Grenzen der Vergebung

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Sollten die Täter der Corona-Verbrechen bereuen, wäre dies der Anfang eines Versöhnungsprozesses — Vertrauen jedoch müssten sie sich erst wieder verdienen. Jemand schlägt Ihnen grundlos ins Gesicht. Kurz darauf sagt er zerknirscht: “Oh, ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht, das tut mir aber leid.“ Könnten Sie ihm vergeben? Vielleicht. Aber würden Sie mit ihm befreundet sein wollen? Oder noch weiter gefragt: “Würden Sie wünschen, dass die betreffende Person weiterhin Macht über Sie hat?“ Zweifellos sind das ganz verschiedene Dinge. Nicht umsonst steht Vergebung gerade im christlichen Kontext in hohem Ansehen. Möchte man mit ehemaligen Tätern jedoch gedeihlich zusammenleben, braucht es mehr als eine flüchtig hingeworfene Entschuldigung. Wobei man hinzufügen muss, dass sehr viele, die während der Corona-Jahre die Menschlichkeit mit Füßen getreten haben, bisher nicht einmal dazu bereit sind. Überall, wo Sündenböcke benannt, wo sie gemeinschaftlich beschimpft, gedemütigt und ausgegrenzt werden, besteht grundsätzlich ein guter Nährboden für Faschismus. Daher stellen die Corona-Jahre auch gewiss keine Bagatelle da, über die man rasch hinweggehen könnte. Die Spur des Unrechts kann in einem Prozess ehrlicher Aufarbeitung heilen — dies funktioniert aber nicht, wenn so getan wird, als sei gar kein Unrecht geschehen. Wie immer argumentiert der Universalgelehrte Charles Eisenstein unter Einbeziehung mehrerer Wissensgebiete und vermag sich einem Sachverhalt äußerst differenziert zu nähern. Charles Eisenstein

 

„Der Ton ist genau der gleiche wie im Mainstream. Hasserfüllt, spöttisch, verächtlich.“ Zitat aus einer Bemerkung über die Ausdrucksweise in den Kommentaren auf den Webseiten zahlreicher erklärter COVID-Kritiker.

Mir war das auch aufgefallen. Jede Seite benennt Recht und Unrecht, Gut und Böse, Fakten und Unsinn, Ignoranz und Vernunft in unterschiedlicher Weise, aber die grundlegende soziale Dynamik innerhalb der jeweiligen Denkrichtung ist die gleiche. Das macht mich traurig, denn das ganze Desaster der COVID-Politik — wie auch andere Tragödien der kollektiven menschlichen Erfahrung — hat seine Wurzeln in genau dieser sozialen Dynamik: Entmenschlichung und Ausgrenzung.

Im Verlauf der Corona-Krise wurden wir, die wir Widerstand leisteten, protestierten oder Kritik an den Corona-Maßnahmen äußerten, in den Medien als unverantwortliche Menschen beschimpft. Unverzeihlich. Egoistisch. Narzisstisch, psychopathisch. Unmenschlich. Oma-Mörder. Hirnrissig. Prominente Persönlichkeiten der Mainstream-Medien forderten, dass uns die medizinische Versorgung verweigert werden sollte. Noam Chomsky, den ich einst bewunderte, schlug vor, uns in unseren Häusern einzusperren. Umfragen ergaben eine breite Unterstützung für die Bestrafung derjenigen, die sich impfkritisch äußerten.

Ich erinnere an Tweets wie “Man sollte die Impfgegner-Eltern fesseln, damit sie sich winden und schreien, während sie zusehen, wie ihre Kinder zwangsgeimpft werden.“ Natürlich waren die meisten Menschen weniger extrem in ihren Hass-Bekundungen, insbesondere offline, aber die Atmosphäre der Entmenschlichung hatte die gesamte Gesellschaft durchdrungen. Wie schon so oft in der Geschichte suchte die Gesellschaft in Zeiten der Krise nach einer Reihe von Sündenböcken, denen sie die Schuld zuschieben konnte.

Die Entmenschlichung des Sündenbocks ist ein entscheidender Teil eines Prozesses, der zum Entzug von Rechten, zur Stigmatisierung, Ausgrenzung und sogar zum Völkermord führen kann.

Das war das eigentlich Ansteckende an COVID. Die Krankheit, die wir COVID nannten, war nur das Vehikel für eine viel schlimmere Krankheit, eine soziale Krankheit der Entmenschlichung, der Moral der Meute und der rachsüchtigen Gewalt. Sie frisst sich wie ein Reißwolf durch das soziale Gefüge, zerrüttet Freundschaften, entzweit Familien, zerreißt Vereine und Verbände. Hinter einer vordergründig vernünftigen Fassade ethischer oder medizinischer Grundsätze — wer sich nicht impfen lässt, gefährdet andere und könnte das Gesundheitssystem überlasten usw. — verbirgt sich etwas Urzeitliches: Angst, Hass und Abscheu gegenüber denjenigen, die sich den Ritualen verweigern und die Tabus ignorieren, die uns als vollwertige Menschen und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft definieren.

In ähnlicher Weise steckt etwas Vorzeitliches hinter der Logik, die Architekten der Pandemie zu bestrafen, hinter den Forderungen nach einem “Nürnberg II“ und so weiter. Die Logik dreht sich um Abschreckung und darum, “Menschen zur Verantwortung zu ziehen“. Das Leitbild ist “nie wieder“. Aber sind wir immun gegen niedere Triebe, die sich als Leitbilder tarnen? Die Gier nach Rache, der Wunsch, über einen gedemütigten Feind zu triumphieren? Können wir vernünftige Maßnahmen gegen eine Wiederholung des völkermörderischen Wahnsinns vom Wahnsinn selbst unterscheiden? Einem Wahnsinn, der das Böse zu bändigen sucht, indem er es auf eine Person oder Gruppe projiziert, die geopfert wird und deren Entfernung aus der Gesellschaft das Böse aus der Welt tilgt?

Hat Nürnberg I eine Wiederholung völkermörderischen Wahnsinns verhindert? Haben die Urheber der Massaker in Ruanda innegehalten und gedacht: “Moment mal, wenn wir eine Million Menschen abschlachten, werden wir bestraft?“ Ich bitte Sie. Der Zweck von Nürnberg war nicht die Abschreckung. Es war eine Art Theater. Es war ein Versuch, einigen wenigen Personen die Schuld für ein unsagbares, rätselhaftes und deshalb umso schrecklicheres Verbrechen zuzuschieben. Es stimmt, dass diese Individuen das Feuer des antisemitischen Hasses schürten und sich damit an die Macht brachten, doch sie haben das Feuer nicht erfunden. Und sie hätten den Holocaust nicht durchführen können, wenn es nicht eine Art kollektiven Wahnsinns gegeben hätte, dessen Symptome von rasendem Blutrausch auf der einen bis zu feiger Anpassung auf der anderen Seite reichten.

Es ist derselbe Wahnsinn, der auch die Hexenverfolgung und andere Gräueltaten ausgelöst hat. Es ist in der Tat, wie das Wort Holocaust impliziert, ein alles verzehrendes Inferno. Die Massenhysterie ist eine Triebkraft von ungeheurer Wucht. Sie ist urwüchsig, animalisch. Sie entzieht sich dem Verstand und der Vernunft. Aber die Art und Weise, wie wir versuchen, sie in ein Narrativ zu zwängen, durch Inszenierungen wie Nürnberg, nährt ihr unterschwelliges Feuer. Und dieses Feuer ist das Grundmuster der Entmenschlichung. Es ist die Energie des Hasses.

Leider schützt die Tatsache, dass man zum Sündenbock gemacht wurde, nicht davor, selbst zum Opfer der sozialen Krankheit des Sündenbock-Denkens zu werden. Wenn sich die Dinge wenden, fährt die zuvor entmenschlichte Unterklasse in der Regel fort, andere zu entmenschlichen. Diejenigen von uns, die zu Sündenböcken gemacht und aus unseren Jobs gefeuert, aus Vereinen und Verbänden geworfen, von Podien ausgeladen, von öffentlichen Veranstaltungen ausgeschlossen, in Restaurants Zutritts- und in Verkehrsmitteln Beförderungsverbot erhielten, die von Familienfeiern ausgeladen wurden und so weiter, wir alle sind genauso anfällig für diese ganz und gar soziale Krankheit wie unsere Mitmenschen.

Der Wirkmechanismus dieser Krankheit ist einfach. Sie ernährt sich von Wut und verwandelt sie in Hass. Sie ist wie ein psychisches Virus, das sich in die Genetik der Seele einpflanzt und sie steuert. Wut ist eine wichtige Kraft, die die Reaktion auf eine Verletzung antreibt. Sie soll die Ursache der Verletzung beseitigen. Das Sündenbock-Virus bemächtigt sich dieser Kraft und lenkt sie um in Hass auf das nächstliegende oder günstigste Ziel. Dieses Ziel könnte, wie im Fall von Dr. Fauci, eine Schlüsselrolle bei der Ungerechtigkeit gespielt haben, oder, wie im Fall der Ungeimpften, unschuldig gewesen sein. So oder so, sobald die infizierte “psychische Zelle“ ihre Gene des Hasses abgesondert hat, verbreitet sie sich weiter in der Gesellschaft. Hass zeugt Hass zeugt Hass. Das Inferno wütet.

Solange die Menschen bereit sind, sich gegenseitig zu entmenschlichen, werden sie immer anfällig für Faschismus oder andere Formen totalitärer Kontrolle sein.

Wenn wir uns nicht dazu hinreißen lassen, unsere Wut in Hass umzuwandeln, kann sie ihren Zweck erfüllen. Wir lassen uns nicht auf die naheliegende, aber meist falsche Lösung ein, jemanden zu bestrafen, in der Annahme, wenn wir nur die Verbrecher bestrafen könnten, würde sich das Verbrechen nicht wiederholen. Doch solange die Menschen bereit sind, sich gegenseitig zu entmenschlichen, werden sie immer anfällig für Faschismus oder andere Formen totalitärer Kontrolle sein. Die machtbesessenen Eliten können uns nicht kontrollieren, ohne dass wir mitmachen. Sie brauchen nur auf ein “Die da“ zu zeigen, um ein faschistisches “Wir“ zu bilden und sich damit an die Macht bringen zu lassen.

Die Unterscheidung, die ich hier zwischen Wut und Hass treffe, kann für diejenigen, denen ernsthaftes Unrecht widerfahren ist, als unsolidarisch und kaltherzig erscheinen. Wer bin ich, dass ich einem Opfer von Verfolgung oder Missbrauch sagen kann, es solle seinen Verfolger nicht hassen? Es könnte der Eindruck entstehen, ich würde Opfern das Recht absprechen, wütend zu sein. Nein! Wir haben allen Grund, wütend zu sein. Wenn ich hier von “wir“ spreche, dann meine ich nicht nur diejenigen, die durch die Corona-Krise geschädigt wurden. Ich spreche von allen Opfern der modernen Zivilisation: den Kolonisierten, den Unterdrückten, den Ausgebeuteten, den Versklavten. Ich spreche in der Tat von uns allen, die wir in einer so verkommenen Parodie dessen leben, was die Welt eigentlich sein könnte. Die Welt ist nicht in Täter und Opfer unterteilt. Fast alle von uns sind beides, auf unterschiedliche Weise und zu unterschiedlichen Zeiten, das ist die unbestreitbare Wahrheit unseres gemeinsamen Seins in dieser Welt.

Daher also: Nein, ich will Ihre Wut nicht dämpfen oder Ihnen das Recht absprechen. Ohne die Wucht Ihrer Wut wird sich nichts ändern. Aber wenn Sie zulassen, dass sie in Hass umgelenkt wird, sind Sie auf den ältesten Trick aus dem Lehrbuch der Tyrannei hereingefallen.

Die Unterscheidung zwischen Wut und Hass reflektiert eine weitere wichtige Unterscheidung: Jene zwischen Liebe und Vertrauen. In meinem letzten Beitrag habe ich mich mit dem Impuls zur Vergebung beschäftigt und mit den Bedingungen, unter denen man Emily Osters Forderung nach Amnestie akzeptieren kann. Ich nannte Reue als Ausgangspunkt. Einige Kommentatoren waren entrüstet. “Nur weil jemand zugibt, dass er sich geirrt hat, und sich bereit erklärt, die Gründe dafür zu untersuchen, sollten wir ihm nicht die Macht anvertrauen.“ Dem stimme ich voll und ganz zu. Das habe ich auch gar nicht gefordert.

Reue eröffnet nur den Weg. Aber das Vertrauen muss verdient werden. Es ist unmöglich, diesen Prozess auch nur zu beginnen, wenn der Täter nicht zugibt, dass er etwas falsch gemacht hat. “Es wurden Fehler gemacht“, reicht nicht aus.

Ein guter Ansatzpunkt würde eher so lauten: “Wir haben aus Dummheit schreckliche Dinge getan. Aber warum waren wir so dumm? Was ist die Ursache für die Korruption unserer Institutionen des Wissens? Wie können wir das wieder in Ordnung bringen?“ Und nochmals: Das ist nur der Ausgangspunkt. Stellen Sie sich vor, Sie lebten in einer missbräuchlichen Beziehung. Eines Tages, nachdem er Sie verprügelt hat, sagt er: “Tut mir leid, Schatz, irgendetwas ist über mich gekommen, lass uns vergessen, was passiert ist.“ Das reicht nicht. Wenn er sagt: “Es tut mir furchtbar leid, ich weiß nicht, warum ich das getan habe, aber ich bin entschlossen, den Grund herauszufinden, weil ich dir nicht noch einmal wehtun will“, wäre schon besser. Aber selbst dann wollen Sie wahrscheinlich nicht von ihm abhängig sein, solange er nicht seine Aufrichtigkeit unter Beweis gestellt und eine echte Entwicklung erkennen lassen hat.

So verhält es sich auch mit unseren Gesundheitsbehörden und politischen Verantwortlichen. Sie sollten keine Machtpositionen mehr bekleiden. Das Gleiche gilt für die Medien und Tech-Unternehmen, die die Wahrheit unterdrückt haben. Wenn sie den Zensurapparat abbauen und die Zensoren aus ihren Positionen entfernen, werde ich bereit sein, sie zu begnadigen. Wenn Fauci und Gates, Walensky und Bourla, Trudeau und Trump, Biden und der Rest der Mannschaft einsehen, dass ihre Handlungen Milliarden geschädigt haben, und wenn sie sagen: “Es tut mir zutiefst leid, und solange ich nicht weiß, warum ich das getan habe, sollte man mir keine Machtposition anvertrauen“, dann hätten sie einen ersten Schritt zurück ins öffentliche Vertrauen getan.

Emily Oster hat es nicht ausdrücklich gesagt, aber grundlegender als das Plädoyer für Amnestie war in ihrem Artikel ein Plädoyer für Liebe. Ich möchte dieses Plädoyer verstärken. Liebe schreibt nie jemanden ab und verdammt ihn damit zur ewigen Verdammnis. Liebe ist stets offen für die Möglichkeit der Wiedergutmachung. Liebe reduziert nie jemanden auf den Status eines schrecklichen Menschen. Jemand mag so entstellt sein, dass er unvorstellbar böse Taten begeht, aber im Grunde genommen bleibt er eine göttliche Seele, geboren von Gott, ein Gefäß des Lebens. Jeder, der diese Wahrheit aus den Augen verliert, agiert nicht in der Realität. Realistisch betrachtet, werden sich die Schlimmsten der Schlimmen vielleicht nie ändern. Vielleicht wird erst der Tod ihre Göttlichkeit freilegen. Aber wer sind wir, dass wir das mit Sicherheit beurteilen wollen?

Ich erinnere mich jetzt an eine Geschichte, die ich in meinem Buch Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich über Christian Bethelson erzählt habe, einen liberianischen Bürgerkriegsführer, der den Decknamen General Leopard trug. Er agierte in einem von Kindersoldaten geprägten, unsagbar brutalen Bürgerkrieg. Wenn es einen Menschen gäbe, der nicht zu retten wäre, dann wohl dieser. Nach dem Ende des Krieges war er auf dem Weg, sein Handwerk, das Töten, in einem anderen Land auszuüben, als er im Schlamm stecken blieb. Ein anderes Fahrzeug mit Mitgliedern einer Friedensgruppe, den Everyday Gandhis, steckte ebenfalls fest. Er sagte ihnen, wer er war, und erwartete, dass sie ihn schlagen und bestrafen würden, aber stattdessen umarmten sie ihn und sagten ihm, dass sie ihn liebten. Er stieg aus. Das letzte, was ich hörte, war, dass er selbst ein Friedensaktivist geworden war.

Meine Freunde, die Welt ist in einem sehr schlechten Zustand. Wir brauchen Wunder wie das von Bethelson. Wir können sie nicht erzwingen; alles, was wir tun können, ist, das Bewusstsein zu stärken, welches sie als Möglichkeiten zulässt. Herabwürdigungen, Spott, Verachtung, Abfälligkeiten, Erniedrigung, Rache und Bestrafung sind diesem Bewusstsein fremd. Dies sind die Werkzeuge des “Wir gegen die“. Dies sind die Werkzeuge der Entmenschlichung, der Schuldzuweisung, des Krieges und des Hasses. Sie funktionieren gut, wenn es darum geht, die Truppen zu mobilisieren. Die Entmenschlichung des Feindes — wie es viele jetzt im Zusammenhang mit den US-Zwischenwahlen tun — entbindet den Kämpfer von seinem Gewissen. Sobald wir jemanden fest in die Kategorie des Schurken, des Erbärmlichen, des Terroristen, der “Bedrohung für die Demokratie“ pressen, oder welches Synonym für das Böse auch immer in der eigenen Gruppe gebräuchlich ist, wird damit jede Handlung in einem zum Krieg zwischen Gut und Böse stilisierten Kampf gerechtfertigt.

Ich wende mich hier an diejenigen, die sich um jede Form von sozialer Gerechtigkeit bemühen, nicht nur in der Corona-Krise.

Noch einmal: Die Tatsache, dass beide Seiten im Corona-Krieg dazu neigen, die gleichen entmenschlichenden Taktiken anzuwenden, bedeutet nicht, dass beide Seiten gleichermaßen im Unrecht sind. Wie in vielen Situationen gibt es einen klaren Täter und ein klares Opfer, ein klares Ungleichgewicht der Macht.

Doch wenn die Wut der Unterdrückten in Hass auf den Unterdrücker umschlägt, ist das tragische Ergebnis, dass die ehemaligen Opfer zu neuen Unterdrückern werden, wenn sie gewinnen. Wie oft haben wir das in revolutionären Bewegungen auf der ganzen Welt miterlebt?

Die Welt ist in einem schlechten Zustand, und wir brauchen eine tiefgreifendere Revolution als diese. Wir müssen die Tür für eine Änderung des Herzens offen halten. Die Liebe öffnet die Tür, und die Liebe kennt keine Bedingungen. Und dann beginnt eine nächste Phase der Arbeit: der Wiederaufbau von Vertrauen.

Viele haben auf meinen letzten Aufsatz mit den Worten reagiert: “Ihr Preis für Amnestie… das wird nie passieren. Die werden niemals zustimmen, ihre Vergehen offenzulegen. Sie werden niemals reinen Tisch machen. Sie werden niemals Buße tun.“ Vielleicht nicht. Es scheint unwahrscheinlich. Aber wenn wir die Tür für ein Wunder nicht offen halten, dann erfüllt unser Zynismus seine eigenen Vorhersagen.

Die Welt wird nur durch den Zusammenhalt der Menschen heilen. Nicht mit dem falschen Einvernehmen, das entsteht, wenn man so tut, als wäre nie ein Unrecht geschehen, sondern mit dem Heilungsprozess, der mit der Anerkennung des Unrechts beginnt.

Amnestie und Transparenz bedingen sich gegenseitig. Amnestie, Vergebung, Vertrauen — all das ist an Bedingungen geknüpft. Aber sie beruhen alle auf der Liebe. Und Liebe ist bedingungslos.

Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „love isunconditional trust is not auf dem Blog von Charls Eisenstein. Er wurde von Uwe Alschner übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Showing 2 comments
  • Charlene Einfach-Sein
    Antworten
    Viele Worte, kurzer Sinn: Das Wichtigste wäre vielleicht, dass die Ameisen, die man da zusammen in ein Glas gesperrt und anschließend durcheinandergeschüttelt hat, endlich kapieren, warum sie aufeinander losgegangen sind. Ja, das wäre möglichereise die Vorbedingung für „Zusammenhalt“ ,  wie auch immer er dann aussieht. Und dann hätte ich auch nichts dagegen, wenn wir den Deckel des Marmeladenglases  lüften, den schmalen Spalt nutzen, um zu entkommen, um eine friedliche, wahrhaft demokratische  Welt zu  erschaffen, in der es  möglich wird, das Vermögen von  Jeff Bezos und anderen Superreichen zu begrenzen, vielleicht sogar zu konfiszieren und endlich Zwecken zuzuführen, die dem Allgemeinwohl dienen. Eine friedliche Welt, ohne Transhumanismus, ohne angeblich alternativlose Total-Digitalisierung unseres Lebens, ohne Genmanipulation, gekaufte Politiker, allmächtige Großkonzerne, Krieg und Zerstörung. Wer weiß?  Vielleicht entsthet doch noch ein Wunsch nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden, Selbstbestimmung, und Respekt vor dem Leben?  Mit „Hass auf die Unterdrücker“ hat das gar nichts zu tun. Im Gegenteil: es  es geht um Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit. Das Böse, Unterdrückung und Lügen hatten zum Glück noch nie Bestand.-
  • Dr. N.
    Antworten
    Hat uns möglicherweise niemand „grundlos ins Gesicht geschlagen“, sondern mit voller Absicht, Herr Eisenstein? Und zu  „Vergebung oder Versöhnung“ , die jetzt , so der Artikel, ja angeblich so wichtig ist, mit den Tätern:  die kann es m. E. erst dann geben , wenn eine ordentliche, rechtliche Prüfung und Beurteilung stattgefunden hat, und ggf. auch eine Bestrafung , für  begangene Verbrechen, selbstverständlich  im Rahmen der bestehenden Gesetze. Mich erinnert dieser Artikel von Herrn Eisenstein seltsamerweise an die Theorien und Schriften von  Mattias Desmet: auf den ersten Blick völlig logisch , man möchte zustimmen, und dann erkennt man, worum es eigentlich geht bzw. ahnt, dass es um eine Verschleierung und Ablenkung geht, darum, Verantwortlichen nicht klar zu benennen, und die Ereignsise gewissermaßen als unvermeidliche „Naturkatastrophe“ hinzustellen. In Bezug auf Desmet hat Norbert Haering dieses Verfahren, diese Taktik  gerade sehr gut (und exemplarisch) untersucht und beschrieben:

    https://norberthaering.de/buchtipps/psychology-of-totalitarism/

     

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