Der Hüter der Kasse

 in FEATURED, Monika Herz, Politik (Inland), Wirtschaft

Bildquelle: https://die-wikinger-taverne.com

Will Christian Lindner ein guter Finanzminister werden, muss er Geld ausgeben, wo es den Menschen hilft, und Geld zurückhalten, wo es nur Zerstörung anrichten würde. Er sieht ja nicht nur blendend aus, er kann auch sehr gut deutsch. „Digital first, Bedenken second“ hieß Christian Lindners Wahlkampfslogan 2017. Auch für die Freiheit war der FDP-Vorsitzende früher mal. Die älteren von uns erinnern sich vielleicht noch an diesen stark aus der Mode gekommen Wert: Freiheit. Ist eigentlich auch Teil des Parteinamens. Nun ist Christian Lindner Finanzminister. Und ohne den guten Rat engagierter Bürgerinnen und Bürger, so ist zu befürchten, wird er wieder alles falsch machen. Das Falsche finanzieren und die wirklich hilfreichen Projekte finanziell austrocknen. Aufrüstung zum Beispiel. Es sollte doch nicht so schwer sein, darauf zu kommen, dass die nur Schaden anrichten kann. Statt dessen sollte sich der Hüter der Kassen auf eine Idee besinnen, von der viele glauben, dass sie – wie die Freiheit – von gestern ist: Komplementärwährungen zum Beispiel, die das Geld in der Region halten und ein Rettungsboot sein könnten, wenn der große globale Finanztanker absäuft. Ihre Amtszeit startet unter keinen guten Vorzeichen, Herr Lindner. Und trotzdem besteht eine kleine Chance, dass etwas Großes daraus werden kann. Vorausgesetzt, Sie hören auf die Autorin. Monika Herz

 

Sehr geehrter Herr Finanzminister,

wahrscheinlich wird es ja ab Mitte Dezember heißen müssen:

Sehr geehrter Herr Christian Lindner der 14.,

entschuldigen Sie bitte, dass ich mir den Spaß gemacht habe, mit der Nummer 14 hintendran. Damit ist natürlich keine irgendwie geartete Nähe zu Seiner Heiligkeit dem 14. Dalai Lama gemeint. Sie sind der 14. Parteivorsitzende der Freien Demokratischen Partei, und der Dalai Lama ist eben der 14. Lama (Meister) einer Linie von „ozeangleichen Lehrern“, deren Wirkung in der Welt sehr tief und sehr weit ist. Wie der Ozean eben.

Nun wünschte ich dergleichen von Ihnen auch, das wäre ja schön. Ob man wohl als junger Finanzminister von Deutschland auch so eine tiefe und weite Welle erzeugen kann? Darüber wollte ich gerne mit Ihnen sprechen.

Ich beschäftige mich ja schon länger mit Finanzfragen. Weil ich schon sehr früh das vielgeschmähte Bauchgefühl hatte: Da stimmt was nicht! Früher meinte ich immer, der Zins sei das Übel allen Übels. Inzwischen bin ich der Meinung, wenn mit Zins gemeint ist, dass die Dienstleistungen der Banken damit honoriert werden, dann erhebe ich dagegen keine Einwände. Nur über die Höhe ließe sich streiten. 2 % höchstens, würde ich sagen. Und darüber, wer die zahlen muss und wer nicht. Darüber könnte man auch streiten. Oder sprechen halt, man muss ja nicht immer streiten, so wie in diesen schrecklichen Talkshows.

Irgendwann habe ich aufgehört, mich mit Politik – gar mit Finanzpolitik – zu beschäftigen, das war etwa um 2012 herum. Die gut dokumentierte Bürgerbewegung der Alternativ-Währungen war damals kolossal gescheitert. Und das, obwohl überall in der Republik Not-Geld eingeführt worden war: Das Regio-Geld: der unsterbliche Chiemgauer, der kauzige Ammerlech-Taler und das künstlerbunte Rheingold und wie sie alle hießen. Wunderbare Studien, von Hochschulen begleitet – in welchen Schubladen sind die eigentlich verschwunden?

Könnten Sie bitte mal in den Schubladen Ihres niegelnagelneuen Schreibtisches nachschauen, ob Sie da was finden können. Vielen Dank. Vielleicht war die Mühe der freien Bürger und Bürgerinnen ja doch nicht umsonst gewesen, damals.

Politik ist irgendwie ähnlich einer langsamen Schnecke (mit einem Haus auf dem Rücken, wo so eine herrliche Spirale eingebaut ist). Bis „die da oben“ in der Politik was machen, derweil verrecken wir hier unten an einem Schlamassel sondergleichen…

Haben Sie diese Worte soeben gehört? Sie stammen nicht von mir. Sie wurden mir eingegeben. Tut mir leid, wenn sie dadurch berührt wurden. Wenn nicht, lesen Sie den Satz bitte ein zweites Mal.

Egal. Eigentlich wollte ich Sie einfach nur bitten, mir zu helfen.

Ich bin Autorin, bisher habe ich 11 Bücher geschrieben. Mein 12. Buch könnte so ein Briefwechsel sein. „Die Bürgerin und der Finanzminister“ könnte der Arbeitstitel lauten. Oder „Gespräche mit der Macht“. Aber dies nur nebenbei.

Es wäre ja spannend, wenn Sie mir auch antworten würden. Aber dazu müsste mein Brief erst einmal zu Ihnen durchdringen. Wir werden sehen.

Also es geht darum: Eine junge Frau, die sich im Schreiben von Theatertexten übt, hat mich um eine Rückmeldung gebeten. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Begriff „Giralgeld“ nicht so ganz geläufig ist. Im Verlauf des Stückes behauptet ein „B“ ständig, dass ein Anderer ihm etwas schuldet. Und zwar Giral-Geld. Oder Schuld-Geld. Solche Worte tauchen da auf. Wenn ich mich recht entsinne. Da möchte ich Sie um eine Erklärung bitten. Wer, wenn nicht Sie, könnte besser erklären, wo dieses Schuld- oder Giral-Geld eigentlich herkommt. Ich persönlich hätte ja lieber ein Geschenk-Geld als ein Schuld-Geld. Aber dies nur nebenher.

Ich lese Ihnen jetzt mal den Prolog der jungen Dame vor. Ich finde allein den schon geradezu göttlich! Die junge Frau hat echt was auf dem Kasten.

Hören Sie gut zu.

Ja, natürlich hat jeder einen anderen Geschmack, wenn es um Kunst geht.

 

Bei politischen Entscheidungen geht es um Macht.

Macht kommt von „machen“.

Fast jede Entscheidung ist politisch.

Was machst du?

Was isst du?

Was ziehst du an?

Was machst du mit anderen Menschen?

Was machst du mit dir selbst?

Nutzt du deine Macht für oder gegen dich selbst und andere.

 

Die junge Frau, ich glaube sie ist noch nicht einmal 30, stellt wirklich tiefsinnige Fragen. Finden Sie nicht auch? Jede dieser Fragen kann man sich selber jeden Tag immer wieder stellen. Aber gut wär schon, wenn zum Beispiel das neue Lieferkettengesetz nachgebessert und auch umgesetzt wird. Ich glaube zwar schon, dass das gar nicht so einfach ist. Aber was man will, das kann man auch schaffen. Meistens jedenfalls. Wenn die Not sehr groß ist, dann kommt auch Hilfe herbei geeilt. Meistens. Man muss nur warten können. Und nicht aufgeben. Zwischendurch soll man auch mal ruhen…

Was das Lieferkettengesetz mit Ihnen als Finanzminister zu tun hat? Keine Ahnung. Könnte ja sein, dass der Finanzminister nicht nur der oberste Buchhalter ist, sondern auch ein Gestalter. Der Hüter der Kasse! Ah! Der Hüter der Kasse! Das Wort gefällt mir! Wir als Staat kaufen und verkaufen nur noch nach ganz besonderen Merkmalen. Zum Beispiel fragen wir nach: Ökologisch nachhaltig? Fairtrade? Menschenwürde? Kinderarbeit? Kriegstreiberei? So Zeug halt. Sie wissen schon, was ich meine.

Also wenn ich Hüterin der Kasse wäre, ich wäre da rigoros! Beispiel: Waffen verkaufen. Nach Saudi-Arabien? Nie im Leben, auch nicht über Umwege! Ich bin doch nicht blöd! Wenn „die Anderen“ (in dem Fall die Familie Saud) Waffen haben, dann könnten die Sauds diese eines Tages auch gegen mich selber einsetzen. Um mich davor zu schützen, und damit ich weiter Waffen verkaufen kann, muss ich mir selber auch Waffen kaufen. Ein geschlossener Kreislauf.

Wem dient das? Also mir als Bürgerin gewiss nicht. Hab ich da was davon? Außer Kriegsgefahr und wenn’s blöd läuft auch richtigem Krieg gar nichts. Und Flüchtlinge kommen von dort, wo der Krieg schon ausgebrochen ist, so dass ich dann schauen muss, wie ich die unterbringen kann und versorgen. Ich hab rein gar nichts davon. Nicht dass ich wüsste.

Falls Sie sich also bei mir beliebt machen möchten, sperren Sie die Kasse zu, wenn es um Waffen-Ein-und Verkäufe geht. Das ist jetzt nur ein Beispiel. Oder wenn es um zukünftige Kriegs-Einsätze gehn. Geldhahn zudrehen, bitte! Und dann als nächstes die Bürgerinnen und Bürger fragen. Hätte „die Politik“ damals schon auf Volkes Stimme gehört, hätte es vermutlich keinen Krieg gegeben. Wir waren mit einer großen Mehrheit dagegen. Und die Menschen in Afghanistan wären wahrscheinlich auch dagegen gewesen.

Ich bin eingefleischte Pazifistin! Ich pfeife auf Krieg. Will ich nicht und brauch ich nicht! Weder hier noch anderswo! Und Sie als Finanzminister könnten da was bewirken! Den Hahn abdrehen! Und Ende Gelände! So könnte es doch gehen!

Der Hüter der Kasse! Also mir gefällt das Wort. Vielleicht könnte man ein Märchen daraus machen:

Es war einmal ein junger Königssohn, der wanderte hinaus in die Welt, um seine Freiheit zu finden. Eines Tages fand er eine Kasse im Waldboden vergraben. Der Schlüssel steckte noch. Er nahm die Kasse heraus, öffnete sie und war fortan ein reicher Mann. Er wurde „der Hüter der Kasse“ genannt. Ob er die Freiheit gefunden hat?

Mit freundlichen Grüßen

 

Monika Herz

PS: Was war eigentlich in der Kasse?

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