Was ist echt?

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Philosophie, Wolf Schneider

In einer Gesellschaft zu leben, in der die Menschen Masken tragen, hinter denen sich wieder Masken befinden, hinter denen sich wieder Masken befinden ist sehr anstrengend. Da weiß ich nicht: Was meinst du wirklich mit dem, was du da gerade sagst oder tust? Du weißt es vielleicht auch selbst nicht. Die Suche nach Echtheit ist deshalb so wertvoll, weil sie das Miteinander vereinfacht. Sie führt in tiefere Ebenen unseres Selbst und mindert so Heuchelei, Verlogenheit und die vielen Irrtümer aus fehlender Selbstkenntnis. Sie macht wahrhaftiger. Auch wenn die erreichte Tiefe vielleicht nicht die tiefste Tiefe ist, sondern nur ein paar Schichten tiefer, ist das schon eine Erleichterung, für mich selbst und für alle meine Mitmenschen. Wolf Schneider, connection

 

Zwiebelschälen mit Tränen

Gibt es überhaupt eine tiefste Tiefe? Ich habe hier im Blog immer wieder behauptet, dass die Suche nach Echtheit oder Authentizität sich in den Psycho- und Spiri-Szenen zu einem Kult entwickelt hat, dessen Ziel sich beim Annähern als Fiktion erweist. Beim Zwiebelschälen zeigt sich kein Kern. Es kommen dabei auch oft Tränen, denn die Suche nach der Mitte fordert uns. Wenn dann doch kein fester Kern zu finden ist, so wie bei der Zwiebel, sind wir enttäuscht. Viele sind bei dieser Erkenntnis so frustriert, dass sie zur Religion ihrer Kindheit zurückkehren und im Gesellschaftlichen zur Anpassung an den Mainstream. Zu business as usual und: Ich mache alles so, dass es nicht anstößig ist. Nur nicht auffallen. Mitlaufen mit der Herde ist immer die bessere Option.

Bedingt und unbedingt

Ist wegen dem Fehlen eines festen Kerns jede Schicht über diesem inneren Nichts ein Fake? Nein, aber jede Schicht darüber ist etwas Bedingtes und Vergängliches. Persönlichkeit ist nichts Absolutes, sie ist immer bedingt. Sie hat eine Geschichte und ihre Reaktionen hängen von den Umständen ab, in denen sie angetriggert wird. Und doch brauchen wir diese veränderbaren, bedingten Ich-Konstruktionen, die wir »Persönlichkeit« nennen, für unser soziales Zusammenleben.

In der Mitte dessen, wer wir wirklich sind, ist es leer. Da ist nur der Joker, der Narr. Im Tarot ist das die Karte Null. Der Joker kann alles sein, ist aber an sich (per se) nichts Bestimmtes. Das ist die Anarchie, die spirituelle Freiheit, das Unbedingte. Darin unerschütterlich zu ruhen, nennen wir Moksha, Erleuchtung, Sosein oder angekommen Sein.

Ankommen im Ekstatisch-so-Sein

Ich komme gerade vom BeFree Sommerfestival auf Gut Frohberg. Dort haben die vier von mir angeleiteten 45 min kurzen »Ekstatisch leben«-Workshops große Begeisterung ausgelöst – und Lust gemacht auf mehr. Deshalb möchte ich hier nochmal auf den Ankommen-Workshop im Upleven hinweisen, an dem ihr auch tageweise teilnehmen könnt – es kann ja nicht jede/r sich fünf Werktage frei nehmen. Bitte vorher anfragen! Der Termin ist schon sehr nahe, es braucht also eine schnelle Entscheidung, wenn du da noch mit aufspringen willst.

Und wenn du willst, dass ich für einen »Ekstatisch leben«-Workshop in deine Region komme, so dass du nicht weit anreisen musst und 4-5 Menschen kennst, die das auch wollen, nehme ich den Termin (z.B. ein Wochenende), in meinen Rundbrief mit auf und komme dann für ab 8 Tn in deine Region.

Wissenschaft und Meinungsmache

Nun wieder zu weltlicheren Themen. In dem von mir seit vielen Jahren abonnierten Wissenschaftsnewsletter von spektrum.de, der bisher nicht durch große Abweichungen vom Mainstream auffiel, fand ich am 23.8. die Überschrift »Wie Politik und Industrie die Ernährungswende blockieren« und darunter den noch härter Position ergreifenden Untertitel: »Da haben Lobbyisten ganze Arbeit geleistet: In der EU und den USA erhalten Erzeuger tierischer Produkte 1000-mal mehr öffentliche Fördermittel als grüne Alternativen.« Das ist kein Bericht mehr, sondern ein wuchtiger Kommentar. Ziemt sich das für einen Wissenschaftsrundbrief? Hier bin ich mal mit dem im Bericht gar nicht mehr versteckten Kommentar höchst einverstanden.

Unsere Ernährung ist das Problem

Und nochmal zur Ernährung, global betrachtet. Im SPIEGEL-Archiv finde ich einen Artikel, der überzeugend argumentiert und mit Zahlen belegt, dass die Ernährungswende im Vergleich zur Klimawende das größere Problem sei und auch die grundlegenderen Lösungen böte. Zwei Milliarden Menschen weltweit gelten als fettleibig. Und – als seien zwei Milliarden noch nicht genug – es werden immer mehr. Denn die Nahrungsmittelindustrie arbeitet daran, »durch einen möglichst raffinierten Mix von Zucker, Fett, Salz und Geschmacksverstärkern die Appetitkontrolle der Konsumenten zu überlisten«.

Hauptproblem der Umweltzerstörung ist die Fleischindustrie. Dieser dienen 70 % aller landwirtschaftlich nutzbaren Flächen in der Welt. Genug? Nein, die Fleischproduktion, die Anzahl der dort gefangenen Tiere und die dafür nötige Landwirtschaftsfläche nehmen noch zu. Auf Kosten der verbleibenden Naturreservate und immer kleiner werdenden Erholungsoasen. Denn der Fleischkonsum nimmt weltweit noch immer drastisch zu. Obwohl doch schon jetzt die Gesamtmasse aller für die Fleischindustrie gehaltenen Schweine, Rinder und Schafe in der Welt das 15-Fache aller frei lebenden Säugetiere beträgt.

Die kulturelle Tendenz zu Einheitsbrei und Irrsinn

Deshalb hier wieder mal ein Verweis auf unser Leben in Absurdistan – und auf Charles Eisenstein. Der ist immer einige Lesezeit wert, finde ich. Lesezeit, nicht Zuschauzeit, denn beim Lesen kann ich querlesen und an wichtigen Stellen verweilen. Bei einem Video oder Audio kann ich das nicht. Hier lässt sich Eisenstein auf intelligente Weise über KI aus und über die Degeneration einer Kultur, die immer wieder nur Kopien von Kopien von Kopien erschafft anstatt schöpferisch zu sein. In einer solchen Kultur fehlt das Echte. Ich würde sagen: Auch das Sinnliche fehlt, und damit meine ich auch die inneren Sinne. The map is not the territory ist der erste Satz in diesem Text von Eisenstein. Die deutsche Übersetzung findet ihr hier.

Massenhafte Ausbeutung durch KI-Unternehmen

KI nimmt uns Arbeit ab, so dass wir mehr Zeit haben für das Wichtige, stimmt’s? Wenn da nur nicht die Gefahr wäre, dass selbstlernende KI sich Ziele steckt, die menschlichen Bedürfnissen nicht mehr entsprechen. Um diese Gefahr drehte sich der politische KI-Diskurs der vergangenen Monate. Dass KI jedoch millionenfach Menschen ausbeutet in armen Ländern wie etwa den Philippinen, um im Wettkampf der KI-Anbieter zu zuverlässigeren Ergebnissen zu kommen, ist kaum bekannt. Die Washington Post hat dem Thema eine Recherche gewidmet, die mir glaubwürdig erscheint.

Sei dir selbst ein Witz

Oft muss ich weinen, wenn ich politische Nachrichten lese. Sei es über Kriege, die 800 Millionen hungernder Menschen, die Tiere in der Fleischindustrie oder die Ausbeutung durch KI-Unternehmen, die mich an das Proletariat in der Frühzeit der Industrialisierung erinnert und so wieder mal die Hoffnung zerstört, dass ‚Fortschritt‘ für uns Menschen (und Tiere und den Ökotop Gaia) etwas Gutes ist.
Doch das Weinen liegt bei mir sehr nahe am Lachen. Es ist, als könne ich vom einen zum anderen wechseln, wenn ich nur tief genug schluchze oder lache. Das Lachen jedoch kreiert leichter neue Perspektiven. Es befreit aus der Ohnmacht und der Opferperspektive. Es weitet die Optionen.

Deshalb möchte ich heute mal wieder auf ein Interview mit mir hinweisen, das zwar schon ein Jahr alt ist, von dem aber kürzlich einige Zuhörer wieder »hin und weg« waren (Das macht mich stutzig: hin? – der doch lieber weg?). Stefan Kleinbichler hat es während eines Humorkongresses mit mir geführt. Kernidee dabei ist, mich selbst komisch zu finden. Das erleichtert nicht nur mich, sondern auch meine Mitmenschen, die sonst unter meiner Sturheit und Rechthaberei zu leiden haben. Denn die ist … unecht. Echt? Ja, echt. Echt ist an mir nur, dass ich eigentlich, in der Tiefe (siehe die Zwiebel ohne Kern) unecht bin. Ziemlich komisch, oder?

Die schlechte Nachricht: Das Interview geht über mehr als eine Stunde. Das ist viel zu lang. Andererseits vertrödeln wir mit unserer Tragik auch ganz schön viel Zeit und, autsch, schon ist das Leben bald zu Ende. Was ja wieder Wasser ist auf die Mühlen der Tragiker, seufz. Für die zeitlich Gestressten gibt es hier deshalb eine 12-min Kurzversion meiner komischen Botschaft, das passt in eine Kaffeepause.

Aufstellungen für Pferde?

Jetzt wird’s noch komischer: Aufstellungen für Pferde?

Doch zunächst zu Aufstellungen von Menschen unter Menschen. Auch dabei muss ich oft weinen, wenn ich als Stellvertreter in einer Konstellation stehe, denn meistens ist die beladen und leidvoll. Manchmal löst sich dabei mein Weinen in ein Lachen auf, oder es bleibt in der Mitte zwischen Beidem stehen als reine Emotion, die sich zwischen komisch und tragisch, Lust und Leid, nicht entscheiden will.

Aufstellungen macht man mit Menschen und für Menschen, richtig? Ja, das stimmt. Kürzlich hörte ich jedoch von Aufstellungen für ‚Problempferde’, die imstande seien, die Probleme der Pferde zu heilen. Wie soll das gehen? Dann allerdings staunte ich und erinnerte mich, dass ja auch wir Menschen Herdentiere sind. Unser Glück und Leiden, unsere ganze individuelle Identität hat viel (man könnte sogar meinen: alles) mit dem Kontext zu tun, in dem wir in Familie und Gesellschaft stehen. Unsere Stellung in diesem Kontext zeigt sich in Aufstellungen, d.h. in dem, was unser Körper bzw. der unseres Stellverteters ’sagt‘. In der Bedeutung und Macht des Körpersprachlichen ähneln wir Herden- und Rudeltieren wie Pferden und Hunden.

Die Suche nach Glück

Zum Abschluss noch etwas über die Suche nach Glück in unserer heutigen Massengesellschaft: ein 4 min Film von Steve Cutts. Manchmal höre ich ja von unseren Politikern, sie würden die Fluchtursachen bekämpfen wollen, anstatt um die EU herum Mauern hochzuziehen. Gute Idee! Das hieße aber, das Weltwirtschaftssystem zu ändern. Das will dann doch wieder keiner. Ich würde ja allen ‚im Süden‘, die da immer noch vom guten Leben in der EU oder den USA träumen, erstmal diesen Film von Steve Cutts zeigen. Das wäre doch mal ein Anfang.

Ein anderes Wirtschaftssystem brauchen wir dann aber trotzdem noch.

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