„Woher immer die Angst?“ Zu Holdger Plattas Erzählgedichten

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Buchbesprechung von Rudolph Bauer. Das Titelgedicht des neuen Lyrikbandes „Ruhmesblätter mit Linsengericht“ von Holdger Platta beginnt mit folgenden anderthalb Zeilen: „Draußen im Nebel schwimmen den Pappeln / die Füße weg …“. Am Schluss heißt es: „Der Nebel hat nun den ganzen Garten erobert / und die Kaczmareks essen ihr Linsengericht / im ostpreußischen Tonfall wie je.“ Mitten im Titelgedicht die Zeilen: „Woher immer die Angst? ‚Ruhmesblätter deutscher Geschichte‘, / der Junge friert fast vor Hunger …“ – Am Anfang des Gedichts surrealistische Naturlyrik, am Ende die Verortung in Ostpreußen, dazwischen Angst, Frösteln, Hunger und die deutsche Geschichte. Rudolph Bauer

 

„Erzählgedichte“ nennt Platta seine Sammlung von 37 Texten, die in drei Abteilungen geordnet sind: 1. „Kutschfahrten, letzte Gespräche, in einem eisigen Land. Vor den Geschichten“. 2. „Armut, ostpreußische Tränen, ein Junge, der fast nichts begreift. Die Geschichten, die zu erzählen sind“. 3. „Fallende Blätter, ein Praxisschild, kein Stein. Nach den Geschichten“.

In jeder Überschrift der drei Abteilungen ist von „Geschichten“ die Rede: erst vom Vorher, zuletzt vom Nachher, dazwischen von „Geschichten, die zu erzählen sind“. Es fällt auf, dass das Wort „Geschichte“ fehlt, obwohl die Erzählgedichte zwar Historisches ausleuchten – es jedenfalls auszuleuchten scheinen; denn das scheinbar Vergangene kehrt wieder: in der Erinnerung ebenso wie in der Gegenwart.

Selten hat je ein Autor treffender die Jetztzeit zur Sprache gebracht, indem er aus der Vergangenheit erzählt. Der Schriftsteller und Wissenschaftsjournalist Holdger Platta ist in der Lage, die Schrecken der Gegenwart, die Corona-Panik und den Ukraine-Krieg, auszuleuchten, ohne sie nur mit einem einzigen Wort zu erwähnen. Das ist bestürzend, furchtbar, nahezu makaber.

Etwa, um nur ein Beispiel herauszugreifen, wenn es im Gedicht „Exlibris“ heißt: „In jenem Frühling nur seltenes Flüstern und / das Klirren der Karabiner. Die Furcht / ist abgrundtief, wenn wir vergessen. // Harte Fäuste auf dem Wirtshaustisch umklammern / den verlorenen Krieg. Das Fallen der Namen. // Heute nur noch in der Sonne zu sehen / ein Hügel im Wald.“ Zunächst das Bild des Frühlings, des Erwachens der Natur. Sogleich aber ein ängstliches seltenes Flüstern und das Geräusch von Waffen. Die abgrundtiefe Furcht sowie das unmögliche Vergessen der Befehle, der Kriegsgräuel und der Gefallenen. Auf ihre Grabhügel im Wald fällt die Sonne.

Wer sich einlässt auf Plattas Gedichte, der vermag zu erkennen, dass hier Schrecken zu Wort und Abgründe zur Sprache kommen. Man könnte zwar versuchen, die „Erzählgedichte“ historisierend zurück zu datieren. Aber man kann, man muss das Vergangene sich ‚vergegenwärtigen‘, um zu erkennen wovon im Hintergrund dieser Texte die Rede ist: von Herrschaft, Macht und Krieg; von Kontrolle, Entfremdung, Unterdrückung und Sklaverei; von Angst, Furcht und Beklemmung; von Flucht, Zerstörung und Tod – kurz: immer auch von den Erfahrungen unserer Gegenwart.

Es handelt sich bei „Ruhmesblätter und Linsengericht“ um politische Lyrik von einer Art, die kaum Vorbilder hat. Holdger Platta gelingt es, mit seinen Gedichten eine Verbindung herzustellen, die es ermöglicht, aus der schrecklichen, naturlyrisch scheinbar verklärten Vergangenheit kommend, sich kritisch unserer nicht weniger entsetzlichen Gegenwart zu nähern.

Während der Normalverstand sich dagegen sträubt, aktuelle Parallelen zum historischen Gestern wahrzunehmen und zuzulassen (zum Faschismus und zum Zweiten Weltkrieg etwa), gelingt es den Platta-Gedichten, das Allgemeine gegenwärtig erkennen zu lassen, indem über das historisch Besondere berichtet wird. Diese literarische Qualität erschließt sich bei der Lektüre. Deshalb: Statt weiteren Rezensenten-Beifall zu spenden, will ich werben, den Band zu er-werben … und die großartigen Gedichte eines außergewöhnlichen Autors deutscher Sprache selbst zu lesen und wirken zu lassen.

Holdger Platta: Ruhmesblätter mit Linsengericht. Erzählgedichte

Ludwigsburg: Pop Verlag 2022 (= Reihe Lyrik Bd. 177, herausgegeben von und mit Theo Breuer). Euro 12,80. ISBN 978-3-86356-366-0

Erstveröffentlichung dieses Artikels in „Neue Rheinische Zeitung“, http://www.nrhz.de

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