Zur Religionspolitik von Rosa Luxemburg

 in Friedenspolitik, Philosophie, Spiritualität

Dr. phil. habil. Horst Groschopp, Freidenker und Humanist, ist der hochqualifizierte Autor, der am 21. Februar 2014 den 6. Band der „Gesammelten Werke“ von Rosa Luxemburg rezenaiert hat, einen Band, der vor allem die religionskritischen Werke der marxistischen Autorin enthält, dieser tapferen Kämpferin für einen freiere und humanere Welt und zutiefst empathiefähigen Frau, die am 15. Januar 1919 von rechtsextremistischen Freikorpssoldaten auf bestialische Weise ermordet wurde (übrigens: zumindest unter Mitwisserschaft führender Sozialdemokraten!). Dieser Schriftenband wurde von den Historikern Annelies Laschitza und Eckhard Müller herausgegeben und erschien 2014 im Berliner Karl Dietz Verlag. Groschopp ist gleichzeitig jener Autor, auf den sich – ausschnittsweise zitierend – unser Leser „Kyle“ vor einigen Tagen bezog, um den ‚Nachweis zu führen’, daß sich Rosa Luxemburg ausschließlich in undifferenzierter Ablehnung zur christlichen Religion geäußert hätte – eine Behauptung, der unser Autor Holdger Platta in seiner Antwort auf „Kyle“ deutlich widersprochen hat. Wir veröffentlichen hier nun vollständig den Text, den der Zwickauer Wissenschaftler Dr. Groschopp bei „hpd/Humanistischer Pressedienst“ Anfang 2014 publiziert hat: eine Buchbesprechung, die zeigt, daß man nur mit gebotener Differenzierung dieser differenzierten Autorin Rosa Luxemburg gerecht wird, nicht aber mit selektiver Wahrnehmung und zwei, drei Schlagworten aus der Mottenkiste, die offenkundig mancher Zeitgenosse für Marxismus hält.

Die Textsammlung im 6. Band der “Gesammelten Werke” erfasst insgesamt 270 Dokumente aus der Zeit von 1893 bis 1906. Sie sind bis auf wenige Ausnahmen deutschsprachig (acht im Original Französisch, einer Russisch, alle übersetzt). Zwei weitere Bände sind geplant: Band 7: 1907–1918; Band 8: Übersetzung sämtlicher noch ausstehender polnischsprachiger Arbeiten. Inwiefern dies eine kollektive Arbeit ist, verdeutlicht das informative Vorwort der Leiterin des Projektes Annelies Laschitza (S. 19–68).
Laschitza schildert dort auch die komplizierten Entstehungsbedingungen der Bände 1 bis 5, die von 1970 bis 1975 in der DDR erschienen. Sie bewertet zugleich kritisch deren Leistungen, an denen sie und Müller selbst wichtige Anteile hatten und seitdem haben.
Die Herausgeber beschreiben die Quellenlage, -findung und die -identifikation, die es ihnen ermöglicht, bisher Luxemburg zugeschriebene Publikationen den richtigen Autoren zuzuordnen (etwa Gustav Jaeckh, vgl. S. 45) und umgekehrt, bei bisher namenlosen Artikeln Rosa Luxemburg als die wahre Urheberin zu benennen. Das wird bei jedem Dokument begründet.
Die Ausführungen von Rosa Luxemburg weisen zwar deutliche Bezüge zur polnischen Schrift “Kirche und Sozialismus” auf (Krakau 1905 unter dem Pseudonym Jósef Chmura), aber sie zeigen zugleich, das Rosa Luxemburg, selbst säkularisierte Jüdin, eine “humanistisch gebildete und religionsgeschichtlich kundige Autorin” darstellt.
Ihre Gegnerschaft trifft nicht Kirche und Religion schlechthin, schon gar nicht religiöse Menschen (“niemals … Kampf gegen religiöse Überzeugungen”), sondern den Klerikalismus und die “Kirche als geistige[n] Generalstab der herrschenden Klassen”. Kirche und Religion verklären die kapitalistische Weltordnung, meinte Rosa Luxemburg.
Im vorliegenden Band finden sich hierzu die Texte “Der neue Glaube”, “Proletariat und Religion” und die “Antwort auf die Umfrage über Antiklerikalismus und Sozialismus” in Frankreich. Besonders ihr Artikel “Des Erlösers Geburt”, erschienen am “Heiligenabend” 1905 auf der Titelseite des “Vorwärts”, wirft einen prononcierten Blick auf die religionspolitischen Ideen von Rosa Luxemburg.
In “Der neue Glaube” wird Sozialismus als eine politische Weltanschauung beschrieben, die keiner positiven Religion oder Philosophie bedarf und die sich über den Hader der Konfessionen erhebt. Er sei eine Bewegung, die diesen Streit als einen ähnlichen sieht wie den zwischen Homöopathen und Allopathen. Sich hierin zu vermengen, meinte Luxemburg, bedeute für den Sozialismus “Lockerung seiner straff gespannten Gedankenreihen”. Das Urteil entsprach der damaligen Parteiauffassung, die sich auch Freidenkern versperrte mit der Losung, in der Partei gelte Waffenstillstand in Sachen Religion. Sie folgt hier denjenigen Konfessionsfreien, die meinten, Rationalismus sei das beste Mittel gegen Religion.
Doch Rosa Luxemburg kratzte zugleich an dieser Haltung. Sie habe dort ihre Grenze, wo die Arbeiterbewegung der “Waffensammlung des Christentums” im Leben begegnet, ebenso wie es eben dem bayrischen Bier oder dem preußischen Fusel begegnet, im Alltag der Religion. Hier stütze die Kirche den christlichen Staat, der wiederum das aufstrebende Proletariat niederhält.
Das “Christentum ist eine Religion für Sklaven”, eine alte “asiatische Religion” der “Selbsterniedrigung, … Entsagung”. Es propagiere die “asketische Verneinung des Lebens”. Bettelsack und Kreuz seien die Symbole dafür. Doch mit dem modernen Sozialismus sei die wissenschaftliche Analyse der Gesellschaft in die Welt gekommen. Es sei der 1. Mai als Feiertag – der Anlass dieses Artikels – ein Zeichen für die Aufnahme dieser Gedanken in der Arbeiterklasse.
Der Maifeiertag signalisiere die “ausschweifendsten Hoffnungen” der Arbeiter, mit dem neuen Glauben “die alte Welt [zu] überwinden und eine neue Weltanschauung und neue Weltordnung herauf[zu]führen”. Wie selbstverständlich Luxemburg Glaube, Sozialismus und Wissenschaft in Eines dachte, entsprach ebenfalls den Auffassungen der Zeit und wurde erst nach dem “Werturteilsstreit” nach 1905 und von Max Weber, Marx hier reflektierend, differenzierter gesehen.
In “Proletariat und Religion”, erschienen im Mai 1902 in der “Leipziger Volkszeitung”, Pfingsten zum Anlass nehmend und eingangs Heinrich Heines satirische Beschreibung des Heiligen Geistes in der “Harzreise” zitierend, will sie keine weltliche Pfingstpredigt halten. Religionen seien zwar ein Wahn, aber kein willkürlicher, sondern Kulturprodukte. Da die Arbeiterklasse ihre Erlösung nur erhalte, wenn sie die kapitalistische Produktionsweise beherrsche und diese nicht als “Spielball unkontrollierbarer Mächte” betrachte, sondern als Produkt ganz konkreter gesellschaftlicher Zustände, die es zu erkennen gelte, ergebe sich die Distanz der Arbeiterbewegung zur Religion.
Nur so sei deren Losung von der Religion als einer Privatsache richtig zu würdigen. Doch werde diese Losung in der Sozialdemokratie inzwischen missbraucht von Leuten, die gern “religiöse Elemente” einbringen möchten. Ludwig Feuerbach “Das Wesen des Christentums” zitierend, wendet sie sich gegen solche Bestrebungen. Der “Befreiungskampf der modernen Arbeiterklasse” ist das Gegengift gegen jede Religion.
In der Antwort von Rosa Luxemburg auf eine Umfrage der Pariser Zeitschrift “Le Mouvement Socialiste” auf die Frage nach dem Verhältnis von Antiklerikalismus und Sozialismus, hier erstmals in deutscher Sprache, wird klarer, wie wohl überall in der deutschen Arbeiterbewegung über eine mögliche Verstaatlichung der Güter der “Toten Hand” (Kircheneigentum), später in der Weimarer Reichsverfassung als Art. 138,1 “Ablösung der Staatsleistungen”, gedacht wurde.
Man ging davon aus, dass eine Verstaatlichung der Kirchengüter selbstverständlich sei, da schon jetzt “alle sozialen Funktionen, die sie [die Kirche, HG] finanzierte, die Armenhilfe, die Unterstützung Kranker, das öffentliche Schulwesen … in der Zuständigkeit des modernen Staates” liegen. Es bleibe einer künftigen Revolution “nur” noch, “ein einfaches Relikt des Feudalismus” zu konfiszieren. Es jetzt schon zu laisieren, stärke nur den kapitalistischen Staat. Die Losung, es sofort zu wollen, entstamme “dem Arsenal des utopischen Staatssozialismus”, der überwunden sei.
Für Luxemburg und andere deutsche Sozialdemokraten war zu dieser Zeit gar nicht vorstellbar, dass der Staat die Kirchen durch immer kräftigere Alimentationen stärkt. Zudem war das Subsidiaritätsprinzip noch nicht entdeckt. Es wird erstmals 1911 bei der christlichen Jugendarbeit angewandt und dann zur großen Errungenschaft der Kirchen in der Weimarer Reichsverfassung, schließlich in der Bundesrepublik Deutschland.
Eine Anpassung ihrer Politik an diese “Wende” der Kirchen und des Staates ist in der deutschen Arbeiterbewegung nie erfolgt – und dann ging auch sie zu Ende. Auch die Mehrzahl der heutigen Konfessionsfreien-Organisationen, die zum französischen Laizismus neigen, hat diese Außerkraftsetzung der ursprünglichen Intentionen von Artikel 138,1 in ihren Folgen nicht verarbeitet.
Für Rosa Luxemburg war der radikale Laizismus ein bürgerlicher Antiklerikalismus. Sie sah darin Scheingefechte und Ablenkungen von wesentlicher Politik. Ihr war klar, “daß die ‘bourgeoisen’ Priesterfresser vor allem Feinde des Proletariats sind”. Rosa Luxemburg fragte und erörterte in ihrem Artikel “Des Erlösers Geburt”, wo die christliche (wohlgemerkt als leiblich gedachte) Erlösung denn in den letzten fast zweitausend Jahren geblieben sei.
In schneidender Sprache hätten sich frühe Apostel als Jünger Jesu auf die Seite der sozial Enterbten gestellt. Es sei ein christliches Evangelium des Kommunismus und der Abschaffung des Reichtums gewesen. Das “kühne Boot der Welterlöser” sei aber umgekehrt, um mit “dem Gang der Verhältnisse zu schwimmen”. Die Klassengesellschaft habe die Lehre in ihren Dienst gestellt und daraus “ein Wolkenkuckucksheim der ‘Seelenerlösung’ nach dem Tode” gemacht. “Elende Heuchelei ist dieses offizielle Weihnachtsfest.” Geblieben sei “das ewig grüne Tannenbäumchen, der duftige Gruß der reinen frischen Natur”, der alten Heidenwelt entstammend und ihrem Sonnenkultus gestohlen – allerdings “zur Freude der Kinder und der kindlichen Erwachsenen”.
Selbsterlösung heiße nun die Parole. In der Hoffnung auf baldige nahe wirkliche Erlösung “feiern wir heute unser Weihnachtsfest”, ein “Arbeiterfest”. “[G]estützt auf den nie versagenden Hammer – unserer Arbeit und unserer Befreiung Symbol” – setzen die Elenden und Enterbten der verlogenen Christenwelt Goethes “Prometheus” entgegen.

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