Es lebe die Subjektivität!

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Spiritualität, Wolf Schneider

„Ich fühle, also stimmt es“ – Wolf Schneider hat seine Zweifel

Das wissenschaftliche Denken lässt Gefühle bewusst draußen – sie könnten das Forschungsergebnis verfälschen. Mit derartigen Skrupeln belastet sich die „spirituelle Szene“ nicht. Die Floskel „Ich fühle es einfach“ steht dort in hohem Ansehen und bewirkt nicht selten, dass der Gesprächspartner keinen weiteren Einwand mehr zu erheben wagt. Wolf Sugata Schneider erkennt die kreative Leistung an, die hinter dem Erfinden von Geschichten steht; er warnt aber davor, Wahrgenommenes mit der Wahrheit zu vermischen. (Wolf Sugata Schneider, www.connection.de)

 

Wenn wir etwas wahrnehmen, nehmen wir dann wirklich wahr, was da ist, oder sehen wir dabei nur unser Kopfkino, ausgelöst durch Impulse, die unsere Sinnesorgane uns zuspielen? 

Jetzt bin ich mal ganz Mann: Bei Frauen erlebe ich es oft, dass sie das, was sie fühlen, für wahr halten. Wenn »mann« ihre (tief gefühlte) Story anzweifelt, fühlen sie sich in ihren Gefühlen nicht ernst genommen und wertgeschätzt. 

Ich sage diesen Frauen (und Männern) dann: deine Gefühle nehme ich wahr und ernst, ich respektiere und wertschätze sie, aber die Interpretation des Geschehens, die du daraus entwickelst, halte ich für unangemessen. Ihre Antwort ist dann meist sowas wie: Das ist keine Interpretation, sondern eine Wahrnehmung. Manchmal ist ihre Antwort sogar noch krasser: »Wer Interpretation und Wahrnehmung unterscheidet, der scheidet.  Wer scheidet, trennt und ist folglich im Kopf. Wärst du im Herz und würdest fühlen, so wie ich, dann wäre beides für dich eins. Man sieht nur mit dem Herzen gut, das sagte doch schon der Kleine Prinz bei Saint-Exupéry.«

Wahrgenommen oder interpretiert?

Die Vermanschung des Wahrgenommenen – des aufgrund von sinnlicher Wahrnehmung innerlich Erlebten – mit der Vermutung, dass »da draußen« das, was ich hier drinnen fühle, der Fall ist, halte ich für ein weit verbreiteten, konventionell praktizierten, üblichen, aber gemeingefährlichen Irrtum. Umgekehrt gesagt: Wer das voneinander unterscheiden kann, ist besser dran, viel besser, und seine soziale Umgebung mit ihm bzw. ihr.

Die Haupttäuschung besteht dabei nicht darin, dass z.B. etwas gehört wurde, ohne dass es »da draußen« eine Geräuschquelle dafür gäbe, so wie etwa beim Tinnitus. Sondern das noch viel Wichtigere ist, dass unser Gehirn unter dem Gehörten, Gesehenen und sonstwie sinnlich Erfahrenen eine Auswahl trifft – es reduziert das Wahrgenommene um etwa den Faktor eine Million auf das, was zum Vorerfahrenen passt –, und verarbeitet das dann zu einer Story, zu einer Geschichte, die das Erlebte interpretiert und zu einem konsistenten, überzeugenden, glaubhaften Ganzen miteinander verbindet. Das ist eine wertvolle, kreative Leistung des Gehirns. Wer das jedoch für die Wahrheit hält, für eine Wahrheit, für die zu streiten sich lohnt, kommt damit in Teufels Küche. 

Interessant ist dabei auch noch, wie Sprache uns hilft, eine solche in sich einigermaßen konsistente Story zu fabrizieren. Ohne Sprache geht das nicht. Sprache ist die Basis unserer Kultur und zugleich das Werkzeug dieser grandiosen Täuschung. Deshalb sprechen alle Meditationsanleitungen von einem Sinken in die Stille, in die Leere, ins Nichts. Was sagbar ist, das gehört noch zum Bereich der Täuschung.

Subjektivität hat Vorrang

Diese üblichen Wahrnehmungstäuschungen werden konventionell oft als das »nur Subjektive« beschrieben. Das Objektive sei für alle wahr, das Subjektive nur für den einzelnen, gerade etwas Wahrnehmenden, heißt es. Diese Art der Darstellung halte ich für irreführend. Eigentlich ist das Subjektive das Einzige, auf das wir uns verlassen können. Was wir fühlen oder sonstwie sinnlich wahrnehmen, jeder für sich, ist das einzige, dessen wir uns sicher sein können. Daher rühren die starken emotionalen Reaktionen, dass ein Gesprächspartner (Mann oder Frau) sich entwertet und als unglaubwürdig denunziert fühlt, wenn er hört »Das stimmt nicht, was du da sagst!«. – »Ich fühle es doch, ich habe es so gesehen oder gehört!«, ist dann die Reaktion. Eine genauere Beschreibung müsste das sinnliche oder emotional-sinnliche Erlebnis von der in Sekundenschnelle daraus fabrizierten, oft schon vorformulierten Story unterscheiden. So könnten viele Streits darüber vermieden werden, wer Recht hat oder wer wen nicht wertschätzt. 

Ein kompromissloses Annehmen der eigenen Subjektivität (»Ich bin die Mitte der Welt«) und der Relativität alles intersubjektiv kommunizier- und erfahrbaren Objektiven scheint mir diesen Konflikt zu lösen und viele Wunden zu heilen. Während, das gehört mit dazu, auch allen anderen Subjekten der Vorrang des Subjektiven zugestanden wird. 

Und was ist dann das vermaledeite Ego? Ist das nicht der Größenwahn, die eigene Subjektivität habe Vorrang? Nein, das Ego ist die Unkenntnis der eigenen Subjektivität. Es ist der eigene Standpunkt, den man nicht sieht, weil man genau dort steht und von dort aus schaut. Es ist die (bewegliche) Summe der eigenen blinden Flecken.

Der Dual

Im Juli habe ich mit meiner Freundin in Tirol an einem Paarseminar unter Leitung von Regina Heckert teilgenommen. Dabei hat mich beeindruckt, was mit Menschen passiert, die einander auf Dauer in sehr hohem Maße den Vorrang geben vor … allem? Nein, vor sehr vielem. Das tun Kinder mit ihren Eltern, Eltern mit ihren Kindern, seit Jahrtausenden auch Paare miteinander. Diese Priorisierung hat auch in den Sprachen ihre Spuren hinterlassen. Zum Beispiel im Arabischen, wo es nicht nur Singular und Plural gibt, sondern auch den »Dual«. Dort heißt ʾAnti du, ʾantumā ihr beide, ʾantum (m) oder ʾantunna (f) ihr alle (unterschieden in männlich und weiblich).

Unsere sexbesessenen Vorfahren

Haben arabisch sprechende Menschen deshalb eine besondere Beziehung zur Bedeutung von Paaren? Ich lebe mit einer syrischen Familie zusammen und lerne dabei auch ein bisschen Arabisch. Bisher kommen mir meine Mitbewohner jedoch nicht paarorientierter vor als andere Menschen. Und wenn sich meine ausländischen Mitbewohner mit den deutschen Artikeln der, die, das abmühen, ohje … dann frage ich mich, wie sexbesessen unsere Vorfahren gewesen sein müssen, dass sie, in den Zeiten, in denen unsere Sprachen entstanden, jedem Ding ein Geschlecht zuordneten (im Deutschen immerhin noch, allerdings das Lernen erschwerend, das keusche Neutrum). 

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