Alexanders CD-Tipp der Woche: Karla Lara – Cuando las Palabras

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Die aktuelle Europatournee der auf ihre ganz eigene Art charismatischen honduranischen Liedermacherin und Frauenrechtsaktivistin Karla Lara durch vor allem alternative Begegnungsstätten brachte auch einen Auftritt im Konstantin Wecker Bandkonzert bei Tollwood in München, mit dem die Künstlerin einem größeren Publikum vorgestellt werden konnte. Die CD „Cuando las Palabras“, die noch kein Label für den Vertrieb im deutschen Sprachraum hat, wird noch bei den Auftritten der Künstlerin in Tübingen (21.7.2018) und Koblenz (22.7.2018) angeboten. (Alexander Kinsky)

Karla Laras Charisma liegt in ihrem völlig natürlichen Auftreten begründet, sowohl gesanglich als auch von den Bewegungen auf der Bühne her. Es ist eine Ausstrahlung ganz aus der Kunst ihrer Lieder, eindringlicher Balladen, heraus, die sich nicht erhöhen muss um auf sich aufmerksam zu machen, die kein Forcieren, kein spezielles Aufzeigen benötigt, um unter die Haut zu gehen. Wenn sie singt, vermag sie Seelen zu öffnen. Die Eindringlichkeit ihrer wichtigen Aussagen transportiert sich umso intensiver mit diesem völlig natürlich und herzlich ausstrahlenden Auftreten.

Man konnte es in der Tollwood Musikarena an diesem 18.7.2018 erleben. Mitten in den wie immer gelöstere Energien der herzlichen Mitmenschlichkeit freisetzenden Zugaben des Konstantin Wecker Konzerts, nachdem schon der aus Marokko stammende Sänger Mohcine Ramdan im kämpferisch-idealistischen Lied „Ich habe einen Traum“ einen eindringlichen eigenen Beitrag zusammen mit einem syrischen Geigerfreund einzuflechten vermochte, sagte Konstantin einen weiteren Gast, eben Karla Lara, an. Dann begann ihr Pianist José Antonio Velásquez am Bösendorfer Flügel mit der Liedeinleitung des eigenen Beitrags der Künstlerin, balladesk jazzig, und nun fing sie zu singen an. Es war als ginge eine Sonne auf, so öffnete sich da eine musikalische Welt. Die Stimme drang in die Herzen, ohne sich ihnen aufzudrängen, sie war einfach da und gab Liebe und Beseeltheit weiter.

Das selbst geschriebene Lied das Karla Lara vorstellte, die Ballade „Que corra el Rio“ (Der Fluss solle fließen), ist einer Freundin gewidmet, der Umwelt-und Menschenrechtsaktivistin Berta Cáceres, die Anfang 2016 in Honduras von Auftragskillern ermordet wurde.

„Gracias al la Vida“ danach zusammen mit Konstantin Wecker – keine Worte gibt es dafür.

Karla Lara wurde 1968 im zentralamerikanischen Staat Honduras geboren, der an Nicaragua, El Salvador und Guatemala grenzt. Es gab schon einige Zeiträume, in denen in Honduras Diktatoren und Militärregierungen an der Macht waren. Ein Putsch im Juni 2009 brachte den Sturz des damals amtierenden Präsidenten Manuel Zelaya Rosales. Seither bestimmen Gewalt, Unterdrückung und Korruption den Alltag Honduras.

Die Sängerin, Feministin und politische Aktivistin Karla Lara wird in Honduras „Stimme des Widerstandes“ genannt. Mit ihren Liedern möchte Karla Lara die Gewalt und Unterdrückung im Land verdeutlichen, aber daraus vor allem weiter Mut und Hoffnung vermitteln und Lebensfreude weitergeben. Musik als Ausdrucksmöglichkeit des Widerstands – wie derzeit in jedem Konzert bei Konstantin Wecker, der ja sagt: „Poesie ist Widerstand!“

2004 kündigte Karla Lara als Buchhalterin, seither macht sie ausschließlich Musik. Sie hat bereits mehrere CDs aufgenommen, unter anderem eine mit historischen honduranischen Widerstandsliedern.

Am Tag nach dem Auftritt bei Tollwood, mitten in München.

Der Stattpark Olga erscheint für den Außenstehenden zunächst wie eine Mischung aus Campingplatz, Zirkusstadt, Trödlerflohmarkt und alternativer Wohngemeinschaft, von ganz eigener bescheidener Lebensqualität durchdrungen, nicht heruntergekommen oder wie ein Obdachlosennotbehelf wirkend, sondern genial zurückgenommen zweckdienlich. Wenn an diesem Ort eine Veranstaltung von 20 Uhr bis 22 Uhr angesetzt ist, so heißt das nicht, dass um 20 Uhr alle auf Sitzplätzen auf den Konzertbeginn warten, sondern da wird zunächst einmal gemütlich Suppe gegessen und angestoßen und geplaudert. Dann werden für die die gerne sitzen möchten ein paar Langbänke bereitgestellt, der Rest der sich dann doch findenden etwa 80 Menschen steht im Holzgebäude mit der Bühne drin rundum.

Karla Lara kommt also bescheiden zu den einfachen Menschen, die am Boden geblieben sind, im eigentlichen Leben, nicht in einer virtuellen Traumwelt mit ihren Ablenkungen.

Die aktuelle Konzertreise Karla Laras zusammen mit ihrem Pianisten José Antonio Velásquez hat das idealistische Team von eha-media organisiert, das auch einen Blog dazu anbietet.

Karlas Tour Blog:

http://www.eha-media.de/index.php/karla-lara-tournee/karla-tour-blog

Die Themen der Lieder Karla Laras, die man hier geblockt mehr als eine Stunde lang hören kann,  regen zum Innehalten, zum Mitdenken und zur unbedingten Solidarität an. Vom Gleichen sprechen und nicht das Gleiche meinen bedeutet, so Klara Lara, dass sich Abgründe auftun können. In einem anderen Lied geht es darum, dass man nach einer Trennung alleine bleibt und damit zurechtkommen muss. Und mehrfach ist das Patriarchat das Thema. Ein Postulat Karla Laras: Antipatriarchat ist Antikapitalismus! Karla Lara verweist darauf, dass Hausfrauen ja unbezahlt da zu sein haben, von den Männern ausgenutzt und mit ihrer Lebensleistung ausgebeutet werden. Mit wieder einem anderen Lied setzt sich Karla Lara gegen ein auf Gemeindeland geplantes Wasserkraftwerk ein. Zentral ist aber speziell Klaras Einsatz für die indigenen, unterdrückten Frauen und für ein rebellisches Honduras.

Karla Lara strahlt auch bei diesem Konzert eine vollkommen harmonische Natürlichkeit aus, im Gesang wie in den Tanzbewegungen dort wo sie diese einsetzt. Sie vermag für die welche dafür offen sind die Seelen zu öffnen, wieder unbeschwert, unforciert, nicht steuernd, sondern einzig singend, sich bewegend, seiend.

José Antonio Velásquez, pianistisch wie sich sofort zeigt schon einmal rein technisch fulminant, ergänzt mit vielfach jazzig-swingendem Groove, er gibt den berührenden Liedern ein klavieristisch festes Fundament und lässt Karla dabei doch jede Freiheit, nichts unfrei, im Korsett routiniert abgerufenen Konzertierens erscheinen zu lassen.

So wird diese etwas mehr als eine Stunde mit den von Karla Lara und José Antonio Velásquez vorgestellten Liedern zu einem Höhenflug ohne betonte Höhe, zu einem musikalisch leicht schwebend und voller Lebensmut vorgebrachten Einblick in den honduranischen Widerstand und zu einem Einfach-Dasein mit einfach nur wirklich guten Liedern.

Die 2017 produzierte CD „Cuando las Palabras“ enthält fast ausschließlich von Karla Lara komponierte und geschriebene Lieder. Zwei davon sind Fremdvertonungen. Große spanisch gesungene Chanson-Balladen sind das, feinfühlig arrangiert, vielfach von einem Jazztrio rund um José Antonio Velásquez getragen, teilweise südamerikanisch angehaucht, auch mit Gitarren-, Klavier- und Violinsoli zwischendurch.

Die Vorlagen der beiden Fremdvertonungen kommen von der honduranischen Dichterin Clementina Suárez (1902-1991, „Combat“, Kampf) sowie von der 1952 geborenen argentinischen Sprach- und Literaturwissenschaftlerin, Pädagogin und Schriftstellerin Vilma Novick Freyre („La Abeja Fortunata“, Die Biene Fortunata). Ein Lied nach dem anderen, alle zehn Lieder sind große spanische Liedballaden. Neben den drei bereits genannten (auch „Que corra el Amor“ ist hier enthalten): das Titellied „Cuando las Plabras“ (Wenn die Worte), „Recordarles“ (Erinnere sie daran), „Tres Laras“ (Drei Laras), „A Consuelo“ (Zum Trost), „Y llegó el Amor“ (Und Liebe ist angekommen), „Tiene tu Nombre“ (Habe deinen Namen) und „Vida es decidir“ (Das Leben ist zu entscheiden).

Kommt „Que corra el Amor“ bei den Konzertauftritten als große Klavierballade, so wird sie auf der CD von Percussion getragen. „Y llegó el Amor“, das heiterste Lied der CD, mutet an wie ein Calypso. Nur vom Klavier wird schließlich das große letzte Lied „Vida es decidir“ begleitet.

Es ist zu hoffen, dass Karla Lara bald wieder nach Europa kommt und es demnächst eine Möglichkeit gibt, die CD im deutschsprachigen Europa (jenseits der Konzertauftritte) zu erwerben. Bei youtube finden sich einige Clips mit Karla Lara, und WDR 5 Scala brachte am 11.7.2018 ein wirklich hörenswertes Radioporträt, das man im Netz nachhören kann.

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-scala-hintergrund/audio-karla-lara-saengerin-im-widerstand-100.html

Hier kann man Karla Lara dieser Tage noch live erleben:

Sudhaus Tübingen
21. Jul 2018 20:00 – 22:00
Horizonte Festival Koblenz
22. Jul 2018 12:00 – 13:30

Porträt Karla Lara (pdf): http://www.nicaragua-verein-duesseldorf.de/media/ddde75654d1bd3aeffff8029fffffff1.pdf 

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