Auf Seiten der Menschlichkeit: Erika Wimmer Mazohl

 In FEATURED, Poesie

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“, ausgewählt und kommentiert von Siljarosa Schletterer.

 

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EWIGER KALENDER

Wann war es, dass einer das unbedingte Wohl der eigenen Leute beschwor?
Wann war es, dass einer die Eigenen Volk oder Nation nannte?
Wann war es, dass einer sich groß schätzte und eine Mission zu erfüllen glaubte?
Wann war es, dass einer Grenzen vor sich hertrug?
Wann war es, dass einer Mauern baute?
Wann war es, dass einer mit anderen nicht zusammenarbeiten wollte?
Wann war es, dass um einer Mission willen Menschen verfolgt wurden?
Wann war es, dass einer den Menschen aus politischem Kalkül Hilfe versagte?
Wann war es, dass eine Nation die andere überfiel?
Wann war es, dass sie töteten?
Wann war es, dass einer durchdrehte und andere mitmachten?
Wann war es, dass einer Gehorsamkeit übte?
Wann war es, dass einer nicht einsah, was er sah?
Wann war es, dass viele nicht glaubten, was sie sahen?
Wann war es, dass man sich wider alle Vernunft nicht zur Wehr setzte?
Wann war es, dass sie dachten, das werden, das können sie nicht tun?
Wann war es, dass einer seine Haut rettete?
Wann war es, dass viele lieber schwiegen als ihr Leben zu lassen?
Wann war es, dass wir uns mutiger als jene dünkten?
Wann war es, dass wir leicht reden hatten, da alles friedlich war?
Wann war es, dass alles friedlich erschien, aber nicht war?
Wann war es, dass es plötzlich zu spät war?
Wann war es, dass es so wie immer war?
Wann war es, dass einer das unbedingte Wohl der eigenen Leute beschwor?

 

 

Von den Denkmälern, dem Aufruf und dem Perpetuum: Gedanken zu Erika Wimmer-Mazohls Gedichten (Siljarosa Schletterer)

Gedichte können Denkmäler sein, können Denkmäler beschreiben und können uns zu Denkmälern verkommen lassen, indem wir zum Reflektieren mit einem „Denk Mal!“ aufgefordert werden. Ein mäeutischer Prozess, der gerade in unserer Zeit besonders relevant ist. Denn: „Wann war es, dass es plötzlich zu spät war? // Wann war es, dass es so wie immer war?“ Diese Aufgaben sind ewige Aufgaben der Poesie.

Es war im Rahmen von Flattersätze  im Taxispalais in Innsbruck am 20.10.2016, dass Tom Zabel den Denkmaltext von Erika Wimmer Mazohl „verkörpert“ hat, dabei sind die hier zu sehenden Bilder entstanden. Nächste Möglichkeit die Flattersätze live zu erleben hat man am 13. Juni in Meran: https://www.facebook.com/events/2018495414921993/

Geboren und aufgewachsen in Bozen, lebt und arbeitet Erika Wimmer-Mazohl in Innsbruck als Autorin und Literaturwissenschaftlerin. Publiziert hat sie literarische Veröffentlichungen in Prosa, als Hörspiel, Drama und Lyrik. Von 1997 bis 2003 war sie Leiterin des Literaturhauses am Inn in Innsbruck. Zuvor war sie von 1994 bis 1995 Mitarbeiterin der Tiroler Kulturinitiative TKI.
Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit ist sie Mitarbeiterin des Forschungsinstituts Brenner-Archiv der Universität Innsbruck. Sie ist Mitherausgeberin der Werke von N.C. Kaser und Johannes E. Trojer (1935–1991).

Mehr Informationen zur Autorin sind auf ihrer Website zu finden: https://www.erikawimmer.net/

 

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