Der Mythos der Heil bringenden Herrschaft

 In Buchtipp, FEATURED, Konstantin Wecker, Politik

„Warum muss es immer und überall jemanden geben, der bestimmt und regiert?“ Dieser Frage ging Konstantin Wecker schon in seinem zum Klassiker gewordenen Lied „Es ist schon in Ordnung“ nach. Die Idee, dass Hierarchien und Herrschaft das Heil bringen könnten, ist durch Jahrtausende grausamster geschichtlicher Erfahrung längst wiederlegt und hält sich trotzdem hartnäckig – nicht zuletzt aufgrund der Propagandamacht der Reichen und Mächtigen, die sich zu ihrem Dominanzanspruch passende „Narrative“ erschaffen haben und diese geschickt in die Köpfe ihrer Untertanen pflanzen. Markus Pühringer ist dieser destruktiven Dynamik in seinem hervorragenden Buch „Herrschaftsfrei leben!“ auf die Spur gekommen. Konstantin Wecker hat es rezensiert. Erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop.

Beim Autor des Verses „Nein, ich hör nicht auf zu träumen von der herrschaftsfreien Welt“ rannte Markus Pühringer mit diesem Buch gewiss offene Türen ein. Ich habe mich schon sehr lange als Anarchist verstanden, weniger auf der Basis ausgiebigen Theorie-Konsums, sondern aufgrund eines instinktiven Unbehagens. Warum muss es immer und überall jemanden geben, der bestimmt und regiert? Wodurch qualifizieren sich Machthaber dafür, Macht über uns zu haben? Und sprechen nicht fast alle Erfahrungen mit den herrschenden „Eliten“ unserer Zeit der Behauptung Hohn, nur stramme Hierarchien könnten der Menschheit das Heil bringen? Nein, nur allzu offensichtlich dient Herrschaft der Absicherung einer von den Systemgewinnern erwünschten sozialen Ungleichheit.

Das Wunderbare an Markus Pühringers Buch ist aber gerade, dass er nicht bei der Beobachtung des Naheliegenden stehen bleibt: bei den vielen empörenden Erscheinungsformen von Gewalt und Despotismus; nein, Pühringer schürt tiefer und deutet die Menschheitsgeschichte als eine Aufeinanderfolge von Paradies, Vertreibung und anzustrebender Heimkehr. Dieser Dreischritt ist nicht vollkommen neu und wurde auch z.B. von den Frühromantikern so gedacht; In seiner modernisierten Version legt der Autor aber glaubwürdig dar, wie das Trio Infernal aus Herrschaft, Kapitalismus und Patriarchat unser Ökosystem und nicht zuletzt viele Seelen geschädigt hat.

Pühringer demontiert den „Mythos der Heil bringenden Herrschaft“. Heute spricht man meist von einem „Narrativ“, einer Erzählung, der sich so viele unterworfen haben und noch immer unterwerfen, weil sie weder aus persönlicher Erfahrung noch aus den Geschichtsbüchern etwas anders kennen als den plumpen Skat-Grundsatz „Der Ober sticht den Unter“. Was aber 6000 Jahre lang gültig war, ist deshalb nicht automatisch auch heilsam. Wir können im 6001. Jahr damit beginnen, umzudenken und uns gegen die Zumutung patriarchaler Gewalt- und Geldherrschaft zu wehren. Und dieser Prozess ist ja längst im Gang. Ich bin schon lange der Überzeugung, dass unsere Welt weiblicher werden muss, um zu gesunden. Weiblich in einem allgemeineren Sinn als eine Zunahme von sozialem Mitgefühl, Ausgleich, Zärtlichkeit und Intuition. (Der Verweis auf konkrete mächtige Frauen wie von der Leyen und Kramp-Karrenbauer führt hier eher in die Irre.)

Markus Pühringer hat die großartige Arbeit geleistet, uns zu den Wurzeln der globalen Misere zu führen und zugleich einen gangbaren Ausweg aus der Krise zu zeigen – basierend auf den Prinzipien Bewusstsein, Verbundenheit und Gerechtigkeit. Unbedingt empfehlenswert!

Markus Pühringer: Herrschaftsfrei leben! Planet Verlag, 214 Seiten, € 19,90

Kommentare
  • Avatar
    Bettina
    Antworten
    Stramm stehende Hierarchien?
    Marsch geblasenes Patriarchat?
    Rechenmaschinen aufgedunsener Profiteure … ?
    Da lob‘ ich mir doch den Eigensinn! 

    Hermann Hesse: Eigensinn
    https://youtu.be/-3VrMnoIQl4

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