Auswahl zwischen Untergang und Untergang?

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

Zwischen Absturz und Absturz ist nur ein schmaler Grat.

170. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Nun ja, krankheitsbedingt ein etwas kürzerer Artikel zu unserer GriechInnenhilfe als sonst: mit erneut gutem Spendenergebnis – und mit schlechten Aussichten auf Parlamentswahlen in Griechenland, auf Wahlen nämlich, bei denen es vielleicht nicht wirklich etwas zu wählen gibt.  Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

ein erstaunlich gutes Ergebnis für unsere GriechInnenhilfe durften wir auch in der letzten Woche registrieren. 350,- Euro, überwiesen von 3 UnterstützerInnen, gingen auf unserem Spendenkonto ein. In der (verlängerten) Vorwoche waren das 502,20 Euro gewesen, von 13 HelferInnen unseren Hilfsaktionen für bedürftige Menschen und Institutionen in Griechenland zugedacht. Wir danken Euch allen sehr, dass trotz der Feiertage ein derart gutes Ergebnis zu verzeichnen war!

Noch kann ich Euch heute nicht von neuen konkreten Aktionen berichten. Evi und Tassos Chatzatoglou sowie Uschi und Kalle haben nach wie vor mit persönlicher Krisenbewältigung aus Krankheitsgründen zu tun, und dasselbe gilt leider auch für mich (Danke übrigens für die persönlichen Genesungswünsche!). Deswegen fällt mein heutiger Bericht auch kürzer aus als gewohnt. Ich bitte ein weiteres Mal um Verständnis dafür. Und beschränke mich, nochmals, auf den Ausgang der Europawahlen in Griechenland – ergänzt um einige Informationen zu den Kommunal- und Regionalwahlen in diesem Mittelmeerstaat.

Mittlerweile liegen die endgültigen Wahlergebnisse vor. Gegenüber meinen Zahlenangaben aus der letzten Woche haben sich keine Änderungen mehr ergeben, die als relevant bezeichnet werden könnten.

  • Bei der „Nea Dimokratia“, der ND, blieb es bei 33,12 Prozent aller abgegebenen gültigen Stimmen fürs Europaparlament.
  • Die SYRIZA mußte noch eine kleine weitere Einbuße verzeichnen: in der letzten Woche, nach Auszählung von rund 92 Prozent aller Wählervoten, lag der Stimmenanteil der Tsipras-Partei noch bei 23,81 Prozent, nunmehr lautet die offizielle Zahlenangabe 23,76 Prozent. Zusammengefasst also: mit einem Vorsprung von rund 9,5 Prozentpunkten haben die konservativen Schwestern und Brüder der bundesdeutschen CDU die Europawahlen in Griechenland für sich entscheiden können.
  • Noch deutlicher fielen die Wahlergebnisse bei den Kommunal- und Regionalwahlen aus, die ebenfalls am 26. Mai in Hellas stattgefunden hatten und zu denen es am nachfolgenden Sonntag, den 2. Juni, noch einige Stichwahlen gab: die Vertreter der ND konnten elf der dreizehn Regionalwahlen für sich entscheiden und stellen dort nun die „Gouverneure“, das politische Spitzenpersonal. Und auch bei den Kommunalwahlen, gerade auch in den größten Städten in Griechenland – in Athen zum Beispiel, in Thessaloniki und Piräus –, siegte die Mitsotakis-Partei. In den wichtigsten 35 Städten werden nun ebenfalls die Konservativen das Sagen haben, lediglich in 5 größeren Städten konnten nochmal die SYRIZA-Kandidaten das Rennen für sich entscheiden.

Den Kommentar von Alexis Tsipras dazu kann man für ehrenwert halten: „In der Politik ist es sehr wichtig, verlieren zu können“. Wichtiger und entscheidender wäre natürlich gewesen, für die Menschen im Lande die richtige Politik zu betreiben. Doch in dieser Hinsicht sah es ja nicht mehr sehr gut aus bei der SYRIZA-Politik ab dem Juli 2015. Die „Griechenland Zeitung“ (GZ) in einem Kommentar dazu:

„Ersten Analysen zufolge hat gerade die viel umworbene Mittelschicht der Regierung Tsipras wegen der von ihr praktizierten Politik die Rote Karte gezeigt. Hauptschuld, so selbstkritische Stimmen bei den SYRIZA-Genossen, sei die Umsetzung des dritten Spar- und Reformpakets gewesen. Resultat waren u. a. heftige Steuererhöhungen sowie weitere Abgaben, die in erster Linie den Mittelstand trafen und für entsprechende Unzufriedenheit sorgten.“

Im Großen und Ganzen, so könnte man sagen, trifft diese Analyse der GZ zu. Freilich kommt selbst dieser kritische Kommentar nicht ohne zahlreiche Beschönigungen aus:

Erstens: Stärker noch als irgendeine „Mittelschicht“ waren selbstverständlich die Ärmsten der Armen Leidtragende dieser verheerenden SYRIZA-Politik. Was in der Mittelschicht lediglich als Einbußen hinzunehmen war, das bedeutete für die „Unterschicht“ Existenzkrise schlechthin.

Zweitens: Und was die GZ – ebenso betulich wie kriecherisch – als „Spar- und Reformpolitik“ bezeichnet, das war ja im Klartext und in der Wirklichkeit nichts anderes als Beseitigung eines menschenwürdigen Existenzminimums für Millionen von Menschen in Griechenland. Wieso ein unabhängiges Wochenblatt wie die GZ sich einer derart verharmlosenden Sprache bedient, das dürfte wohl ihr Geheimnis bleiben und sein. Fakt jedenfalls ist: wer auf Geheiß der Euro-Staaten große Teile der Bevölkerung hineinreglementiert in Hunger und Not, in Depression und Verzweiflung, der betreibt nicht „Spar“- oder gar „Reform“-Politik, sondern macht sich zum Lakaien einer zutiefst menschenfeindlichen Politik, der betreibt nicht Politik für die Menschen im eigenen Land, sondern gegen sie! Und es ist schier unbegreiflich für mich, dass eine vormals entschieden linke Partei wie die SYRIZA derart brutal Handlangerdienste leistet für die Kapitalinteressen der westeuropäischen Banken. Gleiches – nebenbei – ließe sich sagen von der bundesrepublikanischen Sozialdemokratie! Auch diese scheint, bis in die Debatten der letzten Tage hinein, immer noch nicht begriffen zu haben, daß mit Fug und Recht eine Wählerschaft der SPD den Rücken kehrt, die vorher ihrer Wählerschaft den Rücken gekehrt hat.

Die SYRIZA, so heißt es in dem GZ-Bericht vom 5. Juni, wolle nun für die Parlamentswahlen in Griechenland am 7. Juli des Jahres „auf die Themen Wirtschaftswachstum, Schaffung von Arbeitsplätzen und Rechte der Arbeitnehmer setzen“. Aber wird es um „Wirtschaftswachstum“ gehen, von dem vor allem die Ärmsten der Armen profitieren werden oder das nur die Konten von Großkonzernen füllt? Beispiel Tourismusindustrie! Wird es um „Schaffung von Arbeitsplätzen“ gehen, die den Menschen wieder ein Leben ohne Existenzangst ermöglichen wird? Und um welche „Rechte der Arbeitnehmer“ soll es eigentlich gehen? Auch eine SYRIZA sollte begreifen lernen, dass man nicht Sprechblasen wählt, nicht ideologisches Betrugsvokabular und soziales Blabla, sondern konkrete Politik, die den Menschen – vor allem den Menschen ganz unten, den Menschen  in bitterster Armut – zweifelsfrei und ganz konkret hilft.

Wo aber ist diese Politik, wo ist dieses Programm? Ich jedenfalls bin bislang noch nicht fündig geworden bei meiner Suche nach dieser neuen, dieser sozialen und humanen Politik – bei einem Tsipras nicht und bei einem Kyriakos Mitsotakis schon gar nicht. Es scheint, Griechenland steuert auf Parlamentswahlen zu, bei denen es im Grund nichts zu wählen gibt. „Esso“ oder „Aral“, das kann doch nicht die Alternative sein, und Skylla und Charybdis, diese Auswahl zwischen Untergang und Untergang schon gar nicht – eine Auswahl, vor der ein Odysseus stand, als er bei der Meerenge von Messina einen Seeweg suchte zwischen einem sechsköpfigen Ungeheuer und einem riesigen Wasserstrudel, der alles Lebendige verschlang.

Womit ich mal wieder bei meiner Spendenbitte bin für unsere Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

 

Kommentare
  • Avatar
    Volker
    Antworten

    Den Kommentar von Alexis Tsipras dazu kann man für ehrenwert halten: „In der Politik ist es sehr wichtig, verlieren zu können“

    Klar, am Hungertuch hängt er nicht, die wirklichen Verlierer aber schon am Strick.

    Und es ist schier unbegreiflich für mich, dass eine vormals entschieden linke Partei wie die SYRIZA derart brutal Handlangerdienste leistet für die Kapitalinteressen der westeuropäischen Banken.

    Lieber Holdger, nicht schier unbegreiflich für Dich, Du weißt doch wohl schon lange, wie die Dinge laufen und wohin sie führen werden/sollen.

    Je mehr ich begreife, um so fassungslosiger werde ich mit jedem Tag – das Unbegreifliche ist Realität.

    Liebe Grüße

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