Schandurteil gegen jugendliche Asylbewerber auf Chios

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

„Eigentlich“ schön: Lesbos

271. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Für unsere Spendenhilfe darf ich dieses Mal ein gutes Wochenergebnis verkünden. Der Blick nach Griechenland hingegen zeigt uns weiterhin nur Düsternis: verzweifelte Jugendliche, die Anfang September des letzten Jahres das Katastrophenlager Moria in Brand gesetzt hatten – es gab seinerzeit weder Verletzte noch Tote -, wurden von einem griechischen Gericht auf Chios nunmehr zu Höchststrafen nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt. Und Europa schweigt ein weiteres Mal. Holdger Platta

 

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

nach wie vor haben wir sehr aufmerksame LeserInnen unserer Berichte. Und sehr solidarische zudem! Ihr erinnert Euch:

In der letzten Woche konnte ich nur über einen recht moderaten Neuzugang an Spenden für unsere Hilfsaktion berichten: 125,- Euro, überwiesen von 3 UnterstützerInnen an uns, waren auf unserem Konto eingegangen. Stand bei unserer GriechInnenhilfe also insgesamt: knapp über 1.500,- Euro. Angedeutet hatte ich, dass es uns – bei gleichbleibendem Trend – in der nächsten Zeit kaum möglich sein würde, noch alle Notleidenden, die wir bisher betreuten, weiterhin unterstützen zu können. An dieser Alarmgrenze schrammen wir ja schon seit einigen Monaten immer mal wieder entlang.

Eine Spenderin unter Euch – eine Renate F. – hat das veranlasst, uns dieses Mal eine besonders hohe Spende zukommen zu lassen: 500,- Euro. Hinzu kamen zwei weitere Spenden, sodass der Zuwachs während der letzten sieben Tage insgesamt 570,- Euro betrug. Damit verfügen wir nun über einen Hilfsetat von ganz genau 2.010,26 Euro. Immerhin also das! Im Namen aller aus unserem Organisationsteam danke ich den SpenderInnen sehr – wobei ich auch an dieser Stelle nochmal wiederholen möchte, daß niemand aus unserem HelferInnenkreis irgendwelche Entgelte für seine Tätigkeit bekommt. Abzüge von diesem Brutto-für-Netto-Betrag gehen ausschließlich auf unvermeidbare Organisationskosten zurück, auf Ausgabeerforderlichkeiten, die nicht von uns Einzelnen übernommen werden können. Wobei – auch dieses erwähnte ich ja bereits, und zwar in meinem Bericht vor vierzehn Tagen – so manche Kosten für unsere GriechInnenhilfe sogar von Teammitgliedern aus eigener Tasche aufgebracht werden. Da sind vor allem die Hilfsfahrten zu nennen, die Reisekosten nach Griechenland zu den Notleidenden. Unsere Hilfsaktion stellt also in mehrfacher Hinsicht eine Gemeinschaftsaktion dar – eine Gemeinschaftsaktion von Euch Spenderinnen und Spendern sowie den Akteuren unserer kleinen Hilfsorganisation.

Ich weiß, mit dieser Besonderheit stehen wir nicht alleine da. Es gibt auch andere Kleingruppen aus Deutschland und Österreich, die seit Jahren verarmten Menschen in Griechenland beistehen und für die solche Selbstlosigkeit ebenfalls typisch ist. Aber für die großen, für die namhaften Organisationen, die sich der Menschenhilfe widmen – auch in anderen Weltregionen natürlich -, gilt das keineswegs. Ich füge hinzu: kann es auch gar nicht gelten, weil da ganz andere Geldsummen zur Aufrechterhaltung der eigenen Organisationen erforderlich sind. Wen es interessiert: deshalb dürfen, bundesdeutscher Rechtsprechung zufolge, bis zu 35 Prozent aller eingehenden Spenden für Verwaltung und Organisation ausgegeben werden. Von einem solchen Kostenanteil sind wir – wie die anderen Klein-Organisationen auch – natürlich meilenweit entfernt. Im Jahresdurchschnitt gehen bei uns etwa 5 Prozent aller Spendengelder für derartige Kosten – leider: unvermeidbare Kosten – drauf, mehr nicht! Wir selber sind froh darüber, und wir sind sicher, daß es dabei bleiben wird. Solange unsere – und Eure! – GriechInnenhilfe aufrechterhalten werden kann.

Wenig erfreulich ist hingegen, was ich heute – als einzige Meldung noch – aus Griechenland an Euch weitergeben muß.

Bestimmt ist dem einen oder der anderen unter Euch diese Nachricht im Gedächtnis geblieben (schließlich war es dieser Vorfall, der zur Auflösung des furchtbaren Flüchtlingscamps auf Lesbos geführt hat):

Im Herbst des letzten Jahres – Anfang September 2020 – hatten, aus lauter Verzweiflung über ihre Situation, zahlreiche Insassen des aller Menschenwürde spottenden Asylbewerberlagers Moira versucht, mit Erfolg sogar, diese verheerende Unterkunft in Brand zu setzen. Selbst das UNO-Flüchtlingshilfswerk, die UNHCR, bestätigte diesen Zusammenhang. Inzwischen ist nun, auf der ostägäischen Insel Chios, das Urteil gegen vier dieser jungen Migranten ergangen, allesamt aus Afghanistan: von dem betreffenden Gericht wurden diese vier Jugendlichen zu jeweils zehn Jahren Haft verurteilt – unter Ausschluß der Öffentlichkeit und nach dem Erwachsenenstrafrecht. Heißt konkret: nicht mal Journalisten waren zugelassen bei diesem Prozess, und es wurde aufs eindeutigste ein Unrechtsurteil verkündet bei diesem Prozeß.

Es verwundert daher nicht, dass die Anwälte der Beschuldigten – immerhin: rechtlichen Beistand hatten die Angeklagten gehabt (ich vermute, finanziert von internationalen Menschenrechtsorganisationen) – das Gericht angeprangert haben, nach diesem Prozess, für einen durch und durch unfairen Prozess verantwortlich gewesen zu sein. Nicht mal der Hauptbelastungszeuge konnte von den Anwälten befragt werden; er war zum Prozess nicht einmal vorgeladen worden. Und damit Ihr dieses Urteil mit seinem wahnwitzigen Strafmaß wenigstens annähernd zutreffend einschätzen könnt: das deutsche Strafrecht setzt 10 Jahre Haft als Höchstmaß für Jugendliche fest, die einen Mord begangen haben. In Moira gab es infolge der Brandstiftung nicht mal Verletzte, geschweige denn Tote!

Selbstverständlich haben die Verteidiger Revision beantragt, gleichwohl bleiben die Beschuldigten in Haft. Und wie immer gilt auch hier: Europa hat dieses Schandurteil kaum bis gar nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn kritisiert. Ein weiteres Mal schweigt die „Wertegemeinschaft“ Europa sich aus: die Politik tut dieses, das ohnehin, und die Massenmedien machen es ihr nach, als ob es Selbständigkeit nicht mehr gäbe bei Europas vereinigten Zeitungen und Sendeanstalten. Keine Schande in Griechenland, die nicht begleitet würde von Schande, die wieder und wieder Europa auf sich lädt!

Wie schön wäre es, ich könnte meine Berichte über Griechenland und dieses Europa einmal positiver enden lassen! Um so erforderlicher bleiben sie, diese Berichte, scheint uns jedenfalls, und um so erforderlicher bleibt natürlich auch unser Beistand für die Menschen in Griechenland. Erneut also mein Appell am Schluss:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

 

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Inhaber: IHW

 

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

 

Mit herzlichen Grüßen

Euer Holdger Platta

 

 

 

 

Showing 2 comments
  • Volker
    Antworten
    Ich war über dieses Urteil mehr als bestürzt. Und ebenso über das gemeinsame Hinwegsehen aller Verantwortlichen, deren politische Gleichgültigkeit die Not der Menschen erst hervor brachte.

    Menschen flüchten nicht freiwillig, sie werden dazu gezwungen, wollen überleben, und werden dazu noch aufs härteste bestraft. Wer bestraft Verbrechen politisch motivierter Menschenverachtung?

  • Die A N N A -loge
    Antworten
    Es ist so furchtbar, die Situation im Flüchtlingslager Moria, bestürzend, unmenschlich und grausam, und die Verantwortlichen schauen weg, Europa schaut weg.
    Endstation Flüchtlingslager statt Weg nach Europa?
    Die Engel von Moria | SWR Doku
    https://youtu.be/iygkYRDZzxo

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