Warum macht man keine Revolution?

 In FEATURED, Kultur

Georg Heym

Vor 107 Jahren kam der Dichter Georg Heym ums Leben Zwischen der „Sehnsucht nach Liebe“ und der „Nekrophilie des Krieges“ war das nur kurze Leben des expressionistischen Dichters Georg Heym reich an Farben. Bekannt wurde er u.a. mit seinem auch von Konstantin Wecker vertonten Gedicht „Der Krieg“. Der Autor zeichnet ein einfĂŒhlsames PortrĂ€t, das neben biografischen Notizen auch viel Originaltext und GedichtauszĂŒge Heyms bringt, die tief in sein Inneres blicken lassen. Über Parellelen zur Jetztzeit darf durchaus nachgedacht werden. Götz Eisenberg

Am 16. Januar 1912 hatte sich der Dichter und Gerichtsreferendar Georg Heym, der als Sohn eines preußischen Staatsanwalts die „Scheißjuristerei“ verachtete, mit seinem Freund Ernst Balcke zum Schlittschuhlaufen auf der Havel verabredet. In Berlin lag die Temperatur an diesem Tag bei minus 13,7 Grad. Nachdem sie gegen Mittag noch eine Rast eingelegt und etwas gegessen hatten, betraten sie gegen 14 Uhr wieder das Eis und fuhren auf der Havel Richtung Strommitte. Dort geriet Ernst Balcke in eine Öffnung, die man fĂŒr die Wasservögel ins Eis gehackt hatte. Er schlug mit dem Kopf auf die Kante und soll sofort tot gewesen sein. Bei dem Versuch, den Freund zu retten, brach auch Heym ein und geriet unter die Eisdecke. Man fand seine Handschuhe und seine MĂŒtze spĂ€ter an der Einbruchstelle. Er muss lange gekĂ€mpft haben. Waldarbeiter, die in einiger Entfernung ihrer Arbeit nachgingen, aber nicht helfen konnten, hörten noch eine halbe Stunde lang seine gellenden Schreie. Die Leiche Georg Heyms fand man am 20. Januar, die des Freundes erst am 6. Februar. Die HĂ€nde Georg Heyms sollen wund und zerkratzt gewesen sein von seinen verzweifelten Versuchen, sich aus dem Wasserloch herauszuziehen. Seine Leiche wurde zum Selbstmörderfriedhof Schildhorn gebracht. Am 24. Januar 1912 wurde er auf dem Friedhof der Luisengemeinde Westend am FĂŒrstenbrunner Weg in Berlin beigesetzt. Sein Grab wurde 1942 eingeebnet, der Grabstein entfernt.

Georg Heym ist 24 Jahre alt geworden.

Hier eins seiner Gedichte, das mich aus nahe liegenden GrĂŒnden besonders beeindruckt hat. Ich habe tĂ€glich mit Gefangenen zu tun, und da, wer andere einschließt, sich selbst mit einschließt, bin in gewisser Weise auch ich Gefangener. Georg Heym hat sich zu diesem Gedicht von einem Bild van Goghs anregen lassen, das wiederum auf einen Stich Gustave DorĂ©s zurĂŒckgeht:

Die Gefangenen

Sie trampeln um den Hof im engen Kreis.
Ihr Blick schweift hin und her im kahlen Raum.
Er sucht nach einem Feld, nach einem Baum,
Und prallt zurĂŒck von kahler Mauern Weiß.

Wie in den MĂŒhlen dreht der RĂ€dergang,
So dreht sich ihrer Schritte schwarze Spur.
Und wie ein SchÀdel mit der Mönchstonsur,
So liegt des Hofes Mitte kahl und blank.

Es regnet dĂŒnn auf ihren kurzen Rock.
Sie schaun betrĂŒbt die graue Wand empor,
Wo kleine Fenster sind, mit Kasten vor,
Wie schwarze Waben in dem Bienenstock.

Man treibt sie ein, wie Schafe zu der Schur.
Die grauen RĂŒcken drĂ€ngen in den Stall.
Und klappernd schallt heraus der Widerhall
Der Holzpantoffeln auf dem Treppenflur.

Aus seinen TagebĂŒchern, die er mit 17 Jahren, also im Jahr 1904, zu schreiben begann (Rechtschreibung wurde original belassen):

8. Februar 1905 Ach, was das fĂŒr eine Qual ist. Ich habe heute einen Aufsatz zurĂŒckbekommen: Frieden und Streit in Göthes Herrmann und Dorothea. Note: „mangelhaft. Phrasen können die Gedanken nicht ersetzen.“ Was das fĂŒr eine Qual ist unter einem solchen hölzernen Kerl von Pauker zu arbeiten. Steif wie ein Ladestock.

23. April 1905 Ein Bekannter meines Freundes Ernst Balcke, mir auch gut bekannt, beging Selbstmord. Er war einer der klĂŒgsten Menschen, die ich kenne. Er erfand in einsamen NĂ€chten schon ganze mathematische SĂ€tze. DafĂŒr war er in der Schule durchaus ungenĂŒgend, trotzdem er seine MitschĂŒler an SchĂ€rfe des Verstandes weit ĂŒberragte. Ich glaube, diese Schule ist der Verderb jedes Genies. Was wollte ich wohl arbeiten, wenn ich mir meine Lehrer zu allem Guten und Schönen selbst wĂ€hlen könnte.

24. Juni 1905 Ich schreibe immer dasselbe eigentlich. Meine Pensionsmutter nahm mich eben wieder vor, ich sollte nicht so grĂŒbeln. Ich sollte den Kopf hochhalten. Sie macht sich wirklich, scheint es, die MĂŒhe, auf mich aufheiternd einzuwirken. Ich konnte ihr wohl fĂŒr ihre Liebe danken. Aber ich habe den Kopf schon oft nach oben gerichtet und die Liebe, um die ich bat, nicht gefunden. Jetzt bete ich nicht mehr. Ich sehe nur noch abends zu den Sternen auf und grĂŒble, doch eigentlich nutzlos.

30. Mai 1907 … Aber ganz verborgen immer diese Hoffnung auf ein unerhörtes GlĂŒck. D.h. allmĂ€hlich wird’s langweilig.

April und Mai und Junius sind ferne
Ich bin nichts mehr
Ich lebe nicht mehr gerne.

Ich habe eben wieder mein Tagebuch durchlesen. Alle Tage fast das gleiche. Nur ab und zu mal eine kurze Freude, sonst alles grau in grau.

6. Juni 1907
Das Beste ist, nie geboren werden, und danach, jung sterben. … Die Götter sind zu lang schon tot. Ich allein bin nicht im stande, sie wieder zu erwecken.

15. MĂ€rz 1908 Wohl, ich kenne mein Geschick. Irrsinnig zu werden wie Hölderlin. Doch anders, nach einem Leben ohne Liebe. Als sicheres Ende dieser Tage des Leids. Denn ich wĂŒĂŸte, mich heilte die Liebe wohl. Sicher ginge ich hinaus.
Und wie lĂ€cherlich, wenn das nicht eintrifft. Wenn ich Amtsrichter oder dergleichen wĂŒrde und mit 60 Jahren vielleicht endlich stĂŒrbe.

20. Juli 1909 Ich liebe alle, die in sich ein zerrissenes Herz haben, ich liebe Kleist, Grabbe, Hölderlin, BĂŒchner, ich liebe Rimbaud und Marlowe. Ich liebe alle, die nicht von der großen Menge angebetet werden. Ich liebe alle, die oft so an sich verzweifeln, wie ich fast tĂ€glich an mir verzweifle.

17. Juni 1910 Warum macht man keine Revolution? Der Hunger nach einer Tat ist der Inhalt der Phase, die ich jetzt durchwandere.

6. Juli 1910 Ach, es ist furchtbar. Schlimmer kann es auch 1820 nicht gewesen sein. Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen wollte, was nicht diesen faden Geschmack von AlltĂ€glichkeit hinterlĂ€ĂŸt. Wenn ich mich frage, warum ich bis jetzt gelebt habe. Ich wĂŒĂŸte keine Antwort. Nichts wie QuĂ€lerei, Leid und Misere aller Art. …

GeschĂ€he doch einmal etwas. WĂŒrden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wĂ€re der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit einer Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spĂŒren. Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begĂ€nne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln. Was haben wir auch fĂŒr eine jammervolle Regierung, einen Kaiser, der sich in jedem Zirkus als Harlekin sehen lassen könnte. StaatsmĂ€nner, die besser als Spucknapfhalter ihren Zweck erfĂŒllten, denn als MĂ€nner, die das Vertrauen des Volkes tragen sollen.

15. September 1911 Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthousiasmus in dieser banalen Zeit. Denn ich bedarf gewaltiger Ă€ußerer Emotionen, um glĂŒcklich zu sein. Ich sehe mich in meinen wachen Phantasien immer als einen Danton oder einen Mann auf der Barrikade, ohne meine JacobinermĂŒtze kann ich mich eigentlich gar nicht denken. Ich hoffe jetzt wenigstens auf einen Krieg. Auch das ist nichts.
Mein Gott, wĂ€re ich in der französischen Revolution geboren, ich hĂ€tte wenigsten gewußt, wo ich mit Anstand hĂ€tte mein Leben lassen können, … .

Seinen Zorn auf seine Jura-Professoren kleidete Georg Heym in folgendes Gedicht, das aus dem Jahr 1911 stammt:

Die Professoren

Zu vieren sitzen sie am grĂŒnen Tische,
Verschanzt in seines Daches hohe Kanten.
Kahlköpfig hocken sie in den Folianten,
Wie auf dem Aas die alten Tintenfische.
Manchmal erscheinen HĂ€nde, die bedreckten
Mit TintenschwÀrze. Ihre Lippen fliegen
Oft lautlos auf. Und ihre Zungen wiegen
Wie rote RĂŒssel ĂŒber den Pandekten.
Sie scheinen manchmal ferne zu verschwimmen,
Wie Schatten in der weißgetĂŒnchten Wand.
Dann klingen wie von weitem ihre Stimmen.
Doch plötzlich wĂ€chst ihr Maul. Ein weißer Sturm
Von Geifer. Stille dann. Und auf dem Rand
Wiegt sich der Paragraph, ein grĂŒner Wurm.

WĂ€re Georg Heym damals nicht ums Leben gekommen, was wĂ€re aus ihm geworden? Wahrscheinlich wĂ€re er zwei Jahre spĂ€ter, wie viele junge MĂ€nner seiner Generation, mit der Erwartung in den Krieg gezogen, dass aus ihm eine neue Welt und neue Menschen entstĂŒnden. HĂ€tte er sich im Laufe des Krieges in die Richtung Ernst Tollers oder Ernst JĂŒngers entwickelt? Ernst Toller, der sich im August 1914 freiwillig gemeldet hatte und in die KĂ€mpfe bei Verdun verwickelt war, erlitt 1916 einen sogenannten Nervenzusammenbruch, wurde psychiatrisch „behandelt“ und wurde 1917 als „nicht mehr kriegsverwendungsfĂ€hig“ eingestuft. ZunĂ€chst wegen Tapferkeit ausgezeichnet und zum Unteroffizier befördert, schlĂ€gt er sich unter dem Eindruck der GrabenkĂ€mpfe und KriegsgrĂ€uel auf die Seite der Kriegsgegner und spĂ€ter der MĂŒnchner RĂ€terepublik. JĂŒnger verbringt vier Jahre an der Westfront, wird 14 Mal verwundet und mit höchsten Orden dekoriert. Er verwandelt sich im SchĂŒtzengraben in eine Stahlgestalt, verherrlicht Krieg und Gewalt und wird zu einem der schriftstellerischen Wegbereiter des Faschismus. Der existenzielle Ekel an Formen bĂŒrgerlichen Verkehrs ist all diesen jungen Leuten gemeinsam und kann sie in alle möglichen Richtungen treiben. Solange die Sehnsucht nach Liebe die Triebfeder Georg Heyms geblieben wĂ€re, hĂ€tte ihn die Dominanz der Lebenstriebe wohl davor bewahrt, der Nekrophilie des Krieges zu verfallen und in den Sog des Todestriebes zu geraten. Der Faschismus ist ja, wenn man so will, der Vitalismus (Klaus Theweleit) der im Ersten Weltkrieg bei lebendigem Leib Gestorbenen, die nun als SA- und SS-Leute ihre grausige Auferstehung feiern und die Welt in ein blutiges Schlachtfeld verwandeln. Das Problem von Leuten wie Ernst JĂŒnger hat Heiner MĂŒller darin erblickt, dass sie zunĂ€chst die Abenteuer des Krieges und erst dann die Frauen und die Wonnen der körperlichen Liebe kennengelernt hĂ€tten.

Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer hat im GesprĂ€ch mit Hans-JĂŒrgen Heinrichs einmal gesagt: „Ich mag, was lebt, und hasse, was tötet.“ PrĂ€gnanter kann man nicht zusammenfassen, worum es letztlich geht. Jeder Mensch muss sich entscheiden, welches der beiden Prinzipien in seinem Lebenslauf bestimmend wird und ob libidinöse oder destruktive Energien sein Handeln antreiben.

Bei Georg Heym ist, als er am 16. Januar 1912 mit seinem Freund Ernst Balcke ĂŒbers Eis der Havel gleitet, noch alles in der Schwebe, unfixiert wie Quecksilber.

Toller verbringt nach der Niederschlagung der MĂŒnchner RĂ€terepublik – wegen Hochverrats zu fĂŒnf Jahren Festungshaft verurteilt – Jahre im GefĂ€ngnis, emigriert 1933 ĂŒber ZĂŒrich, Paris, London nach Amerika. Am 22. Mai 1939 erhĂ€ngt er sich aus Verzweiflung ĂŒber die gescheiterten revolutionĂ€ren Hoffnungen und zermĂŒrbt von langer Schlaflosigkeit in einem Zimmer des Hotels Mayflower in New York. In den letzten Jahren soll Ernst Toller im Koffer stets einen Strick mit sich gefĂŒhrt haben.

Der Freund Klaus Mann notiert in sein Tagebuch: „Grosses Grauen; grosse ErschĂŒtterung. Erinnerungen; VorwĂŒrfe; all das VersĂ€umte – was nie wieder gutzumachen ist. — Das Grauenhafte fĂŒr uns alle. Ich will es nicht tun. Es ist zu grauenvoll. Man muss aus allen menschlichen Bindungen treten, ehe man es tut.“

Die Druckwellen der ErschĂŒtterung, die dieser Tod fĂŒr die deutschen Intellektuellen und Schriftsteller im Exil darstellte, waren noch in Paris spĂŒrbar. Joseph Roth brach, als er vom Tod Tollers erfuhr, zusammen und starb wenige Tage nach ihm in einem Armenspital.
Ernst JĂŒnger avanciert zum Lieblingsschriftsteller der NS-Spitze, geht dann zaghaft auf Distanz zum von ihm als geistlos und kleinkariert erlebten Dritten Reich. Im Krieg steht er in einer Bombennacht in Paris mit einem Glas Champagner auf dem Dach des Hotels „Raphael“ und genießt die Ästhetik der brennenden Stadt. Im Kaukasus notiert er inmitten der von den Einsatzgruppen und der Wehrmacht hinterlassenen Leichenbergen in sein Tagebuch: „Es schneet der Wind das Ärgste zu – -“

Er bleibt letztlich unbehelligt, ĂŒberlebt, zieht nach Wilflingen, schreibt, sammelt Pilze und KĂ€fer bis ins hohe Alter und wird an runden Geburtstagen von Helmut Kohl besucht. Zu diesen AnlĂ€ssen legte er den Pour le MĂ©rite an, einen Orden, den er als junger Mann aus der Hand von Hindenburg empfangen hatte. Der Sohn seines Verlegers, Michael Klett, erzĂ€hlte dem Schriftsteller Thomas Hettche, der sich auf Spurensuche begeben hat, von einem schmerzhaft-archaischen Verfahren der Ich-Erhaltung bei Ernst JĂŒnger. Dieser habe stets eine Nadel unter dem Revers getragen. „Und wenn eine Schmerzwallung in ihm hochkam, hat er sich diese Nadel in den Unterarm gestochen, durch das Jackett hindurch, um sich vom psychischen Schmerz durch einen physischen abzulenken.“ Er stirbt 1998 im Alter von 102 Jahren.

Zwei deutsche LebenslÀufe im 20. Jahrhundert. Wie wÀre der Georg Heyms verlaufen?
Am Todestag von Georg Heym ging ich ein paar Schritte durch den Wald. Es war ein klarer und kalter Wintermorgen. Raureif lag auf den GrĂ€sern. Eine bleiche Wintersonne stieg langsam in den blauen Himmel und sandte ihr Licht schrĂ€g durch die kahlen BĂ€ume. In Gedanken war ich bei Georg Heym, der etwa um diese Stunde vor 100 Jahren zu seiner Schlittschuh-Tour aufgebrochen war. WorĂŒber mochte er mit seinem Freund Ernst gesprochen haben, als sie so nebeneinander ĂŒbers Eis der Havel glitten? Über die unertrĂ€gliche Enge des Lebens im wilhelminischen Deutschland, ĂŒber ErstickungsgefĂŒhle? Über ihre frei flottierenden SehnsĂŒchte nach VerĂ€nderung, die notfalls sogar die Form eines Krieges annehmen könnte?

Plötzlich stand ich am Ufer des Weihers unterhalb des Klosters. Eine dĂŒnne Eisdecke ĂŒberzog das Wasser. Als ich so auf die im Sonnenlicht glitzernde EisflĂ€che starrte, war mir plötzlich, als bewege sie sich wie in einem Zoom-out von mir weg, als wolle sie mich durch ihre langsame Fortbewegung ansaugen.

Ich dachte darĂŒber nach, warum ich mich diesem rĂ€tselhaften Dichter so nah und verbunden fĂŒhle. Mit fĂŒnfzehn beginnt er zu schreiben, weil er das Leben so nicht mehr aushĂ€lt. Oder mit vierzehn, oder mit siebzehn, je nachdem, ob man die Gedichte als Anfang wĂ€hlt oder das Tagebuch. Das genaue Alter tut auch nichts zur Sache. Die Sache ist bei ihm, wie ĂŒbrigens auch bei Robert Walser: Er fĂŒhlt sich von seiner Mutter und also von der Welt nicht genĂŒgend geliebt und also zurĂŒckgewiesen. Wem die Mutterliebe fehlt, fehlt das Mandat zu leben. Man wird in die Welt gepresst und dann liegen gelassen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ungeliebte Kinder stĂŒrzen aus dem Mutterleib direkt in die bĂŒrgerliche KĂ€lte. Es ist, als hĂ€tte man sie zur Welt gebracht und dann vergessen, ihnen ein Visum fĂŒrs Leben auszustellen. Sie bleiben „ZaungĂ€ste des Fortschritts“, wie es bei Adorno in der Minima Moralia heißt. Georg lebt in seiner Familie wie in einer Fremde, erlebt den Vater und die Lehrer, die hinter ihm her sind, als Mörder seiner Jugend. Liebe lehrt, fehlt sie, ist alles nur Dressur und Schinderei. Man sehnt sich heraus und diese Sehnsucht wird zur Quelle einer hungrigen Suchbewegung und des Schreibens.

Robert Walser trĂ€umt wie viele unglĂŒckliche Kinder, dass er tot ist und gleichzeitig lebendig, um aus dem Verborgenen seines Totseins hervor, wie aus einer Wolke oder einem GebĂŒsch, zu erspĂ€hen, ob er von den Lebenden denn wenigstens vermisst wird, wenn er von ihnen schon nicht geliebt worden ist. Robert Walser setzt diesen Traum schon als Knabe oder junger Mann in Szene, genauer: in Szenen. Und er nennt diese Szenen: Der Teich.
Das alles und noch viel mehr ging mir durch den Kopf, wÀhrend ich am Ufer des Teichs stand. Irgendwann riss ich mich los und ging.

Marion Braschs Buch Ab jetzt ist Ruhe verdanke ich den Hinweis darauf, dass ihr Ă€ltester Bruder Thomas ein TheaterstĂŒck ĂŒber Georg Heym geschrieben hat, das Lieber Georg heißt. Brasch hatte in ihm einen Bruder im Geist und Leidensgenossen erkannt: „Er hatte auch einen autoritĂ€ren Vater und ein zerrissenes Herz“, erlĂ€uterte er Heiner MĂŒller bei einer Begegnung nach seiner Emigration aus der DDR. Das StĂŒck beginnt mit einem Ödipus in Charlottenburg betitelten Dialog zwischen Vater und Sohn:

Heym: Ich kann dich nicht mehr tragen Papa du
bist so schwer Steig ab Warum weinst du denn
Papa: Weiter Georg weiter Es muss vorwÀrts gehen
Was soll denn aus dir werden Als ich in deinem Alter
war habe ich schon zwei Todesurteile beantragt und
beide Prozesse gewonnen Aber du Erst pisst du fĂŒnf
Jahre lang ins Bett und jetzt Und jetzt Der einzige
Sohn ein Stotterer Lachhaft Mann
Heym: Ohne dich wĂ€r ich der grĂ¶ĂŸte deutsche Dichter LĂ€ngst
Papa: Lachhaft Mit deine Gedichte wisch ich mir den Arsch
Jawohl den Arsch Weiter jetzt Los Und halt die Fresse
Ins Gerichtsarchiv werd ich dich stecken In den Staub
Und dann mit dem SĂ€bel ein paar Ausrufezeichen
Auf die Backen Das ist Lyrik VorwÀrts jetzt
Heym: Wohin Papa wohin Die Richtung
Papa: Die geht dich einen Dreck an
Knackknack Da hab ich wieder einen

Der Auftakt des StĂŒckes ging mir unter die Haut, berĂŒhrte mich sehr. Das kam mir bekannt vor, diesen Ton kannte ich. Auch ich hatte einen autoritĂ€ren Vater, den ich bis heute auf dem RĂŒcken trage und der mich niederdrĂŒckt. Aber der Fortgang des StĂŒckes machte mich ratlos, irre und konfus. Vielleicht habe ich es nicht verstanden, weil ich – so frĂŒh am Tag – nĂŒchtern war bei der LektĂŒre oder weil ich nicht verrĂŒckt genug bin.
Ich nehme Zuflucht zu Heyms Texten und stoße auf das Gedicht Der Gott der Stadt:

Auf einem HĂ€userblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten HĂ€user in das Land verirrn.

Vom Abend glÀnzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen StĂ€dte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer TĂŒrme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betÀubt.
Die StĂŒrme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne strÀubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schĂŒttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spĂ€t der Morgen tagt.

Nachdem eine frĂŒhere Fassung dieses Textes im Internet erschienen war, meldete sich eine DĂŒsseldorfer Rockband namens Schwarzbrenner bei mir. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gedichte Georg Heyms in Blues- und Rocksongs zu verwandeln und uns so auf eine ganz eigenstĂ€ndige und eindringliche Weise nahe zu bringen. AnlĂ€sslich des 100. Todestages von Georg Heym haben die Schwarzbrenner das Doppelalbum „HEYMKEHR“ aufgenommen und mir zugeschickt. Darauf findet sich auch eine Version von Der Gott der Stadt. Nachdem ich dieses wunderbare StĂŒck ein paar Mal gehört habe, legt sich meine Brasch-Verwirrung und ich sehe wieder einigermaßen klar – so klar, wie man auf Georg Heym, den RĂ€tselhaften und Dunklen, eben schauen kann.

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