Eine Nacht vor dem Schlachthof: «Wie in einem schlechten Film»

 in Daniela Böhm, Umwelt/Natur, Wirtschaft
Foto: Norbert D. Zawe

Foto: Norbert D. Zawe

Am Donnerstag, dem 01.10. um 19:00 Uhr begann in München zum sechsten Mal eine Mahnwache, um mit vielen Lichtern und Bildern ein Zeichen der Solidarität und der Hoffnung für die Tiere zu setzen. Erneut sollte damit auf ihr Leiden und Sterben für die Fleischindustrie aufmerksam gemacht werden. Daniela Böhm verbrachte einen Tag und eine Nacht vor dem Münchner Schlachthof. Sie traf genervte Schlächter und Todestransporte mit Kühen. Daneben trunkene Oktoberfestbesucher, für die diese Kühe Mageninhalt waren. Das Grausame und das Groteske, so ihre Schlussfolgerung, liegen oft nahe zusammen. (Daniela Böhm)

Knapp sechzig Milliarden sogenannter Nutztiere werden jedes Jahr getötet. Mehr als 3000 Tiere sterben pro Sekunde in Schlachthöfen überall auf der Welt. In dieser Zahl sind Fische und andere Meerestiere nicht mit eingerechnet, welche aufgrund der hohen Todesrate nur in Tonnen gemessen werden. Die Massentierhaltung und die Überfischung der Meere zählen mittlerweile zu den größten Bedrohungen des Planeten und der Menschen, die auf ihm leben. Verbunden mit der Münchner Mahnwache war ein „Mahnwachenaktionstag“. Zahlreiche andere Städte in Deutschland hatten sich angeschlossen: Aalen, Augsburg, Bayreuth, Bocholt, Erlangen, Flensburg, Kiel, Kempten, Konstanz, Landshut, Traunstein, Überlingen und Zeven.

Die Mahnwache in München hatte, wie bereits im vergangenen Jahr, einen speziellen Bezug zum Oktoberfest. Jedes Jahr ist „das größte Volksfest der Welt“ mit dem Leid der Tiere verbunden. 112 Ochsen, 48 Kälber, rund eine halbe Million Hühnchen, Zehntausende von Schweinen, unzählige Fische und viele andere Tiere wurden 2014 für dieses Fest geschlachtet. Initiiert wurde der Mahnwachenaktionstag von der Tierrechtsaktivistin und Autorin Daniela Böhm. Sie war in München selbst 22 Stunden vor Ort. Hier berichtet sie über ihre Erfahrungen:

„Bei jeder Mahnwache denke ich, dass es noch schwerer ist als bei den vorangegangen. Aber das stimmt eigentlich nicht, es ist immer gleich schwer, außer, dass vielleicht Umstände hinzukommen, die erschwerend sind. Wie schon im Vorjahr fand diese Mahnwache in der Zeit des Oktoberfestes statt, sie hatte einen speziellen Bezug dazu.

Der Münchner Schlachthof unterscheidet sich von anderen Schlachthöfen vor allem durch seine Lage. Er liegt mitten in der Stadt, dadurch werden auch viele Passanten auf diese Aktion aufmerksam. Gleich links hinter der Einfahrt gibt es eines der teuersten Fischrestaurants in München, das zur „After-Wiesn-Party“ eingeladen hatte. Wir waren ab 19:00 Uhr vor Ort, ab halb zwölf strömten die Oktoberfestbesucher an den vielen Grabkerzen und Bildern vorbei, um im Atlantik Fischrestaurant weiterzufeiern. Dort gibt es auch eine beheizte Terrasse, an der die Tiertransporter direkt vorbeikamen. Aus den Lautsprechern auf der Terrasse erklang bis um halb vier Uhr früh Musik. Als ein zweistöckiger Lastwagen mit Schweinen einfährt und nach rechts im Dunkel des Schlachthofgeländes verschwindet, ertönt aus dem Lautsprecher Vicky Leandros: „Ich liebe das Leben“.

Dieses ganze Szenario in der Nacht hatte etwas Unfassbares, grausam Absurdes. Während ein paar Meter weiter Tiere geschlachtet werden, feiern und trinken Menschen bis zur Besinnungslosigkeit. Die Schweine werden durch die elektrische Betäubung besinnungslos, bevor der Schlächter zum Stich ansetzt. Einer dieser Schlächter kam zu uns und meinte, wir wären am falschen Ort. Wir sollen uns an die Politiker wenden oder vor Betrieben protestieren, in denen Tiere schlecht gehalten werden. „Wir machen hier nur unsere Arbeit.“ Man könnte sich fragen, wer am falschen Ort war – die Tiere auf jeden Fall. Der ganze Platz dort ist ein falscher Ort, denn er bedingt nur Leid und Grauen.

Zwei Uhr früh: Ein Mann kommt aus dem Lokal, geht an den Grabkerzen vorbei, öffnet den Latz seiner Lederhose und stellt sich vor uns an einen Baum am Grünsteifen und verrichtet sein Bedürfnis. Auf unsere wütenden Einwände, woanders hinzugehen, sagt er zu einer der Anwesenden: „Soll ich dir in die Fresse hauen und dein Gebiss rausschlagen?“ Zwei Frauen sehen sich unsere Bilder auf dem Boden an und wippen dabei zu den Klängen der Musik. Es gibt diese surrealen Filme und so kam es mir vor, all das schien nicht real – ich war Mitwirkende in einem schlechten Film, den es eigentlich nicht geben konnte. Erschwerend waren auch die Temperaturen. In den späten Nachtstunden wurde es so kalt, dass wir kaum mehr wussten, wie wir uns, trotz aller Bekleidung und Decken, warmhalten sollten. Aber all das ist nichts, verglichen mit dem, was die Tiere durchmachen müssen.

Was dahinter ist, sieht man nicht. Foto: Norbert D. Zawe

Was dahinter ist, sieht man nicht. Foto: Norbert D. Zawe

Um halb zwei Uhr nachts fuhr ein Transporter mit 29 Mastbullen ein. Das war eine Ausnahme, erklärte mir der Betriebsleiter am nächsten Tag. Die Rinder werden normalerweise ab den Morgenstunden angeliefert und getötet. Fast sechs Stunden standen die Mastbullen in ihrem fahrbaren Gefängnis in der Kälte, bevor sie nach acht Uhr entladen und in die Schlachtung getrieben wurden. Das Restaurant lag nur wenige hundert Meter entfernt. Die Menschen feierten, während die Tiere unruhig auf ihren Tod warteten.

Manchmal möchte ich verzweifeln an dieser Welt. Es ist ganz gleich, wo ich hinblicke, in welche Richtung, welches Leid es ist – menschliches oder das von anderen Lebewesen. Bei dieser Mahnwache kam zu dem ganzen Leid auch noch eine zynische Absurdität hinzu. Irgendwann wurde in mir alles still – als würde sich meine Seele zurückziehen und nur noch fassungslos zusehen. Als wäre ich ein stummer Zeuge eines der größten Unrechte auf dieser Welt. Ein Unrecht, das sich im Sekundentakt wiederholt. Jede Nacht. Jeden neuen Tag.“

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