Tage wie diese

 in FEATURED, Kultur, Kurzgeschichte/Satire, Politik

An Tagen wie diesen ist in deutschen Städten meist Tote Hose. Alles abgeriegelt. Alles verboten – oder für die einen verboten, für die anderen erlaubt. Das war mal anders. The times they are a-changin‘. Die Autorin kramt in ihren Erinnerungen, erzählt von einem lebhaften, vibrierenden Kulturleben. Speziell haben es hier Vorführungen aus dem türkischen und arabischen Raum angetan. Es war Musik auf den Straßen. Die Prosa-Skizze ist in der Gegenwartsform abgefasst. Man könnte sie aber auch im „Es-war-einmal“-Stil erzählen. Heute ist alles anständig, aber tot. Biedermeieridylle. Susanne Alpers

 

Die Band spielt algerische Schlager aus den 1960ern. Tawfiq ist heute nicht so betrunken, er singt ‚Ya Rayah‘, mit Hingabe. Ich bewege mich in der Menge, es gibt nur die Musik. Ich vergesse das Vorher und das Nachher. Rhythmus, Gesang.

Ich muss aufs Klo. Dort streiten sich die marokkanischen Girls, bitch-fight auf Tamazight. So viel Druck im Kessel, erstaunlich. Prächtige Fliesen auf dem Boden. Jede Menge Wein. Und Musik. Ich gehe wieder tanzen.

Mit dem Fahrrad durch die Stadt. An der Hauptwache steht seit einiger Zeit ein Klavier. Eine junge Frau sitzt daran und singt mit einer Stimme, die alles erfüllt. Ich halte an und höre ihr zu. Ihr Gesang rührt mich so sehr, dass ich Augenpipi kriege.

15 Jahre zuvor hatte Christoph Schlingensief hier seine Kirche der Angst eröffnet. Auf einer Tombola konnte man Arbeitslose erstehen. Die echten Arbeitslosen saßen auf 3 Meter hohen Holzstehlen und winkten den Passanten zu. Auf Ideen kommen die Leute. Wenn man sie lässt…

Punkrock: große Halle, viele Leute stehen zusammen im Dunkel. Die Musik setzt ein, eine Wand aus Bässen und Tönen prallt auf mich. Geht durch mich hindurch, fegt alles weg. Vorne ist Pogo. Renitent, die Musik, die Bewegungen. Körperlich. Keine Ordnung drin. Perfekt.

BaBa Zula sind wieder in der Stadt. Wenige Tage nach dem Anschlag im Bataclan. Viel Anspannung im Saal. Sie spielen „İstanbul Çocukları“ und „Özgürlük“. Sie skandieren: özgür, özgür, özgür (frei). Mein alter Freund M. blickt zu Boden. Ich spüre seine Traurigkeit. Die türkische Regierung bedrängt sie alle. Hier kann man noch atmen. Wir fühlen, dass die Zeiten sich ändern.

Um die Ecke ist mein Lieblingskino. Mit Kneipe. Und Filmen. Nix Marvel oder James Bond. Echte Filme, von Überall. Manchmal verstörend, immer inspirierend. Danach geistige Gespräche mit geistigen Getränken. Leben.

2020. Die Welt ist beruhigt. Wurde beruhigt. Manche Musiker spielen unplugged aus dem Wohnzimmer. Und stellen das bei youtube rein. Die meisten halten die Füße still. Wird schon wieder…

2021: Florian Silbereisen spielt für die Nation. Mit viel Abstand. Und Anstand. Es gibt Strandkörbe. Oder Gehege für kleine Gruppen. Kein Scheiß.

Ohne Zertifikat gibt’s keinen Zutritt. Alles limitiert. Endlich Ordnung. Die meisten benehmen sich auch ordentlich. Achten aufeinander. Aus Solidarität. Der Rest hat eben nix begriffen. Die Sicherheit, Sie wissen schon…

2022: Das Biedermeieridyll der Braven ist eine Einöde für die Lebendigen. Alles so unwirklich.

Heh, da war mal was!

Showing 3 comments
  • Mo
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    Toller Text! Arbeitslose bei einer Tombola zu gewinnen! Und die „echten“ Arbeitslosen 3 m hoch oben über den Köpfen, unerrreichbar…. Tolle Idee!

    Gehört die Idee jemandem? Kann man sie kaufen? Wenn man sie nicht kaufen kann, ist sie ja nichts wert.  Oder macht man sich strafbar, wenn man die Idee klaut und nachmacht? Dann ist sie doch wieder was wert. Dann kassiert der Staat. Hauptsache der Rubel rollt…

    Oder hab ich da was falsch verstanden?

  • Freiherr
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    Ja Frau Alpers, da war mal was…

    und was da mal war haben sich die Leute einfach nehmen lassen, ohne wirkliche Gegenwehr.

    Das Leben haben sie sich nehmen lassen, ohne wirklichen Grund dafür.

    Aber die meisten hier waren ja vorher schon nicht wirklich lebendig, wie in diesen südländischen Kulturen als prima Beispiel.

    Schwabing um 1970 – das war pralles Leben… südländisch, aber schon 1980 ziemlich tot.

    Und ein Bewusstsein für Freiheit hat man ihnen in Deutschland schon lange aberzogen, geistig und sprirituell sind sie durchaus noch lebendig, aber körperlich nicht.

    Und Widerstand ist insgesamt gesehen auch ein eher geistig-spiritueller-philosophischer , kein so notwendig körperlicher…

    und so ist diese Leblosigkeit hier eine ganz besonders ausgeprägte.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Candide O..
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    Ich glaube, es könnte  sich doch noch etwas ändern zum Guten, Kanada macht es vor, die Menschen mögen auf Dauer nicht ohne Liebe, Freiheit und Vertrauen leben. Mehr und mehr Menschen wachen auf, und bemerken, dass sie belogen und für dumm verkauft wurden. Mich hat dieser kleine, aktuelle Film sehr bewegt, da schildert ein Trucker, warum er gerade in Ottawa ist, dafür braucht er nur ein paar Worte. Mir ist das ans Herz gegangen und ich bete für die Menschen, die dort in diesen Tagen bei Eiseskälte für Freiheit und Menschenrechte demonstrieren, ich bin ihnen zutiefst dankbar und hoffe das wird Schule machen! Die Welt ist gar nicht so groß, wir gehören zusammen, wir sprechen alle mit einer friedlichen und lauten Stimme, und wir lassen uns nicht länger belügen, manipulieren und von einer kleinen, mächtigen Clique von Technokraten und Superreichen gegeneinander ausspielen! https://twitter.com/i/status/1489145038936461317

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