Alles muss raus!

 in Ludwig Schumann

Schlussverkauf der Demokratie und der Menschlichkeit. Wir haben uns daran gewöhnt, Ertrunkene im Mittelmeer ohne unnütze Gefühlsaufwallung zur Kenntnis zu nehmen, solange ihre Körper nicht direkt vor unseren Füßen angeschwemmt werden, während wir gerade Coctail schlürfend an der Strandbar sitzen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es im Land Menschengruppen mit reduzierter Menschenwürde gibt, „Prekäre“ genannt. Wir haben uns an Umverteilung von unten nach oben gewöhnt, an Rechte in den Parlamenten und an die Kumpanei scheinbar unabwählbarer schlechter Hirten mit den Händlern im Tempel. Endlich aber formiert sich Wut im Volk: nicht gegen die Täter oben, sondern gegen die Opfer noch weiter unten… Bitteres, mitfühlendes und rhetorisch dichtes Zeitporträt von Ludwig Schumann.

24 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt wählten in diesem Jahr eine Partei, die erstaunlich schnell im Parteienalltag angekommen ist: Richtungskämpfe, Machtkämpfe. Die Partei als Selbstzweck, als Profilierungsinstrument… Das alte Problem, wenn der Vorschuss zu hoch ausfällt. Ich denke, heute würde das Nobelpreiskomitee nicht mehr auf die Idee kommen, Herrn Obama den Friedensnobelpreis zu verleihen. Und die Vorschusslorbeeren für eine Partei ohne Wahlprogramm würden möglicherweise heute auch geringfügiger ausfallen als im März, als die Hoffnungsträger noch so jungfräulich rein erschienen und es schien, als stünden die Parteianführer noch sämtlich ohne Pinocchio-Nasen da, um mal mit Frau Petry zu sprechen.

Wenn ich die Analysen in den einschlägigen Zeitungen lese, wurden die Schuldigen je nach politischem Lager schnell ausgemacht. Beunruhigend ist, dass sich grundsätzlich nichts an Diktion und Gesellschaftsideen geändert hat seither. Wobei das natürlich nicht stimmt. Unsere Kanzlerin hat nach ihrem Kurzausflug in die Menschlichkeit und unter dem Druck der östlichen Mauer-Wiedererrichter (ich wusste doch, dass sich die Ungarn 1989 lediglich vergriffen hatten) zur alten Politik wieder gefunden: Um die Grenzen abzuschotten, werden Verträge mit jedem Verbrecher geschlossen, der uns für Geld die Flüchtlinge vom Leib hält. Wer nun nicht mehr über die Balkanroute kommt, kann sich kostengünstig im Mittelmeer entsorgen lassen. Was uns vor zwei jähren aufschreckte, nehmen wir heute wohlwollend zur Kenntnis: Ah, wieder 200 Leute ertrunken? Wie sagte doch Margot Honecker? Jeder, der über die Mauer flüchten wollte, wusste doch, was ihn erwartete…

Aber bitte, dass sich die Kanzlerin in dieser Ecke wieder findet, ist ihr nur insofern anzulasten, als sie nicht den Schneid hatte, nach dem wunderbar-trotzigen Halbsatz, dass das dann nicht mehr ihr Volks sei, zu gehen. Erhobenen Hauptes. Es ist auch nicht allein ihre Partei, die sie im Stich ließ. Spanien ist in diesem Jahr das Haupturlaubsland der Deutschen. Man möchte ja nicht morgens am Strand über angeschwemmte schwarze Körper stolpern, wie einem das an italienischen oder griechischen Küsten passieren kann. Haben Sie in diesem Jahr schon mehr als ein Achselzucken über den Anstieg der Zahl der Mittelmeertoten vernommen? Die wissen doch, dass das Meer dazwischen liegt.

Erinnern Sie sich noch der alten Science-Fiction-Romane? Konsens dieser Romane damals war, dass die Arbeit natürlich von Robotern erledigt wurde, die zugleich auch angenehme Lebensbedingungen für den Rest der Bevölkerung schufen. Ich gebe zu, das war, als ich vierzehn war, auch mein Bild von der Zukunft. Wozu sollten Roboter erfunden werden, wenn sie nicht den Menschen ein würdevolles Leben ermöglichten?

Dann ersoff der Sowjetstern im Wodka und die Thinktanks des Neoliberalismus öffneten sich, die Büchse der Pandora. Die ungehemmte Umverteilung des Geldes nach oben nahm Fahrt auf, wurde schließlich zur ungebremsten Umverteilung. Die Arbeit, das Kapital der weniger Betuchten, verlor rapide an Wert. Damit auch das Ansehen, die Würde der weniger Betuchten, die zum Prekariat umbenannt wurden. Precari sind die, die etwas flehentlich erbitten. Mit anderen Worten, die ihre Würde im Pfandleihhaus versetzen, um über den nächsten Tag zu kommen. Die, die mit der Unsicherheit leben müssen. Ja, der Neoliberalismus hat bald auch seine eigene Sprache herausgebildet, um die Unterschiede zu zementieren. Und es ist eine sehr genau beschreibende Sprache. Mit vereinten Kräften wird die Gesellschaft ausgeplündert: Die Bankenkrise machte es erstmalig offenbar: Gewinne werden privat auf die Seite geschafft, Verluste werden vergesellschaftet, mit anderen Worten, die Precari kommen auch für die Verluste auf, nicht nur für ihre eigenen, auch für die der Zocker.

Rentenerhöhungen werden mit großem Getöse angekündigt. Wenige Prozent werden aufgejubelt zu Jahrhundertgaben, wobei die Presse sofort vorrechnet, wieviele Milliarden da für die Alten verschleudert werden, die jeder für sich ein paar Euro mehr auf der Kasse finden, aufgrund der Riesensumme aber über das geforderte schlechte Gewissen in tiefe Dankbarkeit gegenüber den Politikern, die das trotzdem durchgedrückt haben, gestürzt werden sollen. Das funktioniert ähnlich, wie die AfD gellend gegen den Islam zu Felde zieht, um zu überdecken, dass hinter ihrem Islamgeschrei nicht gehört wird, dass man die Ausplünderung der Bevölkerung auf neoliberalistischem Weg (Herr Meuthen) fortsetzen will, während Frau Petry über die Erhöhung von Steuern nachdenkt, um die Mauer um Deutschland finanzieren zu können.

Was offenbar geworden ist: Die Armee der Geprellten sammelt sich. Und ist es für die Politik nicht bequemer, dass die Geprellten sich ihre Opfer unter denen suchen, die sie auf der Treppe unter sich vermuten, die Andersgeschlechtlichen, die Andersgläubigen, die Flüchtlinge. Wer nach unten tritt, stellt nach oben keine Fragen.
Jakob Augstein, so las der langsame Leser kürzlich, zitierte Nikolai Bucharin mit dessen Erkenntnis: „Die Demokratie ist die Staatsform des Bürgertums, wenn es keine Angst hat. Der Faschismus, wenn es Angst hat.“ Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das Bürgertum Angst hat, zumindest der prekäre Teil des Bürgertums, wie der Intelligenz auch. Die, die meinen, dass sie nicht auf der Karrierestufe stehen, die ihnen eigentlich zustehe. Das kann unter Umständen schon auch mal auf einen Islamwissenschaftler zutreffen.

Der Neoliberalismus hat in seinen Auswirkungen das geschafft, wovor andere schon seit Jahren warnen, ungehört von der Politik, die sich mit den Geldumschefflern gemein macht, mühsam dieses kaschierend durch milde Liebesgaben wie eben in diesen Tagen die Rente. Renter, ehe ihr dieses unrechtmäßig euch gegebene Geld verfresst, denkt an die Jugend, die dafür zahlen muss, dass euch der eine Bissen, den ihr jetzt mehr bezahlen könnt, auch im Halse stecken bleibe. Das sei zynisch? Da treffen Sie wieder den Falschen. Die Zyniker sitzen anderswo. Die verspielen gerade die Reste an Demokratie. Sie wissen doch: Alles muss raus!

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