Eulenfeder: Schwere Zeiten

 in Politik (Inland)

Das Schlechtere ist der Freund des Schlechten. Denn es lässt dieses – relativ gesehen – in einem rosigen Licht erscheinen. Von wie vielen Misständen in Deutschland lässt sich trefflich ablenken, indem man darauf hinweist, dass es anderswo schlimmer ist – in der Türkei, in Russland, In Nordkorea, in der Sahelzone oder bei den Klingonen. Da macht man es sich gern daheim gemütlich und preist sein bescheidenes Bürgerglück – jenen Rest an Demokratie, Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit, den uns „die da oben“ gnädigerweise noch gewähren. Auch die Mussolini-Diktatur war schließlich immer noch weniger schlimm als Nazi-Deutschland. Also sei friedlich, Bürger, wähle, schufte, konsumiere, schlucke und verdaue! Einer lässt sich von derartigen Einschläferungsversuchen natürlich nicht beeindrucken und hält unbeirrbar an der Notwendigkeit einer Revolution fest: Eulenfeder.

Die Chancen sinken mit der Erhöhung der Mißstände um uns herum. Die Chancen auf was? – auf die Revolution
!
Wenn Faschismus, Diktatur, Patriotismus und Ausrottung des Menschenrechts um uns herum bedrohlich anwachsen, zieht man sich ins vermeintlich sichere Schneckenhaus BRD zurück, wähnt sich sicherer hinter eigener Abschottung gegen die Bedrohung von außen und relativiert die Mißstände im „eigenen“ Land zu temporären Nebensächlichkeiten. Man tappt in die Falle: „Bei uns ist schließlich alles noch einigermassen in Ordnung, wir haben ja noch Demokratie, Rechtstaatlichkeit und ein Sozialwesen – also lasst uns gemeinsam dafür kämpfen, dass es uns erhalten bleibt!“ Darauf haben sie nur gewartet, „unsere“ Politiker. In solchen Zeiten lässt sich die Demagogie am leichtesten ans Volk verkaufen und damit auch ungehinderter ein weiterer Abbau von Demokratie, Sozialstaatlichkeit und Freiheitlichkeit vorantreiben.

Zudem müssen mehr Waffen her, mehr schlagkräftiges Militär zur Optimierung des Schutzes gegen die Bedrohungen von Außen, mehr Überwachung, Polizeistaatlichkeit… „Germany first“, um einen „funktionierenden Rechtstaat“ zu erhalten. Was dabei auf der Strecke bleibt – mehr noch als sonst –, ist die Wiederherstellung von Recht, Sozialstaatlichkeit und Freiheit. Die Fähigkeit in der Bevölkerung, die Notwendigkeit einer Revolte gegen die Missstände im eigenen Land einzusehen, tendiert gegen Null. Und wer die Revolution trotzdem noch fordert, wird bald noch mehr als früher als Staatsfeind gebrandmarkt sein, als Spinner auch. Denn: „Schliesslich geht es uns immer noch viel besser als anderswo.“

„Unbelehrbare“ revolutionäre Kräfte werden so zu Feinden der Demokratie und der Rechtstaatlichkeit erklärt – von jenen, die Demokratie und Rechtstaatlichkeit auf ein Minimun herunter regiert und den Sozialstaat an die Wirtschaft verkauft haben. Und die dummen Bürger werden wieder zahlreicher zu den Wahlurnen strömen, um dem Schutz gegen das Böse von außen ihre Stimme zu geben. Das Böse im eigenen Land erscheint dann gar nicht mehr so schlimm, wenn man „notgedrungen“ enger zusammenrücken muss.

Und unmerklich – leider – wächst ein neuer Nationalismus heran. Man hat sich infizieren lassen, vermeintlich um „Gutes“ zu bewahren, aber man erkennt die Falle, das Gift in den politisch-demagogischen Mogelpackungen nicht. Man geht politischer Irreführung leichter, unbedenklicher auf den Leim.

Nein, nicht mit mir! Und ich hoffe, es gibt noch weitere „unbelehrbare“ Anarchisten, die unbeirrt ihren Glauben an die Freiheit und die Revolution bewahren, mögen die Zeiten dafür auch noch so schwer sein.

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