Jenseits von Ursache und Wirkung

 In HdS-Klassiker

Rembrandt: Der verlorene Sohn, Ausschnitt

„Du wirst es schon verdient“ haben, bekamen Schüler in gröberen Zeiten von ihren Eltern zu hören, wenn sie davon berichteten, dass ihr Lehrer sie geschlagen habe. Das Wörtchen „weil“ versieht oft jede noch so willkürliche Grausamkeit mit einem scheinbar guten Grund. Überhaupt ist es ein Kreuz mit der Kausalität, weil sie unseren Blick verengt, unseren Blick auf „Schuld“ und Vergangenheit lenkt, statt auf Potenziale und Zukunft. Dabei gibt es geistige Haltungen, die aus dieser rigiden „Weil“-Fixierung herausführen können. Eine davon ist unter dem Namen „Gnade“ bekannt. Enge Ordnungen behaupten einen unaufhebbaren Automatismus von Ursache und Wirkung, von Tat und Strafe. Weite Ordnungen heben diesen Automatismus auf – aus der Vollmacht einer höheren geistigen Freiheit. (Roland Rottenfußer)

„Ein Eis bekommt man nur, wenn man brav ist“, belehrte der Kabarettist Gerhard Polt seinen Filmsohn Heinz Rüdiger. Und Film-Ehefrau Gisela Schneeberger assistiert ihm: „Wenn man nicht brav ist, bekommt man kein Eis.“ Diese einfache Szene illustriert in kürzester Form das Prinzip von Ursache und Wirkung oder anders ausgedrückt: von Schuld und Strafe bzw. Verdienst Belohnung. Ich behaupte, dass das Polt-Prinzip nicht nur unserer Erziehungswesen und unserem Justizsystem zugrunde liegt, sondern auch den meisten spirituellen Systeme, sofern sie dazu dienen, ethische Grundregeln zu untermauern.

Neben dem Polt-Prinzip zitiere ich auch gern das ergänzende Spiderman-Prinzip. Im dritten Film des Mutanten-Spektakels um den Spinnenmann spricht in der Schlussszene eine belehrende Männerstimme aus dem Off zum Zuschauer: „Unsere Entscheidungen machen uns zu dem, was wir sind. Wir haben immer eine Wahl.“ Das ist es wohl, was die Filmemacher einem Millionenpublikum ans Herz legen wollten. Das Leben als Kette von Entscheidungen zwischen Gut und Böse. Jeder ist seines Glückes Schmied und der Schöpfer seiner ethischen Integrität. Gute sind gut, weil sie sich dazu entschieden haben. Böse dagegen sind selbst schuld. (Das englische Wort für „schuld“ ist „toblame“, was so viel heißt wie „beschimpfbar“). Wir legen Wert auf die Fiktion einer unbeschränkten Willensfreiheit, weil wir uns das lieb gewonnen Recht nicht nehmen lassen wollen, Fehlerhafte zu beschimpfen, Gestrauchelte schuldig zu sprechen. Polt-Prinzip und Spiderman-Prinzip ergänzen einander perfekt zum herrschenden geistigen Paradigma unserer Zeit, und zwar sowohl im weltlich-politischen Sektor als auch in der spirituell-therapeutischen „Ratgeberliteratur“.

Das Interesse vieler Menschen am Buddhismus, an Reinkarnationstherapie und anderen spirituellen Strömungen hat zu einem Popularitätsschub des Prinzips „Ursache und Wirkung“ geführt. Selbst eine buddhistische Zeitschrift heißt „Ursache und Wirkung“. Sie hätte ja auch statt dessen z.B. „Achtsamkeit und Mitgefühl“ heißen können, was andere Schwerpunkte gesetzt hätte. Fatal ist diese Weltanschauung, wenn man sie auf die Spitze treibt und die Menschlichkeit dabei auf der Strecke bleibt. Der Hinweis auf die Ursache entbindet den „Gerechten“ von jedem Mitgefühl für die Wirkung. Wird ein Leid wahrgenommen, bestimmt die Kategorie „verdient“ oder „unverdient“, wie stark ich mich für die Verminderung dieses Leidens engagiere. So startete ein populärer bayerischer Radiosender kürzlich eine Spendenaktion, bei der „unverdient in Not Geratenen“ geholfen werden sollte. Ohne den Zusatz „unverdient“, so meinte der Sender wohl, würde sich das Spendenaufkommen drastisch verringern.

Wer will schon einem „verdientermaßen“ Leidenden helfen? Mütter tun es zum Beispiel. Sie verarzten das aufgeschlagene Knie ihres Kindes, obwohl dieses sich die Verletzung durch Unachtsamkeit selbst zuzuschreiben hat. Besonders älteren Semestern ist aber aus ihrer Kindheit vielleicht auch folgender Ablauf bekannt: Sie haben sich von ihrem Lehrer eine Watschen eingefangen und beschweren sich bei den Eltern. Die reagieren gelassen: „Du wirst es schon verdient haben.“ Hätte der Vater im Gleichnis vom Verlorenen Sohn eine ähnliche Mentalität gehabt, so hätte er seinen Sohn an der Türschwelle fortgejagt: „Du hast nur bekommen, was du verdient hast.“ Gott, so scheint das Jesus-Gleichnis zu sagen, klagt nicht die Verfehlung an, sondern freut sich über die Rückkehr. Vielleicht auch weil er die Bedeutung des zielführenden Umwegs erkannt hat, des schmerzhaften Weges durch Irrtum und Schuld, der den Sohn auf eine höhere Stufe des Bewusstseins hebt. Daher auch eine gewisse Vorliebe des Vaters für den Heimkehrer, die den braven zweiten Sohn, der immer zu Hause geblieben ist, wurmt. War dieser zweite Sohn wirklich der bessere, oder hatte er nur um seiner Bequemlichkeit willen gescheut, sich der dunklen Seite der Lebenserfahrung zu stellen?

Man muss aber gar nicht Gott sein, um einem „selbstverschuldet“ Leidenden Mitgefühl zukommen zu lassen. So verarbeitete der damals drogenabhängige Konstantin Wecker in einem Gedicht folgende Erfahrung mit seinem Hund: „Fragt dich dein Hund, wenn du leidest, ob du aus eignem Verschulden in deinen Tränen erstickst? Traurig schleicht er um dich, immer sorgsam bedacht, dich nicht zu stören und dir die Wunden zu lecken. Wie aber freut er sich, ohne Lob zu erheischen, wenn du gesundest!“ Wer Kontakt mit Tieren hatte, wird dies bestätigen können. Der harte Satz „Du wirst es schon verdient haben“ ist wohl einem evolutionären „Fortschritt“ geschuldet und menschlicher „Intelligenz“ vorbehalten. Man hat aus diesem „Du wirst es schon verdient haben“ eine ganze Kultur der Schuldzuweisung, Überführung und Bestrafung (Staatsanwaltschaft, Strafverfolgung, Gefängnis) aufgebaut. So werden unter dem heuchlerischen Motto „Fördern und Fordern“ Hartz IV-Empfänger drangsaliert, Jugendliche wegen Drogendelikten zu Tausenden in den Knast geschickt und einer fortschreitenden Seelenzerstörung ausgeliefert.

Verbreitet ist auch die Auffassung von Karma als „Bankkonto“. So in dieser kurzen Beschreibung der hinduistischen Philosophie aus dem Internet: „Aufgrund der Identifikation mit dem neuen Körper kann sich das Lebewesen (jiva) an seinen vorherigen Körper nicht mehr erinnern, aber alle ‚Äußerlichkeiten’ sind durch die vorherigen Handlungen der Seele in einem anderen Körper verursacht worden. Diese ‚Ursache’ nennt man Karma (Tätigkeit). Karma ist keine willkürliche Strafe, sondern die Summe der Tätigkeiten des vorherigen Lebens. Karma ist mehr mit einem ‚Bankkonto’ zu vergleichen, das ständig zwischen Plus und Minus schwankt.“ Solche Aussagen werden in spirituellen Kreisen oft kritiklos angenommen. Sie leuchten vielen Menschen ein, weil sie dem „gesunden“ Gerechtigkeitsgefühl entgegenkommen. Wer aber möchte einem „Universum“ ausgeliefert sein, das mit Schuld und Unschuld kalkuliert wie eine Bank? Unser Zeitgeist ist ökonomistisch, das heißt, er wendet ökonomische Denkformen auch auf solche Lebensbereiche an, in denen die Wirtschaft eigentlich nichts zu suchen hat: auf Gesundheitswesen, Schulausbildung, Sexualität oder den Umgang mit natürlichen Ressourcen usw. Ist es da verwunderlich, dass sich auch ein neoliberaler Karmabegriff im spirituellen Kreisen ausbreitet? Die Ökonomisierung des Schuldprinzips ist in vollem Gang.

Meine Gedanken sollen nicht den Eindruck erwecken, als gäbe es Ursache und Wirkung gar nicht. Wir können an uns selbst erfahren, dass positive, liebevolle Signale, die wir aussenden, zurückbekommen, manchmal mit Zeitverzögerung. Dasselbe gilt natürlich auch für Botschaften des Hasses und der Aggression. Wenn wir etwas getan haben, was unserem eigenen Wertesystem widerspricht, kann es sein, dass wir Schuldgefühle entwickeln, die uns unterschwellig belasten. Viele inszenieren sich daraufhin unbewusst „Strafen“, sie boykottieren ihr eigenes Glücksverlangen in der Annahme, „so jemand“ habe ein erfülltes Leben gar nicht verdient. Diese Art von „Karma“ mag es geben. Das Ganze bleibt im „diesseitigen“, psychologisch nachvollziehbaren Bereich. Alles was „spätere Leben“ betrifft, ist nicht überprüfbare Spekulation, ebenso wie die christliche Lehre von Himmel und Hölle. Besonders problematisch wird es, wenn die Lehre von Ursache und Wirkung in Opferbeschimpfung ausartet. Auch wenn Ursache und Wirkung in einem begrenzten Bereich gelten (das Essen brennt an, weil wir die Herdplatte nicht rechtzeitig abgestellt haben), ist es ein schöner Gedanke, dass es einen inneren Raum geben könnte, der diese Denkkategorien übersteigt. „In jedem Wesen gibt es etwas, an das Schuld nicht hinreicht“, sagt Willigis Jäger. „Dort haben wir nichts falsch gemacht. Dort ist das ‚unentweihte Antlitz’ des Menschen, wie Gertrud von Le Fort sagt. Dort ist das ‚Antlitz vor unserer Geburt’, wie wir im Zen sagen. Dorthin kommt weder die Bosheit der Welt noch die eigene Schuld.“

Es gibt eine schöne Anekdote zum Thema „Schuld und Sühne“ aus der bekannten Schwarzweiß-Filmreihe „Don Camillo und Peppone“. Der Priester Don Camillo hat dem ungeliebten kommunistischen Bürgermeister Peppone einen Streich gespielt und ihm eine Flasche Rhizinus zum Trinken gegeben, was für diesen mit einem unangenehmen Daueraufenthalt auf der Toilette verbunden ist. „Jesus“, der die Gewohnheit hat, vom Kreuz herunter mit Don Camillo zu sprechen, ruft in diesem allerdings schon bald einen Wunsch nach Sühne wach. Zerknirscht trinkt Camillo selbst eine Flasche Rhizinus aus. Ist dies eine angemessene Form des „spirituellen Lernens“ oder lediglich ein kindlicher Versuch, Gerechtigkeit mit dem Holzhammer zu erzwingen? Ich sehe in dieser Szene ein Symbol für den herrschenden Selbstbestrafungswahn, die Unfähigkeit zur Gnade, die sich zuerst gegen sich selbst richtet. Es wäre besser gewesen, Don Camillo hätte sich bei Peppone entschuldigt und ihm eine Flasche Wein als Ausgleich geschenkt. Leid wird nicht aufgehoben, indem man es verdoppelt, sondern durch eine ausgleichende Freude, die man dem Geschädigten zukommen lässt. Die Exterroristin Silke Meier-Witt (RAF) hat als gerechten Ausgleich für ihre Taten nicht den Selbstmord gewählt. Stattdessen betreute sie vn 2000-2005 Waisenkinder im Kosovo.

Gnade ist immer ein Bezirk jenseits von Ursache und Wirkung. Die Macht dieses „Weltengesetzes“ ist im Gegensatz zu populäresoterischen Vorstellungen nicht allumfassend. Wir können uns der Gnade wieder nähern, wenn wir für einen Augenblick versuchen, uns in Denkformen jenseits von Ursache und Wirkung hinein zu versetzen. Das kleine Wörtchen „weil“, ein nützliches und viel gebrauchtes Wort der deutschen Sprache, erweist sich manchmal als fatal, weil (!) wir mit ihm Zusammenhänge herzustellen suchen, die vielleicht gar nicht bestehen. Manche leiten aus diesem Wörtchen „weil“ das Recht ab, andere zu verurteilen, sie respektlos und manchmal unfassbar grausam zu behandeln. Die Mutter schlägt ihren Sohn, weil er frech war. Der Mann schreit seine Frau an, weil sie einem anderen Mann zugelächelt hat. Ein Jugendlicher wird für Jahre unter erniedrigenden Umständen in eine Gefängniszelle gesperrt, weil er Drogen genommen hat. Irakische Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder, werden durch Bomben getötet, weil das Land, in dem sie leben, eine Gefahr für die westliche Welt darstellt. Muslime werden in amerikanischen Geheimgefängnissen gefoltert, weil sie möglicherweise Anschlagspläne von Terroristen verraten könnten. Stets wird in diesen Konstruktionen das Verhalten des Einen als Ursache, das eigene Verhalten als Wirkung interpretiert. So werden in Ländern, in denen die Sitte der Blutrache etabliert ist, ganze Landstriche teilweise entvölkert, und jeder diese Mörder drückte mit einem „weil“ auf den Lippen ab.

Streichen wir einmal versuchsweise dieses „weil“ aus unserem Wortschatz und ersetzen es durch ein „und“. Dadurch öffnen wir unsere Gedanken für andere Deutungsmöglichkeiten. Z.B. Die Mutter schlägt ihren Sohn, und er war frech. Die Ursache für diese Gewalttätigkeit könnte dann ebenso gut bei der Mutter liegen. Diese hatte – aus welchem Grund auch immer – einen Schlagimpuls. Vielleicht war sie schlecht gelaunt, und der Sohn erwischte sie „auf dem falschen Fuß“. Sehr viel für sich haben „systemische“ Deutungen, die davon ausgehen, dass mehrere Personen innerhalb eines Systems zusammenwirken, um ein Ereignis zu kreieren. Aber auch damit werden multiple Ursachen suggeriert, es gilt also ebenfalls das Prinzip von Ursache und Wirkung. Könnten wir uns nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass manche Dinge einfach geschehen, ohne einen klar nachvollziehbaren Grund? „Ohne Warum“, wie es Konstantin Wecker mit Bezug auf den Barockdichter Angelus Silesius nannte. Wenn das Wörtchen „weil“ nicht wär, wie sähe unsere Welt dann aus? Vielleicht lebenswerter, weniger auf Täterfahndung, Urteil und Strafe ausgerichtet. Das Leben würde weniger als „Schulmeister“ denn als offener Raum der Möglichkeiten angesehen, in dem sich Ereignisse durch uns (nicht wegen uns) vollziehen.

Kommentare
  • maria
    Antworten

    Katholisch aufgewachsen kenne ich die Wörter “Strafe” und “Hölle”.

    Wer keine Fehler macht, hat auch keine Möglichkeiten zu lernen.Niemand ist perfekt!

    An einer Wirkung kann man sich freuen oder es ist sinnvoll,rat- und heilsam, sein Verhalten zu hinterfragen und zu analysieren. 

    Im Hier und Jetzt habe ich die grosse Chance,mir auf die Schliche zu kommen.

    “Was uns an anderen mißfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen”Carl Gustav Jung

     

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