Das Arbeitsgesetz ist durch in Griechenland! Die Verbrecherpolitik darf weitergehen…

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

Ich will bescheiden bleiben: das Spendenergebnis während der letzten Woche war mittelgut. Aber die Nachrichten aus Griechenland präsentieren uns Resignation gleich in vielerlei Gestalt: Beim Generalstreik blieben viele Betroffene zuhause, das Gesetzeswerk zur Entrechtung der arbeitenden Menschen trat mittlerweile in Kraft, und auch die Menschen, denen wir zu helfen versuchen, kämpfen, oft schon verzweifelt, gegen ihre Notsituation an. Unser Bemühen um mehr Humanität in Griechenland braucht noch mehr Ausdauer als bisher. Holdger Platta

 

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

sorry: was meinen letzten Bericht für Euch betrifft, bin ich Euch eine Mitteilung schuldig geblieben! 2.342,76 Euro betrug in der vergangenen Woche der neueste Stand bei unserer Spendenhilfe. Das ist nun in dieser Woche wegen einiger Abbuchungen zurückgegangen auf 2.314,76 Euro, geringfügig zwar, doch immerhin. Aber gleichwohl durften wir einen mittelguten Zuwachs an neuen Spenden verbuchen: 200,- Euro, überwiesen von 4 SpenderInnen an uns (Zuwachs in der Vorwoche: die 350,-Euro-Spende einer einzigen Unterstützerin, der Renate H.). Allen vier neuen SpenderInnen danke ich sehr. Und vielleicht darf ich ja konstatieren, dass seit einigen Wochen damit eine gewisse Stabilität beim Spendeneingang eingetreten ist. Möge es so bleiben, mindestens das!

Sehr ausführlich hat uns Tassos Chatzatoglou während der letzten Tage über seine Eindrücke aus Griechenland informiert. Er hält sich ja mit seiner Ehefrau Evelin seit knapp zehn Tagen dort auf. Leider: erfreulich sind diese Nachrichten allesamt nicht.

Der Tourismus wird Griechenland in diesem Jahr wohl nicht mehr aus der Krise verhelfen. „Meiner Ansicht nach“, schreibt Tassos, „ist die Saison bereits zu Ende gegangen“. Zwar hätten die griechischen Gastronomen ihre Restaurants, Strandbars und Hotels „auf Hochglanz poliert“. Aber Fachpersonal gäbe es kaum noch, das in diesen Einrichtungen des Fremdenverkehrs beschäftigt wäre. Schüler würden notdürftig die Lücken füllen, und oft müßten pensionierte Köche für das Wohl der Gäste sorgen (ich befürchte: wie die Schüler unterbezahlt!).

Und ein Leserbriefschreiber in der „Griechenland Zeitung“ (GZ), ein Gast aus Deutschland, ergänzt, dass es den Touristen auch wegen der sogenannten Corona-Epidemie unnötig schwer gemacht würde: man verlange kostenpflichtige – neue – PCR-Tests von ihnen, selbst dann, wenn die Einreisenden solche Testbescheinigungen mitbrächten oder sogar Impfbescheinigungen. Das interessiere niemanden, so Michael W. aus Rheinfelden-Adelhausen. Selbst Kinder müssten im Freien sinnloserweise mit Masken herumlaufen, sogar in „covid-freien“ Regionen. Und Tassos Chatzatoglou ergänzt:

„Griechenland als funktionierendes Land wird bald nur noch als ‚Fossil‘ in den Geschichtsbüchern existieren.“ Die meisten privaten Ferienhäuser seien leer geblieben, nur die  Villen der Reichen am Abend beleuchtet: „Ein trauriger Anblick“, so Tassos Chatzatoglou.

Kaum weniger gut sind die Nachrichten, die unser Griechenlandreisender von den beiden Generalstreik-Tagen 10. und 16. Juni mitzuteilen hat: Längst nicht alle Gewerkschaftsmitglieder hätten mitgemacht. Und die Abstimmung im Parlament über die neuen Arbeitsgesetze hätte in der Öffentlichkeit nur halbes Interesse gefunden, eine Abstimmung übrigens (am Mittwoch, den 16. Juni), die mit der klaren Mehrheit von 158 Stimmen zu Ende gegangen ist. Zwar hätten, so die GZ vom 23. Juni, die Vertreter der Oppositionsparteien geschlossen dagegen gestimmt, aber das spezielle Wahlrecht in Griechenland, das der Siegerpartei eine doppelte Mandatszahl zuspricht, als von dieser realiter erzielt worden ist, hat für diesen Erfolg der „Neudemokraten“ unter Kyriakos Mitsotakis gesorgt.

Selbstverständlich war der Protest der anderen Parteien lautstark und heftig. Man habe die Beschäftigten in Griechenland „an Händen und Füßen gefesselt“, so SYRIZA-Chef Alexis Tsipras. Die Arbeitnehmer seien gedrängt worden, „den Kopf zu senken und sich zu unterwerfen“, so die Vorsitzende der „Bewegung der Veränderung“ (KinAI), Fofi Gennivati. Und der Generalsekretär der Kommunisten, der KKE, Dimitris Loutsoumbas, bezeichnete das neue Gesetzeswerk als „Monster“, das – so dessen zuversichtliche Einschätzung – allerdings „nicht in die Praxis umgesetzt werde“ (unklar, woher dieser Optimismus kommt).

Doch trotz aller Proteste, zumindest verbal, besitzt diese Antibeschäftigtennovelle nunmehr Gesetzeskraft. Sonntagsarbeit ist seit dem 16. Juni erlaubt, ebenfalls die Überschreitung des 8-Stunden-Arbeitstages (unbezahlt!), und den freien Samstag gibt es für die griechischen Arbeitskräfte ebenfalls nicht mehr. Diese Etappe des Klassenkampfs in Griechenland hat jedenfalls zu einer Niederlage für die arbeitenden Menschen geführt, und angesichts der resignierten Gesamtstimmung in diesem Mittelmeerstaat ist fraglich, ob sich das in nächster Zeit ändern wird. Die humane Katastrophe in diesem wunderschönen Land existiert also auch weiterhin, nein, mehr noch, sie hat sich verschlimmert, und irgendwelche positiven Änderungen sind nicht in Sicht.

Besonders schlimm dann die Informationen, die mir Tassos Chatzatoglou zu jenen Hilfsbedürftigen mitgeteilt hat, die seit langem von uns unterstützt werden. Aus dieser Mail, vom 26. Juni, möchte ich wörtlich zitieren:

„Guten Abend, lieber Holdger !

Die Großmutter der Familie in Megara hat sich bei mir für die Hilfe bedankt. Auch an die Spender*innen einen herzlichen Dank! Panagiota ist schwer  depressiv. Die Sozialfürsorge kümmert sich um die Kinder. Die Betreuung für die Mutter lässt auf sich warten. Ich habe den Eindruck, die Familie ist für den griechischen Staat eine Belastung.  Alexander lebt nach wie vor von 200,- € im Monat. Jeder Cent, den er von uns bekommt, hilft ihm, überleben zu können. Ich bin in ständigem Kontakt mit ihm. Die Hilfsbedürftigen auf Andros stehen bei uns nach wie vor auf der Liste. Medikamente und Hygiene-Artikel werden benötigt. Die Höhe der Gelder dafür erfahre ich Ende nächster Woche.  Ich getraue mich nicht,  mich mit neuen Fällen zu befassen, weil der Fluss der Gelder nicht mehr gegeben ist und ich  den Menschen keine falschen Hoffnungen machen möchte.

(…)

Sobald ich die Höhe der benötigten Gelder erfahre, schreibe ich dir sofort.

Liebe Grüße an Euch beide von uns,

Dein Tassos“

 

Das sind Nachrichten – Ihr spürt es sicherlich selbst –, die erneut zeigen, wie dringlich unsere Hilfsbemühungen sind, und gleichzeitig auch, wie begrenzt in ihrer – nicht zuletzt: psychischen – Wirksamkeit unsere Unterstützungsversuche eingeschätzt werden müssen! Wie von Tassos mitgeteilt: Die neuesten Zahlen zu den benötigten Geldern erfahre ich mit Sicherheit in dieser Woche noch. Aber schon jetzt befürchte ich, dass eine weitere Verbesserung unserer Finanzmöglichkeiten dringend erforderlich ist. Ja, es ist so, wie es ist: eine Hilfstugend für unsere Bemühungen muss auch die Ausdauer sein. Wir müssen mehr Durchhaltevermögen zeigen und Durchsetzungskraft als die Verbrecher, die derzeit in  Griechenland regieren. Unsere Arbeit muss weitergehen. Und ich bitte Euch darum, dass dieses möglich sein wird!

Deshalb wieder zu meinem abschließenden Hilfsappell:

 

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

 

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Inhaber: IHW

 

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

 

Mit herzlichen Grüßen

Euer Holdger Platta

 

Showing 5 comments
  • Die A N N A loge
    Antworten
    Lieber Holdger,

    ich danke dir und Tassos für eure aktuellen Informationen zur Entwicklung in Griechenland. Ich stehe fassungslos davor. Ich begreife nicht, wie eine Regierung sein Volk derart brutal ausbluten lassen kann. Anstatt das Sozialsystem mit Sozialhilfe, soziale Unterstützung für verarmte Kinder, allein Erziehende und Langzeitarbeitslose aufzubauen einschließlich eines funktionierenden Gesundheits-und Rentensystems, werden die Daumenschrauben immer enger gezogen. Ein „Arbeitsgesetz“ mit Samstags-und Sonntagsarbeit und unbezahlten Überstunden ist ein Rückschritt in die Zeiten der Industrialisierung. Es wird die Not der Menschen und die hohe Arbeitslosigkeit ausgenutzt, um brutal die harten Bandagen des Kapitalismus wieder einzuführen.

    Welchen Wert die griechische Regierung dem Leben des einzelnen bemisst, sehen wir am ekkatantesten im Flüchtlingslager Moria. Für mich ist die Neodemokratia – Partei nichts anderes als ein Lebens-und Menschenverachtender Haufen. Sie sind einer politischen Position mit Verantwortung nicht würdig.

    Mein Herz schlägt für die Schönheit des Landes, für Ihre Musik, für die Warmherzigkeit und Lebendigkeit der Griechen und für all jene, die ich auf meiner einstigen Reise nach Griechenland kennenlernen durfte, insbesondere für die IHW Helferinnen auf der Insel Andros und die liebevolle Familie Panagiota.

    https://youtu.be/s0ERRNccIwE

     

  • Die A N N A loge
    Antworten
    P. S. Lieber Holdger,

    in gemeinsamer Erinnerung an ein wundervolles Konzert mit Maria Farantouri in München anbei ein schönes Lied für dich, als kleines Dankeschön für dein unermüdliches Engagement für die IHW GriechInnenhilfe.

    Liebe Grüße,

    Bettina

    https://youtu.be/cDEb4EYmaQY

  • Die A N N A loge
    Antworten
    Mein Herz schlägt für die Kraft, den Mut, den Widerstand gegen geltendes Unrecht und die Solidarität des griechischen Volkes. 1974 führte das zum Sturz der damaligen Militärdiktatur.

    Mögen die Griechen diese Kraft wieder in sich entdecken.

    America Insurrecta aus dem Canto General (Neruda /Theodorakis)

    Aufnahme von 1974 /Stadion in Griechenland

    Text mit deutschen Untertiteln

    https://youtu.be/ztjWO10M2w

    • Peter+Boettel
      Antworten
      Den Canto General höre ich mir immer wieder auf den CD’s an. Schade, dass heute bei den Menschen diese revolutionäre Stimmung verflogen ist.

      Aber auch mein Herz schlägt für den Widerstand des griechischen Volkes gegen dieses Regime, das sich wohl die Militärdiktatur von 1967 bis 1974 zum Vorbild zu nehmen scheint, und bekenne meine volle Solidarität.

      Selbstverständlich werde ich wie bisher weiter spenden.

      Und ich freue mich, dass es doch noch bei uns Menschen gibt, die ihre Solidarität gegenüber dem griechischen Volk bezeugen.

  • Die A N N A loge
    Antworten
    Entschuldigung, hier der vollständige Link.

    https://youtu.be/ztjWO10M2w0

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