Ist Gott notwendig?

 in FEATURED, Peter Fahr, Philosophie, Spiritualität

Die Frage nach dem Numinosen treibt den Menschen seit jeher um. Schamanen und Priester, Theologen und Philosophen haben sich mit ihr beschäftigt. Das Göttliche hat keinen Namen: Was wir Gott nennen, ist unsere Sehnsucht nach Gott. Das Absolute konfrontiert uns mit dem Unvollkommenen und Endlichen, das heißt mit uns selbst. Vorweihnächtliche Gedanken des Poeten und Essayisten Peter Fahr.

Der griechische Philosoph, Arzt, Priester und Wundertäter Empedokles (483/82 – 424/23 v. Chr.) sah in den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde den Urgrund aller Dinge. Er lehrte, dass es Entstehen und Vergehen im eigentlichen Sinn nicht gibt, sondern nur Mischung und Entmischung, Verbindung und Trennung dieser Elemente. Nach einer Legende soll er vom Absoluten derart verzaubert gewesen sein, dass er sich in den Krater des Ätna gestürzt habe.

Bis ins 7. Jh. n. Chr. gab es namentlich in Syrien und Palästina die Säulenheiligen. Sie begaben sich in die Wüste und stiegen auf eine Säule. Das Kapitell trug eine Plattform, auf der sie viele Jahre fastend und betend zubrachten. Auch Symeon Stylites der Jüngere (521 – 592) erlebte in dieser Art von Selbstkasteiung den höchsten Grad geistiger Verbundenheit mit Gott und die beste Selbsterniedrigung vor dem Schöpfer. Er war die letzten 45 Jahre seines Lebens auf der Säule.

Leo Tolstoi (1828 – 1910), russischer Romancier und Moralist, scheint in jungen Jahren der Sklave seiner Leidenschaften gewesen zu sein. Erst als „Weiser von Nasnaja Poljana“ fand er Ruhe und inneren Frieden – durch den Glauben an Gott, wie er selbst behauptete. Verhielt es sich nicht eher so, dass Tolstois Sinnlichkeit mit zunehmendem Alter an Intensität abnahm, und sein Wesen deshalb ausgeglichener werden konnte? Entspringen Triebbefriedigung, reuige Beichte und geistiger Frieden nicht körperlich bedingten Seelenzuständen einer jeden menschlichen Entwicklung. Tolstoi steht im Verdacht, seine Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben.

Die Frage nach Gott beantwortete die deutsche Schriftstellerin Luise Rinser (1911 – 2002) mit einer Geschichte: „Es war einmal ein kleiner Mann, der wissen wollte, was es mit Gott auf sich habe. Er bereiste viele Länder, befragte viele Menschen, alte und junge, doch keine Antwort war erschöpfend, niemand konnte ihm Gott erklären. Nach Jahren, am Ende seiner Kräfte, ruhte er sich in einem fremden Garten aus. Verzweifelt wie er war, fragte er den Apfelbaum, an dessen Stamm er lehnte, nach Gott. Da fing der Baum zu blühen an.“

Mut zum Glauben

Der Mensch wird in eine absurde Welt hineingeboren, die er nicht begreifen kann. Obwohl er sich vor dem Geheimnis des Daseins fürchtet, sucht er verzweifelt nach Antworten auf seine vielen Fragen und sehnt sich nach einem alles umfassenden Sinn. Gott ist die Erklärung für das Unerklärliche, er stellt das Mögliche für das Unmögliche dar, er macht den Sinn unserer unsinnigen Existenz aus.

Gott hat keinen Namen. Was wir Gott nennen, ist unser Traum von Heimat.

Das Wissen setzt den Verstand voraus, der Glaube das Vertrauen. Ohne Angst kein Wissen, ohne Mut keinen Glauben.

Ich glaube, was ich denke. Ist Denken überhaupt möglich ohne den Glauben? Mit anderen Worten: Können wir nur denken, woran wir glauben? Ist der Glaube die Voraussetzung des Gedankens? Einstein jedenfalls glaubte an seine Relativitätstheorie, bevor er sie theoretisch begründete. Vermutlich ist der Glaube die größere und bestimmendere geistige Kraft als das Denken. Wer glaubt, verändert die Welt – mit oder ohne Verstand und leider auch mit oder ohne Vernunft.

Geschichten vom Göttlichen

Die zeitgenössischen Esoteriker und Mystiker sind Literaten. Wie vor ihnen die Verfasser der Bibeltexte, wie der Anthroposoph Rudolf Steiner, wie die Philosophen, Schriftsteller und Dichter – wie alle geistig schöpferischen Menschen erzählen sie Geschichten. Wer diesen Geschichten traut, wer sich auf sie einlässt und sich mit ihnen auseinandersetzt, ist ebenso schöpferisch wie ihre Autoren. Wer sie aber dazu missbraucht, sich ein alles erklärendes Gedankengebäude aufzubauen, wird früher oder später erkennen müssen, dass er durch die endlosen Gänge eines Luftschlosses irrt.

Der Mensch ist die Summe seiner Geschichten. Die Geschichte der Menschheit umfasst die Summe all dieser Geschichten. Esoterik und Mystik sind fallende Körner in der Sanduhr der Zeit.

Es gibt nur eine einzige Gewissheit – die individuelle.

Wirklichkeit ist nur persönlich erfahrbar. Es gibt keine allgemeine Wirklichkeit. Wirklichkeit an sich ist ungewiss, deshalb lässt sich über Existenz an sich ebenfalls nichts mit Gewissheit aussagen. Existenz an sich entzieht sich jeder Deutung. Es gibt keinen allgemeingültigen Sinn des Lebens, auch er bleibt individuell. Abstrakte Begriffe wie Glaube und Gott beschränken sich auf das persönliche Erlebnis, die persönliche Erkenntnis.

Sein und Interpretation stehen in direktem Zusammenhang miteinander: Gewiss ist ausschließlich mein Gott. Und was ist mein Gott? Er ist, was er für mich bedeutet.

Jede Ideologie ist gesellschaftliche Manipulation und Selbstbetrug des Einzelnen.

Wissen, dass es darum geht, keine Ahnung zu haben.

Gibt es Gott?

Philosophie ist forschendes Fragen und Streben nach Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge in der Welt. Das eigentliche Bestreben der Philosophie ist die Wahrheitssuche. Die letzte Wahrheit ist Gott.

Agnostizismus ist die Lehre von der Unerkennbarkeit eines absoluten Gottes oder Seins. Auf eine von außen herangetragene Vermutung antwortet der Agnostiker: Vielleicht ja, vielleicht nein – diese Vermutung ist ebenso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich.

Frage: Gibt es Gott? Antwort des Agnostikers: Ich kann nicht wissen, dass es Gott gibt, und ich kann nicht wissen, dass es ihn nicht gibt.

Ist es sinnvoll, wenn der Agnostiker selbst Vermutungen anstellt? Ja und nein. Ja: Das Spiel mit Möglichkeiten. Nein: Das Spiel bringt ihn der Erkenntnis nicht näher.

Frage: Ist Agnostizismus wahr? Antwort des Agnostikers: Das ist ebenso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich. Frage: Könnte es sein, dass Sie sich einmal vom Agnostizismus abkehren werden? Antwort des Agnostikers: Das ist ebenso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich; im Augenblick bin ich Agnostiker.

Der Agnostizismus, obwohl Teil der Philosophie, schafft kein Fundament, auf dem sich ein philosophisches System aufbauen ließe. Das Streben des Agnostikers kann sich nicht in Wertvorstellungen – Moral, Ethik, philosophische Maximen, politische Ismen … – begründen.

Die letzte Wahrheit

Leben heißt: Sich entscheiden, ja oder nein sagen und danach handeln. Das Lebensprinzip an sich ist dem Agnostiker fremd.

Der Mensch kann zeitlebens bloß während Augenblicken Agnostiker sein, da er den ideologischen Halt der Wertvorstellungen benötigt, um sein unerklärliches Dasein zu ertragen.

Die geistige Umnachtung Friedrich Nietzsches könnte die Endphase der konsequenten Entwicklung zum Agnostiker darstellen: Der Philosoph war bloß während Augenblicken Agnostiker. Erst der geistig Umnachtete, der keine Entscheidungen mehr traf, und körperlich Untätige, der keine Handlungen mehr vollzog, war immer Agnostiker.

Der Gläubige bejaht ein göttliches Wesen, der Atheist verneint es. Beiden fehlt die universelle Großzügigkeit.

In der Pufferzone zwischen diesen Streithähnen fristet der Agnostiker sein haltloses Dasein. Bei der Suche nach der letzten Wahrheit, Gott genannt, muss der Agnostiker passen. Die Existenz Gottes bleibt für ihn ebenso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich. Seine Haltung ist radikal, aber nicht revolutionär – immerhin stellt sie das logistische System unseres technokratischen Weltbildes in Frage. Während der Gläubige und der Atheist sich auf das mathematische „Entweder ja oder nein“ versteifen, begnügt sich der Agnostiker mit dem mutigeren „Vielleicht ja, vielleicht nein“.

Obwohl die Lösung des letzteren durch ihre Aufrichtigkeit besticht, führt sie nicht weit. Die taoistische Anschauung, die den Ganzheitsanspruch von Yin und Yang, die Einheit der Gegensätze feiert, eröffnet eine faszinierende Auffassung von Gott. Tag und Nacht bedingen einander, das eine nicht ohne das andere. Gut und Böse schließen den Kreis. Leben und Tod, Sein und Nicht-Sein, Ja und Nein gehören zusammen und bilden Eines – die letzte Wahrheit: Es gibt Gott und es gibt ihn nicht.

Habe ich mich selbst erfüllt?

Was, wenn der Weg zu sich selbst der Weg zu Gott wäre?

Die Sehnsucht nach Gott ist die Sehnsucht nach dem Menschen. Gott ist das Geschöpf des Menschen – der Mensch ist sein Schöpfer. Wer Gott anruft, hinterfragt sich selbst. Wer Gott verneint, hinterfragt sein Einverständnis mit der Welt. Wer Gott ignoriert, weicht aus. Die Sehnsucht nach dem Menschen ist die Sehnsucht nach dem anderen Menschen. Wer sich dem anderen Menschen stellt, begegnet Gott. Und damit sich selbst.

Nicht nach den Sternen greifen, sondern bereit sein für Sternschnuppen. Gott weder erfinden noch erschaffen, sondern empfänglich sein für seine Offenbarung. Gott nicht suchen, sondern erwarten.

Die Frage, die letztlich über jeder Wahl, jeder Tat, der Existenz schlechthin steht, hat weder religiösen noch ethisch-moralischen, sondern wertfreien Charakter. Sie lautet: Habe ich mich selbst erfüllt?

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  • pol. Hans Emik-Wurst
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    Gott, wie er sich im Alten wie auch im Neuen Testament darstellt, kommuniziert. Genau das vermisste ich in meinem aktiv christlichen Leben von 1969 bis 2000. Mit einem schweigenden Sohn und mit schweigenden Engeln weiß ich nichts anzufangen. Sich auf jegliches Bodenpersonal einzulassen, ist ermüdend. Das hat mich ausgebrannt. In 2007 erlosch mein Interesse an christlichen und allen anderen Gottesbildern.

    Es ist wie mit Leben und Tod: Als Geistesmensch strebe ich nach einem Optimum, das mich lebend niemanden fürchten lässt, am allerwenigsten das Ende meines Körpers. Wie es dann ist oder auch nicht, lasse ich leichten Herzens auf mich zukommen. Ich bin bereits seit 2013 in einer Situation der Erfüllung, der nichts mehr hinzuzufügen ist. Es geht auch nach 67 Lebensjahren einfach nur weiter.

    Die gemeinsamen teuflischen Wurzeln von Juden, Christen und Mohammedanern sind mehr als offensichtlich. Sie haben nichts besseres zu tun, als die Kultur der germanischen Völker zu zerstören – bis zur Stunde!

    Im Film „Matrix“ brachte es Morpheus folgendermaßen auf den Punkt: „Die Matrix ist ein System, Neo. Dieses System ist unser Feind. Was aber siehst du, wenn du dich innerhalb des Systems bewegst? Geschäftsleute, Lehrer, Anwälte, Tischler – die mentalen Projektionen der Menschen, die wir zu retten versuchen. Bis es dazu kommt, sind diese Menschen immer noch Teil des Systems – und das macht sie zu unseren Feinden. Du musst wissen, dass die meisten von ihnen noch nicht so weit sind, abgekoppelt zu werden. Viele dieser Menschen sind so angepasst und vom System abhängig, dass sie alles dafür tun, um es zu schützen.“

    Wo man auch hinschaut, sieht man menschliche Sklaven, die das System verteidigen, von dem sie versklavt werden. Wie heißt es so schön? „Sie pinkeln auf uns und wir sagen, es regnet.“

    Das Stockholm-Syndrom ist der Stallgefährte der kognitiven Dissonanz, die der Psychiater und Philosoph Frantz Fanon wie folgt beschreibt: „Manchmal haben Menschen einen sehr starken Kernglauben. Werden sie mit Belegen konfrontiert, die diesem Glauben widersprechen, können sie diese neuen Belege nicht akzeptieren. Das würde ein äußerst unangenehmes Gefühl mit sich bringen, – die kognitive Dissonanz. Und da es so wichtig ist, den Kernglauben zu schützen, werden sie alles, was sich nicht mit diesem Kernglauben vereinbaren lässt, wegerklären, ignorieren oder sogar abstreiten.“

    „Ich habe fertig!“

  • mome
    Antworten
    Danke, Herr Fahr! Ihr Essay „Ist Gott notwendig“ ist etwas vom Besten, das ich je zum Thema gelesen habe. Ich bin entschiedene Agnostikerin, fühle mich aber bei weitem nicht so „halt- und wertelos“, wie man Ihren Artikel missverstehen könnte! Ich fühle mich wahrhaftig und getragen in der Haltung des Nichtwissens/Nichtbehauptens. In diesem unendlichen Raum, wo Frieden sein darf. In diesem Nichtwissen, das alles zulässt, mich in unendliche Weiten fallen lässt, wo immer wieder Unmögliches möglich wird. Eine Weite, die mein Inneres weit über mich selbst hinaus ausfüllt, mich aus- und aufrichtet hin zu etwas Grösserem, Unbenennbaren, Wahrhaftigen. Indem ich das Nichts zulassen, flüstert das Alles in mir. Aus diesem Flüstern entsteht meine eigene Lebensmelodie, die in den Gesang der Unendlichkeit einmündet. Nur so können meine Schritte in der Düsternis dieser Welt licht und leicht werden. Damit wünsche ich jedem einzelnen Wesen dieser Welt seinen eigenen Gesang, sein eigenes Lied, das seine Schritte in jedem Leid licht und leicht macht.
  • Piranha
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    Gott hat keinen Namen. Was wir Gott nennen, ist unser Traum von Heimat.

    Wenn ich in mir selbst keine Heimat finde, finde ich sie auch nicht im Außen.

    Wenn ich mit mir selbst nicht befreundet sein kann, wie schwer ist es dann, einen Freund zu haben.

    Wenn ich mich selbst nicht lieben kann, wird die Nächstenliebe nicht erfüllend sein.

    Einschließlich mir selbst kenne ich niemanden, der derart abgeklärt wäre. Die Fragen danach erlaube ich mir – oft in eher stillen Stunden. Nicht selten werde ich mit der Nase darauf gestoßen. Wie, das behalte ich für mich.

    Gerade zur Weihnachtszeit ist es in meiner Kernfamilie z. B. Brauch gewesen, die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens als Film zu schauen; heute mögen wir den von 1984.

    Die Botschaft von Dickens ist natürlich eine christliche. Es spielt nur überhaupt keine Rolle, denn die universelle Botschaft ist Heimat, Freunde und Freundlichkeit, Liebe und Nächstenliebe.

    Ich war verschiedentlich in der Kathedrale von Chartres, bin morgens um sechs das berühmte Labyrinth gegangen, das in perfekter Weise und seit Jahrhunderten den Lebensweg des Menschen abbildet – von außen nach innen und wieder von innen nach außen … viermal . Und dann setzten wir uns in einer fast vollkommenen Stille unter die Kuppel – auch die ewig plappernden Gedanken wurden stiller, ruhiger – und stets hatte ich ein leises Gefühl eines Hauchs von Mystik und Heiligkeit, die durch den Raum schwebten …

     

    Die Kirchen sind überall verschlossen oder mit erstickenden Regeln behaftet, da würde mein Widerspruchsgeist nicht aufhören zu plappern. Wo bleibt die Opposition der Gottesmänner???

     

  • Gut und Böse
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    Nur ein durch den Menschen physisch und psychisch wahrnehmbarer Gott kann ein guter sein, so er schwerer für das Böse durch den Menschen zu missbrauchen ist.

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