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Queen Elizabeth, Wachsfigur

Oder: Gedanken zum Verlust der Lebendigkeit. Die Begräbnisfeierlichkeiten für die verstorbene „ewige Queen“ gerieten zu einer Art Parodie auf die Monarchie und ihren Hang zu symbolüberladenem Pomp. Ein Großteil der Weltbevölkerung verwandelte sich in Domestiken, die sich – zumindest an den Bildschirm – vor der „großen Toten“ verneigten. Das Bedürfnis, die eigene Individualität aufzugeben und sich – wie ein Tropfen im Meer – in einem großen „Gesellschaftskörper“ aufzulösen, war mit Händen zu greifen. In fast nekrophiler Weise begnügten sich Tausende mit einer Rolle als „Rädchen im Getriebe“. Warum tun sich viele Menschen so schwer damit, das Alleinsein auszuhalten, selbständige Entscheidungen zu treffen, als Persönlichkeiten zu wachsen, anstatt einem vermeintlich „Größeren“ zu huldigen? Der Autor geht in seinem Essay einige Umwege, um dem Rätsel einer vor einer überlebten Institution buckelnden Menschheit auf die Spur zu kommen. Volker Freystedt

Ich schreibe diese Zeilen, während Queen Elisabeth II. (oder zumindest der Sarg, in dem ihr Leichnam dem Vernehmen nach liegen soll) nach Tagen des Hin und Her endlich an ihrer letzten physischen Ruhestätte ankommt. Ob ihre Seele (so sie denn noch eine hatte) jemals zur Ruhe kommen wird? I doubt it, Your Majesty!

Aber das ist nicht mein Thema. Mein Thema ist die Trauer, die ich bei den wenigen Bildern empfand, die ich bei meinen kurzen Blicken in die TV-Übertragungen erhaschte. Auf nahezu sämtlichen Kanälen wurde weltweit stundenlang live übertragen! Doch was gab es zu sehen? Tausende entmenschlichte Gestalten, die sich zu Spielfiguren auf einem gigantischen Spielfeld haben degradieren lassen – und die sich ihrer Zombierollen nicht nur nicht bewusst sind, sondern sie sogar noch mit einem gewissen Stolz oder gar Dünkel einnehmen! Dabei unterstützt durch diejenigen, denen nur die Rolle der Zuschauer zugedacht ist und die sich zu dem Schauspiel drängen, um mit ihren Smartphones den kurzen Moment festzuhalten – „Ich war auch dabei bei diesem Jahrhundertevent!“

Diese Spielfiguren sind in eine Vielzahl an Kategorien unterteilt (very sophisticated!), so dass es auch unter diesen, aus dem einfachen Volk hervorstechenden Individuen, wiederum einige gibt, die noch etwas bedeutender sind als die anderen Bedeutenden. Alle tragen entweder eine ihren Stand und Status definierende Kleidung, und/oder besondere Abzeichen, Schärpen und Orden, anhand derer Insider ihre Wichtigkeit einschätzen können. Und dem Protokoll des königlichen Hofes obliegt es, allen Ehrengästen gerecht zu werden, dabei aber tunlichst die Hackordnung zu beachten. Also ein König ist bedeutender als ein Kanzler, ein amtierender Premier wichtiger als ein ehemaliger.

Und dann das Militär mit seinen unterschiedlichen Funktionen, die sich in ihren Uniformen widerspiegeln. Ordentlich angeordnet als Spalier (also in Totstellpose, aber aufrecht), oder in Formation und im Gleichschritt (also als funktionierendes Rädchen im großen Getriebe, ebenfalls bar jeder Lebendigkeit).

Alle diese Figuren haben ihren eigenen Willen ab- und aufgegeben, sie ordnen sich einer gigantomanischen Choreographie unter. Erinnert etwas an Fisch- oder Vogelschwärme – aber die sind nicht so bunt.

Was aber war die Leistung der Queen, für die viele der Menschen ihr durch ihre Präsenz danken wollten? Lassen wir mal das rein Materielle außen vor (die Ausbeutung der Kolonien durch das britische Empire) – dann bleibt, dass die Queen, obwohl umringt von einer Heerschar an Dienern, auch selbst bedient hat. Nämlich eine Projektion, das Bedürfnis, zu etwas aufschauen zu können, was sichtbarer ist als ein für viele zu abstrakter Gott.

Letztlich bedienen wir alle (mehr oder weniger) Rollen und Erwartungen, die wir uns teilweise ausgesucht haben, die uns meist aber aufgezwungen wurden.

Und in unserer technisierten Welt sind wir auch immer stärker zu Bedienern von Geräten geworden. Ständig müssen wir uns mit Bedienungsanleitungen beschäftigen, weil wir sonst Geräte oder auch Softwareprogramme nicht nutzen könnten.

Wenn man Kinder sieht (oft auch Erwachsene), die auf ihrem Smartphone herumdaddeln, wirken sie wie Getriebene, die nicht mehr einen Ablauf bestimmen, sondern von diesem bestimmt werden.

Ich selbst gehöre zu denen, die von den vielen (und ständig zahlreicher werdenden) Funktionen der heutigen Geräte nur einen Bruchteil nutzen – und ich könnte nicht einmal im Ansatz sagen, wie groß der Anteil ist, den ich theoretisch noch zur Verfügung hätte! Dazu kam mir einmal folgendes Gedankenspiel: Ich werde von Aliens entführt, die mir klar machen, dass sie mir nichts antun werden, wenn ich ihnen erkläre, wie sie die Geräte, die ich zuhause habe, nachbauen können. Sie würden mir alle benötigten Materialien und Werkzeuge besorgen. Was würden die wohl von mir denken, wenn ich versicherte, ich könne diese Geräte zwar halbwegs sinnvoll benutzen, hätte allerdings nicht wirklich eine Ahnung, wie sie funktionieren, und dementsprechend erst recht keinen Schimmer, wie sie aufgebaut sind. Und dass auch mit der schlimmsten Folter nicht mehr aus mir herauszuholen wäre…

Vermutlich bin ich da nicht der einzige Erdenbewohner, mit dem Aliens eine Niete ziehen würden – wobei das wohl eine mehr als unwahrscheinliche Story sein dürfte, da Reisende, die mit einem UFO zu uns kämen, uns sicher eher etwas vor- als nachmachen dürften.

Könnte sich die Generation Internet überhaupt noch in einer analogen Welt zurecht finden? In einer fremden Gegend einen leibhaftigen Menschen fragen, womöglich noch in einer Fremdsprache?

Natürlich gab es auch in vordigitaler Zeit Hilfsmittel, wie Landkarten und Stadtpläne sowie Wörterbücher. Aber letztlich kam man nicht ohne Kontakt zu seiner Umwelt aus. Heute fühlt man sich von anderen Menschen unabhängig – und hat die Abhängigkeit nur getauscht. Jetzt hängt man am Tropf des WLAN, läuft mit gesenktem Kopf und starrem Blick auf ein Display an der realen Welt vorbei. Die filmt und fotografiert man nebenbei und nimmt sie mit – um später in Sozialen Medien anderen, die nicht dabei waren, zu zeigen, an was man selbst ziemlich unberührt vorbei gegangen ist.

Bei dem Gedanken an unsere Abhängigkeit von Hilfsmitteln, an die wir uns so gewöhnt haben, dass uns unsere Abhängigkeit gar nicht mehr bewusst wird (obwohl mit ihnen auch ein Teilverlust unserer Selbstständigkeit und Selbstwahrnehmung verbunden ist), erinnere ich mich an folgendes Erlebnis: Im Rahmen einer mehrmonatigen Bodyworker-Ausbildung, die vor ca. 35 Jahren in der Nähe von Siena stattfand, unternahm ich an einem freien Tag mit der bunten Teilnehmerschar aus Amerikanern und Europäern einen Ausflug ans Meer. Für den Abend hatte ich in dem Ort, wo ich Jahre zuvor eine Windsurfschule betrieben hatte, einen großen Tisch bestellt in einem kleinen, typisch italienischen Restaurant, wo ohne Reservierung nichts zu machen ist. Was bedeutet: bescheidene, aber geschmackvolle Ausstattung, alles konzentriert auf das lukullische Erlebnis. Sinn und Zweck ist es, nicht nur satt zu werden, sondern es sich gut gehen zu lassen.

Wenig Personal – der Chef ist persönlich für seine Gäste da. Und fragt nach ihren Wünschen. Und da begannen die Probleme! Niemand wusste zu sagen, was er gerne essen würde! Alle waren darauf dressiert, aus einem vorgegebenen Angebot („Speisekarte“) auszuwählen. Unmöglich, in sich hinein zu spüren und dann beispielsweise zu äußern: „Ich hätte gerne Fisch, aber keinen, wo ich an Gräten ersticken könnte, und dazu Bratkartoffeln und Broccoli, und vorher noch einen kleinen gemischten Salat“ – worauf der Chef, nachdem er weiß, was Wunsch des Gastes ist, ihm das diesem Wunsch am nächsten Kommende, von seiner Küche an diesem Abend realisierbare Angebot unterbreiten kann. Aber alle saßen hilflos da wie Raucher, denen klar wird, dass es heute keine Kippen mehr geben wird – Speisekartenentzugserscheinungen! Um die Situation zu retten, ließ ich dann einfach mal diverse Gerichte auftragen, so dass die Vorstellungskraft nicht weiter überfordert wurde…

Inzwischen kann man in vielen Gaststätten nicht einmal mehr die Beilagen austauschen lassen – das nennt sich dann „Systemgastronomie“, was eben bedeutet, dass der Gast (oder besser: der umsatzbringende Kunde) nicht mehr gefragt wird, sondern sich dem System, also vorgegebenen Strukturen anpassen muss. Und selbst die Bestellung erfolgt in vielen Franchise-Kettenbetrieben nicht mehr durch zwischenmenschlichen Kontakt, sondern durch Eintippen auf einem Display. Das ist dann ähnlich effektiv wie die Futterzuteilung per Fließband im Stall.

Doch zurück zu den beinahe endlosen Begräbniszeremonien nach dem Tode der Queen.

Was ist so erstrebenswert daran, seine Individualität und vor allem seine Spontaneität aufzugeben, sich ein- und unterzuordnen, zu einem mehr oder weniger großen Rad oder Rädchen in einer Mega-Maschine zu werden? Und was beeindruckt die Menschen, die darin nicht eingebunden sind, so sehr, dass sie wenigstens als Betrachter daran teilhaben wollen, und dass sie für einen kurzen Augenblick weite Anreise und stundenlanges Warten in Kauf nehmen?

Und sich andererseits nicht dazu aufraffen können, sich für ihre eigenen Belange und Rechte einzusetzen.

Offenbar ist das Bedürfnis, Teil von etwas Größerem zu sein, in allen von uns angelegt. Weil es der Wirklichkeit entspricht: Wir und alles, was um uns herum ist, sind Teile eines gemeinsamen Ganzen, Unteilbaren. In spirituellen Schriften wird häufig das Bild von den Tropfen verwendet, die aus dem Ozean kommen und wieder in ihn zurückfließen. Menschen, die Macht über andere haben wollten, haben dafür gesorgt, dass das spirituelle Bedürfnis einer Orientierung zum Höheren verdrängt und durch etwas alltägliches, greifbareres ersetzt wurde: dem Aufschauen zu „höher gestellten“ Menschen. Gleichzeitig verbunden mit dem Verschmelzen mit anderen, ebenfalls einfachen Menschen zu einer Masse. Diese kann aber nur als Einheit funktionieren, wenn sie Anweisungen bekommt. Ebenfalls hilfreich ist Uniformierung – direkt durch einheitliche Kleidung, oder zumindest durch Bildung einer Formation, also geregelte Aufstellung oder gleichförmige Bewegung. Besonders perfektioniert wurde dies unter Führerfiguren wie Hitler, Stalin und ihren Nachfolgern in aller Welt.

Ich weiß nicht, ob ich es in diesem Leben noch lernen werde, meine Mitmenschen zu verstehen.

Zumindest eint uns die Trauer – jedoch über unterschiedliche Angelegenheiten.

Comments
  • Volker
    Antworten
    Verschämt grüßt Frühlingsmorgen,
    Duft von Honigtau und Schweiß,
    Blüten recken ihre Köpfe,
    nach oben hin, zur Krone.

    Ei, neckisch, gluckst Elisabeth,
    das Land ist reich an Untertan,
    es zahlt mir Lohn, buckelt dafür,
    und schenkt mir Diamanten.

    Vom Himmel hoch, mit Engelshaar,
    sank sie herab zum Volke einst,
    saß hoheitlich auf einem Thron,
    gierte nach Land und Beute.

    Mit Zepter ruht sie nun im Grab,
    getränkt von Himmelstränen.
    In tausend Jahr, wer weiß das schon,
    besetzt sie wieder einen Thron.

    🙂

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