Männliche Scham – ein unterschätztes Phänomen

 in Gesundheit/Psyche
Vertreibung aus dem Paradies, Masaccio 1427

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Die weibliche Scham ist noch lange nicht vorbei, aber sie nimmt deutlich ab. Frauen entdecken zunehmend ihre sexuellen Bedürfnisse und stehen selbstbewusst zu ihren erotischen Wünschen und Sehnsüchten. Werden diese nicht erfüllt, so liegt dies weniger an ihnen selbst, sondern wohl eher an ihren Partnern, so eine weit verbreitete Denkfigur. Bis weit in die Mainstreammedien hinein gibt es dafür Applaus. Die männliche Scham hat, so scheint es, gerade erst begonnen. Männer und vor allem männliche Sexualität genießen einen zweifelhaften Ruf. Macho und Softie haben ausgedient, aber eine offene und entspannte Haltung gegenüber der Vielfalt männlicher sexueller Vorlieben ist nicht in Sicht. Stattdessen steht fast jede erotische Regung beim Mann unter Generalverdacht. Zeigt er sie zu direkt, gilt er als plump, triebgesteuert, übergriffig. Nimmt sich der Mann respektvoll zurück, wird er vielleicht als Busenfreund geschätzt, als begehrenswerter Sexualpartner ist er aber meist aus dem Spiel. (Saleem Mathias Riek)

Viele Männer befinden sich in der Defensive, nicht nur, aber vor allem auch in Bezug auf ihre Sexualität. Sie versuchen zu retten, was zu retten ist oder fliehen vor der Auseinandersetzung – in heimliche Affären, in die virtuelle Welt der Pornografie oder zu Prostituierten. Eine positive Vision lustvoller, gereifter Männlichkeit? Fehlanzeige. Eine solche gibt es allenfalls in gesellschaftlichen Nischen wie beispielsweise im Tantra.

In der Sexualforschung herrscht das gleiche Bild. Ein „Boom an Fachliteratur über die weibliche Sexualität: empirische Studien, diagnostische Neufassungen sexueller Störungen und interessante therapeutische Perspektiven. Männliche Sexualität: Fehlanzeige. Mit Viagra schien alles gesagt zu sein. Erektion gut – alles gut“, konstatiert der Sexualtherapeut Prof. Dr. Ulrich Clement.

Ist männliche Sexualität tatsächlich so einfach strukturiert, dass es sich kaum lohnt, sich mit ihren unterschiedlichen Facetten näher zu befassen? Diese Ansicht ist weit verbreitet und wird oft mit plausibel klingenden Erklärungen untermauert wie dieser: Der Mann musste evolutionsbiologisch gesehen sein Sperma möglichst weit streuen, für seinen Fortpflanzungserfolg kam es auf erotische Finessen nicht an und schon gar nicht auf Intimität. Demgegenüber waren Frauen im Vorteil, die mindestens für die Zeit der Kinderbetreuung einen Mann erotisch und emotional an sich zu binden vermochten. Ihre größere Beziehungsorientierung und -fähigkeit hätte demnach Tradition, die bis in die Steinzeit zurückreicht.

Aufgeschlossene Archäologen halten dies längst für einen Mythos, wie kürzlich in der Ausstellung „Ich Mann. Du Frau. Feste Rollenbilder seit Urzeiten?“ zu besichtigen war. Sowohl meine persönliche Erfahrung als auch meine Arbeit als Sexualtherapeut und Tantralehrer lassen mich daran zweifeln, dass das Sexualverhalten der Geschlechter im 21. Jahrhundert noch wesentlich auf steinzeitlichen Verhaltensmustern beruht. Für viel wahrscheinlicher und wirksamer halte ich den Umstand, dass männlicher Sexualität kaum je die wohlwollende Aufmerksamkeit zukommt, die Menschen brauchen, um ihr Potenzial zu entfalten.

Jahrhunderte lang wurde die Sexualität von Frauen unterdrückt, missachtet oder gar eigenes weibliches Begehren gänzlich bestritten. Dementsprechend hatten nur wenige Frauen Zugang zu Reichtum und Vielfalt ihrer Lust. Scham und Schuldgefühle überwogen, wenn sich in ihren Körpern überhaupt etwas lustvoll regte. Dass sich dies nun langsam ändert – und dieser Prozess ist noch lange nicht zuende – kann Frauen wie Männer gleichermaßen erfreuen.

Doch was ist los mit der männlichen Sexualität? Müsste sie sich nicht unter den Voraussetzungen männlicher Dominanz und Herrschaft bestens entfaltet haben? Warum geraten die Männer heutzutage derartig ins Hintertreffen, gelten gar als erotische Analphabeten, von wenigen Sexidolen einmal abgesehen?

Sexualität kann sich nicht entfalten, wenn die beteiligten Partner nicht gut miteinander kommunizieren, verbal wie nonverbal. Wird ein Geschlecht unterdrückt, mag dies machtpolitische Vorteile für das andere Geschlecht mit sich bringen, aber wohl kaum sexuelle Erfüllung. Auch männliche Sexualität kann sich nicht frei entwickeln, solange weibliche geringgeschätzt wird. Männer haben gelernt, dies zu kompensieren, indem sie ihre Sexualität auf die Funktion sexueller Triebabfuhr reduzierten. Nicht nur Frauen tragen tiefe Wunden aus dieser Konstellation davon, auch Männer sind in ihrer sexuellen Identität in ihren Grundfesten verletzt.

Die Reduktion auf das sexuelle Funktionieren beim Mann, die in der Verengung der Sexualforschung auf Erektion und Ejakulation zum Ausdruck kommt, nimmt dem Mann nicht nur den größten Teil seiner Lust, sondern auch die Würde in seiner Sexualität. Was als sogenannt einfache sexuelle Befriedigung beim Mann gilt – sexuelle Erregung, die in angemessener Zeit zur Ejakulation führt – ist nicht mehr als der Trostpreis für den Verzicht auf weit umfassendere Wonnen, die im Sex auch von Männern erlebt werden können.

Weibliche Sexualität gilt nicht zuletzt deshalb als kompliziert, weil viele Frauen durch den „normalen Sexakt“ nicht zum Orgasmus kommen, sondern besondere Stimulation und nicht zuletzt auch psychische Einstimmung und Entspannung brauchen. Doch ob Männer bei ihrem immerhin meistens als lustvoll empfundenen Samenerguss überhaupt einen echten Orgasmus haben bzw. ob dieser nicht viel umfassender sein könnte, diese Frage wird bislang privat kaum und öffentlich gar nicht gestellt.

Diese Ausgangslage hat zu den Recherchen für das Buch „Lustvoll Mann sein“ geführt, das im Frühjahr 2015 erschienen ist. Anstatt mit statistischen Erhebungen den durchschnittlichen Status Quo männlichen Sexualerlebens herauszufinden, konzentrierten wir uns auf Tiefeninterviews mit Männern, die ihr sexuelles Potenzial weit überdurchschnittlich erforscht und entwickelt haben. Diese Männer sind nicht repräsentativ für das Gesamtkollektiv Mann, aber ihr Beispiel zeigt Möglichkeiten auf, die sehr vielen Männern zur Verfügung stehen könnten, wenn sie nur davon wüssten.

Wie schon erwähnt bietet Tantra eine der wenigen gesellschaftlichen Nischen, in denen männliche Sexualität gleichermaßen Wertschätzung erfährt wie weibliche. Nicht zuletzt deswegen fanden wir die meisten unserer Interviewpartner in diesem Umfeld. Was die Männer in intimen Gesprächen von ihren unterschiedlichsten Erfahrungen preisgeben, hat jedoch überwiegend nichts mit Tantra als spiritueller Schule zu tun, noch nicht einmal mit tantrischen Sexualpraktiken, obwohl auch solche zur Sprache kamen. Es handelt sich viel eher um prinzipiell jedem Mann zugängliche Potenziale, die beim näheren Betrachten das gängige Klischee vom einfach strukturierten sexuellen Mann nachhaltig zum Einsturz bringen. Das Spektrum umfasst das Erleben sexueller Erregung im ganzen Körper ohne Fixierung auf den Orgasmus, vielfältige Verknüpfungen „weiblicher“ oder „männlicher“ sexueller und emotionaler Bedürfnisse, unterschiedlichste Beziehungsformen von monogam bis polyamor und reicht manchmal bis zu einer spirituellen Dimension im Sex. „… ich hatte das Gefühl, die Welt steht für einen Moment still. Da war plötzlich ein Gedanke in meinem Hirn: Wenn du nicht sowieso schon gedacht hättest, dass es Gott gibt: Jetzt weißt du es…“, drückt es einer der Interviewpartner aus.

Im Sex Gott zu erfahren ist vielleicht nicht jedermanns Sache, auch wenn mancher mit den Worten „Oh Gott!“ seinen Orgasmus stöhnend kommentiert. Zu entdecken, dass eine Ejakulation mitnichten das Gleiche ist wie ein Orgasmus und dass eine Verzögerung des Höhepunkts oder auch zeitweiliges Loslassen jeder Zielorientierung viel tieferes Erleben ermöglicht, das könnte sich allerdings für jeden Mann lohnen, der sich tatsächlich für Sex interessiert. Und gilt dies nicht für die meisten Männer? Was hält Männer davon ab, sich tieferem sexuellen Erleben zuzuwenden und sich entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen? Warum geben Männer Unsummen für Junksex aus, scheuen sich aber, ihr Erleben nachhaltig zu vertiefen und sich selbst wie auch ihre Partnerinnen und Partner damit zu beglücken?

Es ist die Scham. Es mag überraschen, aber die meisten Männer schämen sich zutiefst, ein männliches, sexuelles Wesen zu sein. Einige verdrängen dies mit einer Flucht nach vorn, mit vermeintlich schamlosem, übergriffigem und unsensiblem Verhalten. Andere fühlen sich eingesperrt in ihrer Schüchternheit oder suchen den Ausweg darin, es der Frau Recht zu machen, um im Gefolge dessen auch die eigenen Bedürfnisse an die Frau bringen zu können. Beide Strategien sind nur mäßig erfolgversprechend, und beide sind kein Weg, die eigenen Potenziale jenseits der Klischees zu erforschen. Dazu bräuchte es empathisches Wohlwollen und echtes, nicht aufgesetztes Selbstbewusstsein. Beides fehlt vielen Männern.

Die meisten Männer leben mit einer verinnerlichten Abwertung ihres Mannseins und ihrer Sexualität, viele ohne es zu ahnen. Die Abwertung des Mannes ist nicht, wie oft behauptet wird, eine Folge der Frauenbewegung, auch wenn diese sie teilweise vorantrieb. Der Soziologe Christoph Kucklick arbeitet in seiner Doktorarbeit „Das unmoralische Geschlecht“ akribisch heraus, dass das Bild vom Mann als unzurechnungsfähigem Triebtäter, der nur durch die Liebe einer Frau domestiziert werden kann, im 18. Jahrhundert entstand und weniger von Frauen geprägt wurde, sondern vor allem von Männern selbst. Diese Spur lohnt sich weiter zu verfolgen. Wenn wir die oft subtile Abwertung von Männlichkeit einmal als solche identifiziert haben, entdecken wir ihre flächendeckende Verbreitung.

Trotz ihrer Verbreitung – oder gerade wegen ihr? – ist die Abwertung von Männlichkeit noch nicht im gesellschaftlichen Diskurs angekommen. Dem steht vor allem im Weg, dass Abwertung von „Männerrechtlern“ oft mit Benachteiligung verwechselt wird, was auf der anderen Seite reflexhafte Gegenwehr auslöst. Beide Geschlechter leiden unter Verzerrungen und Abwertungen, und dies lässt sich im Unterschied zur Lohnhöhe kaum gegeneinander aufrechnen.
Ein Unterschied besteht jedoch darin, dass geschlechtsspezifische Diskriminierung von Frauen längst als solche anerkannt und vieles dagegen unternommen wird. Die Diskriminierung von Männern wird jedoch kaum ernst genommen. Männer gelten im Zweifelsfall als Täter. Punkt. Dadurch haben sie anscheinend jedes Recht verwirkt, Einfühlung in ihr Verhalten zu bekommen. Was beispielsweise die Lebenserwartung betrifft, ist Männlichkeit ein Risikofaktor, der die Lebenszeit um durchschnittlich sechs Jahre verkürzt. Hat man je von Gesundheitsprogrammen gehört, die neben Cholesterin, Alkoholkonsum oder Bewegungsarmut die Männerrolle als Risikofaktor in den Blick nimmt? Kaum. Wenn Männer noch immer überproportional viel Macht besitzen (was wohl zutrifft), warum nutzen sie diese nicht, um es sich gut gehen zu lassen?

Der Grund liegt in tiefsitzender, oft uneingestandener Scham. Auch eine Modernisierung des Männerideals in Richtung neuer, ganzheitlicher oder integrierter Mann kann kaum helfen, solange die zugrundeliegende Scham nicht in den Blick kommt. Auf der individuellen Ebene gibt es bereits zahlreiche Männer, die sich mit ungeliebten Gefühlen wie Scham auseinandersetzen und dadurch Mut und Freiheit gewinnen, die traurigen Klischees männlichen Verhaltens und männlicher Sexualität hinter sich zu lassen. Wir haben einige von ihnen interviewt, ihre Berichte kann jeder nachlesen.

Auf der gesellschaftlichen Ebene findet die Abwertung des Mannes und die damit einhergehende Scham noch keine ausreichende Beachtung. Frauen haben sich das Recht erobert, die Hosen anzuhaben, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Ein Mann im Kleid? Ein solcher mag den Eurovision-Songcontest gewinnen, aber darüber hinaus? Sehen wir auch darin eine übertragene Bedeutung? Dürfen Männer das ganze Spektrum menschlichen Erlebens auch für sich beanspruchen? Dürfen Männer davon ablassen, ein richtiger Mann sein zu wollen, sondern einfach Mann sein, jeder auf seine Weise? Das könnte ein Weg sein, dass auch Männer – weit über den Sex hinaus – ihre Scham anerkennen und ebenso wie Frauen nach und nach überwinden. Zum Wohle aller Geschlechter.

Saleem Matthias Riek ist Sozialpädagoge, Paar- und Sexualtherapeut und Tantralehrer. Er leitet seit mehr als 20 Jahren Kurse und Trainings im Bereich Liebe, Sexualität und Partnerschaft. Er ist Autor mehrerer Fachbücher zum Thema. Zuletzt erschien – zusammen mit Rainer Salm – das Buch Lustvoll Mann sein im J.Kamphausen Verlag.
Kontakt: www.schule-des-seins.de
Infos zum Thema Männer: www.lustvoll-mannsein.de

Das Buch zum Thema: Saleem Matthias Riek und Rainer Salm:
Lustvoll Mann sein – Expeditionen ins Reich männlicher Sexualität
JKamphausen Verlag
310 Seiten, Broschur
18,95 € (D), 19,50 € (A)
Erscheinungstermin: 15. März 2015
ISBN 978-3-89901-920-9

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