Alexanders Albumtipp der Woche: Die Grenzgänger – Hölderlin

 in CD-Tipp

Die Grenzgänger würdigen den Dichter Friedrich Hölderlin zu seinem 250. Geburtstag mit einem 14 Lieder umfassenden Album mit Neuvertonungen markanter Texte – originell anspruchsvoll bis radiotauglich. (Alexander Kinsky)

Hölderlin erspüren – den Konstantin Wecker-Mitarbeiter führt der erste Weg dieser Neubegegnung zum 2009 bei Piper veröffentlichten Buch „Stürmische Zeiten, mein Schatz – Die schönsten deutschen Liebesgedichte ausgewählt von Konstantin Wecker“. Darin findet sich nur ein einziger Hölderlin-Text, aber der hat es in sich, inhaltlich wie voluminös – Diotima (Mittlere Fassung), was für eine großartige lyrische Verewigung der heimlichen Liebe, die den Hauslehrer Friedrich Hölderlin (1770–1843) mit der Bankiersgattin Susette Gontard (1769–1802), die er als Diotima verklärte, verband.

http://www.lyrik123.de/friedrich-hoelderlin-diotima-mittlere-fassung-10911/

Hölderlin erspüren – der zweite Weg führt zu HdS,

Zitat Holdger Platta: „61. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ – dieser Satz wird dem Dichter Friedrich Hölderlin zugeschrieben.“

An anderem Ort zitiert Holdger Platta diese in Coronazeiten seltsam ambivalent anmutenden Hölderlin-Worte: „Komm ins Offene, Freund…!“

Götz Eisenberg lässt wieder an anderem Ort Georg Heyms Hölderlin-Enthusiasmus durchklingen – und versetzt sich später, in tiefster Coronazeit, zusammen mit Robert Walser in den Tübinger Turm Hölderlins, mit Zeilen, die ihn stets in Zeiten sozialer Kälte begleiten.

Zaungäste des Fortschritts oder: Meine Quarantäne

Jürgen Wertheimer hinterfragt Goethes Werk als Weltliteratur, mit Hölderlin beginnend, sofort fast schelmisch zwischen Wissenschaft und Literatur changierend:

„Hölderlin hatte die ganze Welt im Kopf. Eine einzige große Fußreise nach Bordeaux – der Rest: Fiktion. Griechenland, immer wieder Griechenland. Aber nicht nur. Donau- und rheinabwärts, Schwarzes Meer und Kolchos, Kaukasus und Indien, Nordpol und Äquator: Es gibt keine Grenzen und manchmal springt man in den Neckar und landet im Pazifik. Ein poetischer Migrant, den nichts hält und nichts aufhalten kann.“

Anmerkungen zu drei Hermann Reutter Vertonungen von Hölderlin-Texten aus dem Jahr 1943 (davon zwei, die auch die Grenzgänger vertont haben) finden sich auch bereits auf HdS.

Alexanders CD-Tipp der Woche: Hermann Reutter – Chamber Music Lieder Piano Works

Und Chefredakteur Roland Rottenfußer

Hermann Reutter – An die Parzen

hat freilich auch seinen weisen Hölderlin stets griffbereit (weiter unten im Text dann noch einmal):

„Hölderlin, der auch ein großer Naturphilosoph war, drückte es so aus: ´Eines zu sein mit allem, das ist das Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.´“

Johann Christian Friedrich Hölderlin, geboren am 20.3.1770 in Lauffen am Neckar, gestorben am 7.6.1843 in Tübingen, einer der bedeutendsten deutschen Lyriker, im Jahr 2020 also mit dem 250. Geburtstag in den Jubiläums-Blickpunkt gerückt, der freiheitsliebende Dichter, der Zeitgenosse der Französischen Revolution, der mit Mitte 30 für wahnsinnig erklärt wurde und seine zweite Lebenshälfte in einem Turmzimmer in Tübingen verbrachte, wird von den unermüdlich ambitionierten, von Bremen aus agierenden Grenzgängern rund um den 1963 geborenen, in Duisburg-Hamborn sozialisierten Musiker, Autor, Liedermacher, Webseitenbetreiber und Kabarettisten Michael Zachcial pünktlich im Festmonat März 2020 mit einem im Müller-Lüdenscheidt-Verlag veröffentlichten Album gewürdigt.

Nach unter anderem Liedern der Märzrevolution, Liedern aus Konzentrationslagern, Emigrantenliedern, Fallersleben-Vertonungen, verschollenen Liedern 1914 bis 1918, Liedern aus dem Widerstand, Georg Herwegh- und Karl Marx-Vertonungen sowie zuletzt Liedern der Revolution 1918 wagen sich die Grenzgänger nun ambitioniert an den einerseits vielfach völkisch missbrauchten, aber auch stets Hoffnung vermittelnden, vom aufgeklärten Geist Rousseaus geprägten Dichter.

Das Hölderlin Album der Grenzgänger schafft dabei den Spagat zwischen gut durchhörbarer Chanson-CD und literaturgeschichtlicher Bildung verblüffend souverän.

Man lese einfach mal in die Texte hinein – das ist schon heftig bedeutungs-aufgeladene Dichtung. Bei jeder Zeile kann man staunend verweilen und darüber nachdenken, jede dichterische Schlussfolgerung animiert zum Weiterdenken, zum Hinterfragen.

Die Grenzgänger sind Stilpluralisten, sie versuchen und vermögen es damit, jedem Text dessen von ihnen erspürte Psyche und Seele abzugewinnen, mit den Mitteln der Chansongeschichte von der Spielmannszeit bis zum Jazz, von Countryfolk bis zum Kunstlied. Mit ihrem originellen Stilmischmasch machen sie Hölderlins manchmal etwas sperrig wirkende Lyrik gefällig durchhörbar, ohne sie zu nivellieren: eine beachtliche Leistung.

Wir hören ein Schicksalslied, eine Hymne an die Freiheit, einen Nachtgesang von der Blödigkeit und eine Abendphantasie eines vergeblich Sehnsüchtigen, ein Loblied auf Rousseau, eine verbitterte Bilanz zur Hälfte des Lebens, Tipps für die ach so klugen Ratgeber der Menschheit, einen demaskierender Befund des Deutschtums, wir gehen mit auf eine der lyrisch schönsten naturverbundenen Wanderungen der Literaturgeschichte, wir hören Weises zum Lebenslauf, wir lernen auch den jungen zornigen Hölderlin kennen, wir prangern mit ihm die Ehrsucht an, blicken auf seine letzte Aussicht und tanzen am Ende heiter mit einem schwäbischen Mägdelein.

Schon wie es losgeht – das lässt aufhorchen. Ein Akkordeon, eine zerlebte, verbrauchte, verschlissene Männerstimme, „Ihr wandelt droben im Licht…“, dann Kirchenglocken und das weitere Schicksalslied der Leidenden im Jazzclub-Cabaret – da wird gleich eine Stimmung erzeugt, Atmosphäre geschaffen. Dieses Schicksalslied, das Romanheld Hyperion bei Hölderlin singt, während er auf die Fähre wartet, hat (auch die Grenzgänger verweisen darauf) ja auch Johannes Brahms vertont – als ausführliches erhabenes Chorwerk mit Orchester.

Oder die Abendphantasie – der übliche Tipp, zuerst den Text stumm lesen, dann laut, dann den bekannten Synchronsprecher und Schauspieler Christian Brückner darauf ansetzen, dann Paul Hindemiths ernste, kantige Klavierliedvertonung nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 (auch das vergessen die Grenzgänger nicht zu erwähnen!) zum Beispiel mit Peter Schreier und Walter Olbertz hören,

…dann vielleicht – apropos Hölderlin auf HdS – Hermann Reutters ganz anders angelegte von 1943 mit Andreas und Anna Beinhauer,

…schließlich das was die Grenzgänger daraus machen, sich überraschen lassen, welche Klangsprache sie hier finden…

Markant textlich wie musikalisch ist Hälfte des Lebens ein Gedicht, das übrigens auch Wolf Biermann vertont hat, als aufgewühlt-verinnerlichtes, rezitativisches Chanson, erstveröffentlicht 1979 auf der gleichnamigen LP.

Roland Rottenfußer zu Hölderlins Gedicht auf HdS, an sich über 50jährige schreibend:

„Das bekannteste Gedicht zum Thema „Hälfte des Lebens“ stammt von Friedrich Hölderlin und läutet die zweite Lebenshälfte bezeichnenderweise mit den Worten „Weh mir!“ ein. „Weh mir, wo nehm’ ich, wenn es Winter ist, die Blumen, und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde?“ Es klingt, als ob das schöne, saftige Leben jenseits dieser Schwelle für immer vorbei wäre. Schon mit ca. 40, wohl gemerkt! Nur unverbesserliche Positivdenker suggerieren sich fast krampfhaft, dass das Glas „halb voll“ sei, nicht „halb leer“.“

Fünf Grenzgänger-Hölderlin-Lieblingslieder kristallisieren sich für den Schreiber dieser Zeilen heraus.

Rousseau fasziniert musikalisch mit sanft stapfenden Schritten, transparent arrangiert.

Der Wanderer – der Schauspieler Benjamin Krämer-Jenster hat bereits in der Coronazeit eine längere, andere Fassung eingelesen, auf youtube zu finden, auch sie ermöglicht ein ganzes Sich-Hineinfallenlassen in Hölderlins lyrische Welt –

…beginnt bei den Grenzgängern mystisch-geheimnisvoll, atmosphärisch ganz anders stark. Auch diese Strophen sind sorgfältig als sanfte Intensivierung arrangiert, das hat etwas von bester Weill/Brecht-Tradition. Dem Konstantin Wecker Fan mag auch dessen Brecht CD einfallen.

Ganz stark, zumal in ihren Kontrasten, die letzten drei Lieder des Albums:

Die Ehrsucht ist charmant als eingängiges Strophenlied, fast schlagerhaft aufgelöst.

Die Aussicht, Hölderlins letztes Gedicht, wirft in eine umso melancholisch-nachdenklichere Liedwelt.

Den Track 14, Schwabens Mägdelein, deklarieren sie als „Bonustrack“. Er verblüfft total. Das ist eingängiger Countryfolk mit Hitmelodie, so ein richtiger volksliedhafter „Einfall“, freundlich, mitreißend, herzerfrischend originell, im besten Sinn radiotauglich.

Das Album besticht musikalisch naturverbunden, mit Gesang, Konzertgitarre, E-Gitarre, Ukulele, Cello, Akkordeon, Mundharmonika, diversen Saxophonen, Geige, Mandoline, Kontrabass, E-Bass und Schlagzeug, in den ausgefeilten Kompositionen und Arrangements der Grenzgänger Michael Zachcial (der stimmlich und kompositorisch vielfach – Vertrautheit weckend – mit Wenzel verwandt scheint), Felix Kroll und Frederic Drobnjak. Neben dem vierten Grenzgänger-Hauptmitglied Annette Rettich (Cello und Gesang) wirken einige Gäste mit, darunter Thomas Felder mit einer schwäbischen Strophe im Schlusslied.

Literatur- und Musikgeschichte wird mit den Erläuterungen zu jedem Lied im sorgfältig gestalteten, hochwertigen Booklet mitgeliefert – wann und wofür die Textvorlagen entstanden sind, wo welche Strophen weggelassen wurden, wer gewisse Texte bereits vertont hat: es ist nicht zwingend, diese Erläuterungen vorab zu studieren, informativ und im besten Sinn lehrreich ist es allemal, und es macht Lust darauf, unter anderem (wieder mal?) Hölderlins Briefroman „Hyperion“ zu lesen – oder sich etwa Roger Willemsens emotionalisiert aufgeladene Hölderling-Jünglingsworte an die klugen Ratgeber (auch hier eine andere Fassung als die der Grenzgänger)

…zu Herzen zu nehmen.

    Die Grenzgänger Homepage: https://xn--die-grenzgnger-fib.de/

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