Von Schlesien nach Speldorf – die Ängste flüchteten mit

 in Buchtipp, FEATURED, Kultur

Der Autor Holdger Platta erinnert sich in beeindruckenden Erzählgedichten an die persönlichen und politischen Ereignisse der Fünfziger Jahre. Es ist ein großer Glücksfall, wenn ein Gedichtband einen Rezensenten findet, der die in den Werken angesprochenen Regionen und Plätze selbst kennt, die Atmosphäre, die Menschen… Lothar Schwarz kennt sogar den Blötterweg, der nicht jedem unserer anderen Leser vertraut sein dürfte. Deutlich wird so auch, wie genau im Detail Holdger Platta arbeitet, wie er, ungeachtet der für Lyrik sonst typischen subjektiven und oft dem Grundsätzlichen und Zeitlosen zugeneigten Art der Beschreibung äußerst präzise ist in der Realitätsdarstellung. Doch nicht nur dies arbeitet der Rezensent heraus. Er nimmt sich auch einige der besonders gelungenen Gedichte heraus und deutet sie familienpsychologisch. Etwa das Phänomen der vererbten Angst, die nach dem Krieg von den Eltern auf die Kinder überging. Die Gedichte werden so als ein Stück deutsche Sozial- und Seelengeschichte verstehbar. Der Artikel macht Lust, sich dem Gedichtband „Ruhmesblätter mit Linsengericht“ ausführlich zu widmen. Lothar Schwarz

 

Obwohl nur um zwei Jahre und eine Straßenecke voneinander groß geworden, haben der Autor Holdger Platta (*1944) und ich (*1946) uns leider noch nie persönlich getroffen und sind nur über einen weiteren Mülheim-Speldorfer Jungen, seinen Kindheitsfreund und meinen Klassenkameraden bis zum Abitur, vor wenigen Jahren (nach 70) in eine Email-Freundschaft hineingewachsen. Dabei war ebenfalls, wie heute, eines seiner literarischen Werke der Anstoß, nämlich eine seiner herrlichen Kurzgeschichten mit Speldorfer Hintergrund, die den ebenso originellen wie verblüffenden Titel „Kirchenkämpfe in der Eintrachtstraße“ trägt. Dieser Titel musste auf einen Jungen aus dem Katzenbruch, der Straße, an der die lange Eintrachtstraße im Westen, nur wenige Hundert Meter vor der Stadtgrenze zu Duisburg, endet, geradezu elektrisierend wirken. Das Elektrisiertsein hielt bis zum letzten
Satzzeichen vor, zumal als Auch-Protagonisten der Geschichte die Söhne eines Lehrers
meiner Volksschule (wie es damals noch hieß) am Blötterweg, der älteste davon mein
Klassenkamerad dort, auftauchten, in einer Geschichte, welche sich um die damals noch köchelnde Feindschaft zwischen „Evangelen“ und „Katholen“ drehte, die sich in den Querelen der Kinder unseres gemeinsamen Alters widerspiegelten, mir, als dem Jüngeren, aber nicht so zugespitzt wie ihm. Als Mülheimer, gar als Speldorfer, muss man diese Geschichte genau so gelesen haben wie das jetzt zu besprechende Buch, zwei Generationen nach den (vermeintlich) verarbeiteten Ereignissen und Gefühlen der 50er Jahre! Viel Zeit für ein zufälliges Zusammentreffen wäre auch gar nicht gewesen, da der Autor, wie wir aus der Kurzbiographie erfahren, bereits 1958, als 14-jähriger Junge, Mülheim in Richtung Hannover verließ.

Da aber hatte der Protagonist vor Ort bereits viel Verstörendes, Angstmachendes, aber auch Beglückendes erlebt, wie die zahlreichen Erzählgedichte des vorliegenden Buches mit Mülheimer Hintergrund belegen, so auch im Titelgedicht „Ruhmesblätter mit Linsengericht“ (Ss. 39-40) aus seinen frühen Raffelberger Tagen. Ebenso gilt dieses z.B. für „An der Tannenstraße eine bessere Welt“ (Ss. 44 bis 45), aus der späteren Periode seiner Kindheit in der Eintrachtstraße, dem Kesselbruchweg, dem Schellhockerbruch, dem Blötterweg und dem Aschenbruch, in denen sich meine Kindheit ebenfalls abgespielt hat, wie bei ihm allerdings zumeist abseits der noch kaum asphaltierten Straßen, wo man im Winter fast ohne Begegnungen mit Fahrzeugen „pickern“, das heißt schlittenfahren oder mit dem zu Sankt Martin in Speldorf spezifischen Heischelied „Ssinter Mäthes Vögelsche hätt so’n ruut Kapögelsche!“ („Das Sankt-Martins-Vögelchen hat so ein rotes Käppchen!“ Ein Hänfling?) von Haus zu Haus gehen konnte, um zu „schnorren“, d.h. Süßigkeiten und Obst zu ersingen. Diesen alten Brauch thematisiert Platta in einer anderen Geschichte überaus humorvoll.

Wie er ebenso anschaulich beschreibt, lagen Spielorte in den Wiesen am Aschenbruch, am Hang oberhalb der „Bahnebeek“ – dem beton-gegossenen Wasserlauf entlang der Schienen – in Gärten, Wäldchen, Höfen oder verfallenen Gebäuden und Grundstücken. Davon bot das Speldorf der 40er und 50er Jahre in Menge, bis es dann Fahrräder oder, wie beim Protagonisten, so etwas wie den blauen, ballonbereiften „Puck“ Roller gab. Diese erlaubten einem, wie der Autor erinnert, bis hinaus in das weite Duisburger Waldgebiet und an den geliebten kleinen Badesee, den „Entenfang“, im Mülheim-Duisburger Grenzbereich zu gelangen, z.B. über die bis fast dorthin reichende Tannenstraße, an deren Speldorfer Ende „die bessere Welt“ wohnte. Die war aber auch nur, wie wir lesen, in dem Sinne des „Begütertseins“ eine „bessere“ (vgl. S. 45), wo der Junge, ebenso wie der hier Schreibende – durch die dichten Hecken und hohen Mauern abgewiesen, keinen Zugang hatte, aber sehnsüchtig zu spähen sich erlaubte – in eine Welt so nah und doch so unerreichbar fern. Wie der Junge im Buch einmal zufällig doch in eines dieser Villengrundstücke gelangt war, ist dem Autor heute selber noch unerklärlich.

Diese Nähe zu den in seinen Erzählgedichten beschriebenen und z.T. nur angedeuteten
Orten bildet für mich, den anderen Speldorfer Jungen, einen der unwiderstehlichen Reize dieser intimen autobiographischen Schilderungen und Gedanken über sein Leben und das Leben. Ebenso gilt für alle, nicht nur die im vertrauten gemeinsamen Kindheits-Wohnort angesiedelten, Gedichte das Angesprochensein durch und die Bewunderung für die kunstvolle „Vertonung“ des Gesagten, die schwerelos dahinfließende Prosa-Dichtung, die so sichere Rhythmen aufweist, wie man sie sonst nur von klassischer Reim-Sprache kennt, seine Sprache so voll hinreißend überraschender Bildlichkeit, dass einem immer wieder ein stummes Lächeln oder gar ein Lachen auf die Lippen gelockt wird – so schwer auch der Inhalt wiegen mag. – Ich werde gleich einige mich besonders beeindruckende Beispiele besprechen, will aber zunächst auf die emotionale, psychologisch höchst bewegende, Seite des Erzählten eingehen, die mich bisweilen geradezu aufschrecken ließ.

Woher, fragte ich mich, diese permanente, atemraubende Angst des Jungen? Wie ist diese oft herzzerreißende Furcht zu erklären, die ihn zu Hause, in der Schule, in den Wohnungen anderer Familien, ja, eigentlich überall quälte? Dagegen blieb wohl nur die Flucht in die Fülle der freien Natur und das Sichversenken des Protagonisten in die Auswahl an Abenteuer-Büchern und ersten Werke der Literatur sowie seine zeichnerischen Künste. Wie sonst ist das Gefühl der immerwährenden Bedrohung der eigenen, der elterlichen, ja, der Welt-Existenz für diesen Aufwachsenden zu erklären?

Sehen wir uns das – meiner Ansicht nach – zentrale Gedicht des Buches an, das uns Aufschluss über das alles bestimmende Gefühl der Angst des Kindes geben kann, die ihn, wie der Autor selber sagt, niemals gänzlich, auch bis in die Jetzt-Zeit, verlassen hat, aber zum Glück nur punktuell und nur noch unterschwellig wieder einmal auftritt. „Angst mit Elternpaar“ (Ss. 36 – 38) ist für mich der Schlüssel zum Verstehen dieser latenten Lebensangst, dieser Bedrohung, die er selber in jeder Faser seines Körpers und in dem der genauen Analyse noch nicht fähigen eigenen Denken, ohnmächtig gegen sie, fühlt. Der Titel allein ist in seiner Mehrdeutigkeit ein Beleg für die sprachliche und bildliche Gewalt des Autors, der auf die letzten Zeilen dieses Gedichtes, zwei Seiten weiter, vorgreift, wo die Entschlüsselung, auf die der vielleicht noch nicht so weit vorangeschrittene Leser gewartet hat, sich bietet.

Die Eltern, lesen wir da, sind übervoll mit Sorgen, von denen die Sorge um ihn und sein Aufwachsen in Sicherheit und „Versorgung“ eine, ja, die zentrale Sorge ist. Als er eines Nachts das geflüsterte Gespräch der Eltern in der Küche durch die dünne Wand zu seinem Schlafraum mithört, eher mitahnt, beginnt er zu verstehen, dass seine Angst das Kind der Angst seiner Eltern ist, umgekehrt gesprochen: „deren Angst ist das Elternpaar seiner Angst“ (S. 38), und, so kann man folgern, wenn man an das denkt, was man über seine Großeltern und deren Nachkriegsflucht mit seinen Eltern und ihm selbst erfahren hat, dass bereits die Angst der Großeltern das Elternpaar der Ängste und der Angst der seinen war. Wie sich da befreien aus dieser Tradition der Angst , angesichts der Berechtigung derselben in der kargen, von Hunger und Kälte dominierten Flüchtlingswelt, die sie hier in der westlichen Fremde notgedrungen zu ihrer Welt machen müssen, während ihnen aus den Mienen und Worten der Einheimischen die Ablehnung und das Misstrauen entgegenquellen.

„PolackenBrut! Ausländerpack!“ brandet es im Gedicht „Hänsel und Gretel“ (S. 41) durch die dünne Trennwand an sein ängstlich lauschendes Kinderohr, noch lange danach als Echo im Ohr der Mutter – und seinem –, widerhallend bis weit in die unbeschwertere Zeit hinein: eine Brandungswelle wie die „Drachengeräusche der Güterzüge … / der rote Schein von den Hochöfen, der die Bäuche / der Nachtwolken aufglühen lässt.“ Diese Drachengeräusche habe auch ich jede Nacht gehört und den roten Schein der Hochöfen-Abstiche, in unserem Familienschlafzimmer für 4, nur ca. 50 Meter von den Bahngleisen, gesehen, aber ohne die Angst, die die Neuankömmlinge nach ihrer entbehrungsreichen und lebensgefährlichen Odyssee quasi „inhaliert“ hatten. Erst nach dem Lesen von Plattas Gedichten tauchten aus dem Dunst meiner Kindheitserinnerungen solche hässlichen Schimpfworte als dem damaligen Wortschatz der „Eingeborenen“ angehörige Missgeburten des Ungeistes und des fehlenden Mitleids wieder auf.

Wie dann an der Stelle des Protagonisten nicht Angst haben, nicht verzweifeln, war dies doch für den sensiblen Knaben eine ständige Bedrohung seiner Freiheit, seiner früh der musischen und literarischen Denkart zugewandten Existenz? Wie dann nicht in den nahen Wald, in die abenteuerreiche Welt der Enid Blyton oder Astrid Lindgren ein- und untertauchen, wie nicht mit Huck Finn in die Flussniederungen des Mississippi verschwinden, wenn einem aus dem neuen Radio mit dem grünen Magischen Auge das Lied „Kalle Blomquist, der Meisterdetektiv“ in die Ohren säuselte. „War es Blut!“ Ja, es war laut Platta das in den Ohren pulsende Blut der Feidseligkeiten, der Ablehnung, der Armut und Kälte … bis sich das Bewusstsein der eigenen Wertigkeit durch schulische oder künstlerische Erfolge verfestigen und die zu sporadischer Furcht geschrumpfte Angst in eine eigenen

Woll(ens)decke hüllen konnte. Wie es ohne diese, d.h. vor dieser, aussah, möchte ich mit einigen der anfangs als so bestechenden und immer wieder überraschend treffenden Bilder aus den Gedichten belegen, die mich diesem Kanon (auch im musikalischen Sinne immer wieder zu zentralen „Motiv-Melodien“ zurückführenden Gedicht-Erzählungen) so verbunden gemacht haben.

Da treffen uns auf der Seite der Negatives illustrierenden Bilder geradezu wie Pistolenschüsse folgende Beispiele: „Die Stadt besteht aus / bösartigen Türen. Treppen hören wieder und wieder den Rückzug.“ („Das Glück, ein Davongekommener zu sein“, S. 14 –16), wenn es um fremde, feindlich gesinnte menschliche Gesellschaft geht, über die ihn dann aber zum Ausgleich ein erstes Erfolgserlebnis, der Sieg in einem Kunstwettbewerb, hinaushebt, so dass es heißen kann: „Der Hut schwebt ihm über dem Kopf. / Selbst größere Menschen blicken ihn nun von unten her an.“ Wie leicht nachvollziehbar und doch einzigartig verbildlicht!

In „Raffelberger Erinnerung“ (S. 26 – 27) sehen wir einen Mann, in dessen Gesicht „die
Eisengeräusche / des Weltkriegs“ stehen, und er trägt „im Tornister rostiges Brot und
Güterzugrattern “ (des Krieges und/oder der Flucht), während das Kind „seinen milchigen Schlaf“ schläft und einen Daumen für die Erlösung der Welt“ hält. Welche unerhörten und bisher ungesehenen Bilder, die die Szene verschlüsselt aufschlüsseln: welche Bild-Dichte im Gesamtkontext, wenn auch noch „dieses niederschlesische / Schloß – in dem der Knabe geboren worden sein soll – als Hungertraum in einer Raffelberger Baracke“ erscheint, in einer Holzhütte, wo nur die Kälte noch wohnt. “ Noch dichter kann eine Lebensende- und Lebensbeginn-Geschichte doch nicht bebildert werden. Atemberaubend!

Bei des Jungen erster wirklicher Begegnung mit dem Tod, nach den vielen in den Erzählungen der Eltern geschehenen Toden, sieht der Junge (Andreas, sein alter ego) die „schwarze Versammlung von Regenschirmen im Flur“, nachdem er gerade die ebenso schwarze Versammlung der Briketts, von größeren Jungen bei den tiefliegenden Bahngleisen von einem Zug geworfen, während dieser, von Duisburg kommend, an der Steigung nach Speldorf hinauf zum schnaufenden Halt gekommen war, gesehen hat. „Fringsen“ nannte man diesen vom Kölner Kardinal Frings rechtens geheißenen Diebstahl, wie ich für die jüngeren Leser hinzufügen darf. Der Junge beobachtet dieses Tun voller Angst, weil er weiß sie könnten erwischt werden, und voller Trauer und Verzweiflung über den Tod des Großvaters, und nach der Erklärung der Mutter, der Opa sei jetzt „beim lieben Gott“, sieht er diesen „auf einer Wolke laut singend und in einem Nachthemd“. Um besseres Wetter für den in allem trüben Tag zu erheischen, schreit er den „witschenden“ Schwalben zu: „Fliegt höher, ihr Arschlöcher, fliegt höher!“, voller Verzweiflung, weil er alles – und besonders den Tod des Großvaters – nicht versteht. Wie soll er auch? Die ganze Szene ist ein
nachfühlbares, aber nicht in diesen Worten jemals so von jemand gesprochenes
Kinderseelen-Protokoll!

Wie nah Positives und Negatives in des Knaben Leben beieinander liegen, wie Träume und Gewissheiten in kürzester Zeit in Frage gestellt werden und zerplatzen können, wird vom Autor ebenso mit phantasievoller, oft entwaffnender Bildlichkeit illustriert. (Aus Satzbaugründen sind die folgenden Zitate leicht umgestellt!) In „Das Fingerschnipsen der Fünfziger“ (Ss. 46 – 49) „blüht die Wiese bis weit in den Himmel“, und die „Gänseblümchen schnattern den ganzen Morgen entlang.“ – Wie wunderbar gesagt ist das denn? – Dann trifft er Nachbarskind Inge, und die Beiden gehen an den Gärten vorüber, wo „Goldregen niedergeht“, „die Margeriten sie mit leisem Erröten auf ihrem Schleichweg verfolgen “, „ein Zitronenfalter auf sie mit der Entschlossenheit eines Rettungshubschraubers zu fliegt“, und er bemerkt, wie „die Haare auf ihren Armen blond aufleuchten“, bis sie – ihn durchschauend – fragt „Was guckst du denn so?“ Erstes prickelndes Gefühl sexueller Anmutungen in dieser vermeintlich harmlosen, idyllischen Welt, in der das Erröten der Margeriten das des Jungen versinnbildlicht, und gefragt werden muss, ob „der Junge nun Glasscherben  auf seiner Zunge habe oder ein Blumenbeet“. Was für ein nahezu synästhetisches Bild! Aber als der Junge sonntags „als (!) Mutters Bleyle-Anzug spazieren geht“, hängt in allen Türen die Neugier der Nachbarn mit Getuschel und Abscheu“, „etwas Ungeheures verbiegt die Gesichter“, und Inge verschwindet für lange Zeit. „Verbote und Tränen, und der Junge muss sich schämen / und darf nichts verstehen.“ „Geh doch mal spielen!“ – Und wieder bleibt nichts als die Flucht in die Bücher, zu Kalle Blomquist und Kumpanen, zusammen mit „Hotte“ (Spitzname meines Klassenkameraden, der mich auf Plattas Spuren geführt hat) und Emil, einem Lebenden, nicht dem von Kästner! … Und er hatte geglaubt, er sei schon so groß!

Wieder ein Kaleidoskop von Bildern, mit einem hohen, leuchtenden Regenbogen beginnend, dessen anderes Ende im dunklen Brackwasser des Nichtverstehens, des Nicht-Verstehendürfens und des Zurückflüchtens in den stillen Wald endet, bis er erneut Bücher entdecken darf und diesmal „mit der heißen Sonne des Mississippi unter dem Arm “ durch „die Stadt mit dem Schneefall überall“ geht, die es „nun nur noch in der Wirklichkeit gab“ (Ss. 54 – 55). Herrlich gesagt, bzw. in feinsten Tuschestrichen gezeichnet! Weitere berückende und mund- und augen-aufreißende Bilder gibt es in nahezu allen Gedichten. – Möge sich nach mir der potentielle Leser seine Lieblingsbilder selber herauspicken! Mehr Raum ist hier nicht.

Lassen Sie mich schließlich zum Titelgedicht kommen: der Titel ist ebenfalls in dieser
Kombination der beiden Begriffe nicht von selbst zu verstehen, sondern er bedarf der
Erklärung, wenn man sie nicht schon im hinteren Klappentext des Buches gewonnen hat. Wir befinden uns etwa 1949 in der Raffelberger Baracke der Kaczmareks, (leicht
veränderter Name) einer aus Ostpreußen an die Ruhr geflüchteten Familie, Nachbarn des Jungen. Dort ist er öfters zum Spielen mit den Kaczmarek-Kindern, mit denen, besonders dem wesentlich älteren Sohn, keine sehr tiefe Freundschaft zu bestehen scheint. Der Nebel steigt an diesem Ort direkt neben der Ruhr und der dort befindlichen Rennbahn besonders schnell und besonders hoch an diesem April-Tag. Auf einem Schoß liegt aufgeschlagen das Sammelalbum der Zigaretten-Firma Eckstein von 1934, das Bildchen der historischen deutschen „Ruhmesblätter“ enthält, ein besonders wegen der in den ehemaligen deutschen Kolonien begangenen Taten zu hinterfragender Titel. Das Album sicher ein bereits etwas zerfledderter Band, für die Kinder aber sicher eine willkommene Abwechslung, besonders bei so schlechtem Wetter wie an jenem Tag. So sehr der Junge die bunten Bildchen liebt, so
sehr fürchtet und hasst er das bereits simmernde Linsengericht der Kaczmareks – sei es, weil es (ihm) nicht schmeckt, sei es auch wegen des ihm schwer erträglichen  ostpreußischen Tonfalls, in dem der alte Kaczmarek Flachheiten oder militär-preußische Parolen von sich gibt (siehe dazu auch das Gedicht „Ostpreußische Tränen“, auf den Seiten 34–35!).

Nichts Positives wird dem Jungen offensichtlich zuteil, das nicht von irgendetwas überschattet ist. Hier ist es der Schatten des Topfdeckels vom Linsengericht, der auf die schönen Bildchen fällt und somit wieder Dunkelheit und Angst in dem Knaben hervorruft. Ich erlaube mir, zum Abschluss meiner Besprechung den letzten Satz des Bucheinbandes aufzunehmen: „Gedichte, berstend vor Ambivalenz!“ heißt es da. – Ja, aber sooo gute!

Leest dise Chedeechte, Mölmsche Deerns un Jungs!

Lest diese Gedichte, wer und wo immer Ihr seid!

 

Holdger Platta: Ruhmesblätter mit Linsengericht . Erzählgedichte.  88 Seiten. Pop-Verlag (Ludwigsburg, 2022). ISBN 978-3-86356-366-0. 12,80 Euro

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