Griechenland: besonders gegenüber den Frauen asozial!

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

268. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Dieses Mal stelle ich ein ganz besonderes Thema in den Mittelpunkt meines Berichtes – und ich meine: ein ganz besonders wichtiges sogar! Wie sieht eigentlich für Frauen die Situation in Griechenland aus? – Nein, auch dazu kann leider gar nichts Positives aus diesem wunderschönen Ferienland berichtet werden. Was leider auch für das Spendenergebnis der letzten Woche gilt. Aber der Reihe nach! Holdger Platta

 

 Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

eigentlich verwundert es mich: zur Situation der Frauen in Griechenland haben mich bislang fast niemals irgendwelche Informationen erreicht. Mit der Folge, dass auch ich nicht in der Lage war, bisher jedenfalls, Euch über dieses Thema irgendetwas Nennenswertes berichten zu können.

Höchst „indirekt“ erfuhr ich hin und wieder mal etwas zum Verständnis der Frauenrolle und Männerrolle in Griechenland – und eine dieser Nachrichten war stets beunruhigend genug. Gar nicht mal so selten (Zahl unbekannt) „verschwinden“ Männer, verheiratete Männer, in Griechenland, tauchen unauffindbar unter, weil sie die Situation nicht mehr aushalten konnten, als erwerbslos gewordene Männer „ihre“ Familien nicht mehr ernähren zu können. Was aus diesen Männern geworden ist: niemand weiß es. Von Obdachlosigkeit bis Suizid reichen die Vermutungen.

Natürlich erfüllen einen diese Geschehnisse mit Entsetzen. Mit Entsetzen, was die Situation der verlassenen Frauen mit ihren Kindern betrifft, mit Bestürzung aber auch, was die Männer angeht, die sich nicht mehr ihrer „Pflicht“ gewachsen sehen, ihre Ehefrau und Kinder ernähren zu können. Andererseits aber auch mit – zumindest leichter – Kritik daran, wie sich diese verzweifelten Männer in ihrer Rolle verstehen: als – wie heißt es so altmodisch bei uns? – „Haushaltsvorstände“, die nicht mehr in ihrer angestammten und privilegierten Männerrolle für das Überleben ihrer Familien sorgen können. Unverkennbar: Patriarchalismus, vielleicht in seiner humansten Variante, spielt bei diesem „Untertauchen“ von Männern, bei dieser Flucht, also mindestens ebenso stark eine Rolle. Verletzter Stolz, zweifellos, auf der Basis eines Rollenverständnisses von Mann und Frau, das uns eher allzu konservativ und veraltet erscheint, diese Einschätzung ist demzufolge ebenfalls nicht falsch. Ganz sicher nicht im Regelfall, aber bei vielen dieser Fluchtgeschehnisse durchaus, obsiegt also männliches Gekränktsein über ein Restgefühl von Verbundenheit mit den zurückgelassenen Frauen und Kindern.

Ich spreche dieses bisher völlig von mir vernachlässigte Thema an, weil ich endlich einmal über ein paar wenige Informationen verfüge, wie es in Griechenland so aussieht mit der Geschlechtergerechtigkeit. Es zeigt sich da kein gutes Bild, obwohl die erste Tatsache, die in diesem Zusammenhang zu erwähnen ist, eher dafür zu sprechen scheint, dass es den Frauen in Griechenland besser ergeht als den Männern. Besser? Tatsächlich?

Nun, Sissy Vovou, die Vorsitzende der griechenlandweiten Frauenrechtsvereinigung „To Mov“ (zu deutsch: „Violett“) gab vor einigen Wochen in der bundesdeutschen Gewerkschaftszeitung „ver.di publik“ der Journalistin Theodora Mavropoulos ein Interview und teilte bei dieser Gelegenheit der Fragestellerin mit, dass in ihrem Heimatland die Männer viel häufiger von Entlassungen und Arbeitslosigkeit betroffen sind als die Frauen. Sollte das keine gute Nachricht sein?

Keineswegs! – Denn der Grund für diese Tatsache ist: die Arbeitgeber entlassen die Männer und „behalten“ die Frauen, weil die Frauen die erheblich  schlechter bezahlten Arbeitskräfte sind. Dass es seit Beginn der Krise in Griechenland, im Jahre 2008, einen „extremen Anstieg“, so Vovou, vor allem bei den Arbeitslosenzahlen unter den Männern gibt, hat ausschließlich diesen Grund: die Minderbezahlung von Frauen. In Zahlen ausgedrückt: im öffentlichen Sektor bekommen die Frauen durchschnittlich 7 Prozent weniger an Gehalt als die Männer, im kommerziellen Sektor sogar weniger als 17 Prozent. Sissy Vovou wörtlich dazu:

„Frauen gelten in den meisten Betrieben auch heute noch als minderwertige Arbeitskraft, denn sie werden als Mutter oder als potentielle Mutter zum Betriebsrisiko erklärt. Deshalb wird ihnen weniger gezahlt. Die Frauen sind froh, wenn sie überhaupt eine Anstellung bekommen und lassen sich darauf ein. Deshalb befindet sich der größte Teil der Griechinnen in Teilzeitarbeit mit befristeten Arbeitsverträgen. Sobald eine Frau im reproduktiven Alter ist, gilt sie förmlich als krank für den Arbeitsmarkt.“

In einem Satz gesagt: mehr Arbeitsplatzsicherheit für Frauen geht in Griechenland also aufs klarste auf deren Unterbezahlung zurück. Kein schönes Zwischenfazit also an dieser Stelle schon!

Aber damit nicht genug – und erneut spreche ich damit das veraltete überkommene Rollenverständnis vieler Männer in Griechenland an: aus dieser Tatsache, dass es in vielen Haushalten überwiegend Frauen sind, die in Lohn und Brot stehen und das Geld fürs Überlebenkönnen der Familie nach Hause bringen, folgt keineswegs, dass aufgrund dieser Tatsache die Männer es sind, die dann im gemeinsamen Haushalt die Arbeit verrichten, die Einkäufe machen, die Kinder versorgen, nunmehr für das Kochen zuständig sind und – oh Schreck und Graus! – sogar Wechsel der Bettwäsche und Hausputz übernehmen. In den Worten von Sissy Vovou:

„… das hat der größte Teil von ihnen [= den Männern. HP] so nie gelernt. Für viele gilt das immer noch als peinlich und ist Frauenarbeit. Die Frauen müssen also für weniger Geld arbeiten und sich dann noch zu Hause um die Familienangelegenheiten kümmern.“

Um nicht auf falsche Weise überheblich zu erscheinen: auch bei uns, auch im fortgeschrittenen Deutschland, soll das in vielen Fällen immer noch so sein. Für die Frauen ist Doppelarbeit angesagt, für die Männer Null-Tätigkeit! Bis weit in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein hatte das in der Bundesrepublik sogar noch Gesetzeskraft!

Was angesichts all dieser Tatsachen überhaupt nicht verwundert – das teilt uns die Interviewerin von „ver.di publik“, Theodora Mavropoulos, mit: bei einem Vergleich, der von der EU europaweit vorgenommen worden ist, landete Griechenland in puncto „Gleichberechtigung“ auf dem letzten Platz. Aber, so die Vorsitzende von „To Mov“, das hat keinesfalls nur die bisher erwähnten Mentalitätsgründe bei den Männern in Griechenland, das geht keineswegs nur auf die geschilderten innerfamiliären Probleme zurück. Sissy Vovou auf die entsprechende Frage der Interviewerin:

„In Griechenland gab es nie eine starke Frauenbewegung. Zusätzlich ist die soziale Infrastruktur des Landes nicht gut ausgebaut. Kindergärten, Horte, Pflegeheime, Pflegepersonal in Krankenhäusern – all das ist nicht genug vorhanden oder sehr teuer. Der Aufbau dieser Struktur entspringt einer patriarchalen Wahrnehmung und dem immer noch gängigen System, sich auf den Rückhalt der Familie zu verlassen. Im Fall der Betreuung und Pflege bedeutet das dann, sich auf die Frau zu verlassen. In Zeiten von Corona haben sich die Dinge nochmals verschlechtert und die Lage ist angespannt.“

Hier berühren sich die Aussagen der griechischen Frauenrechtlerin aufs deutlichste mit dem, was wir schon von Beginn an in unseren Berichten zur Situation im schönen Griechenland beklagen mussten: die völlig maroden Verhältnisse im griechischen Sozial- und Gesundheitssystem! Vovou hat diese Kritik freilich an einem ganz wichtigen Punkt spezifiziert: das generell asoziale System in Griechenland, zugunsten der Reichen und Mächtigen dort, wartet mit zusätzlicher und ganz besonderer Asozialität auf, was das Leben der Frauen in diesem geliebten Ferienland betrifft. Um den Titel dieses Textbeitrages in „ver.di publik“ aufzugreifen: in Griechenland wird „Gleichberechtigung im Keim erstickt“, und zwar immer noch bzw. stärker denn je!

Unsere Spendenaktion betreffend – fast möchte ich sagen: ein bißchen, wie befürchtet –, kann ich für die letzte Woche nur ein bescheidenes Ergebnis vermelden: lediglich eine Spenderin gab es, lediglich 35,- Euro an Neuspenden gingen bei uns ein (Vorwoche: 4 SpenderInnen, 690,- Euro Spendeneingang). Natürlich danke ich auch der einsamen Spenderin sehr. Füge aber doch hinzu: das kann wieder besser werden. Hoffentlich das nächste Mal schon! Und hoffentlich sehr deutlich sogar!

In diesem Sinne also erneut meine Bitte um Unterstützung unserer Hilfsaktion:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

 

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Inhaber: IHW

 

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

 

Mit herzlichen Grüßen

Euer Holdger Platta

 

 

 

Showing 2 comments
  • Freiherr
    Antworten
    Ja –

    da hat die Bestie die sich Europäische Wertegemeinschaft nennt,

    der Alphawolf Schäuble,

    trotz Unterwerfung ( erzwungen auch )

    zugebissen, die Kehle abgewürgt.

    Kommt sehr selten vor, bei Wölfen, die Unterwerfung allein genügt und er bleibt Mitglied in der Sozialen Gemeinschaft, dem Rudel.

    Beweist, dass Wölfe sozialer sind –

    als ein pathologisch-beisswütiger Schäuble.

    Es gibt da noch einen ganz wesentlichen anderen Unterschied, mit Wölfen verglichen –

    die Beta-Wölfin hält das Soziale Gefüge zusammen und da muss auch ein Alphawolf sich fügen, wenns drauf ankommt –

    die „Wertegemeinschaft EU “ ist aber als ganzes Rudel über ein schon am Boden liegendes Land hergefallen –

    gnadenlos !

     

     

     

     

     

     

  • Volker
    Antworten

    Sobald eine Frau im reproduktiven Alter ist, gilt sie förmlich als krank für den Arbeitsmarkt.“

    Na also … ++ glucks ++ bin über diesen Vergleich Mensch >>> Maschine höchst empört.
    Kapitalisten-Sprack, ganz übel, gell. Dabei sind es gerade Frauen, die verwertbaren Malochernachwuchs gebären und bis zur Reife nähren, zur Sättigung des ewig hungrigen Wolfes auf Beutefang, der seine Zähne tief ins Mark bohrt – ein gierig-blutsaugender Nimmersatt.

    Frauen, verweigert Euch. Keine Leihmutterschaft für das Kapital. Ausrufezeichen.

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