Humanismus und Spiritualität

 in Friedenspolitik, Prinz Chaos II., Spiritualität

Prinz Chaos II.

Auch als privat sehr spiritueller Mensch ist der Liedermacher und Aktivist Prinz Chaos II. skeptisch, wenn eine „spirituelle Bewegung“ gefordert wird. Speziell, wenn Spiritualität zur Zugangsvoraussetzung für die Teilnahme an einer neuen APO erhoben wird. Er fordert weniger Abgehobenheit und Wortgeklingel, mehr Bodenständigkeit und sachliche Theoriearbeit. In diesem Sinn übt der Prinz freundschaftliche, aber deutliche Kritik an einer Rede Ken Jebsens auf dem Potsdamer Platz, Berlin.

Ich bin Fussballfan.

Und ich boykottiere unter großen Schmerzen diese WM.

Ich bin ein spiritueller, ja: ein religiöser Mensch.

Und ich finde Kens aktuelle Offensive „für Spiritualität“ grundfalsch.

Seine Berliner Rede von 16. Juni 2014 fordert meinen Widerspruch heraus.

Von Staatsgeschäften und Glaubensfragen

Ich bin noch etwas anderes als unglücklicher Fussballfan und zufriedener Hobbyhindu: ich bin Humanist. Ein Renaissance-Humanist des 21. Jahrhunderts, um es näher oder immerhin poetischer zu bestimmen.

Historisch ist der Humanismus auch entstanden als eine Modernisierungsoffensive vernunftorientierter Menschen – gegen die weltliche Macht religiöser Institutionen. Die Trennung von Staat und Kirche ist ein Grundprinzip des Humanismus. Ein Prinzip, das sich bewährt hat. Jede Verwaltung tut gut daran, sich gewisse Prinzipien der Ethik bewusst zu machen. Aber Glaubensfragen sind von privater Natur.

Die Geschäfte des Staates dagegen sollten Angelegenheit der breitesten Öffentlichkeit sein. Deswegen erregt die Geheimniskrämerei des Staates heute völlig zurecht unser grundsätzlichstes, demokratisches Misstrauen.

Ein pompöses Selbstverständnis emanzipatorischer Bewegungen als Nukleus eines neuen Staates ist nun freilich nicht zu empfehlen oder wünschenswert. Ich zum Beispiel interessiere mich für die Entwicklung neuartiger Organe der Demokratie, und die sollten bevorzugt nichtstaatlicher Natur sein. Wir sollten dennoch die Trennung von politischen und Glaubensfragen auch in der Bewegung hin zur gesellschaftlichen Veränderung keinesfalls aushebeln. Wir wirken natürlich mit voller Wirkungskraft auch auf kultureller und geistiger Ebene. But mind the gap.

Liebe braucht Selbstzweifel

Nun mag man sagen: Martin Luther King war sogar Pfarrer und seine Rhetorik ist voll von Bibelzitaten, Gottesbezügen und einem ausgewachsenen, dezidiert christlichen Utopismus. In seiner Mountain-Top Rede verspricht Luther King: „And we will reach the promised land!“

Aber Ken Jebsen ist nicht Martin Luther King. Wenn Ken von einem spirituellen Wandel redet, passen Message und Messenger nicht recht zusammen. Ken fehlt in diesen entscheidenden Momenten die nötige Demut und Stille. Zumindest fallen sie mir nicht auf.

Ken fordert in seiner Rede einen „spirituellen Wandel“. Aber was ist das mehr in dieser Rede als der wiederkehrende Appell an die Suggestivkraft der Masse? Das hat etwas vom Motivationstalk eines Baseballtrainers in der Kabine. Selbstvertrauen ist natürlich gut und nötig. Zweifel sind aber auch eine gesunde Sache. Und Werbeagenturmethoden sind auch dann nicht gut, wenn gute Menschen sie für eine gute Sache einsetzen.

Ken fordert damit außerdem kollektiv etwas ein, das nur als Geschenk zu jedem suchenden Menschen kommen kann, zu jedem Einzelnen, ganz alleine und in der Stille: die Liebe! Die Liebe liebt sich aber selbst zu sehr. Sie kommt und geht, wann und wie sie will. Und sie scheut aus gutem Grund die Massen. Es gibt Ausnahmen. Den Summer of Love in San Franzisco, 1967. Oder die durchs tanzende Pulk gehenden Wellen der Liebe bei manchen Festivals. Aber auch das kommt als Geschenk. Das ist nicht planbar. Man kann Geistigkeit nicht herbeiagitieren.

Ken ist nun spirituell gesehen kein Depp. Er ruht bei extrem hoher Drehzahl in erstaunlichem Maße in sich selbst und das ist wahrlich eine reife Leistung. Aber auch wenn Ken gefühlte dreiundsechzig Mal das Wort „Spiritualität“ oder „spirituell“ benutzt, dann wirkt das seltsam luftleer. Noch dazu geht ihm an diesen Stellen das wichtigste ab, das einen geistigen Menschen auszeichnen sollte; eine etwas lapidare Liebenswürdigkeit nämlich, eine zurückgenommene Freundlichkeit, Vorsicht, Achtsamkeit, Zweifel, Zögerlichkeit, ein verschmitztes Lächeln.

Meine Biologismusallergie!

Ich mag, das muss ich sagen, auch gewisse andere rhetorische Stilmittel dieser alles in allem nicht sehr gelungenen Rede nicht gerne. Ich mag keine Vergleiche aus der Biologie oder Zoologie im Bezug auf Menschen. Da reagiere ich allergisch. Ob Rüdiger Lenz in einem Buch über Gewalt unter Menschen Verhaltensweisen von Hunden und Eseln umstandslos als Belege für seine wiederum recht plausiblen Deutungen heranzieht oder, schlimmer, Ken von gesunden Zellen und Tumorzellen spricht und damit Menschen meint: diese biologistischen Diskurse haben speziell in Deutschland einen energetischen Gehalt, der sich nicht aus der Energie der Liebe speist, sondern aus der Energie des Todes. Ich protestiere hiermit entschieden gegen ein solches Crossover der Diskurse.

Ich merke dieses alles übrigens ohne jede Unterstellung niederer Motive an. So wie der Zweck dieses Textes ohnehin nicht darin besteht, Ken irgendwelche Hinterhältigkeiten oder charakterlichen Defizite zu unterstellen. Ich mag Ken. Ich betrachte Ken als Freund. Aber ich gebe ihm gerade deswegen ein deutliches, sehr kritisches Feedback. Und weil seine Rede eine öffentliche Wirkung haben wird, äußere ich diese Kritik ebenfalls öffentlich.

Geistigkeit und Widerspruch

Ich muss weiter feststellen, dass mich der Begriff „Spiritualität“ sowieso zunehmend stört. Und das, obwohl ich selbst in meiner ersten, spontanen Montagsrede von einer „spirituellen Linken“ geträumt – und den Begriff Spiritualität in den vergangenen fünfzehn Jahren unzählige Male und mit ungebrochener Begeisterung benutzt habe. Ad nauseam! Langsam nervt mich der Begriff mit seinem Beigeschmack von Hausfrauenesoterik und meditierenden Zahnärzten. Der Begriff nervt mich aufgrund seiner Unschärfe; in der Beliebigkeit seiner Bedeutungen.

Eine bessere Übersetzung wäre vielleicht: Geistigkeit. Denn darum geht es ja. Natürlich geht es auch um eine andere Körperlichkeit, etwa um eine veränderte Praxis der Ernährung oder des Umgangs mit natürlichen Ressourcen. Aber auch der Vegetarismus bedeutet ein Stückweit eine Ablösung von materiellen Kreisläufen und eine Erhebung auf eine andere Ebene der Geistigkeit.

Am Ende geht aber nichts ohne richtiges, kritisches Denken. Denken mit Gefühl und Fantasie, sicherlich. Jedoch auch: Denken von naturwissenschaftlicher Disziplin und Redlichkeit.

Und da stört mich ein Weiteres an Kens Rede vom 16. Juni am Potsdamer Platz. Geistig zu arbeiten, ist eine sehr komplizierte Sache. Schön, viele vermeintliche Widersprüche heben sich in der Tat auf, wenn man den Sprung in die Quantenwelt geschafft hat. Aber Vorsicht. Manche Widersprüche scheinen sich auch nur aufzuheben und wirken stur weiter. Neue Widersprüche entstehen laufend. Der Weg heraus aus der Polarität ist ein gewundener Pfad in einem pfadlosen Land. Immerhin führt er durch landschaftlich sehr ansprechende Gebiete…

Neuland bleibt dennoch ein schwieriges Terrain. Komplexität abzulehnen oder wegzuwischen, ist da wenig hilfreich.

Methodik, Redlichkeit, theoretische Konzepte

Was wir stattdessen dringend brauchen, ist: echte, sachliche, wissenschaftliche Theoriearbeit.

Mir gefallen Kens Interviews ausnehmend gut. Viele seiner Gesprächspartner gehen in die Tiefen eines Problems und Ken lässt ihnen allen Raum dazu. Viele von ihnen sind Wissenschaftler und durchdrungen von einem redlichen, wissenschaftlichen Ethos und einer bewunderungswürdigen Disziplin des Forschens und Denkens.

Innerhalb der Montagsbewegung dagegen dominiert des Gefühl, das Sentiment. Das hat große Vorteile, etwa den sehr liebevollen Umgang miteinander. Darüber bin ich froh. Das sollten wir uns erhalten. Das dürfen wir genießen. Aber oft genug fliegen auch pure Annahmen, Spekulation und Vermutungen ungebremst herum, als wären es erwiesene Fakten und grandiose Wahrheiten.

Spekulation und Vermutung sind nun nicht etwa dasselbe wie Kreativität und Fantasie. Sich alles mögliche vorstellen zu können, entbindet uns nicht von der Aufgabe, sachlich herauszufinden, was Wahrheit ist und was Dichtung, und zwar in einem komplizierten Prozess des Prüfens und Infragestellens.

Es braucht dazu auch die Methoden der Geisteswissenschaften, der Naturwissenschaften und des Journalismus. Etwa Quellenkritik, Logik oder Gegenrecherche.

Mein Eindruck ist, dass Ken journalistisch sauber arbeitet. Fehler passieren, aber er ist erkennbar sehr um journalistische Qualität bemüht. Auch die meisten Teilnehmer der Mahnwachen sind natürlich nicht so leichtgläubig, wie die Kritiker das gerne malen.

Was uns aber in der Tat eklatant fehlt oder wo mindestens großer Nachholbedarf besteht, das sind der Komplexität der Welt angemessene, theoretische Konzepte. Konzepte von den inneren Widersprüchen und den allgemeinen Bewegungsgesetzen des Systems. Konzepte, die gewonnenes Faktenwissen in eine funktionierende Analyse der Mechanismen des Kapitalismus im 21. Jahrhundert einbetten helfen könnten.

Biopolitik als kapitalistische Maschine oder kooperatives Netzwerk

Ken schmeisst bei seiner Berliner Rede beispielsweise mit erkennbarer Begeisterung mit dem Begriff „Imperium“ um sich. Das ist okay. Und es ist auch sehr stylisch und wiederum sehr okay, von „imperialen Truppen“ zu reden.

Aber ich merke an, dass der Begriff „Imperium“ bei Pedram und mir an das Werk „Empire“ von Antonio Negri und Michael Hardt und einen ausgebauten theoretischen Diskurs anknüpft.

http://www.hup.harvard.edu/catalog.php?isbn=9780674006713

„Empire“, dieses schwierig zu lesende Theoriewerk, versucht eine Fusion des marxistischen Denkens und der französischen Postmoderne. „Empire“ geht davon aus, dass auch Herrschaft heute zunehmend dezentral organisiert ist. Das schließt zentralistische Hierarchien der Macht keineswegs aus. Im Gegenteil. Der Kapitalismus neigt zur Monopolbildung. Das „Empire“ ist aber kein Staat oder keine Institution oder keine Gruppe von Menschen. Dies alles sind Teile des Empires, das als eine alles durchdringende Logik und Praxis der Herrschaft ganz unterschiedliche Texturen von hart bis weich und abgeschlossen bis durchlässig aufweisen kann und sich auf allen erdenklichen Ebenen reproduziert. „Empire“ ist immer dort, wo Kapitalismus gemacht wird; wo Imperialismus sich täglich neu schafft und durchgesetzt wird.

Ja, die global agierenden Finanzinstitutionen sind „Empire“. Ja, das Staatsmonster USA ist „Empire“. Aber auch das Staatsmonster China ist „Empire“, denn China ist trotz gewisser Interessenskonflikte mit dem Staatsmonster USA auch eine soziale Maschine, die wiederum kapitalistische Realität produziert. Mehr noch: die sozialen Maschinen des „Empires“ sind (mit Foucault) Instrumente der Biopolitik. Sie produzieren nicht nur Waren sondern auch Bewusstsein und Verhalten. Wir selbst werden alle nach dem Ebenbild kapitalistischer Waren erschaffen.

Aber wir erschaffen uns auch selbst. Und auch wir produzieren Macht. Es gibt das „Gegenempire“ der Menge. Es gibt eine Praxis des Widerstands. Es gibt selbstorganisierte biopolitische Netzwerke, die beispielsweise Solidarität produzieren, Träume von einer besseren Welt, ein Aufbegehren für gleiche Rechte und Würde, eine Praxis der Globalisierung von unten.

Unser Ziel sollte sein, die eigenen biopolitischen Netzwerke auszubauen – und zu einem „Commonwealth“ zu verweben, das solidarische Beziehungen und Mechanismen horizontaler, demokratischer Kooperation herstellt und zu einer neuen Realität werden lässt. Dabei stellen sich uns nicht nur emotionale und psychologische Fragen, die man spirituell beantworten könnte. Sondern auch rein praktische Schwierigkeiten der Produktion, der Verteilung und des Konsums.

Stilkritik: von Hemden und Händen

Abschließend zweierlei Kritik auf stilistischer Ebene. Erstens sind die Hemdenkragen von Ken Jebsen tendenziell zu kurz, wie mein Schloßarchivar Baron Stockhausen mich bittet auszurichten. Ich komme dem hiermit gerne nach.

Die zweite Stilkritik richtet sich nicht so sehr an Ken speziell, sondern an viele Montagsredner; auch an mich selbst, in mindestens einem Fall. Und zwar: ich mag diese Mitmach-Animier-Geschichten nicht, von wegen „Mal Hände hoch wer XY…“ und „Seid Ihr dabei? Seid Ihr DABEI??“. Ich erinnere mich mit Grausen an manches HipHop-Konzert („Wo sind die Kopfnicker?!“ // „Ich will Eure Hände sehen!!“) und irgendwie passt es auch nicht, wenn wir die WM großmäulig boykottieren und dann die herdenmäßigsten Elemente der Fanmassenkultur bei uns importieren.

Phase 2 und APO… ja, aber was heisst das?

Ich glaube, wir sollten – in Phase 2 – in eine andere Richtung kommen als hin zu einer „spirituellen Bewegung“. Ich bin (momentan) für mehr sachliche Theoriearbeit und für weniger verschwurbelte Fantastik. Ich bin für mehr Partizipation, mehr Transparenz und eine Öffnung der Strukturen im Bewegungsinneren. „Den Kopf in den Sternen und die Beine auf dem Boden“ ist ein gutes Motto, aber momentan brauchen wir dafür sehr viel Down-to-earth und eher weniger Up-in-the-sky.

Wir sollten auch das „Wir“ als „Bewegung“ nicht mit allzu leuchtenden Buchstaben malen. Ja, wir sind ein wirklicher Anfang. Ja, wir sind gut drauf. Aber andere haben auch, nur halt eben anders, und zum Teil schon wesentlich früher, angefangen, zu tun, was wir versuchen. Wir sind nicht die Ersten. Wir sind nicht die Erleuchteten. Wir sollten uns auf unsere Erkenntnisse nicht allzu viel einbilden. Wir sollten eine neue, progressive Praxis entwickeln, und alte und neue Texte lesen.

Wir sollten richtig und vorsichtig denken.

Meine Mantrakette aus Rosenholz bete ich währenddessen auch weiterhin. Ich bete mein Mantra etwa unter einem Baum sitzend, im wunderschönen Wald Südthüringens. Oder vorm Einschlafen. Oder auch bevor ich auf die Bühne gehe. Ich bete mein Mantra gerne für mich, nicht kollektiv oder als Teil einer „spirituellen Bewegung“ – auch wenn mich nicht im Mindesten stört, wenn Hermann der Gärtner seine botanisch-philosophischen Ausführungen mit einem gesungenen Mantra krönt.

Die neue APO denkt und handelt global. Vielfältige Ausdrucksformen sind möglich. Fragen des Alltagslebens, der Lebenspraxis sind von zukunftsweisender Bedeutung. Diese Fragen sollen von uns frei und mit aller Kraft der Fantasie verhandelt werden.

Dennoch braucht „Spiritualität“ nicht zu einem kollektiven Wesensmerkmal der neuen APO werden – oder gar zu einer Mitmach-Voraussetzung. Es reicht auch, wenn jemand einfach nur findet, dass es gerechter und friedlicher zugehen sollte in der Welt – und bereit ist, dafür aktiv zu werden.

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