Ein treuer Weggefährte ist tot

 in Buchtipp, FEATURED, Politik

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser, ein treuer Weggefährte ist tot. Rainer Thiel, bis zu seinem Lebensende gestern ein humaner und überaus liebenswürdiger Streiter für einen menschlichen Kommunismus, verstarb am gestrigen Tage an den Folgen eines Sturzes. Er wurde 91 Jahre alt. Manche Menschen sterben selbst in einem solchen Alter zu früh! Ich habe ihn im Jahre 2005 kennengelernt, als engagierten Kämpfer gegen das sozialverheerende Hartz-IV-Regime, das zum 1. Januar dieses Schreckensjahres 2005 in der Bundesrepublik eingeführt wurde. Wir haben uns dann sehr oft  in den folgenden Jahren gesehen, wir sind Freunde geworden – und gerade weil wir das waren, konnten wir immer wieder auch streiten, wenn wir mal bei einigen, sogar wichtigen, „Sachfragen“ nicht einer Meinung waren. Rainer Thiel wurde Mitbegründer bei unserer Menschenrechtsorganisation „Initiative für eine humane Welt (IHW) e. V.“, er hat in seinem Wissenschaftler- und Publizisten-Leben zahlreiche Bücher  veröffentlicht, auch bei uns, auf HdS, war er immer wieder mit zahlreichen Veröffentlichungen vertreten, und bis zum Schluss hat er sich auch eingesetzt für einen menschlichen Widerstand gegen den Abbau der Menschenrechte in der Bundesrepublik, der angeblich erforderlich sei zur Bekämpfung dessen, was sich im öffentlichen Sprachgebrauch unter dem Namen „Corona-Epidemie“ durchgesetzt hat. Oft sprach er Roland Rottenfußer und mir gegenüber seinen Dank und seine Anerkennung aus für unsere Bemühungen bei HdS, dem Mainstream der Politik und der Meinungen in Sachen Corona mit Argumenten, mit Analysen und Fakten entgegenzutreten. Wir veröffentlichen nachfolgend nochmal eine Besprechung zu Rainer Thiels letztem Buch, das er veröffentlichen konnte. Unversehens hat auch dieser Text – man kann buchstäblich sagen: über Nacht! – den Charakter eines Nachrufs angenommen. Wir trauern, nicht zuletzt mit den Angehörigen von Rainer Thiel, über seinen Tod!  Holdger Platta

 

Rainer Thiel, dessen Wissenschaftlerkarriere als Philosoph und Mathematiker in der DDR scheiterte – es blieb beim Dr. phil. habil –, steht seit dem Herbst des letzten Jahres in seinem 90. Lebensjahr. Allein dieses erstaunt, wenn man auf die Vielzahl seiner Veröffentlichungen während der letzten Jahre blickt. Rainer Thiel war und ist – obwohl selber unbetroffen davon – ein Kämpfer gegen das Menschenverelendungsgesetz Hartz-IV von Anfang an. Er scheute sich nicht, trotz seines hohen Alters, bis vor kurzem auf dem Berliner Alexanderplatz Woche für Woche Reden zu halten gegen dieses Zerstörungswerk des bundesdeutschen Sozialstaats. Er ist überzeugter, freiheitlich denkender, Marxist, Antimilitarist sowieso (geprägt von furchtbaren Kriegserfahrungen während der letzten zwei, drei Jahre des Dritten Reichs), er ist – nicht zuletzt – ein kreativer Kopf, der auch der DDR mehr Kreativität beizubringen versuchte, als Mitbegründer der sogenannten „Erfinderschulen“ zum Beispiel. Und er scheiterte bei diesem Kampf für freie Köpfe immer wieder an den Betonköpfen, die in diesem ersten Sozialismusversuch auf deutschem Boden das Sagen hatten.

Wichtig und auffällig dabei: Rainer Thiel hat bei diesem Engagement für eine bessere Welt stets die Nähe zu den Menschen ganz unten gesucht, die Nähe zu den Unterdrückten und Ausgebeuteten, die Nähe zu den Fallengelassenen und Opfern des kapitalistischen Systems.

Für mich ist dieses auch die zentrale Botschaft seines neuesten Buches, und an zahlreichen Beispielen aus seinem erfahrungssatten Leben bringt er den Lesern und Leserinnen diese Botschaft nahe. Zu bewundern ist dabei vor allem sein Mut, mit dem er auch so manchen Großkopfeten der Linkspartei Bevölkerungsferne und Treulosigkeit gegenüber den Abgehängten vorwirft.

Bemerkenswert zum Beispiel seine Auseinandersetzung mit Lothar Bisky, dem er ab dem Dezember 2002 mehrfach auch persönlich begegnete, einem – wie der Autor es schildert – durchaus freundlichen und jovialen Herrn, der zunächst starkes Interesse zeigte am Kampf der Brandenburger BürgerInnen um den Erhalt der Schulen auf diesem Ex-Territorium der DDR. Akribisch zeichnet der Autor nach, wie Lothar Bisky, seinerzeit noch Politiker der PDS, dann aber die SchülerInnen und Eltern fallenließ und von seinen früheren Versprechungen nichts mehr wissen wollte. Es zählt zur Grundmethode dieser Veröffentlichung von Rainer Thiel: er teilt seine Wahrheit mit, indem er die Wahrheit erzählt.

Doch Thiel wäre nicht der Theoretiker, der er auch ist, wenn er solche Alltagserfahrungen nicht einmünden ließe in den Entwurf eines großen politischen Konzeptes. Um es auf den Punkt zu bringen: Thiel plädiert im Kern für einen rätedemokratischen Weg, der aus dem Versagen linker Kräfte herausführen könnte. Der Begriff der „Rätedemokratie“ fällt in Thiels Veröffentlichung zwar kein einziges Mal. Aber seine großangelegte Untersuchung der Menschenrechtsversprechungen aus unserem Grundgesetz landet plausiblerweise bei genau diesem Punkt: statt einer „repräsentativen“ Demokratie, deren Realisierung repräsentative Demokratie in Wahrheit zerstört hat und in Wirklichkeit wirkliche Demokratie gerade nicht zu etablieren vermochte, spricht sich der Autor für Vernetzungen ganz unten aus – und ganz oben (wenn man so will) für das Konzept eines „Volkskongresses“, das die Verheißungen realer Demokratie einzulösen vermöchte.

Natürlich: an dieser Stelle bleiben so manche Fragen auch offen – wer soll das organisieren und finanzieren, wie überwindet man auf diesem Wege den Widerstand der alteingesessenen Parteien, was wäre zu tun, um einen solchen „Volkskongress“ vor internen Hierarchisierungsprozessen zu schützen -, aber sympathisch ist dieser demokratische Traum vom demokratischen Weg, der eine demokratische Welt realisieren soll, auf jeden Fall. Und dass ein Autor in seinem 90. Lebensjahr diesen Traum immer noch träumt, spricht für, nicht gegen ihn!

Eine kleine Nachbemerkung an dieser Stelle noch – wichtig für alle, die sich dieses Buch kaufen möchten: beim Erwerb dieser Publikation muss man etwas Geduld aufbringen, um endlich im Besitz dieser Veröffentlichung zu sein (meine eigene Erfahrung!). Der Berliner Novum-Verlag wartet mit langen Lieferfristen – bis zu drei Wochen – auf. Beim Konkurrenzkampf mit den großen, mit den etablierten Verlagen vermag dieser Kleinverlag nicht mitzuhalten. Aber spricht das gegen dieses Buch?

Ich meine nicht!

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