Die Welt-Stasi

 In FEATURED, Politik, Roland Rottenfußer

Der NSA-Skandal ist aus den Nachrichten verschwunden, doch der Ausbau einer globalen Totalüberwachung geht ungebremst weiter. Der NSA-Überwachungsskandal ist nur ein Symptom für eine noch viel umfassendere und Besorgnis erregendere Entwicklung: Die USA dominieren den Rest der Welt mittlerweile in einem Ausmaß, von dem frühere Weltreiche nur hätten träumen können. Nicht nur, dass das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ auf fast jedem Territorium der Erde macht, was es will – auch die Reaktionen der Nationalstaaten darauf sind deutlich von Angst diktiert. Gegen die US-Regierung und ihren zum monströsen Welt-Tyrannen angeschwollenen Sicherheitsapparat hilft jetzt aber nur noch der entschlossene Widerstand der unterworfenen Länder.  Roland Rottenfußer

Joseph Nacchio, Chef einer US-Telekommunikationsfirma, lehnte die Forderung der NSA ab, Kundendaten herauszugeben. Bald darauf verurteilte ihn ein Gericht wegen „Insider-Handels“. Zufall? Ecuadors Präsident Corea war bereit, Edward Snowden Asyl zu gewähren. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, verkündete er stolz. Kurz darauf ruderte er zurück. US-Vizepräsident Biden hatte ihn angerufen und gewarnt, die Beziehungen zwischen beiden Ländern würden sich „stark verschlechtern“, falls der Whistleblower in dem lateinamerikanischen Land unterkäme.

1991 wurde Jeffrey Carney in Berlin auf offener Straße von der CIA entführt. Carney hatte bei der US-Luftwaffe in Westberlin gearbeitet und geplant, in die DDR zu gehen – Geheimnisverrat. Der deutsche Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom sagt dazu: „Weder damals noch später gab es auch nur den geringsten diplomatischen Protest der Bundesregierung darüber, dass die Entführung auf deutschem Boden stattgefunden hatte.“

Orwell reloaded

Dies sind nur einige Vorfälle von vielen. Ich will mit diesem Artikel ausdrücklich nicht auf eine „geheime Weltregierung“ anspielen, wie sie manchmal beschrieben wird (dies wäre ein eigener Artikel). Das heißt, es geht mir nicht darum, die „Bilderberger“, bestimmte amerikanische Familienclans oder allgemein „die globalen Banken und Konzerne“ als die Drahtzieher hinter den Kulissen zu entlarven. Mir geht es allein um deutlich erkennbare Vorgänge, die sich im Vordergrund des Weltgeschehens abspielen. Speziell: um die ungesunde Dominanz der USA über den Rest der Welt.

Kaum jemand hält es heute für nötig, diesen Weltherrschaftsanspruch zu bemänteln. Von „Global Leadership“ ist die Rede, oder von „Informational Superiority“. Ich beziehe mich hier auch zunächst auf ein Mainstream-Magazin, das sich klar neoliberal und pro Krieg positioniert, im Zusammenhang mit der NSA-Affäre aber durchaus erfreulich Flagge gezeigt hat: den „Spiegel“.

„Angst regiert gerade diese Welt“, schreibt der Spiegel in seiner Ausgabe vom 8. Juli 2013. „Angst vor dem Zorn der Vereinigten Staaten von Amerika, Angst vor Präsident Barack Obama, der einst als Weltenretter begrüßt wurde. Kaum einer will es sich mit der politischen und wirtschaftlichen Supermacht verscherzen.“ Und, durchaus wertend: „Der Westen macht sich gerade lächerlich durch Unterwürfigkeit, durch freiwillige Unfreiheit, durch den Verstoß gegen die eigenen Werte.“ In den 1970er-Jahren, so der Spiegel, habe Senator Frank Church im Zusammenhang mit einer Geheimdienst-Affäre gewarnt, die NSA würde „einem Diktator ermöglichen, ein System totaler Tyrannei zu errichten, gegen den niemand ankämpfen könnte“.

Wer sich in der Schule mit George Orwells Roman „1984“ befasst hat, hat in diesem Zusammenhang vermutlich folgendes „gelernt“: Orwells Vision habe sich nicht bewahrheitet. Die großen faschistischen und linksautoritären Regime Europas seien zusammengebrochen. Freiheit und Demokratie hätten gesiegt. Doch was in den 1980ern vielleicht noch galt, war nur eine Zwischenstandsmeldung, die von der Geschichte längst überholt ist.

„Gute Hirten“ im Einsatz

Einen bemerkenswerten Film zum Thema „US-Sicherheitsapparat“ haben Matt Damon und Robert Niro gedreht. „Der gute Hirte“ (2006). Er zeigt die Lebensgeschichte des CIA-Mitbegründers Edward Wilson. Als Wilson (Damon) dem Geheimdienst seinen alten Lyrikprofessor quasi als „Gesellenstück“ ans Messer liefert, warnt ihn dieser: „Steigen Sie aus, so lange Sie noch eine Seele haben.“ Der Professor wird vor Wilsons Augen wegen angeblicher politischer Unzuverlässigkeit barbarisch ermordet. Später werden solche Vorfälle für den CIA-Mann zur lieb gewordenen Gewohnheit.

Ein mutmaßlicher russischer Agent wird in Guantanamo-Manier durch psychischen Druck, Schläge und Waterboarding gefoltert. Vor seinem Tod deckt der Russe die wahren Gründe der US-amerikanischen Sicherheits-Hysterie auf: „Ihr müsst den sowjetischen Mythos am Leben halten, damit euer militärisch-industrieller Komplex floriert. Euer System ist abhängig von der Annahme, Russland sei eine tödliche Bedrohung.“ Heute dienen sowohl das wieder aufgewärmte Feindbild Russland als auch der „Internationale Terrorismus“ diesem Zweck. Robert de Niro als besonnener Geheimdienstchef warnt: „Ich fürchte, dass zu viel Macht in die Hände von zu wenigen fällt.“

Genau das ist längst geschehen. Wir leben in einem „Goldenen Zeitalter der Überwachung“, so der Spiegel. Und, um einen Satz von Konstantin Wecker zu variieren: Die Zeiten stinken, und die Politiker schweigen. Zwar gab es, als der Skandal „frisch“ war, ein zaghaftes Aufbegehren seitens der Regierungen der ausspionierten Länder, doch diente dieses wohl eher der Volksberuhigung. Der Tenor der offiziellen Verlautbarungen war: Wir wussten nichts, und hätten wir etwas gewusst, wäre das Verhalten der amerikanischen Kollegen sicher in Ordnung gewesen. Schließlich dient es der Terrorbekämpfung, und wer würde die nicht aus tiefster Seele ersehnen?

Der vergessene Skandal

Seither ist es um den NSA-Skandal verdächtig ruhig geworden. Man hat sich gewöhnt, der Vorgang wurde quasi „ent-skandalisiert“. Gegenkräfte sind erlahmt. Die Piratenpartei, die sich Überwachungskritik dankenswerterweise auf die Fahnen geschrieben hatte, sackte paradoxerweise ausgerechnet nach dem Jahr 2013 in allen Bundesländern unter die 5-Prozent-Hürde und damit unter die Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit. Das Sterben dieser Partei, deren Existenz allemal mehr Anlass zur Hoffnung gab als die der später erfolgreicheren AfD, war einer Mischung aus Medienkampagnen und eigenen Fehlern der teilweise chaotisch agierenden Protagonisten geschuldet.

Bald darauf – mit Höhepunkt im Jahr 2016 – machte eine Serie von Terroranschlägen jede Überwachungskritik vorerst obsolet. Aufgescheucht durch medial zusätzlich aufgebauschte Schreckensereignisse war die Bevölkerung bereit, Schutz suchend bei Vater Staat unterzukriechen und ihre Freiheit für mehr Sicherheit zu opfern.

Die Welt verwandelt sich schleichend, aber auch nicht allzu langsam, in eine gewaltige „Black Mirror“-Folge – jene geniale dystopische Serie von Drehbuch-Genie Charlie Brooker, die bei uns leider nur über Netflix zu sehen ist. China führte unbedarft das „Social Scoring“ ein, ein Punktesystem, das Bürger ständig im Hinblick auf ihr Wohlverhalten im Sinne staatlicher Regeln bewertet – gestützt durch modernste Überwachungstechnologie. Bereits etwa [ein Drittel aller Deutschen] (https://www.macwelt.de/a/ein-drittel-der-deutschen-wollen-social-scoring-la-china,3440427) würde ein Social Scoring-System auch für ihr Land befürworten. Diese Zahl ist erschreckend hoch in Anbetracht dessen, dass es sich um gefährlichen faschistoiden Irrsinn handelt.

Eine globale „Black Mirror“-Folge

In Deutschland nutzt Horst Seehofer, unser Bavarian Big Brother, jede Gelegenheit, um die Schlinge um unsere Hälse fester zuzuschnüren. Schärfere Polizeigesetze sind in mehreren Bundesländern installiert oder in Planung. Die automatische Gesichtserkennung wurde im Feldversuch an einem Berliner Bahnhof 2017 schon einmal ausprobiert; ein Vorstoß, alle Autofahrer-Nummernschilder im Vorüberfahren und verdachtsunabhängig zu registrieren (Kennzeichen-Scan), wendete das Bundesverfassungsgericht vorerst – zum Glück – ab.

Die Europäische Harmonisierung der Repression wird auf verschiedenen Wegen massiv vorangetrieben  Etwa durch die „E-Evidence-Verordnung“ zur gesamteuropäischen Nutzung der Internet- und Emaildaten der Bürger und die „Europäische Ermittlungsanordnung (EEA)“. Beide Einrichtungen würden es Behörden aus dem europäischen Ausland – auch solchen aus rechtsstaatlich fragwürdigen Ländern wie Ungarn – erlauben, auf die Daten deutscher Bürger zuzugreifen.

Die Fügsamkeit, ja Unbedenklichkeit in der Bevölkerung ist zum großen Teil auch durch einen Gewöhnungseffekt bedingt, den der tägliche Umgang mit Kommerz- und Überwachungsriesen wie facebook, Google und amazon, mit Kreditkarteninstituten und der Omnipräsenz von Überwachungskameras mit sich bringt. Nicht zu vergessen die persönliche mobile Wanze, gemeinhin auch bekannt als Smart Phone. Dave Eggers Roman „The Circle“ hat das Phänomen der Überwachungsfreundlichkeit als Teil einer vermeintlich sozialen Spaßkultur trefflich beschrieben. „Die Überwachung kann noch so sehr zunehmen, es interessiert keinen, es führt zu keinerlei Widerstand“, sagt da die Romanfigur Mercer, quasi ein Sprachrohr des Autors.

Der Kopf unter der Guillotine

In der Tat ist das auffälligste Phänomen an unserer Epoche nicht die Tatsache, dass eine kleine Clique technikverrückter und profitgeiler Bastler ein paar wahnwitzige Ideen ausbrütet. Was wirklich Angst macht, ist die Tatsache, dass die Mehrheit dergleichen acht- und widerstandslos durchwinkt. Die Figur „Ty“, ein genialer Konstrukteur privater Überwachungstechnologie, wundert sich in „The Circle“ selbst über die Geister, die er rief. „Ich meine, es war, als würde man auf dem Marktplatz eine Guillotine aufstellen. Du rechnest doch nicht damit, dass zig Leute Schlange stehen, um den Kopf reinzulegen.“ Ein totaler Überwachungsstaat, das Ende jeder Privatsphäre – kann so etwas quasi aus einem spielerischen Impuls heraus entstehen –  aus Versehen?

An ein Versehen kann ich, was unsere realen Zustände betrifft, nicht glauben. Sicher ist aber: Wir müssen unsere Hälse schleunigst von der Guillotine nehmen – sonst rennen wir kopflos in unser eigenes Verderben! Private und staatliche Freiheitsfeinde, Repression und „freiwillige“ (jedoch durch massive Manipulation erzeugte) Impulse der Bürger, an ihrer zunehmenden Überwachbarkeit mitzuwirken, gehen derzeit Hand in Hand – in Richtung auf den totalitären Abgrund.

Es lohnt, noch einmal ins Jahr 2013 und zu den damaligen Diskussionen zurückzukehren. Sie markieren quasi einen Meilenstein dieser höchst bedenklichen Entwicklung – jedoch weder den Anfang noch das Ende. Der damalige Bundesinnenminister Friedrich sagte 2013: „Deutschland ist glücklicherweise in den letzten Jahren von großen Anschlägen verschont geblieben. Wir verdanken das auch den Hinweisen unserer amerikanischen Freunde.“ Vielleicht kennen einige die Geschichte über einen Mann, der in der Fußgängerzone steht und andauernd in die Hände klatscht. „Warum klatschen Sie in die Hände?“, fragt ein Passant. „Um die Elefanten zu vertreiben“. „Aber hier gibt es doch gar keine Elefanten!“ „Eben!“. Ähnlich argumentieren Sicherheitsfetischisten: Gibt es Terroranschläge, beweist dies die Notwendigkeit eines gigantischen Sicherheitsapparats und des Abbaus von Bürgerrechten. Gibt es keine Terroranschläge, beweist dies – dasselbe. Der Sicherheitsapparat war dann die Ursache dafür, dass alles ruhig geblieben ist.

Das Televisor-Prinzip

Der scheinbar nachvollziehbarste Grund für die Schnüffelaktivitäten der NSA ist zugleich der perfideste. Es offenbart sich darin, so der Spiegel, „eine funktionale Sicht auf den Überwachungsapparat der Supermacht: Was genau die NSA macht, ist zweitrangig – es zählt, was hinten rauskommt“. Setzt sich das Argument durch, Überwachung habe Terror verhindert und Terrorprävention sei wichtiger als Datensicherheit, könnte mit demselben Argument auch der Televisor eingeführt werden.

Man erinnert sich: Der Televisor in George Orwells Roman „1984“ ist ein Überwachungsapparat in jedem Zimmer jeder Privatwohnung des Landes. Es gibt keinen unüberwachten Winkel mehr. Ohne Zweifel könnte eine solche Maßnahme häusliche Gewalt verhindern. Käme es dennoch zu Straftaten in einem Wohnzimmer, Schlafzimmer oder Klo könnten sie rascher aufgeklärt werden. Was hindert uns also noch an der flächendeckenden Einführung des Televisors?

„Wenn du nach einer Nadel im Heuhaufen suchst, brauchst du einen Heuhaufen“, sagte Jememy Bash, ehemaliger Stabschef des CIA-Direktors. Der Heuhaufen: das sind wir alle. Das ist das menschliche Leben mit seinen ungezählten mündlichen und schriftlichen Kommunikationsvorgängen. Der menschliche Geist erscheint den Weltregenten als Blackbox, als schwer durchschaubarer Abgrund, dem jederzeit terroristische und antiamerikanische Gedanken entquellen könnten. Menschsein selbst ist in dieser Logik ein Sicherheitsrisiko, und es erscheint geradezu fahrlässig, dass es immer noch so viele unverwanzte Wohnungen, unüberwachte Plätze, unabgehörte mündliche Kommunikationsvorgänge gibt. Könnten NSA-Techniker in unsere Köpfe so leicht schauen wie in unsere E-Mails, sie würden es tun.

Terror durch Abschreckung

Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt im Vergleich zum Ertrag? NSA-Chef Alexander äußerte 2013 zur Rechtfertigung seiner Überwachungsaktivitäten, diese hätten dazu beigetragen, 10 Anschläge zu verhindern. Da ist auf der einen Seite ein Generalverdacht gegen Milliarden von Menschen, ein unfassbarer technischer und personeller Aufwand – und auf der anderen Seite stehen 10 verhinderte Anschläge. Um das zu verstehen, muss man den Sekundärnutzen der Überwachung ins Auge fassen, der in Wahrheit wohl der Hauptnutzen ist.

Überwachung übt eine disziplinierende Wirkung auf die Bevölkerung aus, lange bevor Polizeieinheiten unsere Wohnungen stürmen. Wer annimmt, dass er überwacht werden könnte, passt schon vorher auf, was er sagt und schreibt. Der Überwacher sitzt gleichsam in unserem Kopf. Und auch wenn da keiner ist, vergiftet allein die Vorstellung, es könnte ihn geben, unseren Geist und unsere Kommunikation. Aus Filmen über die DDR kennen wir diesen Flüsterton, die angstgelenkt nur geduckte und übervorsichtige Kommunikation. Insofern dient paradoxerweise auch die Aufklärung über die Realität der Welt-Überwachung durch Edward Snowden und andere der Disziplinierung der Bevölkerung. Denn je mehr wir darüber wissen, desto größer wird unsere diffuse Angst.

Als Mensch auf dieser Erde zu leben, bedeutet künftig, sein Leben ständig im Hinblick auf mögliches Überwachtwerden zu führen. Es wäre unrealistisch, anzunehmen, dass dies nicht unsere Art zu denken und zu sprechen schleichend verändern würde. Edward Snowden erklärte im Spiegel vom 8. Juli 2013 folgendes: „Aus Millionen von Facebook-Profilen und E-Mails werden nach bestimmten Kriterien Personen herausgefiltert, bei denen besondere Sicherheitsbedenken bestehen. Diese Personen werden markiert, und dies bedeutet: „Die Zielperson wird komplett überwacht.

Ein Analytiker wird täglich einen Report über das bekommen, was sich im Computersystem der Zielperson geändert hat. (…) Der Analytiker kann entscheiden, was er tun will – der Computer der Zielperson gehört nicht mehr ihr, er gehört dann der US-Regierung.“ Natürlich: Dass Sie oder ich so intensiv überwacht werden, ist immer noch relativ unwahrscheinlich. Damit es aber gar nicht so weit kommt, müssen wir künftig mit unserem Mail- und Surfverhalten, unseren Äußerungen im Internet vorsichtiger sein. Oder?

Die Welt-Stasi

Was ich hier skizziert habe, bedeutet subtiler Psychoterror gegen die gesamte Welt. Realisiert ist bereits jetzt eine Art Welt-Stasi. Die USA sind (assistiert von Europa) zu dem geworden, was der Westen in Gestalt des Ostblocks überwunden zu haben glaubte. Prinzessin Amidala sagt in „Star Wars, Episode III“: „Hast du je darüber nachgedacht, ob wir nicht vielleicht auf der falschen Seite stehen? Was ist, wenn die Demokratie, der wir zu dienen glaubten, nicht mehr existiert, und die Republik zu dem Bösen geworden ist, das wir bekämpfen wollten?“

Die „Global Leaders“ flankieren die Totalüberwachung noch durch einige weitere, höchst bedrohliche Maßnahmen. Wenn es um Drohnenangriffen, die Einrichtung von Folterlagern und Drohungen mit Wirtschaftssanktionen geht, dann ist der Psychoterror wahrlich nicht mehr allzu subtil.

Die USA nehmen sich das Recht heraus, jeden Bürger, überall auf der Welt durch Drohnenangriffe zu töten. Wenn dies in Deutschland derzeit nicht geschieht, liegt es an der engen „Freundschaft“ der neoliberal gesinnten Brudervölker. Sollte Deutschland aber einmal aus der Koalition der Gutwilligen ausscheren und Staatsfeinde auf seinem Territorium dulden – wer weiß? Wikipedia gibt für Pakistan folgende Opferzahlen an: „Laut der Studie ‚Living Under Drones’ starben zwischen Juni 2004 und September 2012 zwischen 2.562 und 3.325 Menschen durch Drohnenangriffe. Die Zahl der Zivilisten unter den Toten benennt die Studie mit 474 bis 881, darunter 176 Kinder.“ Allein die Zahl der unter dem Oberbefehl des Friedensnobelpreisträgers Obama getöteten Kinder (!) übersteigt also bei weitem die Zahl der Menschen, die von der RAF und Nationalsozialistischen Untergrundkämpfern zusammen getötet wurden.

Der globale Amon Göth

Drohnen-Angriffe auf Menschen fremder Staaten schaffen ein Klima diffuser Angst. Nicht jeder kann zum Angriffsziel werden, aber jeder zum „Kollateralschaden“. Stirbt dein Kind, tröstet es dich ohnehin kaum, wenn die Täter vor Gericht gestellt werden. Schmerzlich ist es dennoch, dass es für die Täter nie ein Gerichtsurteil geben wird. Die Opfer werden so noch zusätzlich verhöhnt, weil sie in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Vereinigten Staaten von Amerika getötet wurden. Das Lebensgefühl, das sich hieraus für alle ergibt, ist beklemmend: Ein globaler Amon Göth feuert von seiner Terrasse aus auf jeden Menschen, den zu eliminieren ihm beliebt. Im Gegensatz zu dem KZ-Kommandanten aus „Schindlers Liste“ haben die Menschen, die Drohnen steuern, bei der Auswahl ihrer Opfer zwar klare Kriterien; doch es sind die Kriterien der Mörder, nicht die einer unparteiischen, humanen Justiz.

Mit Folterlagern ist es wie mit der Überwachung: Je mehr empörte Aufklärung es darüber gibt, desto mehr verstärkt sich ein Klima der Angst. Kaum einer, der in Guantanamo sitzt, wurde auf dem Staatsgebiet der USA verhaftet. Murat Kurnaz etwa, dessen Schicksal ebenfalls 2013 unter dem Titel „5 Jahre Leben“ verfilmt wurde, ist ein in Bremen gebürtiger türkischer Staatsbürger, der in Pakistan von den USA gekidnappt wurde und ohne Prozess vier Jahre lang in Guantanamo einsaß.

Momentan scheint es unwahrscheinlich, dass ein deutscher Gegner der US-Politik auf deutschem Boden verhaftet wird. Aber können wir uns dessen in Zukunft sicher sein? Und was ist mit denen, die in muslimischen Ländern Urlaub machen? Glaubt jemand im Ernst, Merkel und Maas würden für ihn eintreten, wenn er in Guantanamo schlimmsten Erniedrigungen ausgesetzt ist? Während der argentinischen Militärdiktatur wurden Folterkeller bewusst nicht vollständig von der Bevölkerung abgeschirmt. Das heißt, Die Schmerzensschreie hörte man teilweise bis auf die Straße. Dies übte eine stärkere disziplinierende Wirkung auf die Bevölkerung aus als jedes Geheimlager. Eine Drohung mit einer Strafe, von deren Existenz niemand weiß, ist schließlich völlig wirkungslos.

„Feinde der USA“ – zum Abschuss freigegeben

Ab einem gewissen Ausmaß des Terrors wächst der Widerstand nicht mehr, er sinkt – aus Angst. Geschieht vor unseren Augen etwas Unfassbares, fallen wir leicht in Schockstarre. Merken wir dann, dass wir mit unserer Empörung offenbar allein sind, weil Politiker und Medien die Vorgänge herunterspielen, zweifeln wir vielleicht auch noch an unserem eigenen Verstand. Hinzu kommt bei den USA die Eliminierung von Staatsfeinden zur Abschreckung. Siehe Osama Bin Laden, Muammar al-Gaddafi und Chelsea Manning (vormals Bradley Manning), die gefoltert wurde und bis 2017 hinter Gittern blieb, bevor ein „Gnadenakt“ ihr zur Freiheit verhalf.

Edward Snowden muss Ähnliches befürchten. Es scheint nicht einmal sicher, ob es Snowden gelingen würde, mit dem Flugzeug von Russland nach Venezuela einzureisen, ohne „abgefangen“ zu werden. Sollte er je nach Venezuela gelangen, muss er befürchten, dass ihn die USA auch dort zur Strecke bringen werden. So wird ein globales System der Selbstjustiz und des Schreckens etabliert – vergleichbar nur noch mit der Fatwa gegen Salman Rushdie durch den früheren iranischen Machthaber Khomeini. Das Todesurteil übt eine einschüchternde Wirkung auf alle aus, die sich künftig kritisch oder satirisch über den Propheten Mohammed äußern wollen. „Wohin du auch fliehst, wir kriegen dich“ – solche Sätze scheinen einem Film über die mexikanische Drogenmafia zu entstammen.

Erschreckend ist auch das scheinbar unerschütterliche Selbstbewusstsein der Täter. Barack Obama legte sich im Zusammenhang mit dem NSA- und Snowden-Skandal mittlerweile sowohl mit Russland als auch mit vielen südamerikanischen und europäischen Staaten an. Putin drohte er mit der Absage eines Staatsbesuchs, falls Snowden sich noch länger dort aufhalte. Südamerika wurde brüskiert, als der bolivianische Präsident Morales für 13 Stunden auf dem Wiener Flughafen festgehalten wurde – weil Snowden sich im Flugzeug hätte befinden können.

Wusste Obama, dass ernsthafte Konsequenzen seitens dieser Länder nicht zu befürchten waren? Oder war es ihm egal, weil er sich selbst gegenüber so vielen Ländern, die die Politik der USA vor den Kopf stößt, als der Mächtigere fühlte? Beides trifft wohl zu. Der Terror gegen „Feinde der USA“ war ihm wichtiger als selbst gute Beziehungen zu wichtigen Partnern. Die „Verschlechterung der Beziehung zu den USA“ wird so zum globalen Popanz, vor dem fast alle Staaten der Erde kuschen. Sei es aus Angst vor wirtschaftlichen Einbrüchen, vor Isolation oder vor militärischem Druck. Damit sind selbst vormals freie und stolze Länder zu angstschlotternden Duckmäusern mutiert. Dies ist unter dem nach außen hin gröber gestrickten neuen Präsidenten Trump nicht besser, sondern eher schlimmer geworden, denn seine völlige Unberechenbarkeit hält die Welt noch zusätzlich in Atem.

Appeasement statt Rückgrat

Die unterworfenen Staaten reagieren gegenüber den USA wie Kleinkinder gegenüber einem gewalttätigen Vater. Aus einem Gefühl totaler Machtlosigkeit heraus möchte man es sich nicht mit demjenigen verscherzen, von dessen Gnade man existenziell abhängig ist. Lieber idealisiert man den Gewalttäter und versucht, sich mit ihm zu verbünden. Die Entrüstung europäischer Politiker über die NSA-Affäre war ohnehin eher gespielt, weil erstens die Führungsschicht wahrscheinlich davon wusste und zweitens die „Elite“ insgeheim mit den diktatorischen Maßnahmen sympathisiert, weil sie darin eine Blaupause für eigene Pläne zur Kontrolle der Bevölkerung sieht.

Sollten einzelne Politiker tief in ihrem Herzen anderer Meinung sein, werden sie sich mit Kritik zurückhalten. Ist es nicht, um „Schaden vom Volk abzuwenden“ opportun, sich mit dem Großen Bruder Amerika nicht anzulegen? Ab einem gewissen Stadium der Etablierung einer Weltdiktatur ist „Appeasementpolitik“ nur logisch. Denn wer möchte seinem Wahlvolk den Status eines Schurkenstaats zumuten – mit Folgen wie in Pakistan?

Zum Versagen der Exekutive kommt das Versagen des Justizapparats, beginnend mit den USA selbst. Edward Snowden sagte im Spiegel-Interview: „Die Frage, wer theoretisch angeklagt werden könnte, ist hinfällig, wenn die Gesetze nicht respektiert werden. Gesetze sind gedacht für Leute wie Sie oder mich – nicht aber für die.“ Hinzu kommt vielfaches weiteres Versagen, etwa das von Ex-Bundespräsident Gauck und Angela Merkel, deren Milde vor dem Hintergrund ihrer Biografien im Stasi-Staat DDR besonders kläglich anmutet.

Nicht zuletzt scheitert ernsthafter Widerstand gegen die USA natürlich am üblichen „Schweigen der Lämmer“, also der Bevölkerungsmehrheit. An der hat natürlich auch die Presse ihren Anteil, denn Medienmanipulation ist allemal die wirksamste Freiwilligkeit erzwingende Maßnahme. Allerdings sind die Nachrichten im Spiegel und anderswo alarmierend genug. Selbst bei einem Volk, das traditionell nicht gerade demonstrationsfreudig ist, müsste das eigentlich genügen, um so viele Leute auf die Straße zu treiben wie der Reaktorunfall von Fukushima 2011. War auf dem Höhepunkt des NSA-Skandals jedoch noch teilweise geheuchelte Entrüstung aus der Politik zu vernehmen, ist heute jegliche Entrüstung versiegt.

„Die Diktatur ist nicht ganz ausgereift“

Global muss eine weitgehende Isolierung der USA angestrebt werden. Das ist schwierig, da in den meisten Ländern, die als „Verbündete“ in Frage kommen, selbst mehr oder minder gut bemäntelte „Faschismen“ an der Macht sind (Russland, China, arabische Welt …). Vielleicht dulden kleine Länder die Weltdiktatur der USA vielfach auch deshalb, weil sie denken: „Ganz ohne großen Partner sind wir schutzlos, und die Alternativen zur USA – Russland oder China – wären noch schlimmer.“ Allmählich verschwimmt dieser Unterschied jedoch, da die USA sich, was Demokratie und Menschenrechte betrifft, dem Niveau ihrer früheren Gegner nach unten anpasst. Wir sind auf dem Weg in eine globale „DDR“ unter kapitalistischen Vorzeichen, aus der keine Flucht möglich ist, weil es kein „Hinter der Mauer“ gibt. Eingemauert sind wir vor allem durch unsere Ängste, die fleißig geschürt werden. Wie sagte König Ägist in Sartres Stück „Die Fliegen“: „Wer bin ich denn, wenn nicht die Summe der Ängste, die auf mich projiziert werden?“

Wie haben frühere Diktatoren ihre Schreckensherrschaft etabliert? Meist geschah dies nicht mit einem „großen Knall“, sondern auf geordnete Weise, gemäß den Regeln von Demokratien, die dem gefährlichen Flirt mit der Selbstzerstörung nicht widerstehen konnten. Naomi Wolf zeigte solche Prozesse in ihrem Buch „Wie zerstört man eine Demokratie?“ auf. Faschismus, sagt sie, hat nicht immer ein spektakuläres, offen grausames Gesicht. Er offenbart sich in seiner Anfangsphase selten durch Massenerschießungen oder die rauchenden Schlote von Vernichtungslagern. Manchmal ist er zunächst nur daran zu erkennen, dass wir beginnen, unsere Worte abzuwägen.

Wolfs Buch spricht eine deutliche Warnung aus: Wenn die Bürger nicht jetzt sofort entschlossen gegensteuern, wird sich in den USA ein „Übergang zum Faschismus“ vollziehen, der bereits begonnen hat. „Eine ruhig gestellte, angsterfüllte amerikanische Bürgerschaft könnte das Ende jenes Amerika bedeuten, das die Gründerväter intendiert hatten“, schreibt Wolf. „Wir haben nur noch wenig Zeit, um zu verhindern, dass dies geschieht.“

 

 

 

 

 

 

Anzeige von 14 kommentaren
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    Volker
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    (…) aufgebauschte Schreckensereignisse war die Bevölkerung bereit, Schutz suchend bei Vater Staat unterzukriechen und ihre Freiheit für mehr Sicherheit zu opfern.

    hr1 Radioverdummung sinngemäß: Die Hessen dürfen sich sicher(er) fühlen, dank ausreichender Polizei mit moderner Technik, sprich: Überwachung an jeder Ecke, zum Wohle der Bevölkerung. Na dann. Ruhet sanft, bleibt brav und ängstigt euch nicht. Brisante Themen klammert der Sender m. E. gehorsamst aus.

    Die USA nehmen sich das Recht heraus, jeden Bürger, überall auf der Welt durch Drohnenangriffe zu töten.

    Nicht nur die USA. Das Töten durch Killernerds kommt gerade in Schwung, erspart lebendiger Liveware aufwendige Trauerreden mit Anspruch auf Heldenbegräbnis unter Heimaterde.

    (…) müsste das eigentlich genügen, um so viele Leute auf die Straße zu treiben wie der Reaktorunfall von Fukushima 2011.

    War da was? Klar, da war was, ist aber lange her, sicherlich kein Thema mehr, ++ strahlt ++, alles vergessen, war wohl nicht so schlimm wie einst panisch angenommen, Tschernobyl überlebten wir ja ebenfalls.

    Eine ruhig gestellte, angsterfüllte amerikanische Bürgerschaft könnte das Ende jenes Amerika bedeuten, das die Gründerväter intendiert hatten.

    Welche Gründerväter. Die mit Waffen in Händen einen Kontinent besiedelten, Ureinwohner zum Abschuß freigaben, Negersklaven importierten, und danach auf Liberty Island Freiheit betonierten, als Symbol aller Geknechteten, mit ihrer Sehnsucht nach Freiheit?

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    Piranha
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    Ein wichtiger, informativer und prägnanter Artikel, guter Überblick und gut lesbar.

    Für mich einer, den ich weiter-versende. Sollte konstruktive Kritik zurückkommen, will ich es gern mitteilen.

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    heike
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    Immer ist zuerst die Idee, der Gedanke da, bevor sich etwas umsetzt. Hat ein Gedanke genug Aufmerksamkeit und Gewicht erlangt, wird er sich realisieren können.

    Ein Orwellscher Überwachungsstaat wird nur dann Realität werden, wenn genug Leute die Idee davon in den Kopf bekommen – und dabei ist es völlig irrelevant, ob sie für oder gegen die Umsetzung dieser Idee kämpfen.

    • Avatar
      Piranha
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      Wer war der Ideengeber in der ehemaligen DDR und wer ließ sich davon begeistern?

      Auch ein Helmut Preißler, ein sog. „Kulturschaffender“ der als IM Anton vermutlich für viel Leid verantwortlich war, indem er seine Mitbürger bespitzelt und verraten hat. Ich möchte nicht wissen, wie viele echte Künstler darunter waren die seinetwegen in Bautzen oder Hohenschönhausen landeten.

      Peinlich genug, dass von diesem Verräter inhaltlich blödsinnige Gedichte zu lesen waren.

      Pfui Teufel.

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    Imago
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    Tja ja, die Heuchelei, sie hat schon eine lange Tradition in der Geschichte der Menschheit, aber vielleicht gebührt dem amerikanischen Imperium ja bald der zweifelhafte Verdienst, diese unselige alte Tradition – nun endgültig ab absurdum geführt zu haben?!?

    Wenn man einmal genauer hinschaut, so ist das im Folgenden wiedergegebene, was der Autor oben so treffend in seinem Aufsatz beschreibt, schon längst überall auf der Welt in allen Lebensbereich zu beobachten:

    (Zitat) „…Überwachung übt eine disziplinierende Wirkung auf die Bevölkerung aus, lange bevor Polizeieinheiten unsere Wohnungen stürmen. Wer annimmt, dass er überwacht werden könnte, passt schon vorher auf, was er sagt und schreibt. Der Überwacher sitzt gleichsam in unserem Kopf. Und auch wenn da keiner ist, vergiftet allein die Vorstellung, es könnte ihn geben, unseren Geist und unsere Kommunikation. Aus Filmen über die DDR kennen wir diesen Flüsterton, die angstgelenkt nur geduckte und übervorsichtige Kommunikation …“.

    Ich erlebe genau dies auch hierzulande immer wieder, auch bei ansonsten durchaus kritisch denkenden Menschen, die – auch wenn gerade keine Überwachung zu fürchten ist, selbst ganz offensichtliches Unrecht – im wahrsten Sinne des Wortes nur flüsternd auszusprechen wagen, ansonsten aber – im beruflichen Alltag wie auch im Privatleben immer wieder nicht davor zurückscheuen, „notgedrungen eben auch“ an der Durchsetzung von vielerlei Unrecht mitzuwirken („einleuchtende Gründe dafür“ lassen sich ja offenbar auch immer wieder ganz leicht finden)! – Ist es aber nicht absurd, wenn so viele Menschen hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand das viele jeweils von den Mächtigen in der Welt angestiftete Unrecht zwar kritisieren, gleichzeitig aber nicht davor zurückscheuen, dann aber dennoch immer wieder ihren eigenen Beitrag zu diesem vielen Unrecht zu leisten? – Etwas Überwachung bzw. gründliche Selbstreflektion & Selbstbeherrschung macht jedoch durchaus (guten) Sinn, sofern man dabei auch gewissenhaft bedenkt, – in welchem und in wessen Sinne man diese Selbstüberwachung betreibt!

    Nicht allein die Angst vor dem amerikanischen Imperium (oder auch anderen Ländern mit Großmachtambitionen), sondern auch unzählige andere, immer weiter geschürte Ängste sorgen bislang dafür, daß die Welt bis heute ihren Lauf im Großen und Ganzen noch genauso nimmt, wie in der Geschichte zuvor und daß nun auch immer noch weiter zusätzliches Unrecht geschieht. – Vor allem Selbsterforschung, Selbsterkenntnis und demzufolge dann auch richtiges Handeln wäre somit für uns alle zunächst wohl der beste Weg zu einem dann endlich einmal auch wirklich besseren Leben!

    Durchaus gut verständlich Hinweise & warnende Stimmen zu all dem gab und gibt es bis heute längst genug; bald wird sich zeigen, ob ein entscheidender Teil der Menschheit in der Lage und auch willens ist, diese Hinweise nun endlich einmal noch rechtzeitig vor dem uns nun immer deutlicher drohenden großen Crash auch wirklich zu beherzigen.

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    Wer zuletzt lacht...
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    …lacht nicht unbedingt am besten!

    Wie viele Regierungen anderer Länder haben sich wohl in Ausübung treuen Vasallentums von ihnen bis zum heutigen Tage an der Nase herumführen lassen, und bis zum heutigen Tage so dieses Volk von transatlantischen Herrenmenschen zur globalen Macht verholfen, um am Ende auch von ihnen ausgenommen und unterworfen zu werden?

    So ist es, wenn man nur für den einen, diesen Moment regiert!

    So wie es scheint, waren diese wenigen Herrenmenschen, die mit Geduld und viel Geld (!!Schulden!!) für ihre eigene Zukunft regierten.

    Gut, dass auch sie am Ende nur ihren eigenen Untergang nacheifern!

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    heike
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    Piranha:

    Ich wusste nicht, dass Helmut Preißler in der Stasi war. Ich mag einfach seine Gedichte. Das habe ich schon vor dreißig Jahren getan , und das tue ich immer noch. Es sind ehrliche Gedichte, menschliche Gedichte, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen – und zwar den ganzen Menschen. Diese Gedichte ergehen sich nicht in der Bearbeitung und Aufarbeitung innerer Zerissenheiten, diese Gedichte feiern das Schöne, das Ganze, den unbeschädigten Teil im Menschen. Und diese Gedichte sind aus dem Inneren eines Menschen entstanden, es sind ehrliche Gedichte, keine Auftragswerke.

    Vielleicht kann ein im Inneren sehr zerissener Mensch diese Ganzheit nicht als eine vorhandene Wahrheit akzeptieren und verstehen.

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    Piranha
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    Den Begriff –Auftragswerk- hast du gewählt; ergibt aber angesichts der Lage von Vietnam in den 80ern durchaus Sinn.

    Widerlich zynisch die Kausalität: Vietnamesen sind klein und zierlich weil sie essen wie Kinder.

    Wenn es stimmt, und Preißler Vietnam Anfang der 80er Jahre bereiste, dann war dort die Situation so:

    Zur „Umerziehung“ der Bevölkerung kamen Hunderttausende in Internierungslager; weitere Hunderttausende flohen im Verlauf der nächsten Jahre in andere südostasiatische Länder („Boat People“).

    Es herrschte Krieg mit Kambodscha, in den sich auch China kurzzeitig einmischte.

    Anfang der 80er kam es zu schweren Unruhen wegen Nahrungsmittelknappheit. Nachdem die Sowjetunion die finanzielle Unterstützung zurückzog, verschlechterte sich die Lage dramatisch.

    Das alles will Preißler nicht gesehen haben? War die Reise ein Auftrag oder ein Geschenk für besondere „IM-Dienste“? Ich weiß es nicht und ehrlich gesagt, interessiert es mich nicht.

     

    2006 erschien eine Forschungsarbeit von Joachim Walther mit dem Titel: Sicherungsbereich Literatur, Ch. Links Verlag, 01.10.2006 – 899 Seiten

    Aus dem Einführungstext: „An ausführlichen Fallbeispielen wird plastisch beschrieben, wie als „feindlich-negativ“ eingestufte Schriftsteller operativ bearbeitet wurden und welche Rolle dabei inoffizielle Mitarbeiter spielten.“

    Darin steht- neben vielen anderen – IM Anton mit Klarnamen Helmut Preißler

     

    Du redest von Ganzheit. Ernsthaft, die wünsche ich dir, was immer auch du darunter verstehen magst. Sie ist in vielen deiner Posts nicht erkennbar.

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    heike
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    Die Ganzheit, von der ich rede, Piranha, ist die Ganzheit, die Unversehrtheit und Schönheit der Seele. Die Ganzheit, von der Du sprichst, ist der ganzheitliche Blickwinkel, der Unangenehmes nicht ausblenden soll. Über die Stasi-Tätigkeit von Helmut Preißler wusste ich nichts (ja, es steht auf wikipedia – jetzt habe ich es auch gesehen), und abgesehen davon ist dieses Thema wirklich nicht innerhalb einiger Kommentarzeilen abzuhandeln.

    Ich würde gern wissen, ob auch andere in die Gedichtzeilen Helmut Preißlers eine „widerlich-zynische Kausalität“ hinein interpretieren können. Für mich ist diese Sicht- und Empfindungsweise völlig absurd. Vielleicht solltest Du die in dem Gedichtband enthaltenen Fotografien sehen.

    Nachstehend ein Artikel aus dem Internet über den Vietnamkrieg und die Methoden der USA:

    von Daniel Denvir

    |

    26 April 2013, 10:46am

    Dir wird dein Vietnamurlaub vergehen, nachdem du das hier gelesen hast

    Wo du heute tropische Landschaften, tolle Strände und schicke Hotels findest, wurden im Vietnamkrieg Ohren abgeschnitten und als Kette aufgefädelt, weil es als Kriegstrophäe galt. Der Student Nick Turse hat sich mit ehemaligen Opfern unterhalten.

     

     

    Wenn du dachtest, dass du alles, was es über den Vietnamkrieg zu wissen gibt, weißt, liegst du falsch. Hast du schon mal von der „Nur-Schlitzauge-Regel“ gehört? Ein Verhaltenskodex, den das US Militär einführte um es den Soldaten einfacher zu machen, Vietnamnesische Zivilisten umzubringen, und sie somit unmenschlicher darzustellen. („Es ist nur ein Schlitzauge, also drück ab“)

    Wir wussten schon immer, dass der Vietnam Krieg ein unsägliches Verbrechen war. Aber jetzt hat der Student Nick Turse in US Militär Archiven geheimen, internen Militärermittlungen von US-verübten Gräueltaten entdeckt, die er als primäre Quellen für sein Buch Kill Anything That Moves: The Real American War in Vietnam verwendete. Ausführliche Berichterstattung in Vietnam und amerikanische Veterane erinnern uns daran, dass die wichtigste Tatsache im Vietnamkrieg oftmals übersehen wird: das gigantische und verheerende Leiden der vietnamesischen Zivilbevölkerung. Nick ist dann auch nach Vietnam geflogen, um mit den Leuten zu sprechen, und beschreibt das Ausmaß der Quälerei, das von systematischen Töten, über Zerstückelungen der Leichen mit Trophäen wie einer Kette aus Ohren, Folter, Vergewaltigungen und sogar einem internen Quota, wer die meisten Menschen tötet, bis hin zur Vernachlässigungen jeglicher Aufklärung nach dem Krieg, ein unglaubliches Bild hervorruft, das man kaum beschreiben kann. 

    Nicks Buch liest sich zeitgerecht und doch auch außerordentlich schmerzhaft und ich habe mich vor kurzem mit ihm zusammengesetzt um über die fortwährende Relevanz von Vietnam, Massaker und das heimliche Fotokopieren von US-Regierungsarchiven, zu sprechen.

    VICE: Dein Buch dokumentiert, dass der Amerikanische Krieg in Vietnam ein Kampf war, der systematischen gegen die Zivilbevölkerung geführt wurde. Wie unterscheidet sich dein dokumentierter Bericht davon, wie sich an den Vietnamkrieg heutzutage allgemein in den USA erinnert wird?
    Nick Turse: Wir haben 30.000 gedruckte Bücher über den Vietnamkrieg und die meisten davon beschäftigen sich mit der amerikanischen Geschichte. Soldaten, Strategie, Taktik, Generäle oder die Diplomatie aus Washington und die Generäle dort. Aber ich hab keine gefunden, die wirklich versuchten die gesamten Story zu erzählen, von dem was ich als den zentralen Aspekt des Konfliktes ansah, nämlich dem Leiden der vietnamesischen Zivilbevölkerung. Millionen von Vietnamesen wurden von wohl überlegten US-Feldzügen getötet, verwundet oder vertrieben, genauso wie beinahe uneingeschränkt weite Teile des Landes mit Bomben und Artillerie beschossen wurden. Dies sind beabsichtigte Aktionen, die von den höchsten Rängen des US-Militärs angeordnet wurden. Aber jegliche Diskussion über das Leiden der vietnamesischen Zivilbevölkerung wird auf ein paar Seiten oder Paragraphen über das Massaker von My Lai zusammengepresst.

    Das ist nicht das Buch, dass du ursprünglich vor hattest zu schreiben. Erzähl mir von der Vietnam War Crimes Working Group und den Dokumenten die du fandest. 
    Ich arbeitete an einem Projekt über posttraumatischen Belastungsstörungen bei Vietnamveteranen. Dafür ging ich in die Nationalarchive hinunter und versuchte harte Daten und Militärdokumente zu finden, um die Selbstberichte, die wir von den Veteranen über ihre Erfahrungen im Krieg bekommen hatten, abzugleichen. Aber ich kam nicht weit, und nach zwei Wochen hatte ich als Recherche nichts vorzuweisen. Ich ging zu dem Archivar mit dem ich zusammenarbeitete. Ich sagte ihm, dass ich nicht mit leeren Händen zu meinem Chef zurückkommen könne. Er fragte mich, „glaubst du, dass man posttraumatische Belastungsstörungen davon bekommen könnte, Kriegsverbrechen nur mitanzusehen?“ Ich erklärte ihm, „Exzellente Hypothese“.

    Er gab mir mehrere Berichte über Massaker, Morde, Vergewaltigungen, Folter, Körperverletzung, Verstümmelung und so weiter. Die Aufzeichnungen wurden von der Vietnam War Crimes Working Group zusammengestellt, die im Büro des Oberbefehlshaber des Heeres saßen. Ihr Ziel war es, nach dem My Lai Massakers, sämtliche Fälle oder Anschuldigungen von Kriegsverbrechen aufzuspüren und sicherzustellen. Wann immer es ging, versuchte die Armee die Anschuldigungen niederzumachen.

    Also wurde die War Crimes Working Group nicht geschaffen, um Grausamkeiten und Kriegsverbrechen zu verhindern oder zu bestrafen?
    Genau richtig. Sie haben nicht versucht Übeltäter zu bestrafen. Sie haben nicht versucht Kriegsverbrechen zu verhindern oder aufzuklären, sondern arbeiteten aus dem Büro des [Oberbefehlshabers] General [William] Westmoreland. Er war ein paar Jahre zuvor der oberste Befehlshaber in Vietnam gewesen und hatte also ein eigennütziges Interesse am Krieg, und daran wie er kommuniziert wurde. Sie spürten nur Sachen auf, um Berichte an den Verteidigungsminister und das Weiße Haus zu liefern, damit die sich gegen mögliche Skandale wappnen konnten.

    Diese Gruppe also stellte diese riesige Ansammlung an Akten zusammen, die ich für meine Arbeit verwendet habe und danach bin ich nach Vietnam geflogen.

    Du hast dann versucht, die Grausamkeiten, von denen du in diesen Dokumenten gelesen hattest, mit den Dörfern in denen sie angeblich begangen worden waren, abzugleichen. Was hast du vorgefunden?
    Es war sehr viel einfacher, als ich erwartet hatte, die Zeugen und Überlebenden dieser bestimmten Vorfälle zu finden. Allgemein gesprochen, weil Vietnamesen so sehr an ihr Land gebunden sind, sogar, wenn Leute aus dem Land in die Barackenstädte, Slums und Flüchtlingslager gebombt wurden, kehrten sie nach dem Krieg in ihre Heimatdörfer zurück.

    Aber es veränderte mein Projekt komplett, denn ich ging dorthin, um mit Vietnamesen über diesen einen Ausbruch der Gewalt zu reden, den ich in den Aufzeichnungen gefunden hatte, aber worüber sie mit mir sprachen, waren zehn Jahre in denen sie unter Bomben-, Artillerie- und Kampfhubschrauberbeschuss lebten und was es bedeutete, jeglichen Aspekt ihres Lebens um den amerikanischen Krieg herum zu gestalten.

    Was mir erzählt wurde, ging über meine Fassungsvermögen hinaus, etwas, das ich niemals aus den Aufzeichnungen entnommen hätte. Ich sprach mit Vietnamesen, die mir davon erzählten, wie ihre Häuser fünf, sechs, sieben Mal niedergebrannt wurden. Irgendwann lebten sie nur noch in Bombenschutzanlagen und dachten darüber nach, wie sie Wege nach draußen finden um Wasser zu holen oder Essen oder um sich zu erleichtern. Und wie sich ihr ganzes Leben darum drehte, herauszufinden wie man nicht getötet wird. Sie sprachen über Artilleriefeuer, das auf eines ihrer Dörfchen niederregnete. Um den Bunker zu verlassen, musstest du warten, bis das Artilleriebombardement vorbei war, aber du durftest nicht zu früh gehen, sonst könntest du von einem Kampfhubschrauber der oben flog, niedergeschossen. Du musstest sicher sein, dass du nicht in ein Feuergefecht zwischen sich zurückziehenden Guerillas und anstürmenden Amerikanern gerietest. Aber du konntest nicht zu lange dort unten bleiben, denn die Amerikaner rollen Granaten in die Schutzanlagen, denn sie sahen darin mögliche Bunker der Feinde und Kampfpositionen. Da hast du alle diese Entscheidungen, die getroffen werden müssen, an denen nicht nur dein Leben hängt, sondern vielleicht auch das deiner ganzen Familie. Die ganze Familie konnte sterben, wenn du eine Sekunde zu früh oder zu spät gingst.

    Dein akademischer Betreuer riet dir, diese Archive schnell zu kopieren, bevor sie verschwinden würden?
    Ja, genau. Innerhalb von 24 Stunden war ich in den Archiven. Ich ging sofort in der Früh hinunter und kopierte bis sie mich am Abend hinauswarfen. Ich steckte jeden Cent, den er mir gegeben hatte, in die Kopiermaschine. Ich schlief in meinem Auto auf dem Parkplatz des Archivs und kopierte die gesamte Sammlung.

    Ich dachte mir immer, dass er ein wenig paranoid sei. Ich dachte nicht, dass es wirklich nötig sei, all diese Dokumente zu holen. Es stellte sich heraus, dass es ein schlauer Zug war, denn, kurz nachdem ich das erste Mal etwas aus den Akten veröffentlicht hatte, wurden sie aus den Regalen des Archivs gezogen und sind seitdem nicht mehr auf die gleiche Art öffentlich zugänglich. Jetzt musst du einen Antrag auf freie Informationsbeschaffung stellen.

    Dein Buch beschreibt, ich glaube du nennst es, „Leiden in fast unvorstellbarem Ausmaß.“ Artilleriebeschuss, Bomben, die Zerstörung von Dörfern durch die Infanterie, Rachemission, Massakers, unglaublich sadistische Vergewaltigungen, das Niederschießen von vietnamesischen Farmern und Fischern durch Kampfhubschrauber, Freifeuer Zonen. Du führst geschätzte 3,8 Millionen Kriegstote an, die Mehrzahl vietnamesische Zivilisten. Was macht junge amerikanische Männer zu solchen Monster?
    Das ist eine schwierige Frage. Ich hab für dieses Buch mehr als 100 Amerikaner interviewt und habe eidesstattliche Erklärungen von noch mehr gelesen. Ich sprach mit einem Veteranen, der mit mir über den Krieg sprach. Wir telefonierten für mehrere Stunden. Er war sehr fröhlich. Er hatte eine wirklich ansteckende Lache.

    Aber er wurde ruhiger und sagte er wolle mir die Geschichte eines Mitglieds seiner Einheit erzählen. Und er erzählte mir davon, wie sie durch ein Dorf gingen und es niederbrannten, was Standardvorgehensweise war. Und mittendrin kommt diese Frau angerannt und greift den Soldaten am Ärmel und zerrt an ihm und schreit ihn an—natürlich weil ihr Haus gerade niederbrennt und ihr gesamter Besitz in Flammen aufgeht. Und sie ist wütend, ängstlich, aufgeregt. Und er erzählte, dass dieser Soldat sie einfach wegschubste und dann sein Gewehr nahm und ihr mit dem stumpfen Ende auf die Nase schlug. Und er sagt, dass ihr Gesicht förmlich in Blut explodierte. Sie schrie. Und der Soldat drehte sich nur um lief lachend davon. Und dann hielt er eine Sekunde inne und sagte, „Weißt du, dass dieser Soldat ich war?“ Er hatte solche Probleme damit herauszufinden, was er hätte anders machen können. All diese Jahre später. Zu diesem Zeitpunkt dachte er sich gar nichts dabei und seitdem konnte er an nichts anderes denken. Und es verfolgte ihn geradezu.

    Er erzählte mir davon, wie das Training, dass er durchlaufen hatte, die Vietnamesen entmenschlichte, bis zu dem Punkt, an dem sie nicht mehr als Menschen angesehen wurden. Für sie waren sie nur noch Schlitzaugen. Und er erzählte davon, dass „ich nicht wirklich ein Roboter wurde, aber so ungefähr.“  Du bist ausgebildet um zu töten du rufst „Töten, töten, töten.“ Das macht dich psychologisch bereit dafür.

    Es gab sogar ein „Nur-Schlitzauge-Mantra?“
    Es gab eine Abkürzung in Vietnam: die NSR oder Nur-ein-Schlitzauge-Regel. Die Idee war, dass Vietnamesen keine richtigen Leute sind. Sie waren Untermenschen. Nur Schlitzaugen, die bei Bedarf misshandelt oder sogar getötet werden konnten. Und dies war etwas, dass den Truppen vom ersten Tag an eingeimpft wurde. Ich habe mit einer Menge Veteranen gesprochen, die mir erzählten, dass ihnen, sobald sie im Camp eintrafen, erklärt wurde, dass man sie niemals Vietnamesen nennen solle. Du nennst sie Schlitzaugen oder ähnliches, Hauptsache ihre Menschlichkeit wird weggenommen. Hauptsache es wird einfacher, sie zu töten.

    Ihnen wurden von ihren Vorgesetzten erzählt, dass alle Vietnamesen wahrscheinlich der Feind sind. Dass Kinder Granaten tragen könnten, Frauen wahrscheinlich die Ehefrauen oder Freundinnen von Guerillas seien und gerade Sprengsätze bastelten.

    Und auch wenn es Einsatzregeln auf Papier gab oder kleine Karten verteilt wurden, die erklärten, dass man die Vietnamesen anständig behandeln solle, war die Nachricht, die ihnen tatsächlich übermittelt wurde, dass es sehr viel sicherer sei erst zu schießen, weil niemand hinterher Fragen stellen würde.

    Wie hingen hochrangige Politikentscheidungen mit Gräueltaten auf Dorfebene zusammen?
    Der Vietnamkrieg wurde mit einer Zermürbungsstrategie ausgefochten. Dies war kein Krieg wie der Erste Weltkrieg, in dem sich zwei Armeen auf Seiten eines wohl definierten Schlachtfeldes gegenüberstehen. Es ist ein Guerillakampf.

    Die Maßeinheit war die Zahl der Toten. Du würdest dir deinen Weg zum Sieg töten, in dem du vietnamesische Leichen aufhäufst. Denn sie sahen den Krieg als einen rationalen Aufwand an. Es war ein Kontoauszug. Und sobald die Schulden höher waren, als der Kredit, würde der Krieg enden. Sie dachten nicht so wie die Vietnamesen, dass dies ein revolutionäres Bemühen war. Die Vietnamesen sahen es als eine Weiterführung ihres anti-kolonialistischen Kampfes gegen die Franzosen.

    Ihre Hauptmänner setzten sie extrem unter Druck. Dir wurde gesagt, dass du vietnamesische Leichen produzieren musst und wenn du das nicht tatest, musstest du länger an der Front bleiben. Sie lernten ziemlich schnell, dass es in dem Befehl nicht darum ging, welche Leichen abgegeben wurden, sondern, dass so ziemlich jeder vietnamesische Körper reichte. Dies veranlasste amerikanische Truppen dazu, alle Vietnamesen, die als Feinde eingeschätzt wurden, zumindest herbeibringen zu lassen und auch Eingesperrte, Gefangene und Zivilisten zu töten, und sie als feindliche Tote zu deklarieren.

    Dies paarte sich mit sehr viel höherem, strategischen Denken, wie der Benutzung von „Freifeuer Zonen“, die eigentlich nur eine legale Erfindung der USA waren, um weite Streifen der ländlichen Gebiete für uneingeschränkte Bombardements und Artilleriebeschuss zu öffnen. Dies verursachte ein unglaubliche Anzahl an Toten und Zerstörung der Landschaft. Es war unausweichlich, dass eine große Anzahl an Zivilisten getötet oder verwundet werden würde.

    Du schreibst über bestimmte Hauptmänner, wie Oberleutnant Julian Ewell, der diese Gräueltaten beaufsichtigte.
    Ewell war einer der berüchtigtsten Hauptmänner, der in Vietnam diente. Er war besessen von Opferzahlen in einer Militärwelt in der Todeszahlen König waren. Im Militär war er bekannt als Schlachter des Delta.

    Was Ewell tat, war schwere Feuerkraft über das ganze Mekon Delta loszulassen, was die Reissschale Vietnams war und das am dichtesten besiedeltste Gebiet. Er gab die ländlichen Gebiete zum uneingeschränkten Artilleriebeschuss und Bombardement frei und  trieb seine Truppen hart voran. Unter seinem Kommando wurdest du ständig gehetzt, mehr Opferzahlen zu bringen. Und wenn du keine Todeszahlen hervorbrachtest, wurdest du gefeuert und jemand anderes wurde herangeschafft, bis er sie bekam.

    Wurde Ewells schließlich bestraft, nachdem das Militär herausgefunden hatte, dass diese Gräueltaten tatsächlich stattgefunden hatten? 
    Nein, weit davon entfernt. Ewell wurde als Held bejubelt. Es wurde als ein riesiger Erfolg angesehen. Er wurde zu etwas befördert, dass sich II Field Force Vietnam nannte, zu diesem Zeitpunkt das größte Kriegskommando der Welt. Und danach wurde er zum militärischen Gesandten der Pariser Friedensgespräche ernannt. Er war wahrscheinlich der unfriedlichste Mensch im gesamten Militär und derjenige, der am wenigsten geeignet war, wurde hingeschickt, weil das, was er in Vietnam getan hatte, als solch ein Erfolg angesehen wurde.

    Es gab diese ausgesprochene Kampagne die Verbindungen der Vietnamesen zu ihrem Land zu brechen um sie in die Städte zu treiben. Du zitierst einen außenpolitischen Artikel von 1968 von Samuel Huntington der behauptet diese „erzwungene Urbanisierung und Modernisierung“ sei eine gute Sache gewesen. 
    Es wurde als die einzige Maßnahme angesehen, die vietnamesische Unterstützung für die Guerillas zu unterbrechen, indem man die Bevölkerung physikalisch bewegte. Aber die Vietnamesen waren an ihr Land und ihre Reisfelder gebunden. Dort sind ihre Vorfahren begraben. Und es ist sehr wichtig für die Vietnamesen ihre Vorfahren zu ehren. Deshalb widerstrebte es den Leuten umzuziehen.

    Du schreibst über die weit verbreitete Zerstückelung der vietnamesischen Leichen durch der US Truppen. Wieso wurde dies zu so einer geläufigen Praxis?
    Totenzahlen waren wichtig, und man bewies sie, indem man ein Ohr mitbrachte. Dies war eine Praxis in manchen Einheiten. Es waren Belohnungen an Totenzahlen geknüpft, Diensturlaub in Strandresorts im Land oder extra Bier, Medaillen, Abzeichen.

    In anderen Fällen hatten die Truppen den Glauben, dass die vietnamesische Spiritualität besagte, dass wenn die Leiche nicht unversehrt sei, sie nicht ins Jenseits gelangen könne. Eine Menge Amerikaner nannten es „Buddha Himmel.“ Also dachten sie, dass das Zerstückeln der Vietnamesen eine Art psychologische Kriegsführung sei. Sie hinterließen eine „Todeskarte,“ entweder eine Pik-Ass oder eine speziell dafür angefertigte Karte, wie eine Business Karte, mit dem Namen der Einheit und irgendeinem bösen Spruch darauf.

    Es gab auch einen regen Handel mit Körperteilen in Vietnam. Ohren wurden als Ketten getragen, ein Ohr oder auch mehrere Ohren an einer Kette. Manche der Typen trugen sie als Zeichen ihrer Kampffähigkeiten. Andere sammelten die Ohren und verkauften sie an Leute, die dieses Bild ausstrahlen wollten. In einer Einheit trennten sie den Feinden die Köpfe ab und jeder, der einen dem Hauptmann präsentierte, bekam eine extra Ration Bier. In einem Fall hatte ein Feldwebel einen Kopf abgeschnitten, er kochte das Fleisch ab und tauschte den Schädel dann für ein Radio.

    Vergewaltigung war ebenfalls eine Waffe des Krieges und eine riesige Anzahl an vietnamesischen Frauen, auch Kinder, waren genötigt sich zu prostituieren.
    Sie wurden gezwungen die Amerikaner zu bedienen, und eine der Hauptarten war Prostitution. Die Dörfer vieler Mädchen, die zu ihnen geschickt wurden, waren zerstört worden und sie waren gezwungen in die Städte zu ziehen. Und auf diese Art konnten sie für ihre Familien sorgen. Die Amerikaner hatten eine Menge Geld, dass sie ausgeben konnten und das waren junge Typen, 18,19,20 Jahre alt.

    Es gab also einen blühenden Sexhandel. Draußen auf dem Land, gab es auch ungeheure Menge an Vergewaltigungen und Sexualverbrechen.

    Oft hatte ich das Gefühl, dass ich mit Sprache nicht genau beschreiben konnte, was ich in den Fällen gefunden hatte, denn Vergewaltigung oder auch Gruppenvergewaltigungen schienen den Grad des sexuellen Sadismus nicht richtig zu übermitteln. Es sind extrem gewalttätige Gruppenvergewaltigungen oder Vergewaltigung mit Objekten, wie Flaschen oder auch Gewehren.

    Du schreibst über ein Archipel an amerikanischen und südvietnamesischen Gefängnissen, die nicht nur Folter ausübten, sondern Gefangene auch in „Tigerkäfige“ steckten, kleine, unterirdische, fensterlose Steinzellen, in denen sie an den Boden gefesselt wurden. Wachen bewarfen die Gefangenen zur Bestrafung mit Zitronenstaub.
    Die Schlimmsten dieser Käfige waren auf der Gefängnisinsel Con Son (Heute perverserweise beliebte Urlaubsziele). Es gab Männern und Frauen, die dort manchmal über Jahre hinweg, gefangen gehalten wurden, ohne jemals angeklagt, geschweige denn ein vor Gericht gebracht, worden zu sein. Und das waren Leute, die sich gegen die Regierung äusserten oder für den Frieden aussprachen. Sie wurden als politische Gefangene nach Con Son geschickt und in diesen klitzkleinen Zellen angekettet, die die Franzosen im 19. Jahrhundert gebaut hatten. Es gab seit Jahren Gerüchte darüber, was in Con Son vor sich ging und erst 1970 schaffte es ein US-Entwicklungshelfer ein paar amerikanische Abgeordnete hineinzuschleusen, damit sie selber einen Blick auf die erbärmlichen Umstände werfen konnten.

    Nachdem ein paar Gefangene aus den Tigerkäfigen entlassen wurden, sagte ein Time Magazine Bericht, „Du kannst sie eigentlich nicht mehr Menschen nennen. Sie sind eher Umrisse.“ Sie sprachen davon, dass sie wie Krebse auf dem Boden herumkriechen. Wenn du dir das Video davon anschaust, siehst du, dass das die Wahrheit ist. Es passierte auch mit Frauen. Lähmung,  die davon kamen so lange in Stresspositionen angekettet zu sein. Sie konnten nicht länger stehen und mussten auf ein sehr unnatürliche Art kriechen.

    Und die USA wussten davon?
    Es gab US Berater im gesamten Gefängnissystem. Con Son war das verrufenste, aber es gab ungefähr 500 südvietnamesische Gefangenenlager im Land, die meisten davon wurden von den Amerikanern ins Leben gerufen und von den Amerikanern bezahlt. Die USA hatte auch ihre eigenen Gefangenenlager in Stützpunkten, in den es militärische Spionageeinheiten gab, die Gefangene unterschiedlich lange dort behielten, bevor sie sie zu den gemeinsamen amerikanischen und südvietnamesischen Einrichtungen weiterschickten und die meisten von ihnen endeten hier.

    Und Folter und Massenexektuionen waren auch in US-geführten Einrichtungen üblich?
    Die anekdotischen Berichte und die wenigen verständlichen Untersuchungen zeigen, dass Folter weit verbreitet war. Sachen wie elektrische Folter, Wasserfolter, was wir heute Waterboarding nennen. Und routinemäßiges Zusammenschlagen.

    Waterboarding stand natürlich im Mittelpunkt der Diskussion, über die heutige Behandlung von Gefangenen des Kriegs gegen den Terror. Gibt es weitere Parallelen in deinem Buch? Führen die USA Krieg anders als damals in Vietnam?
    Ich habe die heutigen Kriege relativ aufmerksam verfolgt und ich muss sagen, dass ich nicht glaube, dass das Ausmaß der Tötungen von Zivilisten durch die US-Streitkräfte, auch nur irgendwo in der Nähe des Gemetzels von Vietnam ist. Ich denke, dass vor Allem die Arten wie Artilleriefeuer und die Luftmacht eingesetzt werden, grundlegend anders sind. Das vorweg gesagt, es sterben noch immer regelmäßig Zivilisten in unseren Kriegsgebieten, sei es Iraq oder Afghanistan. Viele davon aufgrund der Gewalt, die von Amerikas Invasionen und Besetzungen und den daraus resultierenden inneren Unruhen, ausging. Und andere wurden natürlich direkt von US-Bomben getötet, von Kampfhubschraubern, Bodentruppen. Und noch mehr wurden verwundet und noch mehr vertrieben.

    Ich denke, dass trotz der Bemühungen der vereinten Nationen und anderer NGOs, wir immer noch keine guten Zahlen der zivilen Verluste haben. Und ich fürchte, dass wenn wir etwas von der Geschichte lernen können, dann, dass vielleicht Jahrzehnte vergehen könnten, bevor es jemand wirklich schafft, die wahren Geschichten dieser Kriege zusammenzubringen, ganz zu schweigen von halb-versteckten Kampagnen an Orten wie Pakistan oder dem Yemen. Also auch, wenn ich nicht denke, dass es so schlimm ist wie in Vietnam, denke ich auch, dass wir abwarten müssen um zu sehen, was der Tribut dieser Kriege wirklich genau war.

     

     

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    heike
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    Nachstehend noch ein Internetbeitrag über Helmut Preißler.

    Ich selbst habe seine Gedichte nicht in der Schule kennengelernt – in meiner Schulzeit gehörten sie nicht zum Lehrplan.

     

    Helmut Preißler gestorben

    Helmut Preißler (1925–2010) © Foto: MOZ/Gerrit Freitag

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    dpa / 30.12.2010, 18:45 Uhr

    Bad Saarow (In House) Helmut Preißler hinterlässt ein irritierendes Erbe. Der Lyriker, der am 20. Dezember im Alter von 85 Jahren in Bad Saarow starb, war ein empfindsamer Dichter, aber auch ein Kulturarbeiter, der dem DDR-Regime zum Munde schrieb.

    Preißler, 1925 in Cottbus geboren, hat nach dem Krieg als Neulehrer gearbeitet, am Literaturinstitut in Leipzig studiert und kam dann nach Stalinstadt/Eisenhüttenstadt. Die Zeit da nannte er später eine der schönsten seines Lebens. Dort schrieb er den Text für das Singspiel „Blas das Feuer an“, dessen Verklärung der DDR-Diktatur typisch war für Preißler. Er sei der Verfasser „holzschnittartiger Agit-Prop-Gedichte“ gewesen, wurde ihm später vorgeworfen. Seine Verse wie „Du musst dem Staate der Arbeiter nützen“ waren Schulstoff und DDR weit bekannt. Preißler sagte von sich, er sei ein „Überzeugungstäter“ gewesen.

    Daneben schrieb er aber auch wirklich anrührende Liebeslyrik. Der Autor, der unter anderem viele Jahre für das Kleist-Theater in Frankfurt (Oder) gearbeitet hat, blieb der Region immer verbunden. Noch hoch betagt lud er hier immer wieder zu seinen Lesungen ein.

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    heike
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    Es gab durchaus Menschen, die ernsthaft am Aufbau eines Staates für die Arbeiter und Bauern, für alle Menschen interessiert waren.

    Es gab auch Menschen, die dadurch ihre Standesprivilegien verloren und sich in einem solchen Staat nicht aufgehoben fühlten. Es gab Menschen, die die Bevormundung nicht ertrugen, da diese ihrem inneren Wesen zuwiderlief.

    Wenn der Mensch seine ersten Grundbedürfnisse von Nahrung und Geborgenheit befriedigt sieht, strebt er nach Höherem, reibt sich an Gegebenheiten, ist nicht willens, ihm sinnlos erscheinende Vorschriften zu erfüllen.

     

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    Sophia
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    Das Grauen der Kriege ist überall gleich und die Kriege in Indochina gehören zu den entsetzlichsten, genau wie der Holocaust in Deutschland, der Völkermord an den Hutu, 20 Jahre später an den Tutsi, das Massaker von Srebrenica …

    Vor allem waren es allezeit die imperialistischen Machtgelüste

    Das Artikelthema handelt von der „Welt-Stasi“. Und dazu hat sich Piranha geäußert. Dass ihr dabei ein „Gedicht über lachende Vietnamesen, die aus dem Grund so klein und zierlich seien weil sie wie Kinder naschen“ unangenehm auffällt, ist nachvollziehbar aufgrund der Hungersnot in Vietnam, die zur Zeit der Reise des „IM Anton“ vorherrschte. Wollte dieser die Not nicht sehen oder durfte er nicht. Haben jene nur „genascht“, damit alle wenigstens ein bisschen Nahrung hatten? Wäre da nicht etwas mehr empathische Entrüstung angebracht gewesen? Aber nein, es war schließlich ein kommunistischer Bruderstaat und es hatte ihnen genauso gut zu gehen, wie den Schwestern und Brüdern in der DDR!?

    Jede/r darf seine Meinung, seine Ansichten und Einsichten haben, wie er/sie will. Ich meine, es gibt nichts schön zu reden. Preißler war ab 1960 als IM Anton aktiv. Wen genau er bespitzelt und verraten hat weiß ich nicht, aber vermute, es steht in dem Literaturhinweis von Piranha.

    Ganzheit, Schönheit und Unversehrtheit der Seele. Was soll das sein angesichts eines Doppellebens, das ein Mensch führt und das er zur Hälfte stets verbergen muss. Wenn die Augen als “ Spiegel der Seele“ bezeichnet werden – wie konnte er sich noch im Spiegel betrachten? Wie konnte er jenen, die er betrogen und verraten hat, noch in die Augen schauen?

    Sie können ihn weiter verteidigen und vielleicht war er Ihnen persönlich bekannt, so sehr, wie Sie ihn zu schützen suchen.

    Ich weiß außer dem wenigen, das ich im Netz gefunden habe nichts über ihn und mehr will ich auch nicht wissen.

    Noch eine kleine Anmerkung:

    mir ist schon aufgefallen, dass Sie unendlich lange Fremdtexte hier einstellen. Das ist etwas ermüdend, da teilweise nicht deutlich wird, was Sie damit beabsichtigen.  Dies ist eine Kommentarspalte, in der persönliche Meinungen Raum finden (sollen).

    Ich meine: Sie können jederzeit einen Link setzen zu weiterführender Literatur. Ein interessierter Leser wird den Weg zu dem Artikel dann schon finden.

     

     

     

     

     

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    heike
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    Im übrigen: wenn man alles, was die guten Dinge im Menschen unterstützt und wahrnimmt als sozialistisches Auftragswerk verunglimpfen will, dann ist das ziemlich dumm (e Propaganda).

    Auch wenn es in einige Hirne partout nicht hineingehen will: welches Ziel sollte ein Sozialismus gehabt haben, wenn nicht,  gerade die Menschlichkeit vor der Entmenschlichung, der Nutzbarmachung für Profitinteressen, zu schützen. Glaubt es oder nicht: man wollte Bedingungen schaffen, innerhalb derer dem Menschen ein geschützter Raum zum Wachsen, zur Entfaltung seiner Fähigkeiten gegeben wurde.

    Glaubt ihr, den Sozialismus der DDR hätte es nur gegeben, damit Erich Honecker auf die Jagd gehen konnte? Warum wohl haben sich Menschen an die Schaffung eines solchen Staates gemacht?

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    heike
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    Sophia, Du fragtest, warum ich Helmut Preißler so verteidige? Weil ich seine Gedichte liebe und als richtig empfinde. (Bis gestern, als ich auf Wikipedia nachschlug, wusste ich nicht einmal wie er aussah).

    Ein weiters Gedicht von ihm – aus dem Gedichtband Erträumte Ufer:

     

    DIE MENSCHLICHKEIT

    hat nur Gewicht,

    wenn sie die Macht

    der Unmenschen bricht.

     

    Jahrtausende Hohngelächter,

    in dem Märtyrer verdarben.

    Und immer die Salven der Schlächter,

    in denen die Duldenden starben,

     

    und immer die Härte, die leicht

    das Wehrlose, Weiche zerstört,

    die Demut, die nichts erreicht,

    die Bitten, die keiner erhört,

     

    und immer ein Unten und Oben,

    und die Untren gekrümmt im Leid,

    und immer loben die Obren

    der Getretenen Friedfertigkeit,

     

    und sie raten: Die andere Wange

    halt hin, wenn dich einer geschlagen!

    Und sie nehmen die in die Zange,

    die verzweifelt den Widerstand wagen.

     

    Bei jedem Volkserheben

    hört man Erbarmen! sie schrein.

    Die niemals Pardon gegeben,

    mahnen nun, milde zu sein.

     

    Und so wird das Menschlichsein

    zur Krücke für Unmenschlichkeit,

    und so wird mildes Verzeihn

    zur Quelle für neues Leid.

     

    Die Menschlichkeit

    hat nur Gewicht,

    wenn sie die Macht

    der Unmenschen bricht.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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