei es ein Zeichen besonders antifaschistischer Gesinnung, sich dem Zinssystem willig zu unterwerfen, das ja für rechte Rattenfänger durch die Zementierung sozialer Ungleichheit gerade einen idealen Nährboden schafft.

„Das Wunder von Wörgl“ zeigt, indem er die Funktionsweise von Geld auf einfachste Weise erklärt, dass es um Fragen der Volks- und Religionszugehörigkeit hier am allerwenigsten geht. Es dreht sich alles um Systemgewinner und -Verlierer, aber auch um die simple Feststellung, dass es in unseren Händen liegt, ein System zu kreieren, das allen nützt. Dass ein „Paradies“ – wie das erblühende Wörgl an einer Stelle genannt wird – in Reichweit liegt, dass es uns aber von interessierten Kräften bewusst vorenthalten wird. Solange wir es uns vorenthalten lassen.

Fazit: unbedingt empfehlenswert. Zum Glück nicht nur bis Dienstag in der ARD-Mediathek zu sehen, sondern auch dauerhaft auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=4kSBhwHEx4E

 

Als Anhang an dieser Stelle ein älterer Artikel von mir über die Schwierigkeiten der Regionalgeldbewegung. Ich erkläre darin auch einige theoretische und historische Grundlagen der Geldtheorie, um die es in „Das Wunder von Wörgl“ geht. Der Artikel ist nicht mehr ganz aktuell (2013), in den Grundzügen aber nach wie vor gültig. Die Regionalgeldbewegung hat nach meinen Informationen nach wie vor mit Stagnation und teilweise mit Initiativen-Sterben zu kämpfen. Dennoch liest man gelegentlich auch von neuen Regionalwährungen wie dem „Einbecker Zehner“.

Regiogeld 2.0

Die Zukunft der Komplementärwährungen

Seit zehn Jahren gibt es den „Chiemgauer“, eine Regionalwährung, die mit einer Art „Negativzins“ versehen ist. Damit sollte die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes zu erhöht, die Wirtschaftskraft der Region gestärkt werden. Seither sind in Deutschland 47 Initiativen aktiv.  Hinter den Kulissen sind Verschleißerscheinungen spürbar. Manche glauben gar, die Bewegung habe ihren Zenit überschritten. Die Projekte haben mit Personalmangel, Burnout und zögerlichen Ladenbesitzern zu kämpfen. Trotzdem besteht Grund zur Hoffnung. Neue Impulse und Querverbindungen zu anderen sozialen Bewegungen (z.B. Mikrokrediten) sorgen für eine Aufbruchstimmung.

 Roland Rottenfußer

 

Im Landkreis Weilheim-Schongau steht es nicht zum Besten. Seit 5 Jahren propagiert Monika Herz hier die Komplementärwährung „Der Regio im Oberland“: bunte Papierscheine in professionellem Layout, beklebt mit kleinen Marken, die die Gültigkeit der Scheine bestätigen. Doch die „Goldgräberstimmung“ der frühen Jahre ist einem Gefühl der Frustration gewichen. Besonders macht Monika zu schaffen, dass sich die beiden großen Bioläden vor Ort hartnäckig weigern, mitzumachen. Die Besitzer befürchten, dass das ganze Regio-Geld bei ihnen landet. Denn Lebensmittel braucht jeder – immer. Da es kaum Akzeptanzstellen gibt, befürchten sie, auf ihren Geldscheinen sitzen zu bleiben, die sie dann mit 5 Prozent Wertverlust wieder an den Regio-Verein zurücktauschen müssten. „Ein Teufelskreis“, stöhnt Monika Herz. „Wenn der Bioladen nicht mitzieht, zögert die Modeboutique; wenn die nicht dabei ist, weiß der Bioladen- Besitzer nicht, wohin er sein Geld tragen soll.“

Das harte Brot der Regio-Aktivisten

 Eine Buchhändlerin sagte erst zu, Regio-Mitglied zu werden; nach einer Weile verlor sie aber die Lust, weil keine Kunden mit den Geldscheinen zu ihr kamen. Der Umgang der Geschäfte mit dem neuen Geld ist bisher eher spielerisch, unverbindlich. Dabei wäre die Sache, um die es geht, ernst. Man kann ja täglich in den Nachrichten verfolgen, welchen Schaden zinsbasiertes, global operierendes Geld anrichtet: Die Vermögen wachsen im Gleichschritt mit den Schulden. Geld wandert aus den Regionen dorthin, wo gute Ausbeutungsstandorte hohe Renditen versprechen. Regionalgeld will den Menschen vor Ort dienen, stößt dabei aber scheinbar auf wenig Gegenliebe. Aktivisten wie Monika Herz fühlen sich abgewimmelt wie Zeugen Jehovas an der Wohnungstür.

Regionalgeld an sich ist kein neues Phänomen. Die Idee basiert auf der Arbeit des Finanztheoretikers Silvio Gesell (1862-1930), der für kurze Zeit Finanzminister der Münchener Räterepublik war. Gesell entwarf in seinem Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung“ die Vision eines Schwundgelds, das die zerstörerische Wirkung des Zinses aufheben und dafür sorgen sollte, dass Geld in Fluss bleibt. Vereinfacht, besagt seine Theorie: Im herkömmlichen System wird durch Zinsen belohnt, wer sein Geld hortet, es also dem Wirtschaftskreislauf entzieht. Würde man den Zins allerdings „abschaffen“, so bestünde für Vermögensbesitzer keinerlei Anreiz mehr, es zu investieren. Die Lösung: Man „bestraft“ das Zurückhalten von Geld durch eine kleine Gebühr, die anfällt, wenn Geldscheine nicht innerhalb eines bestimmten Zeitraums aufgegeben werden: einen „Negativzins“ bzw. eine „Umlaufsicherung“. Bekannt wurde Silvio Gesells Lehre auch als „Freigeldtheorie“.

Geburtsstunde einer Bewegung

In der Geschichte der Regionalgeldbewegung waren Theorie und Praxis in der Folgezeit eng verzahlt. Michael Unterguggenberger, Bürgermeister der österreichischen Gemeinde Wörgl, beschloss 1932, die Freigeldtheorie Gesells in die Praxis umzusetzen. Er gab eine Regionalwährung, den Wörgl-Schilling, heraus, für den innerhalb der Ortschaft zwar kein Annahmezwang bestand, der in der Praxis von so gut wie allen Geschäftsleuten im Ort angenommen wurde. Mit durchschlagendem Erfolg, denn Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsflaute konnten in kurzer Zeit gelindert werden. Das Freigeld wurde dann gerichtlich verboten, aber das Experiment von Wörgl inspirierte weiterhin fortschrittliche Denker.

Zum Beispiel Margrit Kennedy, die 1990 ihr Manifest „Geld ohne Zinsen und Inflation“ verfasste und „komplementäre“ Regionalwährungen vorschlug (also Geld, das zusätzlich zur D-Mark, heute zum Euro in einer bestimmten Region gilt). Eines Tages kam aus dem Chiemgau ein junger Mann namens Christian Gelleri zu Kennedy und kündigte an, den Vorschlag in die Tat umzusetzen. Gelleri begründete die Regionalwährung „Chiemgauer“, die sich als ziemlich erfolgreich erwies und zum Vorläufer aller vergleichbaren Projekten in Deutschland wurde. 2003 wurde die Regionalwährung im Rahmen eines Schülerprojekts der Waldorfschule Chiemgau in Prien eingeführt.

Auch Monika Herz beruft sich auf die Traditionslinie von Gesell, Margrit Kennedy und Christian Gelleri. Lange hatte sie zuvor ein eher diffuses Gefühl mit sich herumgetragen, dass etwas an unserem Wirtschaftssystem nicht stimmte. Als sie ein Buch der weitgehend unbekannten Theoretikerin Brigitte Cornelius las, „Die zinsfreie Wirtschaftsordnung“, machte etwas in ihr „Klick“. Seither machte sie Werbung für die Idee, lange ohne nennenswerte Resonanz. Wie Marquis Posa in Schillers „Don Carlos“ hatte sie das Gefühl: „Das Jahrhundert ist meinem Ideal nicht reif.“ Bis sie im Kloster Benediktbeuern einen Vortrag von Rolf Merten hörte. Merten trieb damals die Einführung der Komplementärwährung „Der Regio“ im Bayerischen Oberland voran. „Da mache ich mit“, wusste sie sofort.

 Burnouts und frische Ideen

Der erste Schwung ist leider inzwischen verflogen. Die Stagnation nagt an der Motivation der meist ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen des Regio-Vereins. So viel Zeit wurde schon investiert, mit so wenig Ergebnis! Immer gibt es in solchen Initiativen weit mehr Arbeit als Menschen, die bereit sind, sie umsonst zu verrichten. Dieser Druck führt manchmal dazu, dass sich Gleichgesinnte gegenseitig vorwerfen, zu wenig oder nicht effizient zu arbeiten. Auch Richtungsstreitigkeiten bleiben nicht aus. Einige Iniativen „sterben“ bereits, etwa der Regio im Ostallgäu. Eine Heilpraktikerin, seit Beginn „Fan“ des Regio im Oberland, hat resigniert. „Früher bin ich mit den Scheinen zum Bäcker gegangen und habe gefragt: kennen Sie den schon? Da müssen Sie unbedingt mitmachen! Jetzt sind drei Jahre vergangen, und noch immer habe ich Probleme, meine Regio-Scheine im Landkreis auszugeben.“

So entmutigend die Lage auch mancherorts sein mag – betrachtet man die Lage im Überblick, steht die Bewegung nicht schlecht da. Einige Klassiker wie der „Chiemgauer“ gedeihen noch immer. Immerhin 37 Initiativen sollen sich laut dem Dachverband Regiogeld e.V. im Status der „Vorbereitung“ befinden – es geht also noch was! Wo die alten Rezepte schlecht funktionieren, strecken kreative Köpfe die Fühler nach Neuem aus. Das Motto heißt nun offenbar: den Horizont erweitern, sich vernetzen, Variationen des Themas „Regionalgeld“ ausprobieren. Hierzu ein paar Beispiele

Komplementärkredite:

Unsere Gesellschaft muss die Kraft aufbringen, nicht nur über Zinsen zu klagen, sondern zinslose Kredite zu organisieren. Diese sollten herkömmliche Kredite (noch) nicht ersetzen, sondern ergänzen: Komplementärkredite. Die Genossenschaft Regios eG  im Chiemgau, ein Projekt der Regionalwährung „Der Chiemgauer“, vergibt sowohl Kredite mit 8.9 Prozent Zinsen als auch zinslose Kredite. Letztere allerdings nur in Regionalgeld. Die Verwaltungs- und Personalkosten der Genossenschaft werden über das Mikro-Kredit-Programm der Regierung derzeit vom Steuerzahler getragen. „Wenn die Wirtschaft kaum mehr wächst und wir Ressourcen massvoller nutzen, müssen wir das Geldsystem entsprechend nachhaltig gestalten“, sagt Organisator Christian Gelleri. Was wäre nun, wenn „jeder“ plötzlich zinslose Kredite erhalten würde? Wir hätten ein starkes Gegenmodell zum herkömmlichen Kreditsystem, das eine massive Umverteilung von unten nach oben begünstigt. Würde sich neben dem zinsgestützten Kreditsystem ein zinsfreies System etablieren, so würden Kunden abwandern. Auf Kreditgeber, die „noch“ Zinsen verlangen, entstünde ein Druck, diese drastisch zu senken.

Elektronisches Regiogeld:

Seit 2010 gibt es im Chiemgau die Regiocard, mit der bargeldlos gezahlt werden können. Im Inzeller Raiffeisenmarkt gibt es z.B: einen Terminal, um den Zahlungsverkehr abzuwickeln. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die herkömmlichen Geldscheine müssen alle drei Monate mit Marken beklebt werden, um ihren Wert zu behalten. Ein Fünf-Regio-Schein muss z.B. zum Quartalswechsel mit 10 Cent beklebt werden. Wer das vergisst, hält ein ungültiges Zahlungsmittel in Händen. Diese Wertminderung macht Sinn, denn das Geld soll ja schnell umlaufen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das Verfahren kann aber als umständliche Erbsenzählerei empfunden werden. Mit der elektronischen Zahlkarte wird der aktuelle Wertverlust automatisch berechnet.

Kooperationen aller Art:

Regional klappt vielerorts die Zusammenarbeit mit Vereinen, denen die Differenz aus Kauf- und Verkaufswert der Regio-Scheine zugute kommt. „Schwundgeld“ wird weniger wert, wenn Zeit vergeht. Die „verlorenen“ Cents kommen nicht nur den Regionalgeldgruppen zugute, sondern oft auch gemeinnützigen Vereinen. Beim Chiemgauer können Geldnutzer selbst bestimmen, für welchen guten Zweck die Differenzsumme eingesetzt werden soll. Zusätzlich werden wohltätige Organisationen auch noch durch Kleinkredite unterstützt, so ein Förderverein der Feuerwehr in Sachsen-Anhalt. Nicht zufällig ist auch die Kooperationen des Chiemgauers mit dem Bund Naturschutz und dem Ökoring. Die Vereine empfehlen die Regionalwährung in ihren Publikationen; der Chiemgauer unterstützt im Gegenzug die Ziele der Naturschützer. Auch internationale Kontakte werden angestrebt. So ist es ermutigend, dass der weltberühmte US-amerikanische Philosoph Charles Eisenstein „Negativzinsen“ in sein Gesamtkonzept im Rahmen des Buchs „Die Ökonomie der Verbundenheit“ (Scorpio Verlag) übernahm. Er trat mehrfach öffentlich mit Margrit Kennedy auf, und sie schrieb für sein Buch das Vorwort.

Nationale Parallelwährungen für Not leidende Staaten:

Kann ein Modell, das im Chiemgau funktioniert, auch in Griechenland helfen? Prinzipiell ja, meinen Christian Gelleri und Thomas Meyer in ihrer Studie „Expressgeld statt Euroaustritt“:  „Die Bewältigung der Eurokrise ist möglich. Ein sehr effektiver Weg ist das Expressgeld: Durch die Einführung eines zusätzlichen staatlichen Regiogeldes können die Euro-Krisenstaaten den Geldfluss in ihren Volkswirtschaften beschleunigen (Liquiditätsoptimierung), was zu Wirtschaftswachstum, neuen Arbeitsplätzen, mehr Steuereinnahmen und mehr Unabhängigkeit vom Ausland führt.“ Werden Urlauber also bald wieder mit der Drachme zahlen – zusätzlich zum Euro? Denkbar wäre es. Es fragt sich natürlich, ob immer erst die ökonomische Katastrophe eintreten muss, bevor ernsthaft nach Alternativen gesucht.

Resümee

Es tut sich was in der Szene der Regionalwährungen Es wäre zu früh, für die Bewegung, die vor fast 10 Jahren voller Hoffnung startete, schon jetzt Nachrufe zu schreiben. Vielmehr scheint es, als ob die von vielen Aktivisten empfundene Krise nur das Ende vom Anfang markieren, keineswegs den Anfang vom Ende. Vielleicht werden großflächigere Modelle (Währungen auf Kreis-, Landes- oder nationaler Ebene) das Prinzip „Jedem Dorf seine eigene Währung“ ablösen. Vielleicht werden mehrere Reformmodelle zu einer umfassenderen Lösung verschmelzen. Denkbar wäre auch, dass eine Region oder ein Land es wagte, eine Parallelwährung mit „Annahmezwang“ einzuführen. Dies käme einer Wiederauflage des berühmten Geldexperiments von Wörgl (1919) gleich.

Bestehende Experimente wie der Chiemgauer sind zunächst Hoffnungszeichen. Sie realisieren wenigstens ansatzweise eine Alternative zur „Alten Welt“ mit ihrem auf Zinsen und Wachstum basierenden Geld. Viele Menschen in den Regionen haben durch die „Propaganda“ der Aktivisten von den Geldalternativen erfahren. Man müsste also im Krisenfall nicht bei Null anfangen. Die schon bestehenden Regio-Initiativen (es gibt sie ja weltweit) könnten eine Rettungsbootfunktion übernehmen, wenn der entfesselte globale Kapitalismus wieder mal ein Land gegen einen Eisberg steuert. Um die Begeisterung langfristig am Kochen zu halten, müssen Zusammenhänge vermittelt werden. Denn „Wer ein Warum im Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Schließlich ist jede Regionalwährung, so unbedeutend sie auch erscheinen mag, eine Lücke in der Mauer, durch die etwas Licht herein scheint.

 

 

 

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