Wer ist hier eigentlich gewalttätig?

 in Kultur, Roland Rottenfußer
Mulligan (M.), Bonham Carter (r.) in "Suffragette"

Mulligan (M.), Bonham Carter (r.) in „Suffragette“

Im Film „Suffragette“, gesehen am Sonntag abend, waren außer mir und einem anderen wackeren Geschlechtsgenossen nur Frauen. Warum eigentlich? Ist es vorstellbar, dass in einem Film über Sklaverei nur Schwarze sitzen? Ist der Film für Männer buchstäblich nicht interessant, also in ihrem Interesse? Oder gilt das Thema Frauenrechte als überholt, weil nicht mehr nötig? „Suffragette“ von Sarah Gavron ist ein sehr lohnenswerter, meisterhafter, ja aufregender Film, der weit über das Thema Mann/Frau hinaus Denkanstöße gibt. Er wagt die Frage, unter welchen Umständen Gewalt – zumindest gegen Sachen – gerechtfertigt sein kann und ob man Gesetzen Gehorsam schuldet, über die man nicht mitbestimmen konnte. (Roland Rottenfußer)

Es lohnt sich ja ohnehin meist, einen Film mit Carey Mulligan, Helena Bonham Carter oder Meryl Streep zu sehen – schon gar mit allen dreien. Aber dieser ist über die ästhetische Qualität etwa von Mulligans letztem Film „Am grünen Rand der Welt“ hinaus auf schmerzliche Weise notwendig.

Zeit: Anfang des 20. Jh. Maud (Carey Mulligan) arbeitet unter entwürdigenden Bedingungen in einer Wäscherei. Ihr Vorarbeiter hatte sie schon als Mädchen vergewaltigt (Mädchen wurden damals schon mit 7 zum Mitverdienen in die Wäscherei gesteckt). Der Ton ist rauh, die ausschließlich weiblichen Arbeiterinnen haben vor dem männlichen Chef zu kuschen. Zuhause warten auf Maud nur eine karge Wohnung, ein Sohn und der verständnislose Ehemann (Ben Wishaw). Die junge Frau gerät in einen Tumult der Suffragetten (Kämpferinnen um das Frauenwahlrecht), die von Emmeline Pankhurst (Meryl Streep) angeführt werden. Diese Figur ist historisch verbürgt. Die Frauen werden von Polizisten niedergeprügelt. Maud und andere Suffragetten, u.a. die Apothekerin Edith (Helena Bonham Carter), wandern für eine Woche ins Gefängnis. Wieder zuhause, ergreift der Gatte nicht etwa für Maud Partei, sondern für ihre Peiniger. Er zwingt sie zu dem Versprechen, nie mehr zu den verrückten Suffragetten-Weibern zu gehen.

Maud allerdings ist durch die Ereignisse neugierig geworden und wächst in die Rolle hinein, die ihr – anfangs zu Unrecht – von außen zugeschoben wurde: die einer Frauenrechtlerin. Zuerst schüchtern und passiv, gewinnt sie im Lauf der Ereignisse sichtlich an Kraft. Nach einem weiteren Besuch bei einem Suffragetten-Treffen wird Maud von ihrem Mann der Wohnung verwiesen. Sie darf ihren Sohn nicht mehr sehen. Dieser wird etwas später zu Pflegeeltern gegeben – all dies damals in Übereinstimmung mit dem Gesetz. Die Heldin verliert auch ihren Job. Sie kommt wieder in in Haft, tritt in einen Hungerstreik und wird unter grausamen Umständen künstlich ernährt. Sie ist jetzt in einer Situation, in der sie nicht mehr viel zu verlieren hat. Ignoriert oder unterdrückt von der Männer-Politik, -Justiz und -Polizei sinnen die Frauen auf radikalere Mittel, um ihrem Anliegen endlich Gehör zu verschaffen…

Die heftigen, leidenschaflichen Szenen werden von Carey Mulligan bewegend und eindringlich gespielt, immer vor dem Hintergrund einer mädchenhaften Scheu, die sich in ihrem für einen Star ziemlich „normalen“ Gesicht spiegeln. Weder Film noch Darstellerin gingen jedoch ins Oscar-Rennen. Gemessen an seiner Qualität und Bedeutung wurde das Werk wenig beachtet. War das Thema vielen zu heiß? Zu denken ist dabei nicht nur an das Mann-Frau-Thema. Natürlich ist Emanzipation noch nicht „durch“, schon gar nicht weltweit betrachtet. Bis heute gibt es etwas in Saudi-Arabien kein Frauen-Wahlrecht, statt dessen Diskriminierungen, die fassungslos machen (etwa ein Fahrrad-Verbot für Frauen). Auch erscheint das Verbot der Frauen-Priesterschaft in der katholischen Kirche ähnlich lächerlich und verletztend wie die Verweigerung des Frauenwahlrechts damals. Wirklich provokant an „Suffragette“ ist jedoch, dass gewaltsame Mittel im Kampf – im Gegensatz zu den allermeisten vergleichbaren Filmen – hier nicht grundsätzlich negativ bewertet werden. Ein Szenario für politische Auseinandersetzungen wird entwickelt, das nicht nur in sich überzeugend ist, sondern durch den historischen Erfolg auch noch effizient erscheint.

Handlungsvoraussetzung ist, dass die Suffragetten, bevor sie zu Gewalt (nur gegen Sachen) griffen, 50 Jahre lang mit Argumenten für das Frauenwahlrecht gekämpft hatten – vergebens. Eingeworfene Fenster und gesprengte Briefkästen sind wirklich das letzte Mittel. Die körperliche Unversehrtheit von Menschen wird geschont (nicht jedoch von der Staatsmacht). Nach einer Fülle von volkserzieherisch und staatsfromm angelegten Filmen wie „Der Baader Meinhof Komplex“ in jüngerer Zeit erstaunt es, dass britische Filmemacher sich „das trauen“.

– „Suffragette“ zeigt nicht, wie unlängst das Öko-Terrorismus-Drama „Night Moves“, wie Täter durch ihre Tat degenerieren oder an ihr zerbrechen, sondern wie sie daran wachsen und an Kraft gewinnen: „Taten statt Worte“.

– Der Film zeigt, mit welcher Arroganz und „Selbstverständlichkeit“ Machthaber selbst noch so lächerliche und schäbige politische Entscheidungen durchprügeln, unterstützt stets durch eine willfährige Presse und Polizei. Das wirft ein Licht auf die Art und Weise wie heutige Skandalentscheidungen gegen die Bürger durchgesetzt und ihnen „verkauft“ werden. „Suffragette“ scheint uns aufzufordern: „Lass dich nicht beeindrucken durch die Übermacht und ihr selbstgewisses Auftreten. Hör auf auf dein innere Gerechtigkeitsgefühl und dann handle danach.“

– „Der Film handelt hoch aktuelle Themen wie Presse-Gleichschaltung, Überwachung (damals noch in den Kinderschuhen) und den Einsatz von Staatsspitzeln innerhalb von Rebellengruppen ab, außerdem Polizeigewalt, (zumindest psychische) Folter, Zwangsernährung und den Einsatz von Gefängnissen als politisches Instrument.

– Maud spricht gegenüber dem Inspektor (Brendon Gleeson) deutlich aus, dass Vertreter der Staatsmacht keine Wesen einer höheren Ordnung sind, denen wir grundsätzlich eine besondere Ehrfurcht schulden, sondern gleichsam Spieler einer gegnerischen Mannschaft, die eben ihre Mittel ausspielen, um zu gewinnen. Ebenso sind „wir“ berechtigt, die Mittel auszuspielen, die uns zur Verfügung stehen. Wer gewinnt, wird sich dann herausstellen.

– Der Film stärkt das Selbstbewusstsein der Masse. „Wir Frauen sind in jedem Haus. Wir sind 50 Prozent. Wir können nicht verlieren“. Die Besinnung darauf kann heute vor allem die Mehrheit der Armen und Normalverdiener stärken, deren Rechte mit Füßen getreten werden – egal ob man ihre Zahl mit 60 Prozent, 90 Prozent oder 95 Prozent angibt.

– Der Film verweist die Schuld an Gewalt-Eskalationen zurück auf diejenigen, die sich arrogant weigern, berechtigte, mit friedliebenden Mitteln vorgebrachte Anliegen in ihrer Politik zu berücksichtigen. Die Strategie der Staatsmacht – gewaltlosen Protest ignorieren, gewalttätigen entrüstet verurteilen und erbarmungslos unterdrücken – geht wenigstens in der (nicht ganz) fiktiven Welt von „Suffragette“ nicht auf.

– Maud ruft dem Inspektor, der sie verhört, zu: „Sie sind ein Heuchler!“, und so ist es auch. Die Gewalt gab es längst vorher: strukturell wie auch ganz konkret in Form von aus nichtigem Anlass prügelnden Polizisten. In bestimmten Situationen erscsheint es berechtigt, sich zu wehren, auch mit rüden Mitteln. So presst Maud dem Vorarbeiter, der sie jahrelang missbraucht hat, ein heißes Bügeleisen auf die Hand. Was ist das schon im Vergleich zu der Demütigung, dem Schmerz, den sie erlebt hatte? Die eher depressive Art der „Verabeitung“ von Unrecht, die Mauds Verhalten in der ersten Hälfte des Films prägt, verwandelt sich im weiteren Verlauf in schönen Zorn. Befreiung ist ohne Opfer kaum möglich, aber auch die Befriedigung von Menschen ist zu spüren, die ihre eigene Komfortzone verlassen und sich endlich wehren.

– „Gesetzen, über die ich nicht mit enscheiden durfte, bin ich keinen Gehorsam schuldig.“ Auch dieser Satz im Film ist bedenkenswert. Wir dürfen heute zwar alle wählen (politisch bewusste Jugendliche und bestimmte Gruppen von Migranten ausgenommen), aber dürfen wir deshalb wirklich mitbestimmen? Wie ist es mit den TTIP-Verträgen und anderen Gräueln europäischer Politik? Haben wir die Kriegshandlungen und das Auseinanderdriften von Arm und Reich wirklich gewollt? Wie sollen wir reagieren, wenn wir zwar wählen „dürfen“, aber faktisch nicht die Wahl haben, uns des Unerträglichen zu entledigen? Die Griechen hatten ja auch „eigentlich“ eine radikal linke Regierung gewählt? Und was hat es ihnen gebracht? Sind wir nicht vielfach heute in derselben Situation wie die damals machtlosen Frauen: dass uns diejenigen, die in den Machtzentralen „drin“ sind, wirkungsvoll „draußen“ halten, wenn es um die wirklich wichtigen Entscheidungen geht? Und ist die Begründung dafür nicht teilweise die gleiche, die auch gegen die Suffragetten ins Feld geführt wurden: wir seien unreif, inkompetent oder psychisch labil?

Diese Überlegungen zeigen, dass „Suffragette“ eine Fülle wertvoller Anregungen gibt und über das im „Mainstream-Kino“ gewohnte hinaus provokant und mutig ist. Von filmhandwerklichen und schauspielerischen Qualitäten abgesehen. Wir spüren beim Zusehen, dass uns post-pathetischer Zynismus und ethischer Relativismus, dass uns depressive Resignation über Jahre geschwächt und bereits teiweise deformiert haben. Der Mut und die gesunde Wehrhaftigkeit, die im Film vermittelt werden, stecken an. Freilich bleibt Gewalt, zumal gegen Menschen, fragwürdig. Aber wer diesen Appell vor allem an die ganz überwiegend ohnehin friedliche links-emanzipatorische Zivilgesellschaft richtet, verzerrt die Realität. Der Staat, der sich ganz offen seines Gewaltmonopols brüstet, muss zu Formen gewaltfreier Kommunikation mit seinen Kritikern finden und eine Kultur des Zuhörens, mehr noch: der geordneten Umsetzungen berechtigter Anregungen aus der Bevölkerung entwickeln. Ist er dazu nicht bereit, ist Entrüstung über vielleicht demnächst aufflammenden sozialen Umfrieden vor allem eines: Heuchelei.

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