Wenn «Änderung» Vernichtung meint…

 in Holdger Platta, Medien, Politik (Ausland), Politik (Inland)

Lässt sich in Deutschland auf Plakaten als „Lider“ (Führer) anpreisen: Erdogan.

Zu einer Merkwürdigkeit bundesdeutscher Debatten über den Türkei-Konflikt. Holdger Platta ist bekannt dafür, aus kleinen sprachlichen Nuancen große Veränderungen herauszuspüren. Was heute vielfach vergessen wird: Sprachkritik ist zugleich auch Ideologiekritik, Widerstand gegen die politischen Realitäten, deren Ausdruck Sprache ist und auf die das gesprochen Wort dann wieder zurückwirkt. Beispiel ist der immer noch erstaunlich milde Umgang vieler Medien mit den Selbstdarstellungstiraden Erdogans. Journalisten in einem demokratischen Gemeinwesen übernehmen da gedankenlos die Herrschafts- und Propagandaphrasen einer sich zur Diktatur wandelnden Türkei. (Holdger Platta)

Ihr wisst es wahrscheinlich schon längst: gerne und immer mal wieder beschäftige ich mich in meinen Kommentaren mit der Frage, auf welche Psychotricks Politiker und Mainstream-Medien setzen, um uns ihr Meinen als Wahrheit anzudrehen – präziser: uns ein verkehrtes, ein ideologisches Bewusstsein in den Kopf zu pflanzen.

Das Paradebeispiel womöglich noch immer: der Begriff der „Reformen“. Ursprünglich aufgekommen, um Fortschritte für uns Bürgerinnen und Bürger begrifflich zu fassen – menschenrechtliche, soziale und friedenspolitische Fortschritte vor allem –, ist diese Vokabel inzwischen heruntergekommen zur Betrugsvokabel schlechthin, zu einem Wort, das Rückschritt tarnen soll und humane Einbußen oft ungeheuerlichen Ausmaßes, zu einer Rosstäuscherei, die uns eine Schindmähre als Rennpferd andrehen will.

Und das schlimmste Beispiel für dieses Gefasel ist nach wie vor das angebliche „Reform“-Werk, in Wahrheit Menschenverelendungswerk Hartz-IV. Als „Reform“ wurde ausgegeben, was Zerstörung von Menschenrechten war, und zwar Zerstörung fundamentaler, grundgesetzlich verankerter Ansprüche aller Menschen in der Bundesrepublik auf ein menschenwürdiges Leben. Keiner, der bei Verstand ist und wenigstens noch über ein Mindestmaß an humanem Bewusstsein verfügt, hat diese Hartz IV-Agenda jemals anders auffassen können denn als das Kaputtmachen von Lebens- und Beteiligungs-Chancen von Millionen von Menschen in unserem Land.

Aber: Diese Positivsprache für negativste Veränderungen macht nicht einmal vor solchen politischen Geschehnissen Halt, denen selbst unser oberstes Regierungspersonal keinerlei Sympathien entgegenbringt und auch die Mainstream-Presse nicht. Als Beispiel möge dienen, was der potentielle Diktator vom Bosporus anstrebt, in diesem Halbjahr noch, Und Exempel mag sein, was die politische Führungsklasse nebst Medien-Assistenz aus diesen Planungen macht, rhetorisch nämlich, mit einem Beschwichtigungsvokabular, das am Verstand der Betreffenden zweifeln lässt. Ich rede von Recep Tayyip Erdogan und von der Zerstörung der Demokratie in der Türkei. Ich rede von dem, was im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik permanent als „Verfassungsänderung“ oder „Verfassungsreferendum“ bezeichnet wird. Kann es mehr Beschönigung geben, mehr Verschleierung dessen, was da auf dem Spiel steht? Ich erläutere:

„Verfassungsänderung“, das klingt ganz nach Recht und Verfassung, das klingt nach Modifikationen da und dort, womöglich sogar nach Modernisierung oder einem Update. Das klingt fast so, als handele es sich auch bei dieser, der „Verfassungsänderung“ lediglich um so etwas Nettes wie eine „Reform“. Doch die Wahrheit dahinter sieht gänzlich anders aus:

Abschaffung der türkischen Verfassung ist in wesentlichen Teilen gemeint, nicht nur, in blasser und behutsamer Begrenzung, hie und da ein bisserl „Veränderung“. Abschaffung von zahlreichen Menschenrechten, von Gewaltenteilung und Rechtsstaat wird mit dieser „Verfassungsänderung“ angestrebt, nicht deren Absicherung durch erforderlich gewordene Modernisierung, Konkretisierung oder Befestigung. Warum übernehmen dann aber in Bataillonsstärke bundesdeutsche Medien und Politiker diesen Propagandabegriff? Wieso fallen sie – angeblich doch alle hochprofessionell und bestinformiert – auf diese Neusprech-Variante des türkischen Potentaten herein? Ehrlich gesagt, die Antwort weiß ich nicht.

Die Journalisten – wenigsten die, sollte man meinen! – sollten doch autonom, intelligent und informiert genug sein, um derartiges Mummenschanzvokabular zu durchschauen. Diese Journalisten müßten auch keine Sanktionen befürchten, von ihren Chefs ebenso wenig wie von den Eigentümern ihrer Journale, wenn sie diese Beschönigungen korrigierten. Und schon gar nicht sind sie zu irgendwelcher Diplomatie verpflichtet. Noch einmal daher: Wieso schreiben sie, die Journalisten, in blinder Übernahme von Unsinnsbegriffen, selber weiter in dieser Unsinnsterminologie?

Meine höchstpersönliche Antwort darauf ist – zugegeben: nicht ohne ein gerüttelt Ausmaß an Spekulation! –: Diese Journalisten haben ihr Handwerk nicht mehr gelernt. Zu ihrer Ausbildung hat ein ideologiekritischer Kurs nicht mehr gehört. Eingetrichtert hingegen wurde ihnen ein generalisierter Gehorsam gegenüber vorgegebener Sprache. Und dies – die reflexartige, aber unreflektierte Kriecherei gegenüber Textvorgaben aus Agenturberichten und Internet – wurde und wird dann noch zusätzlich befördert von miserablen Arbeitsbedingungen und Zeitnot ganz generell. So stehen wir vor dem Paradox, dass Unwissende – mit dem Anspruch auf Mehrwissen – ihr Unwissen weitergeben an uns, dass Dumme Dummgehaltenen die Dummheit einzubläuen versuchen. Und das ist das Gegenteil von aufgeklärtem und aufklärendem Journalismus, Gegenteil auch von demokratischer Presse in einer Demokratie. Hat der eigentliche Souverän unseres Staates, der Bürger, eh schon seit langem abdanken müssen und den Parteien Platz gemacht in unserem Staat, so danken nun auch – in wachsendem Maße und ebenfalls seit längerem schon! – die Vermittler der bürgerlichen Souveränität im Bereich des Schreibens und Sprechens ab, die Redakteure und Publizisten. Kurz:

Was Jürgen Habermas, in seiner Habilitations-Schrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ einmal als Basis einer jeden funktionierenden Demokratie feierte, den „herrschaftsfreien Dialog“, das, was Bertolt Brecht mal als Kennzeichen einer jeden – echten! – Demokratie bezeichnet hat, nämlich „die Herrschaft der Argumente“, das alles geht in dieser Art von Medienwelt mehr und mehr den Bach herunter und macht einer trüben Brühe Platz: einer durchidiotisierten und entdemokratisierten Sprache. Das Ende der Demokratie schickt hier seine rhetorischen Sendboten voraus: das Ende einer Sprache, die mithelfen könnte, sich diesem Ende der Demokratie in den Weg zu stellen. An die Stelle von Klardeutsch ist der Orwellsche Neusprech getreten, an die Stelle der Argumente Verdummungsgefasel, an die Stelle von Rationalität das schiere Psychogetrickse – und an die Stelle einer sogenannten Vierten Gewalt, einer mündigen Presse, journalistisches Duckmäusertum bis in die allerdümmste Phrasendrescherei hinein.

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