Wo Solidarität mehr zählt als die Gewinnbilanz: eine kleine Nachricht aus Korydallos

 In GRIECHENLAND, Holdger Platta

85. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

heute will ich – nach den politik-kritischen Akzenten, die ich in den letzten Wochen mehr in den Vordergrund gerückt hatte – wieder die Hilfsdimension unserer Initiative „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ in den Mittelpunkt stellen. Und gleich in dreifacher Hinsicht kann ich da Positives berichten:

Erstens: erneut bescherte uns der Monatsbeginn einen deutlichen Spendenanstieg. Hatten wir uns in der Vorwoche mit einem Neuzugang von 247,50 Euro an Hilfsgeldern auf unserem Konto begnügen müssen (überwiesen von 6 UnterstützerInnen), so durften wir uns während der letzten sieben Tage über einen Gesamtbetrag von 845,- Euro an Neuspenden freuen sowie über 20 Spenderinnen und Spendern. Ich danke allen HelferInnen sehr und finde diese Tatsache nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil wir – mehr oder minder zeitgleich – auch um finanzielle Unterstützung unserer Website www.hinter-den-schlagzeilen.de gebeten hatten (auch dort übrigens mit einem guten Resultat!). Ihr dürft uns glauben, daß nach wie vor solche Solidarität für uns keine Selbstverständlichkeit ist! Und: daß nach wie vor Eure Gelder, nahezu ohne jeden Abzug (für Kosten der Verwaltung etwa), direkt bei den Hilfsbedürftigen in Griechenland ankommen.

Womit ich auch schon bei den anderen guten Nachrichten bin! – Zweitens also:

Karl-Heinz Apel, mit seiner Ehefrau Ursula seit mehr als einer guten Woche in Griechenland, hat bereits einen großen Teil seiner Hilfsfahrten erledigen können.

 

  • In Piräus, bei Katerina K., hat er 500,- Euro für die weiteren Dialysefahrten nach Athen hinterlassen. Ihr wisst: bei der jungen Griechin, die, nach der Transplantation einer Teileleber letztes Jahr in London, nunmehr der zweiten Operation entgegensieht, diesesmal in der griechischen Hauptstadt, in Athen, der Nierentransplantation (Organspender wird diesesmal übrigens ihr Vater sein, nach der Mutter im letzten Jahr). Mittlerweile steht sogar schon der Termin des ärztlichen Eingriffs fest. Es ist der 28. September. Die Stimmung in der Familie, so Karl-Heinz Apel, ist gut. Alle sehen mit Zuversicht dieser zweiten (und hoffentlich letzten) Operation entgegen und lassen Euch durch mich ihren allerherzlichsten Dank sagen für Eure Unterstützung.

 

  • Auch die Krankenhäuser in Neapolis und Molai hat Karl-Heinz Apel inzwischen mit den aus Deutschland herantransportierten medizinischen Hilfsmitteln beliefern können. Auch dort, so Karl-Heinz Apel, sind die ärztlichen Versorger immer noch auf Unterstützung von außen angewiesen, und die Dankbarkeit der Empfänger schien wiederum riesig gewesen zu sein.

 

  • Mit dem neuen Mediziner in der Arztpraxis von Kyparissi (Südpeloponnes) wird Karl-Heinz Apel in diesen Tagen Kontakt aufnehmen. Dasselbe gilt für den örtlichen Priester, der weiterhin als Helfer zur Verfügung steht, wenn es um die Unterstützung allerärmster Mitglieder in seiner Gemeinde geht.

 

Damit, drittens, zu unserem anderen ‚Außenteam’, zu Tassos und Evi Chatzatoglou, die ebenfalls seit einigen Tagen wieder in Griechenland sind. Diesem Team haben wir diesesmal einen Hilfsbetrag von 4.000,- Euro zur Verfügung stellen können, wobei wir die Verteilung der Gelder im einzelnen ganz diesen HelferInnen überlassen haben bzw. überlassen können. Vor Ort also, aus unmittelbarer Anschauung der Probleme in jedem individuellen Notfall, werden Evelin und Tassos Chatzatoglou entscheiden können, wieviel jeweils an finanzieller Unterstützung erforderlich ist. Erneut ist beeindruckend, welcher Vielzahl von Menschen, HelferInnen, Institutionen Evelin und Tassos Chatzatoglou werden helfen können. Zur Veranschaulichung zitiere ich aus einer Mail der beiden vom vergangenen Samstag, den 2. September, aus einem Vorbericht, der unter anderem deutlich macht, daß inzwischen auch in Griechenland Probleme Platz greifen, die noch jeder Hartz-Vier-Empfänger aus unserem sozialpolitisch-heruntergewirtschafteten Deutschland kennt (= gemeint ist der gescheiterte Versuch des arbeitslosen Schauspielers Alexander, endlich seine Pension zu bekommen):

 

„Wir befinden uns gerade auf dem Weg in den Süden. Es stehen dort einige Dinge an:

 

  1. Korydallos:

Die Schule beginnt bald wieder, und die Gemeinde hat angefragt, ob wir auch heuer wieder unterstützend bei den Schulpaketen helfen können.

 

Der kleine Panagiotis (Ihr erinnert Euch sicher: das war der Junge mit den Darmproblemen, dem wir mal die OP gezahlt hatten) hat wieder gesundheitliche Probleme. Der Bedarf wird gerade von der Sozialstation in Korydallos ermittelt.

 

  1. Andros:

Maria Alexaki, die dortige Sozialbetreuerin, hat abermals um Hilfe gebeten. Es gilt wiederum, sozial bedürftigen Familien zu helfen, die einerseits ihre Stromrechnungen nicht bezahlen können. Andererseits benötigt die Ambulanz des Gesundheitszentrums in Andros zwei AirCASTs zur Stabilisierung von verletzten Gliedmaßen. Summa summarum würde es sich auf ca. 1.000,- € belaufen, wobei die AirCASTs, glaube ich, nicht so teuer sind. Kommt drauf an, welchen genau sie benötigen. Es gibt unzählige verschiedene Modelle.

 

  1. Athen:

Spiros braucht wieder seine „Vitamine“ zur Stabilisierung seiner MS.

 

Für Dionysis wollen wir wieder Diätetika kaufen. Dionysis‘ Vater hatte für 14 Tage einen Job als Security bei einem reichen Amerikaner. Nach 14 Tagen wurde er mitsamt der gesamten Mannschaft wieder entlassen, da ein Misstrauen Griechen gegenüber im Raum stand. Die Leute wurden durch Israelis ersetzt. Somit sucht er weiter nach einem Job.

 

Alexander, der arbeitslose Schauspieler, hatte seine Pension beantragt gehabt und damit gerechnet, dass er sie auch erhalten wird. Allerdings hatte er die Rechnung ohne die Pläne der Regierung gemacht: die Pension (Mindestabsicherung) wurde abgelehnt! Begründung: Alexander besitzt eine 75 Quadratmeter große Eigentumswohnung aus besseren Zeiten. Diese müsste er zuerst verkaufen und eine Wohnung von maximal 45 Quadratmetern beziehen (gesetzlich vorgesehene Quadratmeterzahl für eine Person, um Mindestsicherung beziehen zu können. Besitzt man eine größere Wohnung, gilt man als VERMÖGEND!!!, unabhängig davon, ob man ein Einkommen hat oder nicht – eine Absurdität! Denn wer sollte in der Krise eine Wohnung in Athen kaufen können, wo Immobilien nahezu unverkäuflich sind?). Außerdem hat Alexander einige Stromrechnungen nachzubezahlen, und wir möchten ihm wieder Lebensmittelbons von Sklavenitis zukommen lassen.

 

  1. Megara:

Wir werden Panagotia und ihren Kindern einen Besuch abstatten, um zu erkunden, wie es dieser Familie inzwischen geht.

 

  1. Platanos:

Auch Stamatia, die alte Dame, die im letzten Winterhalbjahr gleich zweimal Opfer eines Wohnungseinbruchs geworden ist, werden wir besuchen.“

 

Aus Korydallos – siehe oben in der Mail Punkt 1)! – erreichte mich gestern Abend von Tassos Chatzatoglou noch eine weitere, eine ganz neue Mail, und zwar eine Nachricht mit einer wichtigen und überaus ermutigenden Zusatzinformation. Sie belegt, ein weiteres Mal nebenbei, daß viele Griechinnen und Griechen auch ihrerseits bemüht sind, Solidarität an den Tag zu legen für verarmte Mitbürgerinnen und Mitbürger in diesem Land. Hier der entsprechende Auszug aus dieser Mail:

 

„Lieber Holdger, liebe alle,

heuer sind die Buchhändler von Korydallos in eine Sozialaktion involviert. Für den Wert jedes für bedürftige Kinder gekauften Schulbuches gibt der Buchhändler aus der eigenen Kassa ein zweites dazu. Mit der Aktion erreichen sie zwei Ziele. Das eine Ziel ist die Solidaritätsabgabe von Schulartikeln an bedürftige Kinder. Das zweite ist die Vorbildwirkung auf die eigenen Kinder. Die Buchhändler wünschen nämlich, dass die Eltern in Begleitung ihrer Kinder die Bücher kaufen sollten und die Kinder auf diese Weise miterleben dürfen, wie ihre Eltern etwas für Kinder kaufen, deren Eltern sich nichts leisten können! Natürlich ist der soziale Träger von Korydallos voll dabei.

Liebe Grüße, Euer Tassos“

 

Hat irgendeiner von Euch schon mal von einer entsprechenden Buchhändleraktion in Deutschland gehört? – Mich zumindest würde das sehr interessieren, befürchte jedoch, daß bis dato in unseren Breitengraden derlei noch nicht geschehen ist, in einer Gesellschaft, die seit vielen Jahrzehnten geprägt wird in ihrem Bewusstsein von etwas, das man so herrlich unkonkret ‚Kapitalismus’ nennt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – in unserem Grundgesetz. In der Realität dürfte wohl eher die Gewinnbilanz, auch der Buchhändler, „unantastbar“ sein. Und damit eine Bewußtseinsentstellung, die deswegen so wenig auffällt, weil man quasi in sie hineingeboren wird.

Und damit, wie immer, zu meinen obligaten Schlußhinweisen:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“, oder wer auch uns Akteure wieder mal mit Organisationsgeldern helfen will (dann bitte unter dem Stichwort „HDS“), der überweise uns bitte Spendengelder auf das folgende Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Und hier nochmal die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):

Peter Latuska
Theodor Heuss Str. 14
37075 Göttingen
Email: latuskalatuska@web.de

Mit herzlichen Grüßen

Holdger Platta

Euer Holdger Platta

 

Anzeige von 2 kommentaren
  • Piranha
    Antworten
    „Hat irgendeiner von Euch schon mal von einer entsprechenden Buchhändleraktion in Deutschland gehört?“  (Zitat aus dem letzten Abschnitt des Berichts)

    .

    Ich fürchte, die Korinthenkacker der Jobcenter hierzulande könnten/würden flugs irgendetwas von den eh schon mickrigen Euros kürzen!?

    Oder?

    Ich würde mich sehr gern belehren lassen, wenn dem nicht so ist.

  • Bettina
    Antworten
    Nicht die Gewinnbilanz ist ein Basis des menschlichen Glücks,
    sondern die Solidarität und das menschliche Miteinander.

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    Vielen Dank, lieber Holdger, für deinen ausführlichen Bericht. Er gibt uns einen guten Einblick in die Tätigkeiten der Außenteamer vor Ort. Es ist bewundernswert, was Evi und Tassos Chatzatoglou, sowie Karl-Heinz Apel und seine Frau Uschi  in die Hand nehmen. Sie brechen mit ihren Fahrzeugen für einen langen Zeitraum ins entfernte Griechenland auf, und verteilen die Hilfsgüter an den einzelnen Stationen. Doch mehr als das, sie organisieren vor Ort das Notwendige und führen Gespräche mit den Betroffenen, sie nehmen sich Zeit für die Hilfsbedürftigen. Wer macht so etwas heute noch ehremamtlich? Ich denke, es wird für die Betroffenen sehr wichtig sein, ihre Sorgen und Ängste aussprechen zu können und sich ernst genommen zu fühlen. Ich halte die Verteilung der Hilfsgüter für genauso wichtig, wie dievon den Außenteamern geführten Gespräche vor Ort.

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    „Alles wirkliche sind Begegnungen“ formulierte einst Martin Buber, ein österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph. „Ich habe keine Lehre, aber ich habe ein Gespräch“. Zum Ausdruck bringen wollte Martin Buber damit, dass sich nur im Dialog „auf Augenhöhe“ eine wirkliche Begegnung zwischen Menschen ereignen kann, so wie es die Außenteamer vor Ort tun.

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    Ich hatte vor einem Jahr die Gelegenheit, Maria Alexaki kennenzulernen. Ich durfte sie in ihr Büro des Health Centers auf Andros begleiten. Was Maria vor Ort alles vor Ort tut, überschreitet weit den Rahmen einer gewöhnlichen Tätigkeit als Sozialarbeiterin. Jeder Bewohner der Insel Andros, der ihrer Hilfe bedarf, ( es sind viele!) darf an ihrem Büro anklopfen. Für jeden einzelnen nimmt sie sich Zeit, für jeden versucht sie die bestmögliche Hilfe und Unterstützung zu organisieren. Sie solidarisiert sich mit den Ärmsten der Armen. So betrachte ich auch die vorbildliche Aktion des Buchhändlers aus Korydallos. Es sind alles Beispiele für das gute Gelingen der Solidarität in Griechenland.

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    Nicht die Gewinnbilanz ist Basis des menschlichen Glücks,
    sondern die Solidarität und das menschliche Miteinander.

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    Maria Farantouri: Απρίλη μου -My month of April
    https://youtu.be/kR7dugpBvgc

     

     

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