Die Datenscham

 in FEATURED, Kultur, Politik

Ein digitales Schamgefühl könnte auf persönlicher Ebene helfen, der Ausbeutung unserer Daten im Zuge der Digitalisierung entgegenzuwirken. Im zunehmenden Maße entblößen wir uns im digitalen Raum. Alles wird abfotografiert, das Leben über Instagram-, Snapchat- und andere Storys minutiös dokumentiert, und billigend nehmen wir in Kauf, dass das Google-Tracking uns akribischer stalkt als der eifersüchtigste Ex-Beziehungspartner es je könnte. Im Nachfolgenden soll es gar nicht so sehr um rein technische Methoden des Datenschutzes gehen. Welcher Browser gut ist, ob sich VPNs lohnen, wie man Festplatten verschlüsselt und seine Spuren im Netz verwischt — zu alledem gibt es zahlreiche, ihr Wissen teilende IT-Experten und gute Literatur, die hierzu wesentlich qualifiziertere Hilfestellung geben können. Vielmehr soll es hier um Gedankenanstöße für Verhaltensänderungen im Umgang mit unseren Daten gehen. In ironischer Anlehnung an den Schamkult der woken Strömungen soll hier ein Konzept der Datenscham skizziert werden. Diese Art der Scham grenzt sich allerdings von den Formen der toxischen Scham ab und soll dazu dienen, dass wir analog zu unserem eigenen Körper auch im Netz einen unsere Würde schützenden, digitalen Schambereich entwickeln. Nicolas Riedl

 

„Ich habe ja nichts zu verbergen“, ist eine Grundhaltung vieler Nutzer mobiler Endgeräte in der heutigen Zeit. Es gilt gar das Gegenteil. Man hat nichts zu verbergen, sondern im Gegenteil jede Menge preiszugeben. Das gesamte Leben wird schamlos mit dem Smartphone erfasst und in den digitalen Äther eingespeist.

Den Satz „Ich habe ja nichts zu verbergen“ hätten dereinst auch Adam und Eva im Paradies unterschrieben. Sie hatten wahrlich nichts zu verbergen bis zu dem Zeitpunkt, da die Schlange vom Baum der Erkenntnis beide dazu anhielt, einen Apfel von ebendiesem Baum zu kosten. Erst der Biss in den Apfel flößte beiden die Scham ein, was letztlich zur Vertreibung aus dem Paradies führte.

Heute ist das anders. Edward Snowden und andere Warner sollen hier nicht mit einer Schlange verglichen werden, doch auch sie hielten uns dazu an, vom Baum der Weisheit zu kosten, damit wir mit dem Wissen über die weitreichende Überwachung aus dem Paradies der digitalen Servicebequemlichkeit hinauskatapultiert werden. Vergebens. Der angebissene Apfel zeitigte dahingehend keine Wirkung, sondern ziert jedes Apple-Produkt, das uns genau an dieses nutzerfreundliche, aber datenschutzfeindliche Paradies kettet.

Warum hier Scham entwickeln?

Warum noch eine Scham? Haben wir nicht schon genug Scham? Flugscham, die Scham, weiß und hetero zu sein, und bald vielleicht auch die Duschscham? Haben wir nicht schon genügend Schamesröte im Gesicht? Zumindest auf Selfies ist davon wenig zu sehen. Dort beobachten wir eine ganz und gar vorhandene Schamlosigkeit.

Selten vorhanden ist eine Datenscham, also das beschämende Gefühl, überall seine teils mehr, teils weniger hochsensiblen Daten überall im digitalen Äther — (un)gewollt — zu verstreuen, keine Kontrolle über selbige zu haben und obendrein als menschliches Wesen zunehmend und im Grunde genommen entwürdigend auf einen Datensatz reduziert zu werden.

Die Entwicklung dieses Schamgefühls, für das hier plädiert wird, unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von der toxischen Scham, wie sie im woken Diskurs um Feminismus, Antirassismus und dem Klimawandel zur Anwendung kommt. Raymond Unger beschreibt diese toxische Scham folgendermaßen:

„Tragischerweise vererben sich die aus diesem Mechanismus (des Verlassen- und Ignoriertwerdens in der Kindheit, Anmerkung des Autors) hervorgehenden Folgen, Selbstwertmangel und Selbstzweifel, von Generation zu Generation weiter. (…) Obgleich Kinder in diesem systemischen Reigen immer die Opfer sind, sehen sie sich als Täter, wofür sie sich schämen; deshalb suchen sie nach Wegen der Wiedergutmachung, sie werden zu ‚Wiedergutmachern‘.

Hauptproblem der internalisierten toxischen Scham ist jedoch, dass jeglicher Versuch der Wiedergutmachung in einem Teufelskreise endet, denn hier zeigt sich auch der Unterschied zwischen Schuld und Scham; Schuldgefühle entstehen im Abgleich eines etwaigen (Fehl-)Verhaltens, im Widerspruch zu inneren Wertevorstellungen. (…) Sofern aber Scham internalisiert wurde, wird sie zu einem Wesenszug und ist mit der Identität des Individuums verbunden. Man hat dann nichts Falsches getan, man ist falsch.

Für diesen Menschen gibt es keine Möglichkeit der Wiedergutmachung. Um psychisch überleben zu können, bleiben nur klassische Abwehrmechanismen, wie Verdrängung, Projektion, Leugnung (…). Toxische Scham lässt sich effektiv übertragen, indem man den internalisierten Anteil, der einen selbst beschämt, auf andere umlenkt. Die unliebsame innere Stimme, die einen moralisch diskreditiert, belehrt und maßregelt, richtet sich fortan auf politische und ideologische Gegner“ (1).

Es wird sehr schnell deutlich, inwieweit sich die Datenscham von einer oben beschriebenen toxischen Scham unterscheidet. Die Datenscham dient nicht dazu, ein internalisiertes Schamgefühl zwecks eigener Aufwertung auf andere zu projizieren — dazu müsste die Scham ja erst vorhanden sein —, sondern ein Bewusstsein für die eigene Entwertung und Ausbeutung durch die Big-Tech-Konzerne zu entwickeln. In Sachen der datenschutztechnischen Integrität wäre es erstrebenswert, ein „digitales Schamgefühl“ zu entwickeln, wie sie in bestimmten Zonen unseres Körpers selbstverständlich ist.

Freilich wäre es auch denkbar, dass sich irgendwann auch im Datenschutzbereich eine toxische Scham entwickelt, dass also mit moralischer Überhöhung als Haupttriebfeder des Handels darum gewetteifert wird, wer seine Daten am besten schützt, ohne dass es dabei um die Sache an sich geht. Aber vor dieser Psychodynamik dürfte wohl kein gesellschaftlicher Bereich gefeit sein.

Und wenn es um unsere Selbstdarstellung im Netz geht, dann führt die Datenschamlosigkeit genau dazu, dass wir uns als richtig empfinden, obgleich wir es nicht sind. Denn wir sind nicht der 24/7-Goodlife-Guy, als der wir uns beispielsweise auf Instagram präsentieren. Während es aktuell noch dem Zeitgeist entspricht, sich auf Social Media als Mikro-Celebrity zu inszenieren, reiben die großen Plattformbesitzer sich dankbar die Hände, ob der unzähligen, verwertbaren Daten, die bei dieser Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse anfallen.

Die innere Entwicklung einer Datenscham dient schlussendlich der Sensibilisierung und Wiederbewusstwerdung der eigenen menschlichen Würde — und die der Mitmenschen — gegenüber den leblosen Machtstrukturen der digitalen Welt und der immer schamloser um sich greifenden Datenkrake, die mit den Datensätzen die Künstliche Intelligenz (KI) in sich füttert, die danach trachtet, den Menschen als solchen — da fehlerhaft — zu überwinden. Dass wir uns schamlos, das heißt datentechnisch nackt durch das Netz bewegen oder uns diesem ausliefern, ist der Unsichtbarkeit geschuldet, mit welcher das Datenabgreifen erfolgt.

Überwachung ist eine unsichtbare Einbahnstraße

Unser Umgang mit unsichtbaren Gefahren ist äußerst ambivalent. Fürchteten wir das Absaugen unserer intimsten Daten ebenso sehr wie die Gefahr durch Viren, dann sähe unsere Welt ganz anders aus. Wir würden unsere digitalen Endgeräte ständig in den Lockdown schicken, die Handykameras mit Klebstreifen maskieren und unsere Endgeräte gegen Überwachung impfen.

Während ein Virus — sofern er überhaupt krankheitserregend ist — sich durch Symptome in nicht zu ignorierender Form bemerkbar macht, verläuft das Erheben unserer Daten nahezu unbemerkt. Im Gegenteil werden wir betört durch die vielen Möglichkeiten und die smarte Anpassung unserer Apps an unsere Bedürfnisse und Gewohnheiten. Es ist doch so komfortabel, wenn die Handytastatur schon richtig antizipiert, welches Wort wir als Nächstes tippen möchten, sodass wir das Wort als Ganzes nur noch anstupsen müssen. Befreit Spotify uns nicht von der Last des langen Suchens nach der Musik, die gerade zu unserer Stimmung passt, weil der Streaminganbieter uns und unseren Geschmack so gut kennt? Bei all dem schönen Schein des digitalen Serviceparadieses übersehen und verdrängen wir den sich pausenlos vollziehenden Raub unserer Daten.

Wer kann von sich behaupten, sich nicht im hypnotischen Sog des Handys zu befinden? Wer kann von sich wirklich behaupten, dass er das Handy benutzt und nicht umgekehrt das Handy einen selber?

Der Kampf für unsere Datensicherheit ist ein andauernder Kampf gegen unsere eigene Bequemlichkeit.

Eine Lektüre, die uns das Ausmaß dieses Raubes bewusst werden lassen kann, ist der 600-Seiten-Brocken „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ von Shoshana Zuboff. Das Buch ist regelrecht eine historische Aufarbeitung, wie der Überwachungskapitalismus der Big-Tech-Konzerne an die Stelle der alten Schwerindustrie trat. Selbst als jemand, der im Grunde genommen weiß, dass wir alle überwacht werden, kann durch die Lektüre noch ins Staunen und Entsetzen versetzt werden.

Das Gold unserer Zeit ist nicht mehr in erster Linie das Öl aus der Erde, sondern unsere Daten. Nicht nur durch unsere Nutzung von digitalen Endgeräten, sondern durch unsere alltäglichen Handlungen fallen Daten an, die Zuboff als den „Verhaltensüberschuss“ bezeichnet.

„Überwachungskapitalismus beansprucht einseitig menschliche Erfahrung als Rohstoff zur Umwandlung in Verhaltensdaten. Ein Teil dieser Daten dient der Verbesserung von Produkten und Diensten, den Rest erklärt man zu proprietärem Verhaltensüberschuss, aus dem man mithilfe fortgeschrittener Fabrikationsprozesse, die wir unter der Bezeichnung ‚Maschinen- oder künstliche Intelligenz‘ zusammenfassen, Vorhersageprodukte fertigt, die erahnen, was sie (sic!) jetzt, in Kürze oder irgendwann tun. Und schließlich werden diese Vorhersageprodukte auf einer neuen Art von Marktplatz für Verhaltensvorhersagen gehandelt (…)“ (2).

Wir Menschen werden zu reinen Datenproduktionsbatterien degradiert, die mit jedweder aktiven oder passiven Eingabe in die Endgeräte die Datenkrake mit Informationen füttern, die ihr nicht nur dazu verhilft, uns besser zu kennen, sondern sogar vorherzusehen, was wir in der Zukunft tun werden. Dass wir die ganzen Social-Media-Kanäle monetär kostenlos nutzen können, hat den Preis in Gestalt unserer Daten. Die Big-Tech-Konzerne verstehen diesen ungleichen Deal — wie Zuboff beschreibt — als quid pro quo.

Während wir also diese Datenkrake füttern, ist unentwegt ein für uns uneinsehbares Buch über unsere Person im Entstehen begriffen, welches Zuboff als „Schwarztext“ bezeichnet:

„In diesem Text sehen wir unsere Erfahrung als Rohstoff requiriert, um diesen als Mittel zu anderer Leute Marktziele anzuhäufen und zu analysieren. Der Schattentext ist eine im Entstehen begriffene Anhäufung von Verhaltensüberschuss und dessen Analyse, und er sagt mehr über uns, als wir selbst über uns wissen können. Schlimmer noch, es wird zunehmend schwierig — und vielleicht sogar unmöglich —, nicht zu diesem Text beizutragen. Er nährt sich automatisch von unserer Erfahrungen, während wir unsere üblichen und unumgänglichen Routinen sozialer Teilhabe absolvieren“ (3).

Diesen „Schwarztext“ sollten wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen. Mit so ziemlich jedem Tag wächst dieser Text mit Zeilen über uns und wir haben keine Kontrolle über das Geschriebene. Wer weiß, ob wir je einen Einblick in diesen Text über uns erhalten, wie das früheren DDR-Bürgern ab 1992 möglich war, als die Stasi-Akten offengelegt wurden und sie studieren konnten, was die Spitzel über einen in Erfahrung gebracht hatten. Die Texte, die andere heimlich über einen selbst schrieben, mussten beim Rezipieren sicherlich ein sehr peinlich-entblößendes Gefühl ausgelöst haben. Wie würde sich dieses Gefühl wohl potenzieren, wäre wir uns gewahr, was heute nicht irgendein Stasi-Mitarbeiter, sondern ein hochintelligenter Algorithmus über uns schreibt?

Schuhe und Handys draußen lassen

In vielen Haushalten gehört es zur guten Sitte, die Straßenschuhe draußen zu lassen. Das Ausziehen der Straßenschuhe signalisiert gewissermaßen die Schranke zwischen öffentlichen und privaten Raum. Doch während die Straßenschuhe allenfalls den Dreck des öffentlichen Bodens in die geschützten Räume des Eigenheims hintragen, trägt ein jeder mit seinem Handy in der Hosentasche zusätzlich das World Wide Web in den Schutzraum hinein, sodass dieser digital erfasst und im speziellen ausgehorcht werden kann.

Die Türen und Fenster der Wohnung / des Hauses mögen vielleicht verschlossen bleiben, doch in der Gegenwart von Smartphones werden zahlreiche Verhaltensüberschüsse über das digitale Fenster in die Datenkrake eingespeist — das teils oder sogar größtenteils passiv. Das gesprochene Wort ist in der Gegenwart der Geräte selbsterklärend nicht anonym, sondern wird erfasst, im harmlosesten Fall in personalisierte Werbung verarbeitet, im schlimmsten Fall werden die geschöpften Daten von neugierigen Behörden ausgewertet.

Jedwede vertrauliche oder gar konspirative Zusammenkunft wird ad absurdum geführt, wenn sich Smartphones in unmittelbarer Nähe befinden. Eine gesunde Datenscham führt dazu, dass sensible Gespräche nicht in der Gegenwart der digitalen Geräte geführt werden. Dabei genügt es nicht, etwa die Smartphones für die Dauer des Gesprächs in ein No-Spy-Case und dieses in unmittelbarer Nähe liegen zu lassen. Das Handy mag in diesem Augenblick vielleicht durch die Sendeblockade keine Daten verschicken können. Sehr wohl kann es das Gesprochene im Offlinezustand aufzeichnen und dann, wenn es aus der Hülle wieder entnommen wird, nachträglich an die Datenbanken senden.

Gerade für Nachrichtendienste dürften ein besonderes Interesse für die Gesprächsinhalte bestehen, die in dem Zeitraum entstanden sind, da sich das Handy in einer solchen Hülle befand. Das Endgerät muss folglich wie eine Wanze behandelt werden, welche einen nur aushorchen kann, wenn man sich in unmittelbarer Nähe befindet. Deswegen sollten sich bei sensiblen Gesprächen die Handys in einem anderen Raum befinden.

Ein weiterer gangbarer Trick wäre — etwa bei geselligen Runden —, das Endgerät mit dem Mikrofon neben Musik spielende Bluetooth-Boxen zu legen, sodass die daraus ertönende Musik das zentimeternahe Handymikrofon so sehr mit Schallwellen zudröhnt, dass es außerstande ist, auch nur eines der gesprochenen Worte im Raum zu erfassen.
Daten sind Gold und kein Konfetti

Zuweilen ist erschreckend, wie arglos selbst aufgeklärte, politisierte Mitmenschen mit Daten umgehen, ganz so, als hätte es Snowden nie gegeben. Gemeint ist hiermit die Weitergabe und Verbreitung von Daten. Telefonnummern, Kontakte, Adressen werden herumgereicht, geradezu wie Konfetti um sich geworfen, ohne über die möglichen Konsequenzen nachzudenken. Geleakte, personenbezogene Daten können für den Betreffenden ungemein zum Verhängnis werden. Man denke nur an den Fall „Drachenlord“.

Der sorgsame Umgang mit personenbezogenen Daten ist — so sollte man meinen — eine Selbstverständlichkeit, doch die Alltagsrealität belehrt datenschutzbewusste Menschen häufig eines Besseren. Daher noch einmal ein Bruchteil des Datenschutz-ABCs zum Mitschreiben:

Telefonnummern et cetera werden nicht ohne Absprache/Zustimmung des betreffenden Menschen weitergegeben. Sensible, personenbezogene Daten werden — wenn oben genannte Bedingung erfüllt ist — über sichere Messenger-Apps in Chat-Kanälen versendet, die sich nach einer bestimmten Zeit wieder selbst löschen. Sensible Gesprächsinhalte werden möglichst nicht am Telefon besprochen. Bilder und Videos von Menschen werden nicht online gestellt, ohne deren Einverständnis oder konkludente Einwilligung, beispielsweise das sich bereitwillige Dazustellen bei einer Selfie-Aufnahme.

Hier könnte eine gewisse Dosis an Datenscham nicht schaden, um großen Ärger oder gar lebensruinierende Desaster abzuwenden.

Die Gamifizierung des Digitalen umdrehen

In vielen Bereichen wurde unser Leben gamifiziert, das heißt, in die Logik eines Videospiels überführt. Das mustergültigste Beispiel hierfür sind die Fitness-Tracker in Kombination mit den Fitness-Apps, über die viele Nutzer ihre täglichen Schritte zählen. Die Beliebtheit lässt sich dadurch erklären, dass die körperliche Bewegung durch das Quantifizieren der Schritte einen Spielcharakter bekommt. Der Blick auf den Schritte-Score verleiht uns den Kick und treibt uns dazu an, uns mehr zu bewegen. Das treibt die bizarre Blüte, dass weltweit Menschen sich bei einem amerikanischen Unternehmen informieren, ob sie sich heute ausreichend bewegt haben. So etwas wie ein Körpergefühl, eine Intuition scheint es so gut wie gar nicht mehr zu geben.

Vergessen wird dabei schnell, dass jeder erfasste Schritt nicht nur für den, der die Schritte macht, selbst einsehbar ist, sondern auch für eine unbestimmbare Menge an Dritten, die diese Bewegungsdaten erwerben. Unter diesen Dritten können sich neben Versicherungen auch Behörden befinden. Und selbst ohne Schrittezähler-App werden unsere Bewegungsdaten erschreckend genau erfasst. Werfen wir einen Blick auf die Google-Zeitachse, dann kommen wir nicht umhin mit Erschrecken festzustellen, dass Google uns dichter auf den Fersen ist als das Jordan-Logo.

Neben dem Körpergefühl scheint auch das paranoide Gefühl des Verfolgtwerdens abhandengekommen zu sein. Und das liegt wieder einmal an der Unsichtbarkeit des Überwachtwerdens.

Während wir instinktiv den Blick und Atem eines physischen Verfolgers im Nacken spüren — ausgenommen sind die Menschen, die 24/7 ihre Air-Pods im Ohr tragen — können wir die digitale Verfolgung nur rein auf Verstandesebene wahrnehmen.

Wie wäre es nun — wenn wir schon so auf die Gamifizierung unseres Lebens zugerichtet wurden —, dass wir das Spiel einfach umdrehen? Wir zählen nicht mehr unsere Schritte, sondern versuchen diese zu verschleiern? Wir betrachten es als Spiel, unsere Bewegung, das was wir tun, denken und konsumieren zu verschleiern und sehen es als Anreiz, eben keine Daten zu produzieren.

Mit dem oben schon erwähnten No-Spy-Case können wir unser Bewegungsprofil erheblich durchlöchern, als dass nicht mehr ohne Weiteres jedes Stehenbleiben zum Schnürsenkelbinden auf der Chronik erfasst wird. Wer unterwegs auf einen Podcast oder auf Musik nicht verzichten möchte, kann diesen ja vorab im heimischen WLAN runterladen und dann im Offlinemodus hören.

Auch unser Bezahlverhalten können wir entsprechend umändern, indem wir spielerisch Lust daran entwickeln, alles, so gut es geht, in Bar zu bezahlen. Alles, was wir bar bezahlen, wird nicht datentechnisch erfasst und nicht der Datenkrake zugeführt, die andernfalls aus dem Verhaltensüberschuss Rückschlüsse über unsere Vorlieben, Verhaltensweisen und erwartbare (Konsum-)Handlungen in der Zukunft ziehen kann.

Wenn Daten das Öl des 21. Jahrhunderts sind, machen wir uns doch eine Freude daraus, diesen Ölhahn zuzudrehen.

Das Abknips-Syndrom überwinden

Bei vielen Menschen wirkt es wie ein eingeübter Reflex. Etwas Sehenswürdiges zeigt sich vor der Nase der Menschen und fast schon instinkthaft wird das Handy gezückt, um das Begaffens- oder Bewundernswerte abzufotografieren — geradeso als wären unsere Augen nicht gut genug dafür. Entweder geht es darum, das Fotografierte zu archivieren oder mit anderen „zu teilen“. Wobei die Bezeichnung „Teilen“ irreführend ist, da es letztlich beim sogenannten „Teilen“ im Grunde genommen um die Vervielfältigung geht. (4)

Ob Vervielfältigung oder Archivieren — am Ende teilen wir die Fotos nicht nur mit den von uns ausgewählten Adressaten, sondern auch mit Big Data, die diese Fotos ungefragt an Dritte weitergibt. Die Nutzungsbedingungen — die nichts weiter als verkappte Knebelverträge sind (5) — machen es den Überwachungskapitalisten möglich.

Alles und jeder gerät — teils unfreiwillig — in den Sog des Abgelichteten. Es werden Landschaften abfotografiert, die in wesentlich besserer Auflösung bei Google ohne Weiteres zu finden wären, Konzerte werden abgefilmt statt genossen und in den ganz perversesten Fällen treibt die Schaulust die Menschen dazu, das Leid anderer bei Autounfällen abzuknipsen. Nicht zu vergessen wären die Selfies, quasi der visuelle Beleg dafür, dass ein Zusammentreffen von Menschen tatsächlich stattgefunden hat. Treffen und Erlebtes, haben — so könnte man angesichts dieses Verhaltens schließen — nicht stattgefunden, wenn sie nicht durch ein Selfie quittiert wurden.

Was dabei passiert, ist, dass wir unser Gedächtnis auslagern. Das Kulturwissenschaftlerpaar Aleida und Jan Assmann unterscheiden zwischen einem lebendigen, selektiven und subjektgebundenen Funktionsgedächtnis und einem unlebendigen, aber alles Abgespeicherte erfassenden Speichergedächtnis (6).

Wenn wir nun alles fotografieren, statt es mit eigenen Sinnen bewusst zu erfassen, verschleißen wir nicht nur unser Erinnerungsvermögen, sondern verlagern unser Erlebtes auf ein Speichermedium, welches nicht unserer Kontrolle unterliegt.

Da in aller Regel die Nutzerbedingungen in Ermangelung an Alternativmöglichkeiten akzeptiert werden, kann Big Data ungehindert auf unsere Daten und damit auch auf unsere Fotos zugreifen.

Bei Selfies ist die Tragweite dessen, was das eigentlich bedeutet, den wenigsten bekannt. Zu abgedroschen sind so Sätze wie „Big Data kann darauf zugreifen“, „Man wird komplett überwacht“ et cetera. An dieser Stelle muss es konkreter werden. Stichwortgebend hierfür ist das „Affective Computing“, meist auch als „Gesinnungsanalyse“ oder emotionale KI bezeichnet. Es handelt sich dabei um nichts anderes, als dass die KI mit dem Studieren von Bildern mit Gesichtern lernt, Emotionen immer besser einzuschätzen. Mit jedem weiteren Bild kann die KI Emotionen immer präziser ihrer zugehörigen Bedeutung zuordnen (7).

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir nicht nur immer durchschaubarer, sondern auch immer kontrollierbarer werden. Jede kleinste Regung unserer Mimik im Sichtfeld einer entsprechenden Kameralinse gibt Informationen über unser Innerstes preis, die für allerlei Zwecke verwertet und missbraucht werden kann — etwa dazu, unsere Sehnsüchte zu erahnen und uns darauf basierend ein passendes Produkt anzubieten. Die Wachstumsprognosen für diesen Markt stehen indikativ für das rege Interesse der Konzerne an dem Wissen über unsere Emotionen. Was Dienste und Behörden mit diesen Informationen für Schindluder treiben könnten, will man sich gar nicht ausmalen.

Es bleibt zu konstatieren, dass wir mit jedem Selfie der Datenkrake dabei behilflich sind, unsere Seele zu erforschen und mit ihren Tentakeln in die verstecktesten Winkel unseres tiefsten, höchstens im Traum zugänglichen Unbewussten vorzudringen.

In diesem Zusammenhang sei hier noch auf einen ganz besonderen Aspekt verwiesen, der nicht häufig genug angesprochen werden kann: die vererbte Datenscham. Eltern vererben potenziell ihre selbst nicht wahrgenommene Datenscham an ihre Kinder, wenn sie diese mit dem Smartphone fotografieren und im allerschlimmsten Fall diese Bilder dann noch auf Social Media teilen.

Es ist erschreckend, wie leichtfertig junge Eltern den Identitätsschutz ihrer Kinder außer acht lassen! Ganz abgesehen davon, dass Kinderbilder, die mit netzverbundenen Geräten geschossen werden, ganz schnell in „Kreisen“ und auf Plattformen landen können, wo Eltern diese Bilder ganz sicher nicht haben möchten, birgt diese Missachtung weiteres Ungemach für die Zukunft der Kinder. Sie werden nämlich selbstverständlich in allen möglichen Facetten digital und biometrisch erfasst, sobald ihre Eltern die Bilder und Videos online stellen. Regelrecht blauäugig handeln jene Eltern, die die Gesichter der Kinder mit Emojis überdecken, als würden die großen Plattformen die Ursprungsbilder nicht erfassen können.

Wer kann denn mit Gewissheit sagen, in welcher Welt wir im Jahr 2030 leben, und welche Rolle es dann spielt, inwieweit wir von der Datenkrake erfasst werden? Vielleicht kann sich bald schon jener glücklich schätzen, über den es im Netz möglichst wenig zu finden gibt. Narzisstische Eltern, die ihre Kinder wie Prestigeprodukte auf Social Media herzeigen, verbauen ihren Kindern unwiederbringlich die Chance auf Anonymität und Unsichtbarkeit in einem Netz, das nicht vergisst.

Wäre es spätestens hier nicht angebracht, eine gesunde Datenscham zu entwickeln? Ansonsten ist es nicht mehr weit hin, bis ein Algorithmus uns besser kennt als der Beziehungspartner und Familienmitglieder — wenn dem nicht unlängst schon so ist — und wir der KI gegenüber nackt dastehen?

Die Implosion des Digitalen

„Werf‘ das Handy weg, es ist die Fessel der Seele“ (Kollegah).

In Interviews und Vorträgen prognostiziert der Naturphilosoph Jochen Kirchhoff immer wieder, dass sich das Digitale nicht ewig halten könne, da es keine Verwurzelung mit dem Lebendigen hätte. Das bleibt zu hoffen, auch wenn ein Verschwinden oder auch nur ein signifikanter Rückgang der Digitalisierung in unserem Lebensalltag aktuell noch schwer vorstellbar sein mag.

Doch wer weiß, ob in Sachen der Digitalisierung nicht irgendwann flächendeckender Überdruss Einzug hält? Die Lektüre der vielen Bücher des Neurologen Manfred Spitzer über die überaus schädigende Wirkung der Digitalisierung zeigt uns, dass diese Technologieentwicklung in dieser Form keine Zukunft haben kann.

Im Zusammenhang mit Smartphones wird häufig auch von der „digitalen Zigarette“ gesprochen. Vielleicht können wir daraus eine Hoffnung schöpfen, wenn wir dieses Bild analog zum Rauchverbot in Restaurants betrachten. Wäre es nicht erstrebenswert, gesellschaftliche Normen zu errichten, wonach man sowohl beim Rauchen als auch beim Smartphonenutzen „rausgeht“? Dass digitale Endgeräte so selbstverständlich an der Garderobe abgegeben werden wie die Straßenkleidungsstücke? Dass die Menschen sich gesellschaftlich auf ein Entschleunigungsrecht verständigen, welches sie von der teils gefühlten, teils realen Notwendigkeit des permanenten Erreichbarseins entbindet? Solche Entdigitalisierungsnormen würden auch die datenerhebenden Eskapaden der Überwachungskapitalisten in ihre Schranken weisen.

Derzeit herrscht aber noch das Primat der allumfassenden, alles durchdringenden Digitalisierung, und sie trachtet danach, alles und jeden bis in das kleinste Detail zu erfassen. Wenn wir nicht aufpassen — und das muss mit dieser Drastik gesagt werden — steht nichts Geringeres auf dem Spiel als unser Dasein als Mensch.

Die Verfechter des Transhumanismus und des technologischen Posthumanismus streben danach, den Menschen in seinem bloßen, naturgegebenen verletzlichen Zustand technisch zu verbessern oder im Falle Letzteren sogar komplett zu überwinden (8). Die Baupläne in die digitale Dystopie liegen entweder schon in den gedanklichen Schubladen globalistischer Eliten und ihrer Denkfabriken oder wurden teils schon umgesetzt. Sie seien hier übersichtshalber nur kurz aufgelistet:

Die Schaffung digitaler Identitäten — inklusive biometrischer Erfassung — aller Menschen. Stichwort „ID2020“ (9). Bargeldabschaffung und die Ersetzung desselbigen durch Zentralbankwährungen auf Blockchain-Basis. Die Erforschung der Gehirn-Computer-Schnittstellen zwecks der Verknüpfung von Big Data und dem Geist der Menschen. Stichwort „Neuralink“ oder „hackbarer Mensch“ (Yuval Noah Harari). Dass bereits mit den milliardenfach verabreichten, als Impfung getarnten Genspritzen eine Schnittstelle zwischen Mensch und Digitalem geschaffen wurde, ist gut möglich (10).

Abschließend sei die gleiche Frage gestellt, wie schon in meinem Anfang 2022 veröffentlichten Artikel „Der Reue zuvorkommen“: Wie können wir unseren Körper dagegen verteidigen, datentechnisch erfasst und ausgebeutet zu werden, wenn uns das nicht einmal mit einem tragbaren Gerät gelingt? Die Antwort ist: Darum brauchen wir Datenscham! Diese Scham dient nicht wie die unzähligen Schamvarianten der woken Blase dazu, den Menschen durch — zum Großteil ungerechtfertigte — Schuldgefühle kleinzumachen. Im Gegenteil! Diese Scham hat den Zweck, dass sich die Menschen ihrer Würde wieder bewusst werden und wieder in voller Größe aufrichten.

Wir sind in dieser Zeit des Wandels dazu eingeladen, uns wieder des Folgenden bewusst zu werden: Kein Mensch ist digital!

Quellen und Anmerkungen:

(1) Vergleiche Unger, Raymond: „Vom Verlust der Freiheit“, München, 2021, Seite 45 bis 49.
(2) Siehe Zuboff, Shoshana: „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, Frankfurt am Main, 2018, Seite 22.
(3) Siehe ebenda, Seite 218.
(4) Vergleiche Nymoen, Ole; Schmitt, Wolfgang M.: „Influencer: Die Ideologie der Werbekörper“, Berlin, 2021, Seite 119.
(5) Vergleiche Zuboff, Shoshana: „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, Frankfurt am Main, 2018, Seite 68.
(6) Vergleiche Assmann, Aleida; Assmann, Jan: „Das Gestern im Heute — Medien und soziales Gedächtnis“, in Klaus Merten, Siegfried J. Schmidt, Siegfried Weischenberg (Herausgeber): „Die Wirklichkeit der Medien — Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft“, Wiesbaden, 1994, Seite 121 bis 122.
(7) Vergleiche Zuboff, Shoshana: „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, Frankfurt am Main, 2018, Seite 324 bis 331.
(8) Vergleiche die tabellarische Übersicht in Loh, Janina: „Trans- und Posthumanismus zur Einführung“, Hamburg, 2018, Seite 31.
(9) Vergleiche Häring, Norbert: Endspiel des Kapitalismus: Wie die Konzerne die Macht übernahmen und wie wir sie zurückholen“, Frankfurt am Main, 2022, Seite 241 fortfolgende.
(10) Vergleiche Rost, Wolfram: „Der Mensch der ‚Vierten Industriellen Revolution‘“, in Ullrich Mies (Herausgeber): „Schöne Neue Welt 2030: Vom Fall der Demokratie und dem Aufstieg einer totalitären Ordnung“, Wien, 2021, Promedia Verlag, Seite 183. Vergleiche Bernert, Jens: „Der Mensch als Cyborg“, in derselben, Seite 199 bis 202.

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Dank an den Rubikon, www.rubikon.news, wo dieser Artikel zuerst erschienen ist.

Comments
  • Volker
    Antworten

    Erst der Biss in den Apfel flößte beiden die Scham ein, was letztlich zur Vertreibung aus dem Paradies führte.

    Ohne Vertreibung aus paradiesischer Hängematte gäbe es keinen Apfelmus und auch keinen Äppler.
    Wobei ich anmerken möchte, dass ein liebevoller Biss in Pobacke durchaus paradiesischen Zustand verheißen könnte, wenn da nicht wäre: das blöde Schamgefühl der Smartphonelüstlinge.

    Kein Mensch ist digital!

    Ne, aber digitalsüchtig.

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