Der Atem der Worte

 in FEATURED, Kultur, Poesie, Spiritualität

Was heißt es, zu schreiben? Was hat das Wirkliche mit dem Imaginären zu tun? Was sind Visionen? Was ist ein schöner Satz? Muss Schreiben einen Sinn haben? Was verlangt das Schreiben vom Schreibenden? – Der Poet und Schriftsteller Peter Fahr antwortet mit aphoristischer Prägnanz.

Am Anfang war das Wort … Denken, Sprechen, Schreiben entwickeln sich aus dem Wort. Ohne Wort kein Spiel – ohne Spiel kein Geist. Wortspiel ist alles Gedachte, Gesprochene, Geschriebene.

Das Wort ist Anker und Fundament, Leuchtturm und Wegweiser. Das Wort ist alt und macht alles neu. Das Wort beschwört das Nichts und will alles. Das Wort ist alles.

Beginnst du zu sprechen, liegt das Wort in der Zukunft. Beendest du es, rutscht es in die Vergangenheit. Ist Sprache jemals gegenwärtig?

Sprache ist immer Übersetzung und Interpretation, ein notdürftiger Kompromiss zwischen Sprecher und Zuhörer, Schriftsteller und Leser.

Sprache ist geistige Heimat, sie verleiht den Sprechenden Identität und Würde. Ihre Wirkung auf Zuhörende kann aufbauend oder zerstörerisch sein. Sprache löst etwas aus, ist ausschlaggebend, entscheidend. Sie kann vital oder letal sein. Darum ist sie auf Liebe und Poesie angewiesen. Sprache ohne Liebe und Poesie ist nicht zumutbar.

Rimbaud sagt: „Ich ist ein anderer.“ – Ich antworte: „Ich ist der andere.“

Das Biest wird nicht durch die Moral gebändigt, sondern durch die Schöne.

Die Wirklichkeit genügt nicht

Schriftsteller sind Leute, die nicht vergessen können, die nicht vergessen dürfen. Sie sind erfüllt von einer unermesslichen, namenlosen Nostalgie. Neugierig betrachten sie die Welt wie durch das Glas eines Schaufensters. In der Erscheinung des Seienden begegnet ihr Blick dem Vergangenen. Sie heben die Hand, um sich die Augen zu wischen, irritiert von der blendenden Gleichzeitigkeit der verschiedenen Seinsstufen. Rätselhaft und unbegreiflich ist ihnen alles. Doch unversehens packt sie das Verlangen nach klaren Worten und vollendeten Sätzen. Mit der ernsten Miene frühreifer Kinder spielen sie das Spiel, das jede Kunst sein sollte. Schreibend bannen sie die Tragik des Wirklichen, schreibend beschwören sie die Erhabenheit des Möglichen.

Indem ich der Wirklichkeit als Mensch auf den Sprung komme, erkenne ich als Künstler, dass Kunst nicht Wirklichkeit ist. Kunst ist ein Entwurf von Leben, nicht das Leben selbst. Kunst ist Schöpfung, erfundene Wirklichkeit, die besonnene Verzweiflungstat Unzufriedener.

Wer das Unwirkliche leugnet und nur das Mögliche billigt, ist wirklich unmöglich.

Schreibend verbinde ich das Wirkliche mit dem Imaginären – ich baue Brücken in die Luft.

Meine Luftwurzeln im Geistigen versorgen mich mit der nötigen Kraft, die Stürme des Lebens zu bestehen. Ohne diese Quelle nahezu unerschöpflicher Energie hielte ich dem kräftezehrenden Rütteln und Zerren der Winde nicht stand. Das Geistige garantiert mein Überleben.

Der deutsche Hochstapler und Schwärmer Karl May schrieb die ergreifendsten Abenteuerromane über die nordamerikanischen Indianer, ohne auch nur ein einziges Mal in Amerika gewesen zu sein. Es ist das Vorrecht des Dichters, ein Schwindler zu sein.

Warum muss Schreiben einen Sinn haben? Frage ich mich beim Atmen, ob es sinnvoll sei? Ich atme, also schreibe ich.

Erinnerung und Vision

Deine Eigenart ist der Steinbruch deiner Kunst. Vertraue deinem Charakter, deinem Wesen. Glaube an deine Intuition, auch wenn das Bestehende sie widerlegt. Geh deinen Weg, auch wenn Zweifel dich verwirren. Sei zuversichtlich, auch wenn vieles dagegen spricht. Fröhliche Beharrlichkeit lässt dich deine Visionen verwirklichen.

Der Blick sieht die Wirklichkeit und zeigt Gegenwärtiges, die Vision sieht die Möglichkeit und zeigt Künftiges. Der Blick entlarvt den Sehenden, die Vision das Gesehene. Der Blick ist notwendig, die Vision Not wendend.

Die Erinnerung ist der Herzschlag, die Vision der Atem jeder Erzählung.

Was zum ersten Mal erlebt wird, ist neu, aufregend, rätselhaft, notwendig. Erst die Wiederholung ermöglicht Erinnerung. Erst wenn ich gelebtes Leben im Bewusstsein trage, gewinne ich die nötige Distanz zur Wirklichkeit, die nötige Relativierung meiner selbst, ohne die es keine Literatur geben kann.

Die schriftliche Auseinandersetzung mit dem Tag, mit der Stunde, mit dem Augenblick erleichtert mir den Gang durch die Zeit. Der Weg des geistigen Menschen ist voller Hindernisse und so stütze ich mich auf diese Konfrontation mit der Welt wie auf einen Stock. Im Gehen treffe ich auf andere Menschen, die meinen Weg kreuzen oder eine Wegstrecke mit mir zurücklegen, ich lerne sie kennen und bedenke unser Schicksal. Ich beobachte – die anderen und mich selbst –, überlege und ziehe Schlüsse, die ein paar Schritte weiter schon wieder verworfen werden. Schreibend erkenne ich täglich neu, was Zeitgenossenschaft bedeutet: Mich den Fragen zu stellen, die das Leben für mich bereithält.

Indem der Schriftsteller die Impulse, die er von der Außenwelt empfängt, schreibend verarbeitet, beschneidet er seine zwischenmenschliche Verständigung. Er verinnerlicht die Eindrücke und neutralisiert sie, statt ihnen mit unmittelbarem Ausdruck zu antworten. Er antwortet nicht, er benennt. Benennen heißt entmystifizieren, entromantisieren, enttäuschen. Menschen, Dinge und Zustände, die benannt werden, verlieren ihr Mysterium. Der liebende Mensch hingegen begnügt sich mit der Hingabe an das Unerklärliche. Seine schlichte Erkenntnis lautet: Wer die Liebe benennt, zerstört sie.

J.D. Salinger forderte, zwischen den Worten müsse Feuer sein. Ich sehe das anders. Zwischen den Worten muss Hingabe, zwischen den Worten muss Herzblut sein.

Folge der Spur

Muße ist die Mutter, Leichtsinn der Vater der Inspiration.

Observation, Inspiration und Transpiration ermöglichen Kreation.

Ein schöpferischer Geist ist immer unterwegs, er ist nicht sesshaft. Hat er ein gestecktes Ziel erreicht, drängt er fort zum nächsten. Der Puls seiner Schaffenskraft ist die Unruhe, die Unzufriedenheit, die Ungenügsamkeit. Ein solcher Geist setzt sich dem Unbekannten und Bedrohlichen immer wieder aus, um gedanklich Neuland zu entdecken. Die Einsamkeit seiner Suche erfährt er wie eine Läuterung. Ein schöpferischer Geist gibt niemals auf, weil er nicht aufgeben kann.

Der Schreibende erfindet die Geschichte nicht, er entdeckt sie. Er folgt ihrer Spur – und ist er Künstler genug, demütig und ergeben genug, dann schafft er es, sich in sie zu versenken und ihre Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, ihre Entwicklung und Auflösung zu verstehen und festzuhalten.

Ich gehe nicht von etwas aus, sondern werde zu etwas hingeführt. Ich beziehe keine Stoffe, sie bemächtigen sich meiner. Der Schriftsteller ist sein eigener Leser: Schreiben ist Lesen.

Ich schreibe. Ich werde geschrieben.

Der Anspruch zu schreiben, wie Edith Piaf sang – ohne Pose, wahrhaftig, klar und kräftig, im Ausdruck schlicht und aufrichtig, inhaltlich tiefgründig und ergreifend in der Wirkung.

Was Brecht und andere noch anstreben durften, wird heute der Lächerlichkeit preisgegeben. Der Anspruch, den Lauf der Welt mittels Büchern zu beeinflussen, wird belächelt. Überall öffnen sich Sackgassen, auch in der Literatur. Und wie kommen wir aus der literarischen Sackgasse heraus? Diese Frage geistert in den Köpfen der Schriftsteller herum. Wer sie für sich beantworten kann, schreibt weiter.

Geist und Menschlichkeit

Schriftsteller leisten einen wichtigen Beitrag zum sozialen Gelingen des menschlichen Experiments. In ihren Werken kristallisiert sich nicht nur das Wissen, sondern auch das Empfinden und die Weisheit der Generationen. Die Literatur trotzt der Vergänglichkeit. Sie birgt einen wesentlichen Teil des kulturellen Erfahrungsschatzes, den die Gesellschaft braucht, um sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen und Zukunftsperspektiven zu entwerfen.

Als Schriftsteller sage ich mir: Wer kein Messer hat, kann kein Brot schneiden. Dennoch bin ich nicht bereit, aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Da ich verstehen will, komme ich nicht darum herum, Urteile zu fällen. Urteilen heißt: Erkennen und trennen. Lieben heißt: Erkennen und verbinden. Verstehen heißt: Urteilen und lieben.

Die Revolution des Schreibenden ist seine Rebellion.

Was ist ein guter Schriftsteller? Pfeffer in die Augen der Siebenschläfer.

Vom früheren französischen Präsidenten Mitterrand stammt der Ausspruch: „Das Wort ist bescheiden.“ Ein tragischer Ausspruch, weil er von einem mächtigen Mann stammt. Ich trage die Last der Bescheidenheit auf meinen Schultern wie das Gewicht der Verantwortungslosigkeit. Nur nicht schweigen, beschwöre ich mich. Es genügt nicht, die Wahrheit zu wissen, man muss sie auch aussprechen. Das Schweigen der Lämmer lügt. Das Wort ist da, gehört zu werden.

Hemingways Forderung nach dem wahren Satz – ich versuche sie zu erfüllen. Der wahre Satz ist der schöne Satz.

Eine notwendige literarische Antwort auf die Suizidgesellschaft mit ihrer drastischen Umweltzerstörung ist eine einfache, klare Sprache. Das Bekenntnis zu einer archaischen Sprache ist ein Bekenntnis zu Geist und Menschlichkeit.

Die höchste Kultur des Geistes ist nichts wert ohne eine Kultur des Herzens.

 

Peter Fahr veröffentlicht – jeweils im Abstand von einigen Wochen – in diesem Magazin eine sechsteilige Serie über das Schreiben und das Selbstverständnis des Schriftstellers. Dieses ist der zweite Teil. Der erste ist hier zu lesen.

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