Der Mensch bleibt analog

 In Egon W. Kreutzer, FEATURED, Kultur, Politik

Der Navi – Vorreiter der fürsorglichen ditigalen Entmündigung, die uns bevorsteht.

Derzeit konzentriert sich viel Aufmerksamkeit, gepaart mit zumeist wenig Sachverstand, auf die Herausforderung der “Digitalisierung”. Der Fortschritt in der Entwicklung künstlicher Intelligenz begeistert Fantasten und lockt Anlegern Milliardenbeträge aus der Tasche. Die vermeintliche Notwendigkeit superschneller Breitbandverbindungen zur Realisierung von “Smart Home”-Anwendungen, mobilisiert sogar die Spruchblasenproduktion einer Allparteienkoalition der Politik. Die Welt wird nicht mehr so sein, wie wir sie kennen, heißt es, und das alleine gilt als erstrebenswert. Selbstfahrende Autos, Paketzustellung per Drohne, Verdächtigenverfolgung per allgegenwärtiger Gesichtserkennung, totale Überwachung des Zahlungsverkehrs und damit des Konsumverhaltens, das alles haben wir bereits, bzw. es kommt in aller Kürze auf uns zu. Der Mensch jedoch, bleibt analog. (Egon W. Kreutzer, www.egon-w-kreutzer.de)

Selbst wenn eines Tages Mikrochips ins Gehirn implantiert werden, um die Bandbreite von Fähigkeiten zu erweitern, wird das Basis-Betriebssystem des Menschen immer analog bleiben und zur Weiterverarbeitung auch der komplexesten Ergebnisse nur über eine sehr beschränkte analoge Schnittstelle fähig sein.

Unsere “Hauptplatine” ist mit nur maximal 40 Hertz getaktet. Auf diese Hauptplatine sind nur fünf höchst unzuverlässige Sensoren als Eingänge geschaltet, nämlich unsere Augen als Sensoren für elektromagnetische Wellen mit Wellenlängen von 380 bis 750 Nanometer, die Ohren, als Sensoren für Schwingungen der Luft im Frequenzspektrum von bestenfalls 14 bis 14.000 Hertz, in der Nase und im Mund sitzen Molekular-Rezeptoren, die einige hundert Substanzen nach Nützlichkeit und Schädlichkeit zu unterscheiden vermögen, und die Haut, als haptisches Sinnesorgan vermittelt Informationen über die Intensität der Molekularbewegung und die Oberflächenbeschaffenheit der Elemente der Umwelt. Zudem verfügt die Hauptplatine über eine Art primitives Gyroskop, das allerdings nur unter optimalen Bedingungen wirklich funktioniert. Das Interessanteste ist das organische Speichermedium und vor allem das raffinierte, weitgehend autonom arbeitende Speichermanagement, dessen Funktionsprinzip nach wie vor nicht restlos entschlüsselt werden konnte, das aber im “Normalbetrieb” alle notwendigen Informationen, sofern bereits gespeichert, zur Beurteilung einer Situation zur Verfügung stellt und laufend neue Sinneseindrücke mit assoziativen Verknüpfungen ablegt.

Diese analoge “Maschine” hat im Laufe der Entwicklungsgeschichte der Menschheit großartige und bewunderswerte, ja im höchsten Maße erstaunliche Leistungen vollbracht, die von der Erfindung der Schrift bis zur Vor-Ort-Erkundung der Marsoberfläche reichen, weil es ihr gelungen ist, sich externe Sensorik, externe Rechenleistung, externe Motorik und externe Speicherkapazitäten zu schaffen, die das eigene Vermögen weit übertreffen.

Der Mensch jedoch ist analog geblieben. Alle “Ergebnisse” der externalisierten Fähigkeiten muss er mit seinen fünf Sinnen und seinem mit 40 Hertz getakteten Gehirn verarbeiten, was den Menschen in seiner technisierten Umwelt zur “Prozessbremse” und damit zum “Risikofaktor” werden lässt. Die Entwicklung voll autonomer Systeme ist daher die zwangsläufige Notwendigkeit, um die technische Überlegenheit optimal nutzen zu können. Der seit Jahrzehnten in Romanen und Filmen agierende Kampfroboter ist eine dieser unumgänglichen Folgen.

Diese Entwicklung hat jedoch Konsequenzen, die in der derzeitigen Diskussion absolut nicht anzutreffen sind. Die unangenehmste dieser Konsequenzen benenne ich vorab, um Ihr Interesse zu wecken und wach zu halten, während ich die zugehörige Argumentation und Beweisführung ausbreite:

Der Mensch wird – mit dem Fortschreiten der Eroberung seiner kompletten Umwelt durch die Hervorbringungen der Digitalisierung – die Mehrzahl seiner kognitiven Fähigkeiten einbüßen und letztlich zurückfallen auf das Niveau einer unbewussten, animalischen, nur noch triebgesteuerten Existenz.

Der Prozess, dessen Wirkungen ich hier schildere, hat schon vor geraumer Zeit begonnen. Es ist ein Prozess der Entfremdung, ja der immer weiter vom Menschen weg verlagerten Schnittstelle zwischen den Ursachen (Uwelteinfluss, Tat, Handlung, Aktion, Reaktion) und deren Wirkungen. Dieser Prozess wird zudem überlagert, von einer immer schnelleren Veränderung der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, weil sich die Benutzerschnittstellen der Technik immer schneller verändern.

Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären, das noch einigermaßen überschaubar bleibt und dennoch schon an die Grenzen rührt, die wir überschritten haben, ohne es noch zu bemerken.

Sprechen wir vom Automobil.

In der Frühzeit des Automobils musste der Motor mit einer Handkurbel angeworfen werden. Beim Wechsel der Gänge war ein gefühlvolles “Zwischengas” erforderlich, die Hupe befand sich außen und war ein Konstrukt aus Signalhorn und Gummiball. Beschleunigt und gebremst wurde auch damals schon mit Bewegungen des rechten Fußes.

Seit das Automobil zum Massengut geworden ist, kennt die Menschheit den Begriff des Gasgebens als ein Synonym für “Beschleunigen”. Das Automatikgetriebe hat uns die Notwendigkeit abgenommen, auf die Drehzahl des Motors zu achten und im richtigen Augenblick den Gang zu wechseln. Selbstabblendende Rückspiegel geben uns das Gefühl, das rückwärtige Geschehen stets optimal zu beobachten, das Antiblockier-System und das ESP-System unterstützen beim Bremsen und vermeiden oder mildern Unfälle durch unkontrolliertes Schleudern. Einpark-Assistenten finden den Weg in die Parklücke besser als der Mensch, Regensensoren schalten die Scheibenwischer und auch die Scheinwerfer ein, Spurhalte-Assistenten ermöglichen Sekundenschlaf ohne gleich auf die Gegenfahrbahn zu geraten, und ein Notbrems-System kann das Überfahren plötzlich auftauchender Fußgänger verhindern.

Das Automobil der Gegenwart nimmt zudem das Fahrziel per Spracheingabe entgegen, ermittelt den optimalen Weg, prüft auf speziellen Verkehrsfunk-Frequenzen die Verkehrslage auf Staus, berücksichtigt auch diese, und stellt über die Kommunikation mit mindestens drei geostationären Satelliten die auf wenige Meter genaue Positin des Fahrzeuges fest, um dann dem Fahrer, per Sprachausgabe mitzuteilen, wann er wo abzubiegen hat, und zum Schluss auch, dass er sein Ziel erreicht habe.

Das alles ist ohne Frage sehr komfortabel, ja sogar bequem geworden, doch sind wir in diesen Automobilen noch “Fahrer”?

Ich würde diese Frage mit einem “vielleicht gerade noch” beantworten, obwohl in Wahrheit schon längst das Auto alles übernommen hat, was wichtig ist, um von Worpswede nach Quakenbrück zu gelangen, außer Tanken, Starten, Gasgeben und jenem Teil des Lenkens und Bremsens, dass es nicht vorsorglich selbst übernimmt.

Nun steht nirgends geschrieben, dass es das Ziel der Evolution sein sollte, perfekte Autofahrer auf dem Stand der Technik von 1955 hervorzubringen.

Sicherlich nicht.

Aber kann es ein Ziel der Evolution sein, die Aufmerksamkeit des Individuums, das Erfassen von Situationen und das Abrufen der richtigen Reaktionen, ja sogar die Orientierung im durchfahrenen Raum nahezu vollständig abzuschalten? Kann es das Ziel der Evolution sein, ein in einem bequemen Sitz angeschnallten Haufen Langeweile zu produzieren, dessen Hauptinteresse auf die Frage zusammenschrumpft, ob an der nächsten Raststätte eine Pinkelpause eingelegt werden soll?

Die nächste Entwicklungsstufe wird bereits auf den Straßen erprobt. Es gibt keinen Fahrer mehr. Kein Lenkrad, kein Gaspedal, keine Bremse. Das ist das vorhersehbare Aus für alle Fahrschulen. Das Auto der nächsten Generation hat den eingebauten Führerschein. Es gibt auch keine Altersbegrenzung mehr. Wer den Aktivierungscode hat und in der Lage ist, sein Ziel zu nennen, kommt hin.

Der Unterschied, zwischen Auto und U-Bahn ist kaum mehr zu erkennen, zumal die noch autofahrenden Menschen ebenso wie die U-Bahn-fahrenden nur noch vor sich hindösen oder auf kleinen Bildschirmen irgendetwas betrachten, was mit ihrer realen Situation nichts zu tun hat.

Der Kokon aus fürsorglicher Technik holt den Menschen aus dem Autoscooter und setzt ihn in das alte Karussel, wo er mit allen anderen die unabänderlichen Runden dreht, und verwehrt ihm damit konsequent den Zugang zu neuen Erlebnissen und Erkenntnissen, zur Selbsterfahrung und zur kreativen Entfaltung.

Versucht man, den Zustand des so fortbewegten Menschen zu beschreiben, so handelt es sich dabei um etwas, das man als den temporären Ausstieg aus der Verantwortung für sein Leben bezeichnen könnte.

Es ist ein Stilllegen wesentlicher Elemente des analogen Menschen, die Reduktion auf die physische Existenz, die von unbewussten, genetisch programmierten Steuerungen aufrechterhalten wird, während der “Zweck”, bzw. die “Entfaltungsmöglichkeiten” des Apparats Mensch, nämlich mit dem bewusst steuernden und Entscheidungen treffenden Teil des Großhirns die Welt wahrzunehmen und mit ihr sinnvoll zu interagieren, temporär überflüssig geworden ist.

Es ist ja aber nicht nur das Automobil – ein Apparat, von dem seine Nutzer längst viel weniger verstehen, als vor hundertfünfzig Jahren der Pferdekutscher von seiner Droschke und seinem Pferd – die Gelegenheiten für die Totalabschaltung des Gehirns mehren sich.

Auf tausenden von Kanälen bieten Streamingdienste aus schier unerschöpflichen Quellen 24 Stunden täglich genau jene Musik, die ich gern höre. Von nichts unterbrochen, noch nicht einmal von Warnmeldungen. Auf anderen Kanälen laufen Videos und Filme. Man muss nicht unbedingt konzentriert dabei sein. Man kann ja zurückspringen – oder vorspringen, wenn die Szene langweilt.

Wir gestalten uns auf diese Weise unsere finstere Höhle, in die nur das hineinkommt, was wir bis zum Überdruss hineinlassen. Es findet keine Interaktion mehr statt, nur noch ein Suhlen im Angenehmen.

Das Smart Home, in welchem das Fitnessarmband und die Badezimmerwaage mit Kühlschrank, Mikrowelle und dem Auto kommunizieren, welches wiederum mit der Jalousiensteuerung und der Heizung (bzw. Klimaanlage) kommuniziert, um pünktlich beim Ankommen an der Stromzapfsäule die vegane Fertigpizza zu erhitzen und den Robotstaubsauger in seine Garage zu befehlen, ist nur der erste Teil des Szenarios, das bald so ziemlich alle Haushalte bieten werden, weil alternative Formen der Versorgung schlicht nicht mehr angeboten werden, allenfalls noch als Geheimtipp unter Sterneköchen gehandelt, hier und da ein Biobauer …

In die Tapete eingearbeitet LEDs werden automatisch die Beleuchtung der Stimmung anpassen, die wiederum von der Fitnessuhr und ihren vielfältigen Sensoren erfasst und in ein Leuchtmuster umgesetzt wird, und das so perfekt, dass niemand mehr einen Gedanken an “Licht” verschwendet. Es wird einfach da sein – und so, wie es ist, wird es gut, wenn nicht gar perfekt sein.

Auch das ist höchster Komfort, höchste Bequemlichkeit, die wir – selig lächelnd, wie ein satter Säugling – schlicht aufsaugen, ohne zu fragen, wie die Welt da draußen, hinter den Fensterscheiben aussieht, weil es sich in Wahrheit um riesige Bildschirme handelt, auf denen wir, wenn wir es wollten, auch das Bild der Außenkamera ansehen könnten, aber das ist meistens nicht besonders attraktiv, keine Action – und nachts sowieso finster.

Diese düstere Aussicht wirft allerdings die berechtigte Frage auf, woher denn all dieser Komfort kommen soll, wer denn da konstruieren, planen, produzieren, montieren, liefern, warten und reparieren soll, und damit zugleich die Frage, wer diesen Komfort aus welchem Einkommen bezahlen soll.

Schließlich ist dieses menschengemachte “Schlaraffenland” ein Widerspruch in sich, der immer unauflöslicher wird, je “höher” es sich entwickelt. Das lässt sich an einem utopischen Endzustand am besten darstellen:

Alle Leistung zur Herstellung von Komfort und Bequemlichkeit wird von vollautonomen, selbstreproduzierenden und selbstregenerierenden Systemen erbracht. Kein Mensch erzielt mehr ein Arbeitseinkommen.

Dies bedeutet jedoch, dass die ursprünglichen Investoren, welche die autonomen Systeme geschaffen haben, vor einem Problem stehen. Ihr Eigentum ist nämlich wertlos geworden. Entweder, sie akzeptieren das, und lassen diese vollautonomen Systeme einfach weiterlaufen und werden dazu zu gleichberechtigten Nutznießern, oder sie akzeptieren es nicht und schalten die Systeme soweit ab, dass gerade noch ihr Eigenbedarf befriedigt wird, während der Rest der Menschheit in die Steinzeit zurückgeworfen wird, was bedeutet, dass die Weltbevölkerung innerhalb weniger Jahre von dann fast 10 Milliarden auf auf ungefähr eine Milliarde zusammenschrumpfen würde. Diese eine Milliarde müsste versuchen, sich mit ihren analogen Fähigkeiten gegen die immer noch aktiven vollautonomen Systeme zu behaupten.

Dieser Zustand kann vermutlich nicht erreicht werden, weil die Sackgasse, auf die wir zustürmen, bereits jetzt deutlich zu erkennen ist.

Weil der Mensch analog bleibt, wird er auch in Zukunft physisch zur gleichen Zeit nur am gleichen Ort sein können, er wird nur in einem Sessel sitzen und er wird auch weiterhin nur das wahrnehmen können, was ihm seine eigenen Sinnesorgane vermitteln. Sein Gehirn wird weiterhin mit einer Frequenz von maximal 40 Hertz arbeiten, so dass die Möglichkeiten, ihm noch mehr Komfort und Bequemlichkeit zu vermitteln begrenzt sind.

Der Ausweg, der jetzt noch funktioniert, besteht darin, dass künstlich die Notwendigkeit geschaffen wird, in immer kürzeren Abständen Ersatz für die schon wieder veralteten modernsten Errungenschaften der Technik zu beschaffen, was den Markt der Konsumelektronik – vom Smartphone bis zum SuperPlusExtendedFullHD-KommunikationsCenter – am Leben hält und in fernöstlichen Fabriken und bei den hiesigen Distributoren noch für Beschäftigung sorgt.

Doch auch dieser “Ausweg” wird schon längst von Roboterheeren unterminiert. Und der Versuch, noch einmal einen Wachstumsschub durch die Digitalisierung des Individualverkehrs auf Basis elektrischer Antriebssysteme zu erzeugen, ist bereits zum Scheitern verurteilt.

Nicht, weil die Verfügbarkeit elektrischer Energie noch keineswegs sichergestellt ist: Die Kraftwerke und die Verteilungsnetze lassen sich bauen. Nicht, weil die Menschen ihre Vorurteile gegen das fahrerlose Fahren nicht überwinden könnten: Das wird uns schon beigebogen.

Das Problem besteht darin, dass gerade da, wo bisher die Kaufkraft durch die Wertschöpfung der Automobilproduktion geschaffen wurde, schlagartig Millionen von Arbeitsplätzen verloren gehen, für die es keinen erkennbaren Ersatz geben wird, weil die weitere Verlagerung menschlicher Arbeit in technische Systeme auf allen Gebieten und in allen Branchen vorangetrieben wird.

Das Festhalten am Verbrennungsmotor hat m.E. auch damit zu tun, dass sich jeder ausrechnen kann, dass die Löhne der verbleibenden Elektroauto-Bauer nicht ausreichen werden, die für eine rentable Produktion erforderlichen Stückzahlen zu verkaufen. Jedenfalls dann nicht, wenn alle Hersteller umgestellt haben werden, wobei es auch hier die Letzten sein werden, die von den Hunden gebisssen werden.

Dennoch wird die so genannte Künstliche Intelligenz noch weit fortschreiten und den analogen Menschen immer wieder in ungläubiges und verständisloses Staunen versetzen, denn kein Schulsystem der Welt ist in der Lage, die Komplexität der Welt noch vermitteln zu können. Selbst lebenslanges Lernen kann allenfalls noch Spezialisten, aber keinen Generalisten mehr hervorbringen, dessen Wissen tief genug wäre, um noch einen wirklichen Wert zu haben.

Nur virtuelle Welten kennen keine Grenzen.

Der Mensch aber bleibt analog – und das bedeutet: Der Mensch braucht Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken und einen ausreichenden Schutz vor den Unbilden der Witterung und den natürlichen Gefahren der Umwelt.

Aber er braucht noch etwas, etwas, was virtuellen Wesen fremd bleibt, nämlich hin und wieder die Erfüllung seines Strebens nach Glück.

Was ist Glück? Glück ist, auf den Punkt gebracht, ein Erlebnis des Gelingens.

Glück in einer Welt ohne Herausforderungen zu finden, ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, jedenfalls solange, wie man intellektuell in der Lage ist, diese Welt ohne Herausforderungen als solche wahrzunehmen.

Der Ausweg, der sich hier anbietet, liegt in der intellektuellen Regression.

Wer in den Supermarkt geht, um in der Gemüseabteilung Äpfel zu kaufen, wird dabei kein Glück empfinden, solange er es für ganz und gar normal hält, dass dort Äpfel angeboten werden.

Ein Wesen, dass gar nicht weiß, wie es in den Supermarkt geraten ist, auch nicht weiß, was ein Supermarkt ist, und plötzlich vor den Äpfeln steht und irgendwo tief drin die Erinnerung hegt, die könnten essbar sein und gut schmecken, das sich einen dieser Äpfel greift, hineinbeißt, und feststellt, dass das tatsächlich gut schmeckt, könnte in diesem Augenblick das Glück des Gelingens verspüren.

Nur ein Kind kann das Glück des Gelingens empfinden, wenn “Alexa” auf Zuruf, wie durch Zauberei seine Lieblingsmusik spielt, so wie es das Glück des Gelingens empfinden kann, wenn es erstmals ohne Stützräder mit dem Fahrrad zwanzig Meter geradeaus gefahren ist.

Wird dieses Gelingen zur Selbstverständlichkeit, bleibt das Glücksgefühl aus.

Der analoge Mensch wird daher in einer digitalisierten Welt, um Glück empfinden zu können, die Mehrzahl seiner kognitiven Fähigkeiten einbüßen müssen und letztlich zurückfallen auf das Niveau einer unbewussten, animalischen, nur noch triebgesteuerten Existenz, für die die Welt ein unbekannter Zaubergarten ist, der immer wieder neu entdeckt werden kann, weil kein störendes Erinnerungsvermögen daran hindert.

Die Spatzen pfeifen es doch längst von den Dächern:

Was heißt es denn, wenn immer öfter vom “Prekariat” die Rede ist, oft in Verbindung mit dem Schlagwort “Bildungsferne Schichten”, oder, wenn vulgär von den “Abgehängten” gesprochen wird?

Oft ist auch zu hören, dass die “Mittelschicht” verschwindet. Das klingt abstrakt, da kann sich der Nichtbetroffene wenig drunter vorstellen. Sehr konkret aber wird es, wenn John Cryan, der Chef der Deutschen Bank, Herr über 97.000 Angestellte, erklärt, dass zehntausende (!) dieser Jobs nur der Ausdruck technischer Rückständigkeit seien! Man mache noch zuviel fehleranfällige und ineffiziente “Handarbeit”.

Der Trend läuft eindeutig und immer schneller in eine Richtung:

Die Wirtschaft kommt mit immer weniger Menschen aus. Es geht jetzt massiv an alle Jobs, bei denen noch Menschen eingesetzt werden, um komplexe Entscheidungssituationen mit einer Vielzahl von Reaktionsmöglichkeiten zu bewältigen. Diese fallen in den nächsten fünf bis zehn Jahren den “Algorithmen” zum Opfer.

Die Zahl jener, die gebraucht werden, um diese Algorithmen zu entwickeln, ist klein. Doch die Fähigkeit, Entscheidungssituationen in Algorithmen zu verpacken, kann ohne die Kenntnis der Entscheidungssituationen nicht sinnvoll genutzt werden. Solange menschliches Fachwissen und sogar menschliche Intuition vorhanden ist und von den Spezialisten abgefragt und analysiert werden kann, können daraus Algorithmen gebaut werden.

Wenn die analogen Entscheider jedoch ebenfalls im Prekariat entsorgt sein werden, müssen ihnen die Algorithmen-Konstrukteure zwangsläufig folgen.

Die Arbeit ist getan.

Wer bleibt übrig?

Es bleiben diejenigen übrig, deren Arbeit billiger angeboten wird als sie mit Robotern erbracht werden könnte. Schon heute gelten in Deutschland die Angehörigen von 230 Berufsgruppen als Anwärter für die Altersarmut, ein Teil davon kann heute schon ausrechnen, dass die Rentenansprüche unterhalb der Grundsicherung liegen werden.

Auf der anderen Seite bleiben diejenigen übrig, die über die Produktionsmittel verfügen, solange die Produktion noch ausreichend viele Käufer findet, um über die Kapitalkosten hinaus noch einen Gewinn zu erzielen. Das allerdings wird in dem Maße schwieriger, wie Konsumenten in der Produktion überflüssig werden.

Es ist nicht mehr zu übersehen, dass das System kaum noch in Balance zu halten ist und bald umkippen wird.

Auf der Website Wasser-wissen.de findet sich die nachstehende und nachdenklich machende Analogie zum Umkippen von Gewässern:

Wenn ein Fluss oder ein See durch die Einleitung von bestimmten Schadstoffen überdüngt wird (Eutrophierung), vermehren sich die Wasserpflanzen schlagartig. Wenn sie absterben, verbrauchen sie mehr Sauerstoff, als im Wasser vorhanden ist. Folge dieses Sauerstoffmangels ist, dass jedes Leben in diesem Gewässer erlischt.

Weltweit und auch in den hochentwickelten Industrienationen anzutreffende Niedriglohnsektoren, weltweite Armut und Armutsgefährdung, zeugen davon, dass das Absterben bereits begonnen hat. Terrorismus, Kriege und Bürgerkriege und die darauf folgenden weltweiten Flüchtlingsströme sind Teil dieses Prozesses, der sich vor unser aller Augen öffentlich abspielt.

Die Chancen auf die Erfüllung des Strebens nach Glück werden immer geringer, weil auch noch an den letzten Herausforderungen das Warnschild “aussichtsloses Bemühen” angebracht wird.

Die Menschheit macht sich überflüssig. Wer noch denken kann, driftet in die Resignation.

Nicht die Roboter und die KI werden die Herrschaft übernehmen, dazu fehlt ihnen das Bewusstsein.

Das Problem besteht darin, dass wir nicht fähig sind, vernünftig und – über das Gewinnstreben hinaus – nützlich damit umzugehen.

 

Anzeige von 12 kommentaren
  • jens prien
    Antworten
    chapeau herr kreutzer,

    sie haben wieder einen brillianten beitrag geliefert.

    was mich berührt ist etwas anderes.

    seit über 40 jahren gibt es stimmen in der astrologie , die vom kontex her mit ihrem beitrag übereinstimmen.

    allen voran der verstorbene astrologe wolfgang döbereiner.

    herr döbereiner hat über 40 bücher veröffentlicht und immer wieder auf die gefahren hingewiesen, welche entstehen , wenn der mensch das prinzip seines daseins verlässt.

    wir können unsere grenzen nur überwinden mit hilfe der technik.

    dabei unterscheidet herr döbereiner zwischen dem was mit uns gewachsen ist ,und dem was wir nicht mehr beherrschen.

    ein beispiel ist das rad . jeder kann das rad begreifen als ausübung einer form,

    nämlich eines karrens , und kann es auch selber herstellen.

    das sehe ich als gewachsen an.

    mit dem autofahren haben wir unsere grenzen schon weit hinter uns gelassen.

    unser horoskop funktioniert auch nicht mehr.

    aus friedfertigen , ruhigen menschen werden psychopathen , wenn sie auto fahren.

    man wird zur funktion einer form, nämlich der des autos.

    wenn das auto einen schlechten zulassungstermin ist man dann , wenn man pech hat tot.

    ich empfehle allen lesern hier sich einmal mit den bücher der münchener rythmenlehre zu befassen.

    wer ein paar von diesen büchern gelesen un verstanden hat, wird das von ihnen beschiebene bild wiederfinden.

    herr döbereiner hat diese bücher schon in den 80er jahren geschrieben.

    die wissenschaft verpricht den menschen erlösung durch sich selbst,bzw. durch die wissenschaft. das wird nicht eintreten.

    begonnen hat diese entwicklung mit dem “FILIOQUE”

    vor dem filioque hiess es in namen des vaters, des heiligen geistes und des sohnes.

    danach wurde es geändert in in namen des vaters , des sohnes und des heiligen geistes.

    warum mit dieser änderung der siegeszug der wissenschaft begonnen hat,

    dies zu ergründen überlasse ich den geneigten lesern.

    auf ein etwas menschlicheres leben hoffend,

    verbleibe ich mit frdl .gr.

    ihr leser jens prien

  • Bettina
    Antworten
    Eine wunderbare Ausführung, Herr Kreutzer! Wie ich im ersten Kommentar lesen kann, wird Ihnen nun auch der “Chapeau” zugedichtet. Also in Kurzform: wunderbar, Mr. le Chapeau 🙂 .

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    Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, denn das gibt es ja schon. Jegliche Formen von Fortbewegungsmittel, die nach dem analogen Rad erfolgten, stehen unter der Maxime “Schneller, höher, stärker”, lateinisch ” Citius, altius, fortius”. Wer heute einen Mercedes A- Klasse der dritten Generation fährt, der bewegt sich auf der Überholspur und gehört zu den Kings of Road. Das technisch- digitale Rad dreht sich, immer schneller, immer höher, immer stärker und verweist das altertümliche, althergebrachte gerne in seine Schranken. Der King of Road würde die alten Mühlen am liebsten auf die Standspur drängen.

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    Was hat das Fahrrad mit analog zu tun? Sehr viel. Fahren Sie mal mit Ihrem Fahrrad bergauf und anschließend wieder bergab. Sofern Sie nicht der Generation der Fahhräder mit Hilfsmotoren angehören, werden Sie das Erlebnis des Radfahrens mit Ihren eigenen Muskeln erspüren. Die Topografie wird erlebbar, vielleicht sogar nachhaltig spürbar, in Form eines Muskelkaters. Dieses analoge Erlebnis entgeht dem King of Road, der, mit einem Boardcomputer, hunderten von Lämpchen, automatischen Anweisungen zur Befehlsroute ausgestattet, vollklimatisiert im Geschwindigkeitsrausch über die Autobahnen fegt. Der Mercedes A- Klasse Fahrer ist endeutig der schnellere und stärkere, doch der Klügere ist nach wie vor der altertümliche Radfahrer. Auch er kommt ans Ziel, nur seine Ziele sind bescheidener gesteckt. Die Ziele des Radfahrers sind für den Menschen analog überschaubar, greifbar, fühlbar, anfassbar. Er lebt gesund und wird den King of Road in seiner gesunden Lebenseinstellung vermutlich überleben. Der King of Road wird vielleicht eines Tages am Herzinfarkt sterben, weil ein Autobahnstau ihn daran hindert, seine hunderte an Termine am Tag zu erledigen.

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    Kennen Sie noch das Buch ” Die Entdeckung der Langsamkeit” von Sten Nadolny? Es ist ein Muss für alle Menschen wie mich, die der Schnelllebigkeit unserer digitalen Gesellschaft nicht gewachsen sind.

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    Ich brauche keine digitale Schnelllebigkeit. Was gestern noch Gültigkeit hatte, ist heute bereits verworfen, auf dem Müll der Verwertbarkeit. Was ich brauche, ist das analoge in der Ruhe. Ein Stillstand der Produktion ist keine Katastrophe, im Gegenteil. Ich repariere meine Dinge lieber bevor ich das Alte ablege und mir einen Ersatz, ein neues Konsumgut zulege, ich verwerte die Reste, so gut es geht und halte mich an dem Nachhaltigen. Ich schreibe lieber analog als digital. Der Postweg und seine Dauer zwingt uns zur Geduld im Perpedué Mobilé des “Schneller, höher, stärker”. Doch wie schön ist es, wenn man zu einer zeit, wenn man gar nicht damit rechnet, eine analoge Post im Briefkasten vorfindet, von einem analogen Freund? Ich mag die antiquierte Post und ich mag die Briefträger.

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    Nun habe ich mich als verstaubt und altertümlich entpuppt. Manch geneigte LeserInnen werden verwundert, mit einem mitleidigen Blick ob meiner Altertümlichkeit meinen Krautsalat lesen. Würzen Sie meinen Krautsalat mit gedanklich leckeren Weißwürstel und dem süßsauren Senf (ein traditionelles leckeres bayerisches Gericht), dann wird er Ihnen besser schmecken.

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    Ich bewege mich lieber in analogem, Alt-Schwabinger Gänsemarsch, als in digitaler Lichtgeschwindigkeit 🙂 .

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    https://plus.google.com/113467739158708279078/posts/Ea7uLFHs12x?hl=de

  • Piranha
    Antworten
    Ist das zu fassen – eine volle Stunde schrieb ich einen ausführlichen Kommentar zu verschiedenen Punkten Ihres Artikels und dann stürzt mein Rechner ab.

    Honi soit qui mal y pense – wäre ich anfällig für Verschwörungstheorien… wer war das, wer hat da unerlaubt die Kontrolle über meinen Rechner übernommen??? 😉

    Jedenfalls habe ich nun nicht mehr die Zeit, alles wieder zu rekonstruieren – leider.

    Hier nur abschließend einer meiner liebsten Hildebrandt-Sätze:

    “Die Diskussionen um die Frage ob wir verblöden oder nicht, beschäftigen sich nicht mehr mit dem ‘oder nicht’ ”

    .

     

  • Piranha
    Antworten
    PS:

    Es hat Jens Prien  “den Hut vor Ihnen gezogen”, Herr Kreutzer.

    Gleiches von mir: “chapeau”! Ein klasse Artikel!

  • Bettina
    Antworten
    Ich komme gerade in Fahrt. Mein obiger Kommentar war erst der Anfang.
    .
    Wissen Sie, welche Form der Analogie ich überhaupt nicht mag? Das ist unser analoger Müll, den wir anderen Ländern aufbürden. Der analoge Müll ist Ausdruck unserer analogen Konsumgesellschaft. Anstatt sich zu bescheiden, kaufen wir in Mengen, als ob morgen der Notstand ausbrechen würde. Wir sind eine unverantwortungsvolle Konsum- und Wegwerfgesellschaft geworden. Unser Konsumierverhalten lastet auf den Schultern der armen Länder, wo mitunter zu unmenschlichen Bedingungen produziert wird, damit diese Produkte, in den Industrieländern zu Schnäppchenpreisen gekauft werden können. Unser Konsumierverhalten lastet auf den Schultern der Umwelt, die das Ausbeuten unserer Erde zu unlauteren Bedingungen einfach nicht mehr verkraftet. Mit jedem Teil, das wir kaufen, wird irgendwo produziert und der Energieverbrauch klettert in die Höhe. Die Energieschleudern sind die Industrienationen. Die erhöhte Co2 Emission mit all ihren katastrophalen Auswirkungen auf das weltweite Klima ist die Folge des ungebremsten Konsumverhaltens.  Mit jedem Produkt, das wir kaufen, erhöhen sich die Müllberge. den Müll, den wir in unserem Land nicht mehr fassen können, laden wir dort ab, wo die produkte zu unmenschlichen bedingungen für uns produziert wurden, in den dritte welt Staaten. Konsumtourismus nennt man dieses unlautere Verfahren. Ich habe bilder gesehen, wo verarmte aftrikanische Kinder im Müll der Industrienationen spielen und sich dadurch schwere Krankheiten zuziehen. Würden all die Produkte, die wir hier kaufen, einer Energie- und Umweltsteuer unterliegen (eine Steuer, die die Prozesskosten- und Müllentsorgungsenergie in Rechnung stellt) , dann würde sich vielleicht endlich mal das Rad der unentwegten Massenproduktion verringern. Wir würden uns wundern, wie teuer plötzlich die Produkte wären, die in Billigländern produziert, über Meere geschippert, dreifach in Plastik verpackt, bei uns ankommen würden. Das ist nämlich der wahre Wert eines Produktes. Eine sinnvolle Steuer würde endlich unser gottloses Konsumverhalten eingrenzen!!!

    .

    Ich bin ein absoluter Gegener der Konsumtempel, auch Shopping- Malls genannt. Es gibt viele Gründe für mich, diese zu meiden, einer davon ist deren Zelebrieren und künstliches Aufrechterhalten unserer verantwortungslosen Konsum und Wegwerfgesellschaft. Wir sollten wieder lernen, so wie der Obdachlose auf der Straße, aus einem Koffer zu leben, den wir selber auf unserem Rücken tragen können. Das würde die Menschheit wieder zur Menschlichkeit führen.

    .
    Poema di Eugenio Garibay
    https://youtu.be/GUf2bFtI5KM

  • jens prien
    Antworten
    bei allem bemühen um den umweltschutz, was ja annerkung verdient,

    ist leider alles umsonst.

    solange der mensch am prinzip seines daseins vorbeilebt und nur danach trachtet noch mehr zu produzieren  ist alles bemühen umsonst.

    es wird vermehrt zu katastrophen kommen.

    für die wissenschaft ist der zusammenhang nicht zu erkennen.

    die natur wehrt sich un berechenbar.

    zitat döbereiner- der hund beisst auch mit der pfote wenn man auf diese getreten hat.

    l.g. jens

     

  • Volker
    Antworten

    Wir sollten wieder lernen, so wie der Obdachlose auf der Straße, aus einem Koffer zu leben, den wir selber auf unserem Rücken tragen können. Das würde die Menschheit wieder zur Menschlichkeit führen.

    Über Deine Auswürfe kann ich nur noch den Kopf schütteln. Frage einen Obdachlosen, ob er Deinen merkwürdigen Gedankengängen folgen kann; er würde Dir wahrscheinlich vor die Füße spucken und sich noch mehr ängstigen, vor dem, was Du als Menschlichkeitsfindung bezeichnest und hirnlos-brutal einfordern möchtest. Sorry, aber Du bist für mich so unglaubwürdig wie eine Sprechblase in einem Comic über Superman.
    Verkaufe Dein konsumbefreites Hab und Gut, suche Dir einen Koffer aus verkonsumierten Spermüll, versorge Dich bei der nächsten Kleiderkammer mit dem Notwendigsten, ziehe beseelt durch die Welt und rette sie von allem Übel. Viel Glück auf Deiner Reise zur konsumbefreiten Menschlichkeit!

    • jens prien
      Antworten
      man muss ja nicht gerade obdachlos werden, bei unseren temperaturen.

      an ein einfaches leben , befreit von konsumzwängen denke ich auch zuweilen.

      viele in meinem alter machen es doch.

      sie sind irgendwo im süden , meist wohl  mit  weniger        wohlstandsattributen

      als hier.

      meine frau hat das sagen.

      ich hätte schon lange allen besitz verkauft und wär weg.

      l.g. jens

       

    • Bettina
      Antworten
      Lieber Volker,

      .

      hätten wir gemeinsam an einem Tisch gesessen und gemeinsam über diesen Artikel von Egon W. Kreutzer gesprochen, hättest du den kern meiner Aussage wenigstens annähernd verstanden. Warum? Ich möchte es dir erklären. Wir sitzen hier in einem digitalen Raum, der sich HdS nennt. Du weißt über mich, mein Leben und meine Werteeinstellungen zum Leben ebenso wenig, wie ich über dich. In einem analogen Gespräch hättest du mehr von mir erfahren schon allein über meine Stimme, meine Gestik, meine Haltung und meine Augen beim Sprechen. All das hätte dir den Inhalt meiner Worte nähergebracht, als es dieser digitale Raum tut. Gleichzeitig hättest du eine Zwischenfrage stellen können, sodass wir in ein gemeinsames Gespräch im Fluss des Gebens und Nehmens (Sender und Empfänger) gekommen wären. Nun hat sich in dir, aufgrund der Digitalität des Austausches, stattdessen eine innere Verbitterung, vielleicht sogar Wut gegenüber mir gebildet. Aus der erzwungenen Reduzierung im digitalen Austausch heraus hast du meine Worte missverstanden, und so stehen deine anklagenden Worte nun nackt im Raum.

      .

      Für dich nur kurz zur Erläuterung: Mein mir derzeit zur Verfügung stehendes Hab und Gut passt in ein Zimmer, das spärlich möbliert ist. Weder das Bett, der Schreibtisch,  die Kommode, noch das Regal kann ich mein Eigen nennen. Ich wohne in einer “möblierten” Wohngemeinschaft. Doch ich lebe glücklich und zufrieden, ich vermisse meinen früheren Hausstand nicht, weil ich in einer sehr netten Wohngemeinschaft wohne, wo ein guter und offener Umgang miteinander ist, und weil ich andere Prioritäten im Leben habe, als Luxus und Konsumgüter. Die mir zur Verfügung stehenden Dinge zum Leben passen nicht in einen Koffer, aber es sind wesentlich weniger Gegenstände, als der Normalbürger i.d.R. besitzt.

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      Der Obdachlose mit dem Koffer war lediglich ein von mir gewähltes Bild. Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass das Leben eines Obdachlosen erstrebenswert sei, so etwas würde ich noch nicht einmal im Entferntesten denken. Ich habe lediglich zum Ausdruck gebracht, dass der Obdachlose, der gezwungen ist aus einem Koffer zu leben, wesentlich weniger konsumiert, als jeder andere Mensch. Auf das ökologische System betrachtet, verbraucht er wesentlich weniger Ressourcen (Konsumgüter und den damit verbundenen Energieverbrauch), als jeder andere Mensch. Auch gehört er nicht zur Wegwerfgesellschaft, denn er besitzt ja kaum etwas, was er wegwerfen kann. Ökologisch gesehen ist der Obdachlose ein Vorbild an Sparsamkeit. Eigentlich müsste er dafür täglich in Naturalien oder Bargeld auf die Hand dafür belohnt bekommen. Ich denke, mit dieser Erläuterung müsste dir mein Bild deutlich werden.

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      Ich habe den Link zum Gedicht von Eugenio Garibay bewusst in dem Zusammenhang gewählt, weil ich vor drei Jahren, auf meiner Pilgerwanderung auf dem Camino Frances plötzlich unvermittelt vor der mannshohen Tafel seines Gedichtes stand. Nach langen Wochen des Wanderns unter körperlichen Mühen und Strapazen in absoluter Reduktion und fern jeglicher Luxusgegenstände kontte ich das gedicht auf Anhibe vertshen und nachvollziehen. Das Gedicht ist ein Ausdruck von glücklich sein in Demut.

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      Die Reduktion im Leben bei gleichzeitiger Dankbarkeit gegenüber dem, was wir tagtäglich an schönen Dingen erfahren steht diametral gegenüber dem lustlosen Dauerkonsumenten, dem nicht einmal mehr der Konsumberg in der Shopping- Mall befriedigen kann.

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      Ich hoffe, meine Antwort verdeutlicht dir den Kern meiner Aussage.

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      Herzlichen Gruß,

      Bettina

      • Holdger Platta
        Antworten
        Liebe Bettina,

         

        nunja, manchmal retten auch die Möglichkeiten der “analogen Welt” nicht die Fehler, die einem im “digitalen Raum” unterlaufen sind. Volker hat Dir zwar scharf geantwortet, aber Deine Aussage,

         

        “Wir sollten wieder lernen, so wie der Obdachlose auf der Straße, aus einem Koffer zu leben, den wir selber auf unserem Rücken tragen können. Das würde die Menschheit wieder zur Menschlichkeit führen”,

         

        enthält doch genau das, was Du jetzt mit der Aussage,

         

        “Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass das Leben eines Obdachlosen erstrebenswert sei”

         

        in Abrede stellst. Dein “Sollen” geht sogar über die Behauptung, etwas sei “erstrebenswert”, weit hinaus. (In beiden Zitaten stammt die Hervorhebung mit Fettdruck von mir.) Anders: man sollte die Dummheit der eigenen Formulierung nicht aus der Welt ‘rausargumentieren’, indem man dem anderen ungenaues Lesen vorwirft.

         

        Ich denke, man sollte in der Lage sein, arge Formulierungsfehler, begangen von einem selber im “digitalen Raum”, auch einräumen zu können! (Sonst schwiege man dort besser!)  Innehalten, Sorgfalt, Sich-Zeit-Nehmen beim Formulieren eigener Gedanken könnten im übrigen ein zusätzlicher Schutz sein, der einen vor der Gedankenlosigkeit der eigenen Formulierungen bewahrt (= nicht identisch, jedenfalls nicht unbedingt, mit Gedankenlosigkeit im eigenen Kopf). An Volker gerichtet:

         

        Bettina hat’s tatsächlich nicht so gemeint, wie sie es geschrieben hat. Ich kenne sie persönlich, kenne ihre Hilfsbereitschaft, ihr Mitfühlenkönnen undundund. Sie hat also, das glaube ich zu wissen, ‘jenseits ihrer eigenen Mitmenschlichkeit formuliert’. Was ja anderen, nicht wahr, auch schon passiert sein soll, oder? Hinzufügen möchte ich: wir alle machen Fehler (ausdrücklich schließe ich mich in diese Aussage mit ein!). Wir erleichtern einander, Fehler einzugestehen, wenn wir dem anderen das Fehlermachendürfen zubilligen. Und der andere erleichtert einem das Verzeihen der Fehler, wenn der andere imstande ist, seine Fehler auch zugeben zu können.

         

        Mit herzlichen Grüßen an Euch beide also

        Holdger

        • Bettina
          Antworten
          Lieber Holdger,

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          Um meinen Kommentar zu verstehen, sollte man ihn im Zusammenhang lesen und nicht nur einen Ausschnitt rauspicken. Zugegeben, die Formulierung war von mir ungeschickt gewählt, doch im zweiten Gang habe ich Volker meine Formulierung erläutert. Ist das nicht genug? Der Kern meines Kommentares bezog sich doch auf etwas ganz anderes, als auf einen Obdachlosen!!!  Ich sage es nochmal, mit dem von mir gewählten Bild, wollte ich nie im Leben die Situation eines Obdachlosen positiv darstellen. Ich wollte dem Bild lediglich dem Zelebrieren von Konsumverhalten entgegensetzen und damit die krassen Gegensätze herausarbeiten.

          .

          Wie werden denn meine Ausarbeitungen der Zusammenhänge von Konsumverhalten, Energieverbrauch und Co2 Emissionen gesehen, sowie meine Darstellung der Zusammenhänge von Produktionsmaschinerie, Konsumverhalten und massenhafter Müllproduktion? Das waren doch die Themen, um die es mir ging. Das Gedicht von Eugenio Garibay habe ich bewusst in dem Zusammenhang gestellt.

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          Zu Volkers Antwort kann ich nur sagen, eine höfliche Rückfrage wäre angebrachter gewesen so, wie man es gewöhnlich im analogen Gespräch tut. Das hätte eine vernünftige Diskussion in Gang bringen können, aber so…

          .

          Liebe Piranha, ein analoges Rad ist für mich ein ganz gewöhnliches Fahrrad. Es ist analog, im Gegensatz zum digitalen Rad, mit dem die Geschwindigkeit gedreht wird. Analoger Müll ist der gewöhnliche Müll, unser Hausmüll. Wir können ihn sehen und riechen, wir können ihn „begreifen“, im Unterschied zum digitalen Datenmüll.
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          Herzlichen Gruß,

          Bettina

      • Piranha
        Antworten
        Hallo Bettina,

        weit davon entfernt, dich in irgendeiner Weise angehen zu wollen, will ich dir sagen:

        deine Einträge entbehren der Logik in einiger Hinsicht.

        Hier nur mal ein Definitionsangebot für den Begriff “analog”.

        “Analog” meint einen ähnlichen oder entsprechenden Gegenstand oder Sachverhalt als Bestandteil einer Analogie.”

        Ein “Analogpräparat” beispielsweise, ist ein synthetisch hergestelltes Pharmakon, das ähnlich im menschlichen Körper wirkt, wie ein natürlicher Stoff.

        Eine Analogie wäre auch: Bürger, die die CDU oder FDP wählen verhalten sich wie das Schwein, das seinen Metzger selbst wählt.

        Ich habe nicht verstanden, was in deinem Sinne nun ein “analoges Rad” oder was “analoger Müll” sein soll.

        Wir könnten lediglich eine Analogie herstellen zum Müll um uns herum, mit dem gedanklichen Müll, den so viele im Netz und anderswo verbreiten.

        Auch unser Telefon ist kein analoges Endgerät mehr, sondern längst digitalisiert.

        .

        Was Herr Kreutzer zu Beginn seines Artikels ausführt ist: das menschliche Gehirn verfügt über bestimmte Fähigkeiten; alles wird mittels unserer fünf Sinne aufgenommen und weiterverarbeitet und gespeichert. Unsere Umwelt begreifen und verstehen wir nur so. Die Kapazität ist begrenzt und unser Handeln verhält sich analog der gemachten/gelernten Fähigkeiten.

        .

        Den Widerspruch Volkers an deine Adresse kann ich nachvollziehen.

        Das wird jedem so gehen, der den kommenden Winter vor Augen hat – ob obdachlos oder mit spärlichen finanziellen Mitteln in eigener Wohnung.

        Ob er aber nun Verbitterung oder Wut empfindet, kann er natürlich nur selbst beantworten.

         

         

         

        Was ist für dich ein “analoges Rad”? Was entspricht einem Rad?

         

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