Nach den Europawahlen: Griechenland zwischen Antifaschismus und Ratlosigkeit

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta

168. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ / Holdger Platta

Zwei Themen stelle ich heute in den Mittelpunkt meines Berichtes: einen Teil unserer Hilfsaktionen in Griechenland und die Ergebnisse der Europawahlen in diesem Mittelmeerstaat. HP

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

heute ausnahmsweise zwei persönlich-bedingte Bemerkungen vorweg:

Dieser Bericht erscheint – entgegen der Gewohnheit – nicht wie üblich am Dienstag, sondern erst am Mittwoch der neuen Woche. Grund: eine recht schmerzhafte Erkrankung bei mir, die mich, gleich zweimal – gestern und heute –, zu einem Arztbesuch zwang. Ob der heutigen Behandlung ein dauernder Erfolg beschieden sein wird, zeigt sich in den nächsten Tagen erst. So oder so: mit Sicherheit wird dieser Bericht gewisse Mängel aufweisen, die ich zu entschuldigen bitte. Was ich mit der Hoffnung verbinde, daß sich diese Beeinträchtigungen nicht negativ auswirken mögen auf den Spendenerfolg dieses Berichts.

Laßt mich heute vor allem über zweierlei berichten: zum einen über das Spendenergebnis der letzten Woche, verbunden mit Auskünften über einige unserer Hilfsaktionen derzeit; zum anderen über die Ergebnisse der Europawahlen in Griechenland.

Das Spendenresultat der letzten Woche kann man erneut erfreulich nennen. Zwar erreichten wir nicht die Höhe der Unterstützungszahlen in der Woche davor – 460,- Euro waren da auf unser Konto eingegangen, überwiesen von 3 Spenderinnen an uns. Aber immerhin durften wir – bemerkenswert für die letzte Woche in einem Monat – 300,- Euro an Spendengeldern auf unserem Hilfskonto verbuchen (ein regelmäßiger Großspender sorgte für dieses positive Resultat). Herzlichen Dank an ihn, im Namen des gesamten Hilfsteams! Und damit zu einigen Hilfsbedürftigen im Einzelnen, die zu den von uns unterstützten Menschen  gehören. Zunächst:

Auch jetzt, einige Monate nach ihrer zweiten Operation, einer Organtransplantation, geht es Katerina aus Piräus gut. Irgendwelche Abstoßungsreaktionen zeigen sich nach wie vor nicht. Und auch ihrem Vater, dem Organspender, geht es wieder gut!

Finanziellen Schaden – in immenser Höhe – konnte unser ‚Außenhelfer‘ Tassos Chatzatoglou abwenden bei dem syrischen Mädchen aus Athen, für das wir vor einiger Zeit 500,- Euro beisteuern konnten für ein dringend erforderliches Hörgerät. Ein Arzt hatte sich mit falschen Versprechungen an die Familie des Mädchens herangemacht, mit der Zusage, durch eine Operation in der Kostenhöhe von 10.000,- Euro dessen Hörschaden wirksam beseitigen zu können. Tassos, selber ja gebürtiger Grieche, war von Anfang an skeptisch, als er von dieser Prognose erfuhr. Er sorgte dafür, daß nochmals einige Ärzte die Erkrankung des Mädchens untersuchten – mit dem Resultat, daß es sich bei den Zusagen des betreffenden Mediziners um haltlose Versprechungen gehandelt hat. Der Kommentar von Tassos dazu (der sich wahrlich in den griechischen Verhältnissen auskennt): „Hier sehen wir wieder einmal, daß griechische Ärzte sehr geschäftstüchtig sein können und auch nicht vor Kindern Halt machen, um schnell an Geld zu kommen. Gottseidank gibt es noch Ärzte, die die Armen in Griechenland aufopfernd kostenlos behandeln. Diesen Ärzten gilt unser Dank.“ Und ich füge hinzu: genau solche Ärzte – in Einzelpraxen wie in Krankenhäusern – zählen seit längerem zu unseren Kooperationspartnern vor Ort. Dank der Tatsache, daß wir über derartig qualifizierte und wachsame Mitarbeiter wie Tassos Chatzatoglou verfügen, bewahren wir bedürftige Menschen in Griechenland davor, auch noch zu Opfern von Geldschneidern zu werden, zusätzlich zu ihrer Verelendungssituation!

Des weiteren informierte mich Tassos Chatzatoglou darüber, daß bei dem Jungen Andreas, der dank unserer Hilfe vor einiger Zeit eine zweite Gaumenspange bekam, auch die weitere Behandlung aufgrund unserer Hilfszahlungen gesichert ist.

Weniger gut die Nachrichten von Tassos über Dionysis, den Bruder von Andreas, der seit langem auf eine – teure – Spezialernährung angewiesen ist. Die Zutaten zu dieser Diät waren in Griechenland nicht mehr erhältlich gewesen, wir standen vor der Situation, diese Diätetika aus Österreich nach Griechenland schicken zu müssen. Doch inzwischen können diese speziellen Nahrungsmittel auch wieder in dem betroffenen Land eingekauft werden. Wachsam – das versteht sich von selbst – bleiben wir jedoch auch in diesem Fall.

Spiros hingegen, der an Multipler Sklerose Erkrankte, teilte uns mit, daß es ihm zur Zeit gut gehe und daß er sogar – als Ehrenamtlicher – einen Job habe antreten können bei der Sozialstation von Panteleimon – ein Beispiel übrigens dafür, daß es nicht selten selber Betroffene, selber verarmte GriechInnen sind, die anderen verarmten und betroffenen GriechInnen zu helfen versuchen. Wir selber erleben dasselbe oft auch bei uns, in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz: immer wieder bekommen wir mit, daß zum Beispiel Hartz-Vier-Betroffene bei uns zum Kreis unserer SpenderInnen zählen. Bedürftige bei uns helfen Bedürftigen in Griechenland. Menschliche Solidarität zeigen oft gerade diejenigen, die selber auf menschliche Solidarität angewiesen sind. Ich gebe zu: diese Hilfsbereitschaft macht mich immer wieder ganz besonders fassungslos. Und erfüllt mich mit großem Dank!

Ein letztes Wort noch, was die von uns betreuten Menschen in Griechenland betrifft, zu Panagiota K. in Megara, der wir vor längerer Zeit eine menschenwürdige Wohnung besorgen konnten und die wir seither mit ihren drei Töchtern kontinuierlich unterstützen, um die Miete für sie aufbringen zu können. Vielleicht erinnert Ihr Euch: urplötzlich, vor einigen Monaten war das, schien Panagiota von einer erneuten Kündigung bedroht zu sein. Der Vermieter hatte „Eigenbedarf“ geltend gemacht. Nun, ganz beseitigt ist diese Gefahr immer noch nicht. Aber der Vermieter hat erst mal Aufschub gewährt, und Panagiota wird in Kürze vielleicht sogar einen Arbeitsplatz bekommen, als Hilfskraft jedenfalls. Auch in solchen Fällen‚ bleiben wir selbstverständlich dran und vergessen die von uns Betreuten nicht. Anders gesagt, gleichzeitig ein Versprechen an Euch: ein Helfer-Hopping betreiben wir nicht. Verläßlichkeit  wird ein Merkmal unserer Hilfe sein, solange Ihr uns die Möglichkeiten dazu gebt!

Und damit zum Ausgang der Europawahlen in Griechenland (soweit ich überblicken kann, ist darüber in Deutschland bislang kaum berichtet worden):

Nun, die Kehrtwende in der Politik der SYRIZA-Regierung – Stichwort „Wahlgeschenke“ (ich berichtete mehrfach und ausführlich darüber) – nach jahrelanger Willfährigkeit gegenüber dem menschengefährdenden Austeritätskurs der Euro-Staaten, dieses Sammelsurium an sich erfreulicher Verbesserungen für die Ärmsten der Armen in Griechenland hat sich für Tsipras und Co. offenkundig nicht ausgezahlt. Nach heutigem Stand – rund 90 Prozent der Stimmen sind mittlerweile in Griechenland ausgezählt – konnte die SYRIZA lediglich um die 24 Prozent der WählerInnen auf ihre Seite ziehen. Vor ihr rangiert mit weitem Abstand die „Nea Dimokratia“, die griechische Schwesterpartei der bundesdeutschen CDU: über 33 Prozent der Wählerinnen und Wähler entschieden sich für Kyriakos Mitsotakis und seine Partei. Kinal, die Nachfolgepartei der PASOK, der Sozialdemokraten in Griechenland, kam auf 7,69 Prozent aller Wählerstimmen, die griechische KKE (= Partei der Marxisten-Leninisten) auf 5,41 Prozent. Weit abgeschlagen, mit derzeit 3,01 Prozent, landet DIEM25, die Parteigründung von Yanis Varoufakis, auf einem der hinteren Plätze, muß also noch bangen, ob sie den Einzug ins griechische Parlament schafft (die Hürde liegt in Griechenland bei 3 Prozent).

Erfreulich – relativ erfreulich! – hingegen, daß die faschistische Partei der „Goldenen Morgenröte“ etwa die Hälfte ihrer Wählerschaft einbüßte und nur noch um die 5 Prozent aller Wählerstimmen bekam. Selbst wenn man hinzunimmt, daß eine Partei religiöser Kryptofaschisten, die EL, um die 4 Prozent aller Wählerstimmen bekommen dürfte, kann also von einer bedrohlichen Faschisierung Griechenlands derzeit nicht die Rede sein! Keine Selbstverständlichkeit, wenn man zurückblickt auf die deutsche Geschichte am Ende der Weimarer Republik: da war es der NSDAP, nach dem „Ausbruch“ der Weltwirtschaftskrise (Ende Oktober 1929) gelungen, ihren Stimmenanteil von 2,6 Prozent bei den Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 zu steigern auf 18,3 Prozent bei den Reichstagswahlen am 14. September 1930. Gerademal gut 2 Jahre hatten damals in Deutschland ausgereicht, um für eine Versiebenfachung der Wahlergebnisse für die Faschisten zu sorgen, nicht mal 1 Jahr Wirtschaftskrise hatten für den politischen Durchbruch der Nationalsozialisten in Deutschland gesorgt (und selbst im westlichen Nachkriegsdeutschland führten sozioökonomische Mini-Krisen sofort zu politischen Konjunkturphasen für die Neofaschisten, zum Beispiel für die NPD während der Mittsechziger Jahre und – in Gesamtdeutschland – für die AfD jetzt). Ohne das Gesamtergebnis für die Rechtsextremen in Griechenland schönreden zu wollen – immerhin scheinen um die 9 Prozent insgesamt in Hellas extrem rechts gewählt zu haben – : daß nach einem ganzen, hochdramatischen, Krisenjahrzehnt Griechenland weit entfernt ist von deutscher Krisenanfälligkeit gegenüber dem Rechtsextremismus, dieser Tatbestand verdient Aufmerksamkeit. Fast könnte man meinen, daß dieses Land – die europäische Wiege der Demokratie – mehr Antifaschismus ‚in seinen Genen‘ hat, als es jemals in Deutschland der Fall gewesen ist. Freilich:

Große politische Ratlosigkeit, welcher Kraft, welcher politischen und sozialen Bewegung in Griechenland man trauen darf, welcher humanen und kapitalismuskritischen Gruppierung man sein Vertrauen schenken sollte, diese gesellschaftliche Unsicherheit spiegeln die Wahlergebnisse in Griechenland ebenso deutlich wider wie eine bemerkenswerte Faschismus-Resistenz. Und was eine – relative – Mehrheit von GriechInnen bei jenen Konservativen zu finden meint, die – neben der PASOK – mit dafür gesorgt haben, daß in Griechenland die Probleme heute so groß sind, wie sie sind, in ökonomischer, in sozialer, in humaner Hinsicht, das zu beantworten, ist des Schweißes der Edlen wert. Ich jedenfalls sehe mich außerstande dazu.

Und damit wieder einmal zu meiner abschließenden Bitte an Euch um Spenden zugunsten unserer Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich -, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e. V“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Holdger Platta

Euer Holdger Platta

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