Gefängnis-Insassen schreiben (2): «Die Bestie»

 In FEATURED, Kurzgeschichte/Satire

HdS-Stammautor Ludwig Schumann gab Schreibkurse für Strafgefangene in Magdeburg. Er stieß nicht nur auf viel Talent, sondern auch auf politisches Bewusstsein. Wir veröffentlichen in diesen Wochen einige Schreibproben aus dem Kurs  und geben denen eine Stimme, die sonst für die „normale“ Welt draußen meist stumm bleiben. In dieser kurzen Geschichte erzählt Andy Rockenschuh fabel-haft von einem ganz besonderen Tier-Freund. Angst trübt oft unseren Blick dafür, welchen Wert Außenseiter und Einzelgänger haben können. (Andy Rockenschuh)

Da läuft er. Allein. Gezeichnet von den Narben des Lebens. Alle Tiere, die ihm begegnen, ergreifen die Flucht. Der Ruf der Bestie eilt ihm voraus. Das macht einsam.

Ein Gewitter zog auf. Der Sturm brach los. Flüsse traten über die Ufer. Hänge rutschten ab. Nirgends war mehr Sicherheit. Kadaver schwammen auf einem Meer, das noch zwei Tage zuvor eine Wiesenlandschaft war. Auf einer Anhöhe hatten sich zahlreiche Tiere versammelt. Doch immer noch stieg das Wasser und mit ihm die Hoffnungslosigkeit.

Da tauchte er auf. Der Wolf. Die Bestie. Er beutet sogar unsere Not aus und wird uns fressen, weil wir nicht mehr wissen, wohin wir flüchten sollten, flüsterten die Tiere auf dem Hügel unter sich. Der Wolf stand allein. Vor ihm hunderte Tiere. „Ich bringe euch Sicherheit“, sagte er. „Ich weiß den Weg ins Trockene.“ Die Tiere zögerten. Die Angst vor der Bestie war zu groß. Eine kleine Feldmaus entschied sich, das Angebot des Wolfs anzunehmen. Was hatte sie denn zu verlieren? Als die Tiere sahen, sie wagt es, folgten sie ihr.

Der Wolf lief vorweg. Er warnte die Tiere vor Gefahren. Zweimal rutschte er selbst beinahe in die Fluten. Den Tieren blieb das Herz stehen. Sie hatten Angst um die Bestie, um den Wolf. Nachdem sie über mehrere Hügel gestiegen, etliche Täler durchwandert hatten, standen sie auf einem Berg. Vor ihnen breitete sich eine weite Steppe, eine Kraut- und Graslandschaft aus.

Der Wolf drehte sich zu ihnen um und sprach: „Hier seid Ihr in Sicherheit.“ Als er davon schritt, riefen die Tiere ihm hinterher: „Wolf, wo willst Du hin?“ Der Wolf hielt an. Die Tiere bedankten sich. Der Wolf nahm den Dank entgegen, ohne eine Reaktion zu zeigen. „Aber“, sagte er, „in der Not erkennt man Freund und Feind. Ich, der Wolf, bei Euch die Bestie, das reißende Tier, gehe weiter allein meinen Weg.“

Der heilige Stolperer
Literatur aus dem Knast
Hrsg.: Ludwig Schumann
1. Auflage 2017
72 Seiten
Hardcover
9,90 EUR
ISBN 978-3-00-057407-8

Über die ISBN-Nummer ist das Buch bundesweit bestellbar, ansonsten ist es über „TalentLos! Schreibwerkstatt JVA Burg, Madel 100, 39288 Burg beziehbar. Kosten: 9,90 EUR plus 3 EUR Versandkosten. Das Geld kommt der Schreibwerkstatt zugute. Davon finanzieren wir das nächste Projekt, das Poesieheft Nr. 3 SEHT, da ist DER MENSCH.

 

Kommentare
  • Bettina
    Antworten
    Eine sehr schöne, aussagekräftige Fabel. Ich hoffe, dem Autor Andy Rockenschuh ist es mithilfe seiner Fabel gelungen, sich aus der Welt hinter den Gittern innerlich zu befreien?

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    Stolpern wir nicht alle im Leben, nicht nur einmal, sondern mehrmals? Da wünscht man sich einen Wolf, der uns in Sicherheit bringt und eine Maus, die dem Wolf ihr Vertrauen entgegenbringt. Wenn wir in uns horchen, erkennen wir die beschriebenen Charaktere in uns:
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    unsere Ängste, die uns zweifeln lassen,
    unsere innere Stärke, die uns Wege aus der Hoffnungslosigkeit weist
    unser Vertrauen, das wir dem Menschen schenken, das uns aufbaut.
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    Gegenseitiges Vertrauen ist die Basis für ein menschliches Miteinander. Es ist der Weg, der uns aus Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit herausführen kann.

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