ABBA reloaded

 in FEATURED, Kultur, Roland Rottenfußer

Die Kultgruppe der 70er will mit einer Avatar-Tournee auch körperlich Unsterblichkeit erringen. ABBA – das schien für die meisten passé zu sein. Ein Comeback erschien ungefähr so aufregend, als würden sich die Bay City Rollers noch mal mit Rollatoren auf die Bühne schieben und „Bye Bye Baby“ intonieren. Aber ABBA sind anders, sie waren eigentlich nie weg. Über vier Jahrzehnte hielten sie nicht nur unverbesserliche Altfans in der Warteschleife, sie gewannen auch immer neue hinzu, angeregt unter anderem durch die „Mamma Mia“-Musicalfilme. Seit Herbst letzten Jahres zeigte sich: Die Band blieb zwar musikalisch konservativ, bot in ihrer neuen CD „Voyage“ eigentlich nur Hausmannskost – die eigentliche Sensation ist jedoch: ABBA sind die Zukunft.  Vielleicht wird man Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid in 100 Jahren weniger wegen des Millionsten Aufgusses von „Dancing Queen“ kennen, sondern für ihr innovatives Holo-Konzertevent, das seit Ende Mai in London aufgeführt wird. Dieses machte die Mitglieder nun auch körperlich unsterblich und ermöglicht, was lange undenkbar schien: die digitale Anwesenheit von Abwesenden. Ein Konzept, das sich schon wegen der immensen Profitaussichten bald überall durchsetzen dürfte. Roland Rottenfußer

 

„Ich bin nicht die, die du gekannt hast. Ich bin eine Kombination aus jetzt und damals. Und ich bitte dich um einen offenen Geist“.  In ABBAs Song „Don’t shut me down“, veröffentlicht im November 2021, bittet eine Frau ihren Exmann um einen Neuanfang. Sie bedient sich dabei eines erstaunlich technischen Vokabulars: „Hier siehst du mein anderes Ich, ich wurde wieder hochgeladen. Ich wurde abgefeuert. Fahr mich nicht runter!“ Als private Lovestory, in der Leadstimme gesungen von der heute 72-jährigen Agnetha Fältskog, funktioniert das Lied bestens. Fans hatten aber schon sehr rasch den Subtext entdeckt: „Don’t shut me down“ war eine Bitte an die Fans, den Bandmitgliedern eine zweite Chance zu geben, sie nicht vor die Tür zu weisen, weil sie gealtert sind und nicht genau dasselbe „liefern“ können wir früher.

Als am 02.09. 2021 im Internet zwei neue ABBA-Lieder veröffentlicht wurden, war der Eindruck auf die Fans ungeheuerlich. Sie hatten schließlich eine Weile auf diese besondere Erfahrung warten müssen: Das letzte Album der Gruppe, „The Visitors“, stammte von 1981, der letzte Song, „Under attack“, von 1982. Das sind Zeiträume, in denen selbst passionierte ABBA-Opas und -Omas das Warten aufgegeben hatten. Allenfalls eine kärgliche Resthoffnung glomm in den Herzen von ein paar Unermüdlichen. Ernsthaft wurde ein Comeback von ABBA 2018 angekündigt – und dann mehrfach verschoben, so dass man schon Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Unterfangens hegen konnte.

Haben sie es noch in sich?

Die Pop-Veteranen planten ein große Konzertreihe mit holografischen Projektionen ihrer jüngeren „Ichs“. Nur dafür seien die neuen Lieder komponiert worden, denn, so Benny Andersson, es sei doch gut, für eine neue Tournee ein paar neue Lieder zu haben. Zuvor hatten sich die Bandmitglieder an weiteren Großtaten uninteressiert gezeigt. Nach den Musicals „Chess“ und „Kristina fran Duvemala“, nach zwei „Mamma Mia“-Filmen mit mehr oder weniger sinnvoll aneinander gereihten Hit-Klassikern schien bei den Musik-Rentnern die Luft raus zu sein. Die Frage, die sich 2021 dann dennoch stellte, war dieselbe, die sich Sylvester Stallone als „Rocky Balboa“ 2006 gefallen lassen musste, als er mit 60 Jahren noch einmal vor der Kamera in den Boxring stieg: Können die das überhaupt noch – in dem Alter?

Vor allem der an ABBAs Musical-Schaffen erinnernde Song „I still have faith in you“ schien dann die Bedenken zu zerstreuen. Fridas warmherzigen Gesang und den hymnischen Chorus der charakteristisch miteinander verschmelzenden Frauenstimmen zu hören, schien auf viele „Altfans“ euphorisierend gewirkt zu haben. Das Lied ist eine Art Autobiografie von ABBA als Band. Die Mitglieder hätten nach all den Jahren noch Vertrauen zueinander, heißt es darin. Sie fragten sich selbstkritisch „Habe ich es in mir?“, um dann selbst die triumphale Antwort zu geben: „Wir stehen am Gipfel, demütig und dankbar, dass wir überlebt haben.“ Die Stimmung, die hier transportiert wird, ist das Gegenteil jener Karriere-Müdigkeit, die die Gruppe Anfang der 80er ausgestrahlt hatte.

Die „wieder hochgeladenen“ ABBA geben sich insgesamt optimistischer, als wollten sie sich mit einem positiven Schwanengesang von der Bühne verabschieden. „I still have faith in you“ lässt jedoch unter der Freude auch Melancholie durchscheinen. „Ich höre ein bittersüßes Lied in den Erinnerungen, die wir teilen.“ Diese Mischung aus fröhlichem Pop und „nordischer Melancholie“ ist typisch – schon seit „SOS“ und anderen Songs, die mittlerweile Evergreens sind. Die Gruppe schaffte immer wieder, was vielen anderen schwer zu fallen schien: ihre Hörer quasi mit Freudeschwingungen zu überfluten. Man denke etwa an „Dancing Queen“ und „Thank you for the music“. „I still have faith in you“ besitzt wieder etwas von diesem Geist. Man merkt dabei aber, dass der Triumph den Schattenseiten eines realen Lebens abgerungen ist – speziell eines Liebeslebens, das bei den Bandmitgliedern, die vor Jahrzehnten in Zweiergruppen miteinander verheiratet gewesen waren, nicht immer glatt verlief. Ihr berühmtester Herzschmerz-Song „The Winner takes it all“ zeugt davon.

Eine Reise in die Vergangenheit

Zwei Monate nach der Doppelveröffentlichung von „I still have faith in your“ und „Don’t shut me down“ brachten ABBA die CD „Voyage“ mit 10 Liedern heraus. Konnte diese Veröffentlichen alle Erwartungen erfüllen? Ja und nein. Sicher werden die Werke der Glanzzeiten des Pop-Quartetts, etwa „Arrival“ oder „The Album“, unübertroffen bleiben. Benny Andersson und Björn Ulvaeus zeigen mit dem neuen Liederreigen, dass sie nur schwer wieder in der Stilrichtung des gehobenen Pops Fuß fassen können. Drei Lieder wirken, als wären sie für imaginäre Musicalproduktionen geschrieben. Weitere drei sind vom Folk inspiriert, also jener Musik, die Benny über viel Jahre mit seiner Band Benny Andersson Orkester gepflegt hatte.  Es bleiben nur drei relativ „normale“: „Keep an eye on Dan“, „No doubt about it“ sowie „Don’t shut me down“, das dem Bild eines gelungenen ABBA-Hits „wie früher“ am ehesten entspricht.

Für Alt-ABBA-Hörer kommt diese Wiederauferstehung einer unverhofften Verjüngungskur gleich. Sie fühlen sich in eine Zeit zurückversetzt, in der nicht nur altersbedingt, sondern auch politisch vieles unkomplizierter – fast idyllisch – wirkte. Kein Corona, kein Krieg, jedoch eine dem Zeitgeist geschuldete Freiheitsliebe, die selbst populären Popgruppen ihren Stempel aufdrückte. So hieß es in der bekannten Ballade „Fernando“, die ja von einem mexikanischen Freiheitshelden handelte: „Ich konnte in deinen Augen sehen, wie stolz du warst, für die Freiheit in diesem Land zu kämpfen.“ Dagegen wurde „Ode to freedom“ aus dem aktuellen „Voyage“-Album den Erwartungen, die so mancher an ein Freiheitslied zu Corona-Zeiten gerichtet hatte, nicht gerecht. Für diesen Song dichtete Björn Ulvaeus eher verschwurbelt: Wenn er eine Ode an die Freiheit schriebe, könnten ihn einige wegen seines privilegierten Status mit Misstrauen beäugen.  Daher gebe es keine Ode an die Freiheit, die es wert wäre, sich an sie zu erinnern. Unmissverständliche Freiheitsliebe klingt anders.

Eine virtuelle Verjüngungskur

Auf andere Weise verjüngt zeigten sich Ende Mai die ABBA-Mitglieder selbst, die auf einer eigens dafür geschaffenen Bühne in London buchstäblich in alter Frische auftraten: als holografisch projizierte, jüngere Versionen ihrer selbst. Dem dürfte der Traum von ewiger Jugend, ja sogar von Unsterblichkeit zugrunde liegen. Denn selbst der Tod eines oder mehrerer ABBA-Stars wäre vermutlich nicht imstande, die Shows zu stoppen, die theoretisch noch Jahrhunderte später die dann nachwachsenden Fans erfreuen könnten. Gerade seitens der ABBA-Frauen dürfte Angst vor dem Alter dabei eine Rolle gespielt haben. Agnetha und Frida nämlich sollen es vor allem gewesen sein, die über 40 Jahre ein Comeback der Band verhindert hätten. Nur das Projekt der „ABBAtar“-Konzerte konnte die spröden Damen überhaupt dazu motivieren, sich wieder ins Studio zu bequemen. Dabei handelte es sich bei den Vorbereitungen zur Show nicht um ein Greisen-Schonprogramm. Frauen wie Männer mussten ja für die Konzerte jene juvenilen Bewegungen ausführen, die dann mit technischen Mitteln auf ihre Holo-Doppelgänger übertragen wurden. Eine Kostprobe davon kann man im Video zu „I still have faith in you“ bewundern.

Die Figur des Holopopstars wurde interessanterweise schon 2019 in der „Black Mirror“-Folge „Rachel, Jack und Ashley Too“ visionär vorweggenommen. Darin spielt Miley Cyrus die Pop-Diva-Ashley O, die mit den Jahren müde und ihres Star-Ruhmes überdrüssig geworden ist. Sie möchte sich nicht länger von ihrem Management gängeln lassen und strebt authentische Auftritte und Songs an. Das können ihre „Besitzer“ jedoch nicht zulassen, weil der Profit einzubrechen droht. Sie versetzen die Sängerin in ein künstliches Koma, um sie als Show-Hologramm wieder aufleben zu lassen. Der Vorteil diese „Lösung“: Eine virtuelle Sängerin kann nicht rumzicken. Vor Publikum schwärmt ihre Managerin: „Sie ist nie erschöpft, niemals krank, trifft immer den Ton und bringt immer Höchstleistungen“. In der Summe kann man also sagen, dass es im Zeitalter der Hologramme bald keine vernünftige Verwendung mehr für Menschen geben wird. Diese werden die Perfektion, die von ihren künstlichen Nachbildungen stets zuverlässig erreicht wird, nie erreichen können.

Wie etwa das Hologramm „Der Doktor“ aus der Serie „Star Trek: Voyager“ haben virtuelle Stars in doppelter Hinsicht kein Innenleben. Sie sind bloße Erscheinungen, in ihren Körpern gibt es keine Organe, die schmerzen oder erkranken könnten. Und auch keine Seele, die anfällig wäre für Stimmungsschwankungen – man denke etwa an Lampenfieber, Drogeneinfluss oder die Folgen privater Schicksalsschläge. Vor allem aber können die Abnutzungserscheinungen des Alters so auf smarte Weise „ausgeschaltet“ werden. Der menschliche Ausdruck wurde ja von den Original-Künstlern mit technischen Mitteln auf das Hologramm übertragen – eine Art Warmherzigkeitssimulation. Diese ist bei ABBA wenigstens insofern ehrlich, als jeder Zuschauer vorher weiß, dass das, was er sieht, nicht echt ist. Hologramm-Tourneen sind der Gipfelpunkt dessen, was schon lange „Show“ genannt wird. Es wird etwas gezeigt, aber eigentlich ist gar nichts da.

Deep Fake – Chancen und Gefahren

Es wird erwartet, dass ABBA damit Pioniere eines allgemeinen Trends sind, der in den nächsten Jahrzehnten die Bühnen überschwemmen dürfte. Wer sich die Technik leisten kann, wird lieber seine virtuellen Doppelgänger auftreten lassen, selbst wenn er noch putzmunter ist. Selbst tote Künstler könnten auf diese Weise zum Leben erweckt werden, sofern deren Rechtsnachfolger nicht Einspruch erheben. Wenn wir uns etwa ein holografisches Elvis-Konzert vorstellen, so müssten wohl begabte Imitatoren ran, auf deren Avatare die Physiognomie des „King“ übertragen würde. In letzter Konsequenz könnte man das Publikum sogar täuschen, indem man vorher gar nicht verrät, dass die Künstler auf der Bühne nicht „echt“ sind. Wir nähern uns damit dem „Deep Fake“ mit all den praktischen und ethischen Problemen, die mit dieser Technik verbunden sind.

Es gibt von „Don’t shut me down“ ein Deep Fake-Video, auf dem die Gesichter der Bandmitglieder mit ihrem aktuellen Aussehen das Lied singen. Dabei haben die Programmierer ein Foto als Grundlage genommen und die Münder und Augen beweglicher gemacht. Das Ganze wirkt noch etwas zu glatt und gleichzeitig holprig. Man kann sich aber gut vorstellen, dass mit einer verbesserten Technik eine perfekte Illusion erzeugt werden könnte. Man würde dann glauben, dass wirklich ABBA zu sehen sind. Die Deep Fake-Videos, die im Internet verfügbar sind, zeugen von einer fortgeschrittenen Technik, die es schon jetzt fast unmöglich macht, Illusion und Realität voneinander zu unterscheiden. Beispiele sind das Erscheinen der kurz zuvor verstorbenen Schauspielerin Carrie Fisher im Film „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ oder ein gut gemachter Fake, in dem Sylvester Stallone an Stelle von Arnold Schwarzenegger die Rolle des Terminators spielt. Schon jetzt gibt es für diese Technik gefährliche Anwendungsmöglichkeiten. So könnte man einem ausländischen Politiker Worte in den Mund legen, die dann zu einer kriegerischen Eskalation führen. Sie und ich könnten – ein entsprechendes Budget unseres Gegners vorausgesetzt – zu Opfern von Fake-Attacken werden, indem Avatare durch Nazi-Sprüche unseren Ruf für immer ruinieren.

Vorerst jedoch geht es nur um eine Spielerei: Nachgeborene Fans können zu ihrem Entzücken live erleben, wie ganz junge ABBA-Mitglieder „Waterloo“ intonieren. Vielleicht könnte man das Event dann noch so modifizieren, dass auch die Zuschauer Hologramme sind. Hygienische Probleme würden damit jedenfalls der Vergangenheit angehören. Und auch die nächste Pandemie könnte man so mühelos überstehen.

Showing 5 comments
  • Freiherr
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    ABBA – war von deren Beginn an und ist weiterhin FURCHTBARSTER genauestens pop-vermarktungsmäßig verkaufsmarktstrategisch gezielt zugeschnittener MIST –

    der bis heute sogar seines gleichen sucht.

    SCHLIMMSTES leeres Text-Geschwafel zudem, ein Frosch am Teich mit seinem *quaaak quaaak * bringt mehr tonalen Geist als diese unterirdisch-seichte Pfurztruppe.

    Aber – das war der musikalische Zeitgeist der derart Offenbarung an den blanken Nonsens forderte und genau das hatten diese Pop-Unkultur-Manager erkannt, gerade deswegen ja in germany so erfolgreich – man liebt diese Bubilein-Herzelein-Schunkel-Kack-o-Phononie.

    Volksverblödung auf höchstem Un-Niveau.

    Das Waterloo der Musik.

     

     

     

     

  • Prof. Björn Zuchini
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    Auf dem Foto, diese Dreiecke, im Hintergrund, haben die möglicherweise  irgendeine tiefere Bedeutung? Frage für eine Freundin. Sie raunte neulich etwas von irgendwelchen „Beleuchtern“, aber genau habe ich auch nicht verstanden, was sie meinte.  Höre grundsätzlich nur  12-Ton-Musik, John Cage und Grashalme; als Gegenmittel gegen Kulturindustrie , aber das ist streng geheim.-
  • Die A N N A loge
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    Wenn sich alles clonen und holographisch verändern ließe, woran könnten wir dann noch unterscheiden zwischen Realität und Fiktion? Würde dann der Mann, dem ich in die Augen schaue der, den ich sehe, auch sein?

    Ich hoffe, dass die Grenzen zwischen Sein und Wunschbild nicht aufweichen und unser viel gepriesener digitaler Feldzug dieses Etappenziel nicht schafft.

    https://youtu.be/RxabLA7UQ9k

  • Volker
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    Da wundert mich gar nichts mehr. Obwohl das Konzept gewisse Vorteile schon beinhaltet, beispielsweise Steuerflucht nach digitaler Reinkarnation.
    Wer will eine verstorbene Band schon zur Kasse bitten, die eh nur noch aus Avatars bestand und nun herumgeistern möchte.
    So einfach geht dies nun nicht, ohne einem skandalösen Anfangsverdacht nachzugehen und nach möglichen Verbindungen zu suchen die es am Ende gar nicht gibt, geben kann und darf, weil: Erinnerungslücken nach Lockdowns, aufgrund gewisser, wellenartiger Infizierungen.
    Frag Olaf, er weiß, wie es geht, als Kanzler vermögender Herzen, mit der Gabe des Vergessens dazu noch ausgestattet.

    weia …

  • Thomas
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    ich behalte sie so in erinnerung wie sie waren und tue mir diesen technischen Fake nicht an.

     

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