Rückgang der Arbeitslosenzahlen? – Nein: Zunahme der Resignation!

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

269. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Ihr alle kennt diesen Spruch: „Glaube nur jener Statistik, die du selber gefälscht hast“. Tatsächlich: um die zynische Wahrheit dieses Spruchs wird es heute in meinem Bericht unter anderem gehen. Aber auch – wichtig, daran zu erinnern! – um die Verdienste unseres gesamten Helferteams. Denn keineswegs ist es der Verfasser dieser Berichte, dem der Hauptdank gebührt. Holdger Platta

 

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

manchmal könnte es so aussehen, dass ich das wichtigste Mitglied in unserem Helferteam für die GriechInnenhilfe bin. Das ist natürlich nicht der Fall!

Zwar bin ich derjenige, der Euch wöchentlich über unsere Hilfstätigkeit informiert und über die katastrophalen Gesamtverhältnisse in Griechenland. Außerdem liegt letztlich die Entscheidung bei mir, an welche hilfsbedürftigen Menschen oder Institutionen unsere Gelder verteilt werden – und diese Entscheidung fällt ja im wachsenden Maße schwerer, weil der Etat, der uns für die Hilfsaktionen zur Verfügung steht, im Laufe der Zeit erheblich kleiner geworden ist. Da waren schon schmerzliche Beschlüsse zu fassen. Aber: bislang hat es zwischen uns Team-Mitgliedern niemals einen Dissens gegeben, und Konflikte gab es deswegen auch nicht bisher. Durchaus keine Selbstverständlichkeit, wenn man auf interne Streitigkeiten blickt, die selbst bei noch so human orientierten Hilfsorganisationen anderenorts hin und wieder zu registrieren sind. Um so dankbarer bin ich, um so dankbarer sollten wir alle in unserer kleinen Hilfsorganisation sein! Aber zum Thema „Wichtigkeit“ zurück, was die einzelnen MitarbeiterInnen bei uns betrifft.

Ohne das zuverlässige „Einpflegen“ meiner Berichte auf HdS durch Roland Rottenfußer, unseren Chefredakteur, wäre die gesamte Arbeit womöglich nur die Hälfte wert. Unmittelbar wäre zum Beispiel ein Niedergang beim Spendenvolumen die Folge. Und herauszuheben ist auch die Tatsache, dass – eher im Verborgenen sozusagen – unser Kassenwart Henry Royeck zuverlässig die Gelder, letztlich miteinander beschlossen, an die notleidenden Menschen überweist oder an unsere Griechenlandfahrer, die für Weitergabe dieser Gelder vor Ort in Griechenland sorgen.

Diesen aber, den HelferInnen vor Ort – also den beiden Reiseteams Uschi und Kalle Apel sowie Evi und Tassos Chatzatoglou –, gilt ganz gewiss ein besonderer Dank! Erstens sind sie es, die mir, mit großer Zuverlässigkeit, den konkreten Hilfsbedarf mitzuteilen pflegen – nochmal: nahezu immer durch eigene Überprüfung vor Ort. Zweitens leisten sie – wie wir Heimischen auch – ihre Arbeit ohne jedes Entgelt, immer noch blanke Selbstverständlichkeit für uns alle im Team (und so wird es auch bleiben!). Und drittens verzichten unsere Reisenden fast immer auf Erstattung der gesamten Reisekosten, die ihnen bei ihren Griechenlandfahrten entstehen. Obwohl sie darauf Anspruch hätten, eigentlich. Aber: es gibt sogar noch eine vierte Tatsache, die in diesem Zusammenhang dringend erwähnt werden sollte.

Oft haben Evi und Tassos Chatzataglou auch schon aus eigener Tasche Hilfsmaßnahmen in Griechenland unterstützt – und wir hiesigen Helfer erfahren nicht mal die Beträge, zumindest nicht jedes Mal, die dabei geflossen sind – bei Laura zum Beispiel, die alljährlich ihre neuen Fußprothesen benötigt, um sich weiter schmerzfrei fortbewegen zu können. Und dies alles gilt auch für Uschi und Kalle Apel, gerade jetzt wieder in Griechenland. Ganz konkret:

Die Versorgung des Gesundheitszentrums in Neapolis mit neuem Verbandsmaterial, in der Absicht, dass dadurch frei werdende Gelder für die kostenlose Behandlung verarmter Patientinnen und Patienten zur Verfügung stehen, geht einzig und allein auf die Initiative von Uschi und Kalle zurück. Gleiches gilt für die 500,- Euro, die Uschi und Kalle der in finanzielle Not geratenen Witwe übergeben haben, die nunmehr, nach dem Tod ihres Mannes, ohne sonstige Hilfe sich und ihre Kinder über Wasser halten muss. Der Dank dafür sei „überschwänglich“ gewesen, so Kalle in einer Mail an mich.

Ich erspare es Euch heute, ein weiteres Mal, an diesem Beispiel nun, das Totalversagen des griechischen Staates darzustellen. Es gilt, wie Ihr wisst, für zahllose andere unserer Hilfsbedürftigen auch – egal, ob es die Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums betrifft oder, wie anfangs dargestellt, die ausreichende Versorgung dieser Menschen im Krankheitsfall. Bei Dionysis etwa, für den wir seit längerer Zeit die Versorgung mit einer – teuren – Spezialdiät sicherstellen, in der Höhe von 300,- Euro monatlich, reicht das Geld für dessen Familie darüber hinaus nicht aus, obwohl der Vater seit kurzem wieder eine Arbeitsstelle hat. Manchmal – ja, so ist es – verbirgt sich hinter der Misere, über die ich Euch berichte, noch sehr viel mehr Misere, und diese träte erst dann zutage, wenn ich Euch jedes Mal vollständig darüber berichten würde.

In diesen Zusammenhang passen auch die beiden folgenden Nachrichten noch, und damit lenke ich Euren Blick wieder auf die Gesamtverhältnisse in Griechenland.

Erstens: in dieser Woche, am Donnerstag, den 3. Juni des Jahres, wird es erneut einen Generalstreik der Dachgewerkschaft ADEDY in Griechenland geben. Über den ersten Generalstreik vor einigen Wochen informierte ich Euch schon. Ein weiteres Mal wird es um die Gesetzesnovelle des griechischen Arbeitsministeriums gehen, die demnächst in Kraft treten soll. Konkret, um Verhinderung der Tatsache, daß in Griechenland der seit 101 Jahren gültige Achtstundentag abgeschafft werden soll, um ersetzt zu werden durch eine 50-Stunden-Arbeitswoche – nebenbei: ohne dass es zu den entsprechenden Gehaltserhöhungen für die arbeitenden Menschen kommen soll! Und zum anderen wird es bei diesem Generalstreik um das Ziel der griechischen Regierung gehen, den Sonntag als arbeitsfreien Tag abzuschaffen. Schamlos und gewissenlos will die ultrakonservative Regierung der „Neudemokraten“ unter Kyriakos Mitsotakis beseitigen, was die Arbeiterbewegung in Griechenland unter Mühen und Kämpfen, über viele Jahrzehnte hinweg, für sich an Rechten durchzusetzen verstand. Ohne Übertreibung gesagt: mehr und mehr kehrt der Kapitalismus in Griechenland zu seinen brutalen Anfängen zurück, und es wird von der jetzigen Rest-Stärke der Arbeiterbewegung in Griechenland abhängen, ob dieses der Regierung gelingen wird.

Zweitens: „begleitet“ wird dieses Geschehen in Griechenland noch durch eine zweite Entwicklung – ein Beispiel, das im Übrigen zeigt, wie irreführend manche offiziellen Zahlenangaben dort sind! Für den Januar dieses Jahres hat die staatliche Statistikbehörde ELSTAT – man höre und staune! – einen Rückgang der Arbeitslosenquote in Griechenland festgestellt, von 16,4 Prozent im Vorjahr auf nunmehr 16 Prozent. Und das in Corona-Zeiten! Müßte man nicht vor Begeisterung in die Knie gehen, was diese famose ultrarechte Mitsotakis-Politik innerhalb eines solchen Notjahres zu leisten verstand?

Nun, die Wahrheit dahinter hört sich weniger begeisternd an: dieser bemerkenswert „positive“ Rückgang der Arbeitslosenzahlen geht vor allem auf die Tatsache zurück, dass immer weniger Arbeitslose nach einer neuen Beschäftigung suchen! Nichts anderes als Verzweiflung und totale Resignation stecken hinter diesem „Positiv“-Trend! Und wenn man die Prozentziffer dieser Menschen, die aufgegeben haben, hinzurechnet zu diesen „verbliebenen“ 16 Prozent – es handelt sich um nicht weniger als 5,9 Prozent! –, hat es tatsächlich einen dramatischen Wiederanstieg bei der Erwerbslosenquote in Griechenland gegeben: fast 22 Prozent – nämlich genau: 21,9 Prozent – sind demnach in Griechenland wieder arbeitslos, nicht angeblich nur 16 Prozent! Die Rückkehr zur Brutalvariante des Kapitalismus in Griechenland nähert sich allmählich Verhältnissen an, wie sie vor Regierungsantritt der SYRIZA zu Anfang des Jahres 2015 bitterste Realität gewesen war!

Was nun unsere Spendenaktion betrifft, so kann ich gegenüber der Vorwoche mit 35,- Euro und 1 Spenderin für die letzten sieben Tage wieder einen Anstieg vermelden: 130,- Euro, überwiesen von 3 UnterstützerInnen an uns, dies das neue Ergebnis. Mit einem Gesamtetat von rund 1.360,- Euro für die GriechInnenhilfe sind wir keineswegs gerüstet für alle Aufgaben, die vor uns liegen. Aber ein Anfang scheint gemacht, dass unsere Menschenhilfe in den kommenden Wochen keine weiteren, keine neuen harten Entscheidungen wird treffen müssen. Auch bei uns, aber natürlich, stirbt die Hoffnung zuletzt. Dank deshalb allen, die für einen deutlichen Spendenzuwachs während der letzten (knapp!) sieben Tage gesorgt haben!

 

Womit ich erneut bei meiner Bitte um Unterstützung für unsere Hilfsaktion bin:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Inhaber: IHW

 

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

 

Mit herzlichen Grüßen

Euer Holdger Platta

 

 

 

 

 

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