Ich bin schuld

 in FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik (Inland)

Bekenntnisse einer Sündenböckin. Sie nennen sich ja gern „Gesundheitsexperten“. Fast alle unsere Politiker sind plötzlich welche. Und das macht die Menschen in unserem Land zunehmend krank. Allenfalls kann man Markus Söder & Co. bescheinigen, Infektionsvermeidungsexperten zu sein. Und nicht mal das klappt besonders gut. Mit allen anderen Gesundheitsbelangen geht es bergab. Gerade um die Seelen steht es schlecht. Das schlimmste, was man der Gesundheit der Seele antun kann – neben Angst machen – ist, ihnen Schuldgefühle einzureden. Das macht jeden fertig – und triggert bei sehr vielen Menschen auch ältere Traumata an. Jetzt gibt es ja eine neue Gruppe von Sündenböcken – nein, nicht die Politiker, die das Gesundheitswesen über Jahre durch Privatisierung ruiniert haben. Das sind keine Böcke, sondern Unschuldslämmer. Nein, schuld an allem sind – Sie ahnen es bereits – die Ungeimpften. Ohne die wäre alles gut. Deshalb gilt der Grundsatz: Je schlechter es den Ungeimpften geht, desto besser für das Land. Außerdem tut es gut, endlich mal wieder nach Herzenslust hassen zu dürfen. Die Autorin nimmt in einem Brief an ihren Ministerpräsidenten alle Schuld auf sich. Monika Herz

 

Wer ist eigentlich für mich, meinen Körper und mein Wohlergehen zuständig? Markus Söder vielleicht? Falls irgendjemand in der weiten Welt zufällig nicht wissen sollte, wer Markus Söder ist: Der Ministerpräsident von Bayern ist traditionell so etwas wie früher einmal die Könige waren. In Bayern ganz besonders. Bayern ist in der Welt ja bekannt für seinen wunderbaren König Ludwig II., der „sein“ Volk lieber Schlösser bauen ließ (sinnvolle Arbeit für „seine“ Handwerker und Künstler) als sie in sinnlosen Kriegen abschlachten zu lassen.

Unser guter König! Wir liebten und verehrten ihn! Damals. Wahrscheinlich wurde er ertränkt im Starnberger See – die Kriminalgeschichte wurde ja nie völlig aufgeklärt. Ludwig ist ein Mythos! Der mythische König von Bayern.

Ah! Was für eine wunderbare Geschichte! Vom König und seinen Getreuen. Von seiner Mutter und seinem Bruder Otto – ach herrje. Ludwig II. In meinen Augen, in meiner Welt war Ludwig ja ein inkarnierter Außerirdischer. Der Otto womöglich auch. Aber das glaubt mir sowieso keiner. Und beweisen kann ich es auch nicht.

Markus Söder also ist der Nachfolger dieses mythischen Königs. Ihm ist sein Amt auch historisch zugewachsen. Aber ich fürchte momentan, dass er womöglich ein Nachfolger „der Schwarzen Bande“ ist, die damals unseren guten König entmündigt haben und im See ertränkt. Danach sind sie an die Macht gekommen. Diese Angst keimt plötzlich in mir auf! Das passt gar nicht recht in mein Weltbild. Wo ich doch an das Gute im Menschen glaube. An die innewohnende Güte. Auch beim Markus. Obwohl er mich gerade meiner Freiheit berauben will. Ich werde Verfassungsklage einlegen müssen. In Bayern kann man das. Ich muss bloß noch rausfinden, wie genau man so was macht.

Immerhin habe ich ja noch meine Gedanken-Freiheit. Und diese unverbrüchliche und wunderbare Freiheit gilt für alles, was auch immer ich mir ausdenken mag. Außer, wenn ich jemandem Schaden zufüge mit meinem Denken. Durch Denken allein kann man ja tatsächlich Schaden anrichten. Durch üble Nachrede zum Beispiel. Nur im Kopf gedacht! „Der Depp!“ Schon kriege ich einen negativen Karmapunkt. Naja, einen halben Punkt. In meiner Welt gibt es nämlich auch Karma. Aus der Sicht von meinem „Geizhals“, der in meiner Welt als Kellerkind in meinem inneren Keller wohnt, ist Karma ein Punktesystem. So was wie ein Bankkonto. Mit Haben oder Schulden. Besser, man ist im Haben.

Momentan fühle ich aber so eine komische Verschiebung in Richtung Schuld und Schulden auf meinem Karma-Konto. Ein Schub – oder ist es gar eine Welle? Irgendetwas stimmt da nicht! Woran bin ich denn jetzt schon wieder schuld? Oh Gott! Und der Ministerpräsident verkündet es auch noch im ganzen Land! Dass ich schuld bin! Und t-online verkündet es auch! Oh mein Gott! Diese Schande! Diese Scham!

Bei mir werden da Szenen aus früheren Leben hochgekocht, im Mittelalter mit der „Holzkrause“ am Schandpfahl stehen, angespuckt werden, verhöhnt, gefoltert…. Oh mein Gott… ich will hier raus! (Ganz ruhig – du sitzt hier auf deinem Sessel – du wolltest gerade einen Brief schreiben…)

Lieber Markus,

in Bayern sagt man nicht „Sie“ zueinander, das gibt es im bayrischen Dialekt nicht. Deshalb sag ich jetzt auch hier „Du“ zu Ihnen. Es ist jedenfalls nicht beleidigend gemeint, sondern genau genommen ist es ein Ausdruck meines Respekts. Weil es eine ganz besonders respektierliche Sache ist, wenn ein Franke in Bayern Ministerpräsident werden konnte. Bei der Übermacht der Oberbayern! Das hast Du wirklich gut hingekriegt! Du bist jetzt also mein Landesvater. Deswegen wende ich mich an Dich.

Ich habe lange Zeit ein schwieriges Leben gehabt und bin irgendwie traumatisiert. Ich benötige immer wieder mal Unterstützung, um einigermaßen zurechtzukommen. Heute erhoffe ich mir von Dir Hilfe. Mein privates Therapieziel lautet „Befreiung von Schuld und Schuldgefühlen“, also Reinigung. Danach folgt ein Aufbau-Prozess hin in Richtung „Freie Entfaltung der Persönlichkeit, Ausstrahlen von Menschenwürde“ und so Zeug. Ich war bis vor kurzem schon ganz gut im Aufbauprozess fortgeschritten. Aber jetzt schwappt grad so eine gewaltige Welle aus Schuld und Schuldgefühlen über mich drüber. Hm. Also, das tut mir gar nicht gut. Es ist so eine gemeine und hinterhältige Welle. Mit der ist nicht zu spaßen. Die kann mir womöglich das Kreuz brechen!

Für mich persönlich fühlt sich das echt so an, wie ein Heraufspülen von immer mehr Schuld, vielleicht auch von Schuldgefühlen. Gibt es da eigentlich einen Unterschied? Echte Schuld oder „nur“ Schuldgefühle? Das ist so eine starke Welle, also ich hab ja das Gefühl, das sind nicht nur meine eigenen Traumata, mein eigenes irrationales Schuldgefühl, das ist womöglich das kollektive Trauma des „christlich“ verseuchten Abendlandes.

Halt! Vorsicht! Wo bin ich? Ganz ruhig! Atmen. Du bist hier. Sitzt in einem warmen Zimmer auf einem Stuhl. Du schreibst gerade einen Brief. Alles ist gut… (kurzes Aufflackern von Traumata aus christlichen Inquisitions-Zeiten und dessen Bewältigung. Entschuldigung!)

Das Abendland ist mehrheitlich „christlich“ geprägt. So heißt es. Es gibt eine etwa 2000-jährige Leitfigur. Christus. Ein Guru würde man im Morgenland dazu sagen. Der hat damals freiwillig angeblich alle Schuld auf sich geladen. Für alle Zeiten. Es hat aber nichts geholfen. Ich bin immer noch schuld. Dieser Christus hat natürlich wiederum nichts mit jenem Künstler Christo und seiner Gefährtin zu tun, die kürzlich noch den Arc de Triomphe verhüllten, obwohl sie beide schon lange gestorben waren. Sachen gibt’s!

Markus, jetzt bin ich sauber vom Thema abgekommen. Ich schreib Dir ja, weil ich Deine Hilfe brauche. Wegen meiner Schuld. Weil ich nicht geimpft bin.

Ich habe es Dir ja schon mal gesagt: Ich mag halt nicht. Ich bin ein freier Mensch und für meinen Körper bin ich selber zuständig. Nicht Du! So habe ich mich entschieden. Ich schade niemandem. Höchstens mir selbst. Und Du musst mich auch nicht vor mir selber schützen. Auch nicht für viel Geld.

Für diese meine freie Entscheidung muss ich natürlich die Konsequenzen tragen. Deswegen bin ich jetzt schuld. Das verstehe ich zwar nicht ganz. Aber in meiner Therapie habe ich gelernt: Am besten ist, du akzeptiert es zuerst einmal, so wie es ist.

Ich bin also schuld! Nicht Du!

Konkret: Ich bin schuld am Versagen des Gesundheits-Systems. Nicht Du!

Ja. Natürlich bin ich schuld. Wer denn sonst?

So. Jetzt weißt Du es. Und falls irgendjemand in der weiten Welt diesen Text hier liest, der weiß es dann auch. Dass ich daran schuld bin, dass das Pflegepersonal davongelaufen ist, weil die Arbeitsbedingungen so schlecht sind. Mein Bruder, der ist Krankenpfleger, der hat das schon vor Jahren gesagt, lange vor Corona. Ich hätte Dir damals schon schreiben sollen, dass Du Dich unbedingt darum kümmern musst. Weil ich Dir damals nicht sofort geschrieben habe, bin ich jetzt vielleicht schuld. Hätte ich Dir doch damals schon geschrieben! Tut mir echt leid!

Zur Strafe, weil ich über meinen Körper frei entschieden habe, darf ich jetzt nicht mehr in die Sauna, nicht ins Restaurant, nicht ins Theater, zum Singen sowieso nicht, nicht ins Qi Gong. Alles, was mich gesund erhält, wird mir verboten. Arbeiten dürfte ich nur noch mit sündteuren Tests. Zum Glück kriege ich Rente. Womöglich wird sie aber bald gestrichen. Wegen meiner Schuld. Angeblich darf ich ab heute auch nicht mehr in Öffentlichen Verkehrsmitteln mitfahren. Das hat mir gestern ein völlig verängstigter Mensch erzählt. Zum Glück habe ich ein Auto. Noch.

Und warum? Weil ich mich nicht impfen lassen mag! Geschieht mir ganz recht! Denn ich bin schuld, dass Kinder nicht in den Tanzkurs dürfen und dass sie Masken im Unterricht tragen müssen und dass sie nicht singen dürfen. Wegen mir. Weil ich mich lieber auf mein gut funktionierendes eigenes Immunsystem verlasse. Das darf ich nämlich nicht. Damit schade ich nämlich denen, die nicht so ein gutes Immunsystem haben. Völlig logisch. Deshalb bin ich schuld.

Das mit dem Sündenbock ist eine sehr alte jüdische Tradition. Man hat dem Bock schwere und stinkende Lasten aufgeladen. Symbolisch für die eigenen Irrtümer. Und dann hat man den armen Bock unter Gejohle und Schlägen mutterseelenallein in die Wüste getrieben. Danach hat man wieder für ein Jahr so weiter gemacht wie bisher. Man opferte halt jedes Jahr einen Bock. Das war kurzfristig billiger. Langfristig ruiniert es aber den ganzen Planeten.

Deshalb mache ich jetzt nur noch einmal den Bock. Das ist jetzt echt das letzte Mal. Ich hab keinen Bock mehr.

Hast Du verstanden, was ich sagen will?

Wenn ich mich schon als Schuldige vor Dich hinstelle, dann habe ich doch auch noch eine Bitte. Wenn ich schon wegen meines guten Immunsystems das ganze Gesundheitssystem auf Alarmstufe Rot gebracht habe, mit meinem unerhörten selbstbestimmten Verhalten, dann lass mich mein Vergehen wenigstens wieder gut machen. Ich installiere Dir zusammen mit einem Bürgerrat ein besseres Gesundheits-System. Das garantiere ich Dir!

Schuld am Versagen bin aber auf jeden Fall ich. Das muss ich echt nochmal betonen. Nicht dass Du es vergisst. Ich bin schuld. Nicht Du. Und der Herr Holetschek ist natürlich auch nicht schuld.

Und noch mal! Ich mache das nur noch ein einziges Mal! Ein letztes Mal! Weil mir das nicht gut tut! Und weil es auch nichts bringt!

Das möchte ich Dir unbedingt mitteilen.

Freundliche Grüße nach München und einen schönen Tag noch

wünscht Dir

Monika Herz

Showing 4 comments
  • Chris
    Antworten
    Hallo Monika,

    deiner Aufrichtigkeit sei Dank, finde ich meine Lebensgeschichte und Umstände wieder. Ich verteile auch Vorwürfe, in alle Richtungen, Hauptsache, den Menschen wird bewusst, wie unbewusst sie handeln.

    Diese verfluchten Schuldgefühle! Provoziert, nein willentlich Herangezüchtet durch Entwurzelung, Bevormundung, Demütigung und Ohnmachtserfahrungen gegenüber der rigiden, perfiden und entwürdigenden gesellschaftlichen Verpflichtung, seinen eigenen Willen ein Leben lang der Pflege alt gedienter „Sachzwänge“ und dem „Status-Quo“ aufzuopfern.

    Zum Glück. belassen uns die eigennützigen, Ratschläge verteilenden, Persönlichkeitsdefizite attestierenden Schuhregalnachfüller namens „Psychologen“ im Sumpf der Ohnmacht indem sie die „jeder seines Glückes Schmied“-Mentalität suggerieren und die gesammelten Erkenntnisse den PR-Agenturen zuführen. Nachschub ist immer gut!

    Nein, wir sind nicht Schuld! Wir waren nur blind, seid Jahrhunderten, für die Tatsache, dass Leben auch Last bedeutet, die, verdrängt, zur Seelischen Last wird. Die Last der Selbstbestimmung, des Selbstbewusstseins, der Selbstvertrauens, der eigenverantwortlichen Achtung allen Lebendigen und der Fähigkeit, innere Motive und Instinkte konstruktiv einzusetzen, ohne deren Folgen auszublenden. Wenn jede subjektive Motivation der verlockenden Verknüpfung abstrakter Wertvorstellungen mit Zahlen unterworfen wird, werden langfristig alle tiefgründig empfundenen Wertvorstellungen subsumiert, abtrainiert und an ominöse, fremde „Fachidioten“ oder auch „Algorithmen“ delegiert.

    Wir wurden „Erzogen“. Unsere Eltern und deren Eltern wurden erzogen, eine Welt zu akzeptieren, deren Gestaltung den rein kognitiven und damit egozentrischen Maßstäben zu genügen hat. Da der Verstand keine Dissonanzen mag, auf ein „gut Befinden“ seiner Entscheidungen angewiesen ist, tendieren wir zum Verdrängen jeder Verantwortung und jeder Schuld, zerstören die eigenen Lebensgrundlagen und Opfern alles, um der Wirklichkeit aus dem Weg zu gehen, dass die Natur ihre eigene Geschwindigkeit, Gesetze und auch Grenzen hat, die man besser wahrnehmen, als berechnen kann.

    Kurz ausgedrückt: wir, die bewusst Wahrnehmen und Fühlen können uns jetzt schon von aller heraufbeschworen Verantwortung befreien und uns ganz auf unser persönliches Karma konzentrieren 🙂 Alle anderen brauchen einfach noch mehr Entbehrungen, Zeit, Zwang und Schmerzen.

    Auf eine aufregende und lebendige Zukunft!

  • Chris
    Antworten
    Die wohlhabendste Kaste dieser Erde versucht aus Panik vor Statusverlust 7 Milliarden Menschen dieses Planeten mental zu Unterdrücken und Versklaven.

    Na viel Spaß mit den entstandenen kognitiven Dissonanzen 😀

    Die hätten auch einfach die Wahrheit sagen können aber NEIN…lieber am EGO festkrallen.

    Nur EINMAL mit Profis…Menschenskinder!

    xD xD xD

    • Eva
      Antworten
      Naja, die Wahrheit sagen, das ging nicht, da hätten wir, die Kinderchen doch nicht mitgespielt, das wussten Papa Schwab und Mutti Ursula schon, ausserdem hätten Christian, Jensi, Georg, Ugur und wie sie alle heißen, sich dann ja vorher nicht noch ne goldene Nase verdienen können …
      • Chris
        Antworten
        Kinder wollen Goldene Nasen. Einen Moment lang, vielleicht. Doch dann entdecken sie die Wunder der Natur.

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