Der gelungene Auftakt

 in FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik

Startschuss bei den Olympischen Spielen 1904

Ist die Impfpflicht der Endpunkt einer Eskalation, die 2020 mit „kleinen“ Pflichten und Verboten angefangen hatte? Oder ist sie erst der Anfang? Welche Logik trägt eine derartige Politik? Mit welchen Verkaufsargumenten soll sie an uns herangetragen werden? Und wie kommen wir aus all dem wieder raus? Hierzu trägt unser Autor Doktor Murke gesammelte Einsichten vor.

 

Es wird schon von einem Startschuss gesprochen. Genauer gesagt, von einem „Auftakt für weitere Impfpflichten“. Diese frohe Kunde trug der ORF, Bollwerk unabhängiger und kritischer Berichterstattung, hinaus in die Welt. Und sie stammt – man höre und staune – aus den Reihen einer Bioethikkommission.

Der offensichtliche Auftakt für diesen Auftakt scheint vergessen: Die politische Flucht nach vorn, denn nur mit der Impfpflicht im Gepäck  ließ sich der unpopuläre generelle Lockdown auch an „die Guten“ verkaufen. Man hatte ja schon im Sommer voreilig das Pandemieende für die Geimpften verkündet und sie in eine sorglose Freiheit entsendet – moralisch über alle Zweifel gestellt und mit medizinischer Expertise gesegnet, indem man nicht müde wurde zu betonen, sie hätten „alles, aber auch wirklich alles richtig gemacht“.

Im Umkehrschluss wurde eindeutig geklärt und omnipräsent kommuniziert, wer die unverantwortliche Verantwortung trägt und eine ganze Nation in Angst und Geiselhaft hält. Ein klar definierter Sündenbock, dessen universelles Schuldmonopol die perfekte
Grundlage vieler Maßnahmen ist, auch solcher, die man „eigentlich nie wollte“. Ein Feind, dem man auch die Folgen der eigenen Versäumnisse umhängen kann.

Jemand hat einmal gesagt, eine Gesellschaft misst man daran, wie sie mit ihren Feinden umgeht, nicht mit ihren Freunden.  Dass mit dieser medialen Pauschalformatierung in richtig/falsch, gut/böse, unschuldig/schuldig überhaupt ein „Feindbild“ installiert wurde, ist schon bedenklich genug.

Gleichzeitig genießt eine genbasierte Technologie, die sich noch im Stadium der Auswertung befindet, bereits den Nimbus der ultimativen Wahrheit.

Offenbar muss an diesen Dogmen festgehalten werden, denn mit ihnen steht und fällt die Argumentation für die Impfpflicht. Auch wenn dafür kritisches Hinterfragen, sachlicher Diskurs, demokratische Grundwerte und sorgfältige medizinische Abwägungen auf dem Altar eines eindimensionalen Heilsversprechen geopfert werden.

Somit bleiben auf dieser politischen Einbahn alle Ampeln auf Grün geschaltet. Man fährt einfach weiter, obwohl sich am Horizont schon eine Art Sackgasse abzeichnet und man auf den Nebenstraßen links und rechts überholt wird.

Im klar begrenzten Scheinwerferlicht einer besonders eindeutigen Berichterstattung – soviel Pro wie nur möglich, Kontra nur wenn absolut nicht vermeidbar – geht es vorbei an allen Abzweigungen und Ausfahrten. Sollten Fakten Einspruch erheben, kann man immer noch passende Rückschlüsse ziehen. Im Radio laufen Nachrichten in Form neutraler und informativer Corporate Communication.

„Danke, dass Sie sich freiwillig für den neuen Dreifachsicherheitsgurt entschieden haben. Dieser Solidarakt ist Ihr Ticket zu Freiheit und Teilnahme am öffentlichen Leben. Natürlich unter Vorbehalt und zu unseren Bedingungen. Dafür genießen Sie denselben Vollimmunschutz wie bei früheren erfolgreichen Impfungen. Machen Sie sich keine Gedanken oder gar Sorgen, diese Straße ist absolut sicher. Fahren Sie auf keinen Fall irgendwo in’s Abseits und bleiben Sie bitte nicht stehen. Ignorieren Sie einfach die Stoppschilder, mit denen eine Handvoll hysterischer Querulanten und ehemalige Ärzte am Straßenrand herumfuchteln. Gute Fahrt und willkommen in der
neuen Normalität.“

Aber nur einmal angenommen, es stellen sich alle medizinischen, politischen und verfassungsrechtlichen Bedenken tatsächlich als unbegründet heraus. Es bleibt schon jetzt ein gewaltiger gesellschaftlicher Kollateralschaden. Passt das in’s Bild eines
gelungenen Auftakts?

Wenn derselbe ORF, der sich mit der „Neuen Initiative für mehr Zusammenhalt“ als Fugenkleber der von ihm selbst gepflegten Risse ausruft, kein Gehalt mehr an seine ungeimpften Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zahlen möchte … bewegt man sich da noch in einem allgemein gültigen Werterahmen?

Wo liegen die Grenzen zwischen Motivation und Erpressung, zwischen Solidarität und Diskriminierung? Fiel man mit dem ebenso voreilig wie leichtsinnig ausgerufenen
Pandemieende für Geimpfte und der damit offenbar irreparabel verankerten „Pandemie der Ungeimpften“ einer Art Betriebsblindheit anheim, die jede umsichtige Selbstreflektion blockiert?

Wäre es nicht sinnvoll, wenigstens den VfGH abzuwarten, bevor man von einem „Startschuss“ spricht? Immerhin ist eine nachträgliche Aufhebung kein völlig unrealistisches Szenario, auch wenn man derartige Einschätzungen ausblendet. Es könnte allerdings doch ein gelungener Auftakt werden, und zwar als Startschuss zum Umdenken auf vielen Ebenen: Das Medizinische muss dringend vom Politischen und
Wirtschaftlichen getrennt werden. Vertrauen schafft man nur mit einem offenen, sachlichen und unaufgeregten Diskurs sowie einer unabhängigen, ausgewogenen, neutralen und kritischen Berichterstattung. Eine Krise darf keine Gewinner und Verlierer generieren. Werte wie Solidarität, Empathie, Respekt, Rücksicht und Verantwortung müssen persönliche Tugenden bleiben. Sie dürfen keinesfalls nach nur einem einzigen Parameter wie ein Orden pauschal verliehen oder abgesprochen werden. Das Ergebnis dieser Zuordnung lässt sich deutlich an der allgemeinen Stimmungslage ablesen und wäre durchaus ein interessantes Thema für eine Einschätzung aus ethischer Sicht.

Vielen Dank für Ihre Zeit und alles Gute, mit respektvollen und zuversichtlichen Grüßen,

Doktor Murke

Showing 2 comments
  • Prof. h.c. . Blumengarten
    Antworten
    Ich denke, Prof. Murke stellt möglicherweise berechtigte Fragen, sie scheinen mir persönlich durch die aktuellen Zeitläufte legitimiert. Oder täusche ich mich? Sind wir nicht alle des Irrtums wohfeil? Ich möchte mit meinen Reflexionen auch niemandem zu nahe treten! Möglicherweise passt das nicht ins Bild eines gelungenen Auftaktes? Man könnte derartige Überlegungen einer näheren Untersuchung aus ethischer Sicht unterziehen!
  • Sonja H_2_O
    Antworten
    Pandemische Elegie (Februar 2022)

    Zwei Jahre ohne Museum, Konzert oder Ausstellung

    müssen mal gehen, die Einschränkungen

    sind epidemiologisch geboten,

    besonders für Ungeimpfte, auch weiterhin.

    Die Online-Angebote stehen doch allen offen.

    Wir sind eine Demokratie,

    wo sind denn die Impf-Kommandos.

    Von einem Impfzwang wird abgesehen.

    Bitte teilen Sie uns

    Ihre Wohfläche mit,

    für eine Neuberechnung.

    Es soll gerechter werden.

    „Mehreinnahmen sind nicht beabsichtigt!“

    sagte der Pressesprecher.

    Der Nachbar fordert die Gemeinde auf, der

    Verkehrsicherungspflicht

    nachzukommen und die alten Bäume zu fällen,

    sie gefährden ihn, und die Insekten,

    die in den Zweigen nisten,

    stellen ein Gesundheitsisiko dar.

    Eine gesellige Runde beim Italiener

    muss doch nicht sein, für Ungeimpfte.

    Eine Dose Ravioli tut es doch auch

    und Herr Habeck lächelt so nett,

    er schrieb auch ein Vorwort

    zu „1984“.

    Wenn Sie ans Meer möchten,

    teilen Sie uns bitte zunächst

    Ihren Impfstatus mit, reichen Sie einen formlosen Antrag ein,

    stellen Sie beim Betreten der Amtsräume sicher,

    dass Ihre FFP-2 Maske sitzt.

    Bitte bleiben Sie gesund

    und vertrauen Sie auch weiterhin

    nur den Qualitätsmedien.

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